Mittel aus dem Hochschulpakt dürften nicht reichen - Unis wehren sich mit Numerus Clausus
Berlin/Wien - In Deutschland hat ein regelrechter Run
auf die Hochschulen eingesetzt - und er dürfte noch deutlich stärker
ausfallen als von der deutschen Regierung erwartet. Diese hat wegen
geburtenstarker Jahrgänge, doppelter Abiturjahrgänge und der
Aussetzung der Wehrpflicht mit einem Anstieg von zuletzt 443.000
Studienanfängern (Studienjahr 2010/11) auf 455.000 gerechnet. Für die
Jahre 2011 bis 2015 stellt sie im Rahmen des Hochschulpakts 9,7
Milliarden Euro an zusätzlichen Mitteln für Unis und Fachhochschulen
(FH) zur Verfügung. Neue Prognosen gehen allerdings von bis zu
500.000 Erstsemestrigen in diesem Studienjahr aus, die Mittel aus dem
Hochschulpakt dürften demnach zu gering bemessen sein.
Eine Schüler-Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS)
von 2010 zeigt, dass ein halbes Jahr vor dem Abschluss zwischen 55
und 77 Prozent derer, die eine Schule mit Hochschulreife abschließen,
ein Studium beginnen wollen. Bei der letzten Befragung 2008 waren es
noch fünf Prozentpunkte weniger.
Folge dieses "deutlich besseren Übergangs von der Schule in die
Hochschule": Laut dem Centrum für Hochschulentwicklung CHE Consult
fehlt bis 2015 die Finanzierung für insgesamt 175.000 potenzielle
Studienanfänger, schon für diesen Herbst sollen 50.000 Anfängerplätze
zu wenig da sein. Das CHE hat deshalb bereits mit
einem Anstieg von zuletzt 7.000 auf 10.000 Studienanfänger aus
Deutschland an österreichischen Hochschulen gerechnet.
"Enorme Kraftanstrengung"
Trotz der zusätzlichen Mittel stehen viele deutsche
Universitäten
und FH am Rande ihrer Kapazitäten. Schon zwischen 2007 und 2010
hätten die Hochschulen anstelle der prognostizierten 91.000
zusätzlichen Studenten 182.000 aufgenommen, so Margret Wintermantel,
Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). "Die Hochschulen
haben damit eine enorme Kraftanstrengung geleistet."
Für Herbst ist allerdings erneut eine massive Zunahme an
Studienanfängern zu erwarten: Laut einer Umfrage der Deutschen
Presse-Agentur (dpa) in den 16 Bundesländern verzeichnen viele Unis
einen Anstieg der Bewerberzahlen zwischen 20 und 50 Prozent -
allerdings ist der Bewerbungsprozess noch nicht abgeschlossen, es
sind deshalb noch Doppel- und Mehrfachanmeldungen in den Zahlen
enthalten.
10.000 zusätzliche Plätze
Von einem kräftigen Plus kann dennoch schon jetzt ausgegangen
werden: Die Hochschulen in Bayern haben bei den Erstsemestrigen wegen
der doppelten Abiturjahrgänge bereits im vergangenen Sommersemester
ein Plus von 171 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum 2010
verzeichnet - und das, obwohl Bayern neben Niedersachsen das einzige
deutsche Bundesland ist, das Studiengebühren einhebt. Der dortige
Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) will deshalb bei
anhaltendem Ansturm ab 2012 rund 10.000 zusätzliche Studienplätze
einfordern.
Als Reaktion auf den Andrang werden an den Hochschulen ab
Herbst
mehr Fächer als bisher mit Numerus Clausus beschränkt: In Tübingen,
wo die Bewerberzahl um die Hälfte gestiegen ist, gibt es mittlerweile
in fast allen Bachelor-Studien einen NC, ebenso an der Bremer Uni und
der Freien Uni Berlin. In Hessen sind mittlerweile auch an den FH
zwei Drittel der Studiengänge per NC beschränkt. Andere Hochschulen
wollen dem Ansturm Herr werden, indem Lehrveranstaltungen in Kinos
oder Stadthallen ausgelagert, über das Internet übertragen oder bis
zum späten Abend bzw. an Samstagen abgehalten werden. (APA/dpa)