Heute unvorstellbar

Einserkastl | Hans Rauscher, 15. August 2011, 18:54
  • Artikelbild
    foto: ap/loos

Die Mauer hat mehr als die DDR zusammengehalten

50 Jahre Bau der Mauer in Berlin. 20 Jahre Putsch gegen Gorbatschow und Zerfall der Sowjetunion. Die Mauer hat mehr als die DDR zusammengehalten, sie war auch eine Klammer für das Sowjetreich. Und trotzdem ist es dann doch zusammengebrochen - nahezu unblutig. Die 20- bis 39-Jährigen von heute machen sich vermutlich keine Vorstellung von dieser Mischung aus Absurdität, Lächerlichkeit, aber gleichzeitig von Furcht und Schrecken dieses Reichs. Das Alltagsleben in diesen Ländern - unvorstellbar heute in seiner Beengtheit und Armseligkeit. Natürlich gab es Kaviar und Schampanskoje satt zu Dollar-Spottpreisen für Reisende aus dem Westen. Aber auch sie spürten gleichzeitig die Allgegenwart eines bösartigen, erbarmungslosen Systems. Das zugleich hilflos war: Dissidenten kamen zwar in den Gulag, aber die Wodka-basierte Massenarbeitsverweigerung des Volkes war nicht in den Griff zu kriegen. So baute denn die Stadtverwaltung von Moskau hohe Bretterzäune um die Kiosks in den Parks, damit man nicht sehen konnte, dass sich Scharen von Robotniks am helllichten Tag niedersoffen, statt in der Fabrik zu stehen. Ganz so ist es nicht mehr. Die Repression ist viel geschickter, auch viel weniger brutal. In Russland, der Ukraine, den allermeisten sowjetischen Nachfolgestaaten herrschen autoritäre, keine totalitären Zustände. Nur: Die Hoffnung war eigentlich auf Demokratie und Rechtsstaat gerichtet. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.8.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 60
1 2

... "baute denn die Stadtverwaltung von Moskau hohe Bretterzäune um die Kiosks in den Parks, damit man nicht sehen konnte, dass sich Scharen von Robotniks am helllichten Tag niedersoffen, statt in der Fabrik zu stehen. Ganz so ist es nicht mehr" ...

bei aller Sympathie fuer diese Kolumne, aber das ist einfach falsch. Die Lebenserwartung in Russland ist derzeit so niedrig, wie sie niemals in Sowjetzeiten war, wegen dem Wodka. Und die Wirtschaftsleistung ist nach dem Umbruch zusammengebrochen, und bis jetzt nicht auf ihr urspruengliches Niveau zurueckgekehrt.

ach wie herrlich ...

... schnell mal in 1000 zeichen eine historische abhandlung zu schreiben. ist ja auch gar kein komplexes thema, kann man ja getrost einfach tatsachen, meinungen, aufgeschnapptes, vorurteile und pauschalbewertungen durcheinanderschmeißen und das ganze dann qualitätsjournalismus nennen. wen interessieren schon der gesamtkontext und das denken in die tiefe? arroganz und besserwisserei verkauft sich ja viel besser.

Kam Ihnen die DDR-Diktatur nicht gut genug weg ?

das stimmt zwar. allerdings haben es die meisten staaten, die im sowjetischen einflußbereich waren, aber nicht teil der sowjetunion, sehr wohl geschafft. der demokatisierungsprozeß des ehemaligen ostblocks ist großteils eine erfolgsgeschichte (auch wenn's wirtschaftspolitisch von einem extrem ins andere ging, anstatt eine soziale marktwirtschaft einzuführen). einige staaten sind heute mittlerweile völlig "normale" teile der EU.

Einfache Regel

Ein Staat, der seine Bürger vor dem Flüchten mit Gewalt abhalten muss, ist gescheitert. Wäre die DDR ein Paradies gewesen, hätten ja Westdeutsche den Sprung über die Mauer versucht. Gut, dogmatische Kommunisten würden sagen, man muss die Bürger vor sich selbst schützen...Zwangsbeglückung und Bevormundung ist ja immer noch sehr beliebt bei so manchen Linken. Totalitär ist totalitär, wurscht, ob's "gut gemeint" ist - "The road to hell is paved with good intentions." Bedeutet natürlich nicht, dass Kapitalismus immer zum Wohle aller funktioniert, aber zumindest ist er besser.     
“The inherent vice of capitalism is the unequal sharing of blessings; the inherent virtue of socialism is the equal sharing of miseries.” (ausser für Bonzen)
(Church

ob kurt steyrer im präsidentschaftswahlkampf ahnte was für folgen seine forderung, dass auch der osten umdenken müsse, haben würde? egal den lorbeer hat eh der wojtyla eingesackt

Als demokratischer Linker bin ich entsetzt

über das Herumgewürge der Retrolinken. ... war doch nicht ganz so schlecht ... und nur aufgrund des Drucks von aussen ... es war nicht toll, aber besser, als anderswo ...
Genau so hat meine Vätergeneration argumentiert (ich bin beinahe 65). Unfassbar.
Eine demokratische, linke Gesellschaft würde ganz anders aussehen.

p.s. nein ich gehöre nicht zu jenen, die Nazi und Stalinisten strukturell gleich setzen.
Aber das mindert mein Entsetzen nicht.
Honecker zu Sozialismus verhält sich so wie der König von Saudi Arabien zu Katholizismus.

Nee, klar ... die 20- bis 39-jährigen haben keine Vorstellung. Nee schon klar, sie sind ja nicht in dem System groß geworden. Kleiner Tipp: Es ist die Generation, die aus der Erfahrung zweier Systeme und einer Revolution heraus, auch die nächste Revolution in Gang bringen wird. Und, sie sind die letzten Zeitzeugen.

Und aus dieser Erfahrung heraus sage ich ihnen, die Zeiten sind heute in Europa genauso beengt und armselig.

Bin jetzt 33 und habe doch so einiges mitgekriegt, die volle Tragweite natürlich später erst verstanden.

Aber an die 3 Tore vom Polster kann ich mich erinnern ^^.

"Die 20- bis 39-Jährigen von heute machen sich vermutlich keine Vorstellung von dieser Mischung aus Absurdität, Lächerlichkeit, aber gleichzeitig von Furcht und Schrecken dieses Reichs" ... die 1 - 19 Jährigen aber schon, oder wie ist das zu verstehen?

Die Lebenserwartung russischer Männer und Frauen ist heute noch unter dem Niveau von 1988, nachdem sie in den ersten Jahren nach dem Ende der SU um 5 Jahre zurückgegangen ist - auch so ein Segen des Zusammenbruchs des Realsozialismus.

nach Rau'scher Logik verweigern sich diese Männer dem Kapitalismus mehr als dem Kommunismus.

ironischerweise hat die mauer uns nicht nur vor dem kommunismus sondern auch vor dem kapitalismus geschützt. in den jahren seither näherten wir uns der ökonomisch politischen apokalypse asymptotisch an

Tolle Idee, soll ma wieder ein paar 100 Millionen in ihrem Land einsperren und knechten, damit der Westen sich wieder auf die soziale Marktwirtschaft besinnt?

Was die DDR angerichtet hat,

sieht Mensch zB daran, dass in Sachsen, unter CDU/FDP ein autoritäres Regime mit drastischer Beugung des Rechtsstaates und juristischer Willkür, ohne grossen Widerstand der Bevölkerung, eingerichtet werden konnte. Gegen Linke.
Es ist unendlich schwierig, wenn eine Bevölkerung Demokratie nie gelernt hat.
Ich beurteile deshalb auch Russland vorsichtiger.
Ich glaube Putin muss im Spagat verweilen. Die korrupte Nominklatura und politische Oligarchie los werden, ohne völlig ohne Apparat da zu stehen?
Und das Misstrauen nach dem Kalten Krieg.

p.s. ich war nur einmal in der DDR. Leipziger Messe. Diesen parfümierten, trotzig-anbiedernden "Gestank" des wir-sind-auch-reich in Hotels und bedeutenden öffentlichen Gebäuden werde ich nicht vergessen.

Die Rotbalken oben sind eine

Beurteilung, völlig OK, aber was kann ich für den Spiegel?
Geht die Parteienidiotie schon so weit?

no geh

was machen den CDU/FDP so grundgesetzwidriges ?

Demokratie muss man nicht lernen. Ohne ein Demokratieverständnis wäre die friedliche Revolution nie passiert.

Ist Österreich aus der kaiserlichen Monarchie heraus deshalb auch nicht Demokratiefähig in ihren Augen ???

Selbstverständlich muss man Demokratie lernen!

Schauen Sie sich an unter welchen Defiziten unsere Demokratie in Österreich immer noch leidet - das ist natürlich immer noch Spätwirkung der Untertanenmentalität aus der Monarchie.

Demokratische Ideen konnten/können entwickelt werden von Intellektuellen Eliten und/oder sie können importiert werden aus bereits höher entwickelten Demokratien. Aber sie in ein breites Demokratieverständnis umzusetzen ist ein langwieriger und mühsamer Prozess.

Was sie meinen ist die praktische Umsetzung (eher Durchsetzung) demokratischer Prozesse, die nie vollständig aufgebaut- und jetzt abgebaut werden.

Und um genau die geht es - Theorie ist reichlich vorhanden.

Das ist falsch IMO. Hätten wir zB in AT

direkte Demokratie nach CH Muster, würden wir zu Beginn viele Entscheidungen "ins eigenen Knie" fällen und dann immer besser werden.
(s Frauenwahlrecht in CH - spät begriffen, aber heuet sind Frauen in CH weit näher an der Gleichberechtigung, als in AT).

Entdeckendes Lernen gilt auch für Demokratie. Ein evolutionärer Prozess.
Wirkliche Demokratie geht davon aus, dass viele schlechte Manager miteinander die besten Entscheidungen treffen.

"spät begriffen, aber heuet sind Frauen in CH weit näher an der Gleichberechtigung, als in AT"

Sorry, aber das stimmt überhaupt nicht, Frauen mit Kind sind in der Schweiz entweder weg vom Fenster, weil der Ganztagskindergarten für zwei Tage soviel kostet wie bei uns in einem Monat oder sie akzeptieren, sofort nach der Geburt (keine Karenz, nur kurz Mutterschutz!) wieder zu arbeiten.

Ganztags beschäftigte Mütter in Durchschnittsberufen existieren praktisch nicht, weil sich die die Kinderbetreuung, die 2000€ und mehr monatlich kostet, schlicht nicht leisten können.

Warum soll das falsch sein? Ich kann ehrlich gesagt ihren Gedankengang nicht nachvollziehen, bzw. verstehe nicht, vorauf sie hinaus wollen ;)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 60
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.