Riccardo Muti, die Philharmoniker, das RSO Wien und Arcadi Volodos bei den Salzburger Festspielen
Salzburg - Grundsätzlich will man Festspiele, also auch jene in Salzburg, als jenen beglückenden Ausnahmezustand erleben, der quasi in Permanenz das Besondere anbietet. Dazu allerdings bedarf es auch Künstler, die sich in dieser Phase zu einer besonderen Form aufschwingen und für eine Weile am Festivalort sesshaft werden. Unzweifelhaft trifft dies heuer auf Dirigent Riccardo Muti zu. Nach dem musikalisch imposanten Macbeth hat er nun auch bei Verdis Messa da Requiem all jene philharmonischen Wienkräfte entfacht, die beileibe nicht nur im Expressiven eines Dies irae beeindruckend zu sich kamen.
Es ist in dieser an Kontrasten reichen Interpretation auch ein wundersam delikates Klingen entlange der Stille (etwa bei Domine Jesu) zu bewundern, das im Großen Festspielhaus quasi eine Fortsetzung in der bemerkenswerten vokalen Stilistik einer Sopranistin wie Krassimira Stoyanova fand.
Wie sie all die wohlklingenden Herausforderungen Verdis mit feinstem Farb- und Dynamikspiel ausstattete - das war auch so etwas wie ein Höhepunkt der Festspiele. Wobei auch Olga Borodina (etwas herb im Klang, aber sehr eindringlich), Saimir Pirgu und Ildar Abdrazakov wie auch der Wiener Staatsopernchor Eindringliches ablieferten.
Ausdruckswunder Volodos
Ebendort, im Großen Festspielhaus, war auch Pianist Arcadi Volodos zu hören. Frappant auch bei ihm die Bandbreite des Ausdrucks. Wobei: Bei Schuberts Klaviersonate G-Dur D 894 war sie noch nicht vollends zu bemerken, da Volodos vor allem auf erzählerische Beschaulichkeit mit poetischem Einschlag Wert legte. Bei Franz Liszts Klaviersonate h-Moll allerdings wurde das Volodos-Wunder als souveräne und sinnvolle Kombination aus höchst raffinierter Klangschönheit und einer so brutal wie kontrolliert eingesetzten dramatischen Wucht kenntlich. Grandios.
Es gab in Salzburg natürlich auch eine etwas nüchternere, analytischere Sicht auf diverse Werke. Einen solcher Weg wählte Dirigent Cornelius Meister mit seinem RSO Wien bei Alban Bergs Violinkonzert in der Felsenreitschule. Die Bausteine des Werks - Zwölftonreihe, Bach-Zitat und Kärntnerlied - wurden quasi mit dem Archäologenpinsel freigelegt. Das war musikologisch erhellend, vermittelte jedoch nicht viel von jenen Emotionen, auf denen gerade dieses Werk basiert. Die Violinsolistin Patricia Kopatchinskaja, Erzmusikantin und Energiebündel, versuchte, Funken zu schlagen. Diese Funken wurden von Cornelius Meister eher einfach sachgemäß eingereiht.
Rotts "Übergangswerk"
Daneben hörte man noch eine Rarität - Hans Rotts Symphonie Nr. 1 E-Dur. Rott, ein Protegé von Anton Bruckner, wurde einst etwa abgelehnt von Brahms; Mahler dagegen sah in ihm den "Begründer der neuen Symphonie, wie ich sie verstehe", ohne dieses Werk jedoch aufgeführt zu haben. Uraufgeführt wurde die Symphonie schließlich erst 1989.
Dass die Geschichte mit diesem Werk erst ihren Frieden finden musste, ist verständlich. Vieles an ihm weist zurück auf Richard Wagner oder Bruckner, vieles deutet voraus auf Mahler (Trompetensignale, Bläserchöre und bocksbeinige Ländler). Nur hatte Mahler Zeit, mit dem ihm vorschwebendem Material umgehen zu lernen, "zu reifen". Der junge Hans Rott hängte dagegen Idee an Idee an - etwa hat er einen Finalsatz aus lauter Schlusswendungen zusammengestellt.
Von Meister mit immer neuer Energie gestaltet wurden die zahllosen Wechsel, etwa zwischen den - handwerklich hervorragenden - kontrapunktischen Intermezzi, den Hymen und Frühlingsstimmungen. Die Wiedergabe des RSO Wien bestach durch unzählige brillante Einzelleistungen, vor allem der Holz- und Blechbläser (und der Pauke), blieb aber ein bisschen im Plakativen stecken. (Heidemarie Klabacher, Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 8. 2011)