Satiriker Andrzej Mleczko: "Polen schwanken, ob sie eher den Minderwertigkeitskomplex oder den des Größenwahns kultivieren sollen"
Schöpferisches Chaos? Andrzej Mleczko, Satiriker und einer der bekanntesten Karikaturisten Polens, braucht zum Arbeiten Ordnung, wie er im Gespräch mit Gabriele Lesser erzählt.
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STANDARD: Als Satiriker nehmen Sie Polen und die EU regelmäßig aufs Korn. Eher bissig? Oder eher mit einem Augenzwinkern?
Mleczko: Sagen wir: Ich bemühe mich um eine freundliche Distanz. Das gelingt mir nicht immer. Manchmal kocht auch mir das Blut hoch. Wir können eben nicht aus unserer Haut springen, aus der Kindheit, die uns geprägt hat, dem Moralkodex und der Weltsicht, die in unserem Land vorherrschen. Ich versuche, die Welt von oben zu betrachten.
STANDARD: Nicht von der Seite?
Mleczko: Nein, von oben! Schon als Kind wollte ich nicht Lokomotivführer oder Feuerwehrmann werden, sondern Weltenlenker. Gott, dachte ich, wäre ein ganz passabler Beruf für mich. Ein bisschen hänge ich diesem Größenwahn bis heute an.
STANDARD: War die Kaczyñski-Ära eine goldene Zeit für Sie? Damals zeichneten Sie den Chef einer Karikaturisten-Gewerkschaft, der in den Hörer brüllte: "Wir müssen Satiriker aus China und der Ukraine ins Land holen. Alleine schaffen wir es nicht mehr!"
Mleczko: Die damalige Zeit war Realsatire pur. In Wirklichkeit brauche ich weder Kaczyñski noch die Liga der polnischen Familien oder eine Katastrophe, um einen guten Cartoon zeichnen zu können. Auch Langeweile kann ein Thema sein. Würde ich als Deutscher oder Österreicher in diesen gut organisierten Ländern leben, würde ich genauso meine Themen und Pointen finden. Entscheidend ist der Blickwinkel. Mich interessiert das Absurde im Alltag.
STANDARD: Als dann im Ausland Witze über Polen kursierten, fanden Polens Politiker das gar nicht komisch.
Mleczko (lacht): Aber wir Bürger haben uns köstlich amüsiert. Die Kartoffel wurde plötzlich zu einer Staatsaffäre. Wenn man mit dem Komplex lebt, als kleines Land vom Ausland nicht ernst genommen zu werden, fühlt man sich schnell beleidigt. Aber diese Zeit ist vorbei. Das heißt, manchmal schwanken die Polen noch, ob sie eher den Minderwertigkeitskomplex oder den des Größenwahns kultivieren sollen. Andererseits sind wir ja seit kurzem ein glückliches Volk.
STANDARD: Lassen Sie sich von der Politik inspirieren, oder haben Sie ununterbrochen Geistesblitze, die Sie dann umsetzen?
Mleczko: Ich brauche eine bestimmte Atmosphäre zum Arbeiten. Soweit ich weiß, hat Hemingway nur im Stehen geschrieben, Proust wohl am liebsten im Bett, wieder ein anderer Schriftsteller in der Badewanne. Ich brauche absolute Einsamkeit. Es darf niemand im Haus sein. Der Schreibtisch muss aufgeräumt sein, alles an seinem Platz.
STANDARD: Sie sitzen am Tisch, das weiße Blatt vor sich ...?
Mleczko: Wichtig ist allein der Effekt. Manchmal arbeite ich eine Zeichnung 30-mal um. Aber alle denken, ich hätte sie in fünf Minuten gemalt. Und genau darum geht es. Das ist die große Kunst. Es muss leicht wirken. So als hätte ich die Zeichnung aus dem Ärmel geschüttelt. Es gibt nichts Schlimmeres in der Kunst, als wenn man ihr den Schweiß des Künstlers ansieht.
STANDARD: Entsteht die Pointe auch im Schweiße Ihres Angesichts?
Mleczko (lacht): Ganz im Gegenteil. Das ist der schönste Moment im ganzen Schaffensprozess. Eine Art Blitz, der mich durchfährt. Ein Orgasmus. Ich liebe diesen Moment. Plötzlich verbinden sich die Neuronen im Kopf und verströmen ein unglaubliches Gefühl des Glücks. Dafür lebe ich. Unter anderem. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.8.2011)
Andrzej Mleczko (geb. 1949 in Tarnobrzeg) studierte in Krakau
Architektur, debütierte 1971 als satirischer Zeichner in der Zeitschrift
"Student" . Seither publizierte er weit mehr als 20.000 Karikaturen,
Grafiken, Plakate sowie mehrere Bücher und wurde mehrfach als Satiriker
ausgezeichnet. Mleczko ist Hauskarikaturist des renommierten polnischen
Nachrichtenmagazins "Polityka".