EU-Schuldenkrise

Abwarten und Tee trinken

Kommentar | András Szigetvari, 15. August 2011, 17:42

Die Eurozone tut eher zu viel als zu wenig: Die Staatenretter sollten pausieren

Im US-amerikanischen Thriller Inside Man begeht der Gauner Dalton Russell den perfekten Bankraub. Seine Strategie: Er raubt die Bank nicht aus oder zumindest nicht dann, wenn es alle glauben. Er mauert sich in der Filiale ein und wartet, bis die Polizei weg ist. Er informiert die Cops sogar über seinen Plan. Doch die New Yorker Polizei ist so sehr damit beschäftigt, ständig neue Krisenstrategien zu entwickeln, dass sie in ihrer Panik die Lage verschlimmert und nicht mitbekommt, was in der Bank abläuft.

In der europäischen Schuldenkrise geht es derzeit ähnlich zu. In der Realität droht zwar niemand einen Bankraub an, doch eine hektische Rettungsaktion jagt auch hier die nächste, während sich die Krise zuspitzt.

Griechenland, Irland und Portugal wurden mit Notkrediten aufgefangen. Ein Eurorettungsschirm (sogar zwei, einer bis 2013, einer für danach) wurde eingerichtet und bereits aufgestockt. Ein Plan zur Beteiligung der Banken an der Krise wurde erarbeitet. Geholfen hat das alles nichts. Die Risikoaufschläge für Italien und Spanien erreichten im August ein Rekordhoch, erstmals geriet Frankreich unter Druck. Medial entsteht oft der Eindruck, Europa würde lahm auf die Probleme reagieren. Wenn, dann trifft schon eher das Gegenteil zu: Die Politik hat zu oft reagiert und damit immer mehr Staaten einem Risiko ausgesetzt.

Beispiel Griechenland: Die Pleite der Minivolkswirtschaft war vor eineinhalb Jahren politisch nicht erwünscht. Ökonomisch wäre sie verdaubar gewesen. Zig Rettungsaktionen später schuldet Hellas (Staat plus Banken) der EU 311 Milliarden Euro. Weil bisher jeder aufgefangen wurde, lässt sich nun an den Finanzmärkten trefflich spekulieren, wann der Euroschirm neuerlich ausgeweitet wird und die Rettung für Italien kommt.

Noch schlimmer ist, dass keiner mehr die eigenen Bemühungen ernst nimmt: Ende Juli haben sich die Regierungschefs der Eurozone auf ein zweites Hilfspaket für Griechenland verständigt. Wenige Tage später meldete die EU-Kommission Änderungswünsche an. Nun brandet die nächste Debatte auf: In Deutschland bröckelt der Widerstand gegen Eurobonds. Finanzminister Wolfgang Schäuble widersprach zwar einem Bericht der Welt am Sonntag, wonach Berlin die Einführung von Euroanleihen erwägt, doch als erster mächtiger Wirtschaftsklub hat der deutsche Außenhandelsverband Euroanleihen gefordert, auch die SPD ist dafür.

Eurobonds sind grundsätzlich eine gute Idee. Würden alle Euroländer gemeinsame Kredite begeben - nichts anderes wären Euroanleihen -, könnte das die Zinskosten für Rom und Madrid senken. Für Österreich und Deutschland kämen die Anleihen teurer, sie müssten zusätzliche Risiken tragen. Doch Wien und Berlin stehen bereits mit Milliarden für Griechenland und Co gerade. Bevor eines dieser Länder pleitegeht und das geborgte Geld futsch ist, wären Euroanleihen eine Alternative.

Doch die Debatte kommt zu früh. Noch sind die Beschlüsse des letzten Eurogipfels nicht umgesetzt. Niemand weiß, wozu sie taugen. Was Europa bräuchte, wäre eine rettungsfreie Periode - auch um zu sehen, was die bisherigen Aktionen gebracht haben. Wenn sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy heute in Paris treffen und keine Beschlüsse präsentieren, wäre das gar nicht das schlechteste Ergebnis. Manchmal ist abwarten und Tee trinken die beste Strategie. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.8.2011)

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Moralapostel
 
00
16.8.2011, 14:28
Bitte nochmals recherchieren, Herr Redakteur...

"Geholfen hat das alles nichts." FALSCH: Im Fall Griechenlands, Portugals und Irlands hat der Ratsbeschluss vom 21. Juli sehr wohl geholfen (Anleihenzinsen sanken obwohl S&P das Rating fuer GR weiter senkte!). Nun aber konzentrierten sich die Maerkte auf neue Wackelkandidaten: Italien, Spanien, Zypern, Belgien und Frankreich (uebrigens vor dem Brief Barosos, der ploetzlich an allem Schuld sein soll.). Fazit: den Maerkten reichen die beschlossenen Massnahmen nicht aus um Ansteckung zu verhindern. Nicht zuviel sondern zu wenig wurde bisher getan! Kein Wunder dass Deutschland zoegert: Deutsche Anleihen werden mit jeder Krisenwelle billliger. Und auch Oesterreich ist vordergruendig "Krisengewinner"...solange Ostreuropa nicht wieder wackelt.

mikromalist
 
00
16.8.2011, 14:16
Wie beim Klima.

Get-used-to-it.
Kein Mensch käme auf die Idee, gegen Taifune riesige Windmaschinen aufzustellen und Gegenwellenerzeuger gegen Tsunamis.
Käme alles zu spät. Es wäre vergeudetes Geld.
Geld, welches viel besser in die Unterstützung der Opfer, Wiederaufbau, .. gesteckt würde.

Aber die neoklassischen WiWissenschafter und Politiker wollen einfach nicht glauben, dass Wirtschaft, so komplex wie Klima ist.
Sie wollen so gerne auf den vielen Knöpferl ihrer sinnlosen Politsynthesizern hin und her drehen.

Get used to it, hilf den Opfern, baue stabilere mikrio-ökonomische Gebäude, überprüfe die finanztechnischen Baumaterialien und Bausteine .... Jeder ökonomische Tsunami macht uns gescheiter.

Völlig richtig. Abwarten. Aber, Feiglinge können nicht

Elisabeth Stein
00
16.8.2011, 11:45
Abwarten? Tee trinken?

Ob das die Akteure auf den"Märkten" dulden werden?Ich sehe ein paradoxes Spiel in dem die Akteure - weil ihre Profite fallen -für den erzockten Rest Sicherheit und Risikominderung suchen. So treibt das Spiel die standortsichernden Staaten der EU und diese planlos in einen besser einschätzbaren Zusammenschluss. Die Staaten aber ergreifen nicht die gestaltende Initiative(demokratisch kontrollierte Wirtschafts- und Sozialstandards und Regelungen in der gesamten EU) und bleiben in der Reaktion auf das, was das paradoxe Spiel erzwingt in der Defensive. Da kann es dann schon sein, dass ihnen die Strasse ihre teaparty versaut.

cannery row
00
16.8.2011, 14:17
die akteure auf den märkten..

habens zumindest in puncto schweiz vermutlich übertrieben. wenn die anbindung an den euro kommt - und es sieht immer mehr danach aus, weil das gezocke und die sichere hafen-torkelei ja kein ende nimmt - ist zumindest zeitweilig die tür zu.

Heefcleeve
00
16.8.2011, 11:01

Abwarten und Tee trinken war im Kapitalismus noch nie eine Option. Vor allem, wenn es um die Verschuldungsfähigkeit der Bürger immer schlechter bestellt ist, gilt es zu H a n d e l n. Heute ist besser als Morgen (Zeit ist Geld).
Nichts tun führt automatisch zu weiterer Eigentumskonzentration und damit zu einer Eskalation der Guthabenkrise aus blockierten Schuldtilgungsmitteln.

wuzzelbaer
01
16.8.2011, 11:39
Die von Heinsohn & Steiger vorgestellte Eigentums- und Zinstheorie

ist m.E. einer der größten Würfe der Geschichte der Wirtschaftstheorie aller Zeiten.

Es ist zu hoffen dass ihre Gerdanken für die Überwindung unserer heutigen Krise eine ähnliche Rolle spielen werden wie das Werk von Keynes für den Weg aus der Krise von 1929ff.

Leider sieht es nicht danach aus. Ein Obama glaubt, wenig innovativ, die Finanzkrise mit den Methoden der 30er Jahre besiegen zu können. Was die Wirtschaft jetzt braucht ist aber nicht mehr Geld, sondern mehr Eigentum.

Vor allem sollte sich die Sozialdemokratie für Eigentumsökonomik interessieren, denn sie kommt ihren Vorstellungen von sozialem Ausgleich und soziualer Gerechtigkeit sehr entgegen. Wenn sie dieses innovative Gedankengut aufgreift, könnte sie wieder die geistig führe

fridakeynes
00
16.8.2011, 10:42
tja, wie schon der gute watzlawick wusste, ein problem mit mehr desselben

zu bekämpfen bringt fast immer das gegenteil des gewünschten effekts!

Alfred Fux
00
16.8.2011, 10:00
Da kann ich nur zustimmen

Menschen tun naturgemäß mehr als ihnen bekommt. Im eigenen Garten ebenso wie in der Politk. Anstatt der Anpassung an neue Situationen Zeit einzuräumen, wird panisch in alle Richtungen agiert, so dass letztlich niemand mehr in der Lage ist sich anzupassen. Das stinkt nach induzierter Volatilität. Österreich ist wegen seiner Reaktionstägheit klar im Vorteil. Wer auf Vertrauensverlust nicht vorauseilend reagiert, der ist auch nicht in einer Vertrauenskrise.

Selbständiger
00
16.8.2011, 07:25
Und es wird weiter so gehen.

Durch die Ankündigung der EU, dass niemand fallengelassen werden darf/kann/wird, wurde die Büchse der Pandorra geöffnet.

Mit dieser Aussicht lässt sich trefflich viel Geld, fast vollkommen risikolos ergaunern. Mit dem ESFS lässt sich auch weiterhin viel Zinsgeld auf Kosten der EU-BürgerInnen verdienen.

Warum haben die selben Politikerd.... eigentlich Gesetze für Privat- und Unternehmenskonkurse erlassen? Damit die Schuldner nicht Zeit ihres Lebens verschuldet und versklavt bleiben müssen.

Das EU-Volk darf ruhig über Zwangsanleihen erst enteignet und mittels EFSF für die Schulden z. B. griechischer Betrüger dauerhaft versklavt werden. Was macht das EU-Volk? Es wählt seine Sklaventreiber und die gesteuerte Verarmung auch noch selber.

Unter dem Pflaster
02
15.8.2011, 22:04
Paul Krugman hat eine interessantere Idee dieser Tage:

http://www.huffingtonpost.com/2011/08/1... 26995.html

Wenn (auch nur fiktiv) Aliens die Welt angriffen, dann wäre die Krise in relativ kurzer Zeit weg vom Tisch. Weil's wichtigeres gäbe.

wuzzelbaer
01
16.8.2011, 01:34
Leider ist genau das nicht zum Lachen

denn eben aus diesem Grund hat man viele Wirtschaftskrisen der Vergangenheit mit einem Krieg beendet.

her wig
00
15.8.2011, 18:42

Dann würden aber die Medien in das Sommerloch fallen.

flying baba
02
15.8.2011, 20:46
Stell dir vor es gibt eine krise und keiner beachtet sie

Nur dadurch dass wir sie enstnemen und reagieren erhalten die rating agenturen diese macht -war ja urspruenglich ein amerikanisches phaenomaen
Die welt braucht fuer diese wirtschaftskrise am ehesten einen psychiater keine politiker die schwafeln oder wirtschaftsspezialisten die bloss in unsere taschen greifen und die einkommensschere spreizen wollem

her wig
00
15.8.2011, 21:22

Psychiater? Sind etwa die Menschen krank, muss man die ändern? Da würde ich doch zuerst einmal das Geldsystem in's Visier nehmen, die dortigen Fehler wird man leichter beheben können.

wuzzelbaer
00
16.8.2011, 01:47
Ich ahne generell nichts Gutes

Ich fürchte die Debatte über das neue Geldsystem wird nicht "leichter" werden sie wird in Glaubenskriege ausarten.

Wahrscheinlich favorisieren sie die zinsenfreie Ökonomie, jene neue Heilslehre, die in der Ablösung einer effizienten Wachstumsgesellschaft durch eine stagnative Sauwirtschaft die Erlösung von allem Übel schlechthin erblickt. Da sind aber auch noch die Goldstandard-Fans und die die die Währungsemission überhaupt zur Gänze privatisieren wollen usw. Es drohen blutige Gefechte zwischen den geldidelogischen Parteien, wie es scheint. Ölen Sie Ihre Kalaschnikow!

Dabei wäre es gerade NACH einem ökonomischen Breakdown sinnlos das Geldsystem zu ändern. Auf jeden wirtschaftlichen Kollaps ist bisher ein Wirtschaftswunder gefolgt.

Andreas Prucha
00
17.8.2011, 04:01
http://www.soziologie.uni-halle.de/publikati... n/pdf/0405

sowas in der Art. Also Geldschöfung nicht in der Hand der Geschäftsbanken, sondern in der Hand der Zentralbank, die eine vierte Gewalt (die Monetative) darstellt, und in Umlaufbringung nicht ausschliesslich über Kredite, sondern beispielsweise eine Negativsteuer. Kredite erfolgen dann - so wie es sich die meiten Menschen Vorstellen - nicht als Giralgeld, sondern aus Spareinlagen. Ein Banken-Crash würde auch wenige Risiko bedeuten, da normale Gehaltskonten nicht in das Vermögen der Bank fallen, sondern Zentralbank-Geld-Konten darstellen.

wuzzelbaer
00
17.8.2011, 07:56
Die Wirtschaft so wie es sich die meisten vorstellen....

Was dann wenn Spareinlagen verstärkt abgehoben werden, da muß dann auch das Kreditvolumen sinken? Da lösen Sie eine Spirale nach unten aus?! Was Sie ja wünschen (auch bei der Etablierung des Systemsgibt es meiner Vorstellung nach einen Kollaps)

Ums Geldsystem werden noch blutige Schlachten ausgetragen werden! Goldstandard, private Währungsemission a öla Hayek, zinsfrei, Kredite nur aus Spareinlagen...
Was mich am meisten erzürnt ist dass die beteiligten geldideologischen Lager nicht wissen wovon sie reden.

her wig
00
16.8.2011, 08:34
Ich bin für zinsfreie Geldschöpfung

aber zinsbehafteten Geldverleih - es fängt ja schon damit an dass der Unterschied zwischen Schöpfung und Verleih nicht geklärt ist, obwohl das zwei komplett verschiedene Konzepte sind.

wuzzelbaer
01
16.8.2011, 10:08
Na bingo

das haben wir ja eben jetzt! Zumindest in Krisenstaaten wie Amerika, Japan... schon seit vielen Jahren mit den bekannten Folgen.

Das Entscheidende sowohl bei der Geldschöpfung als auch beim Verleih sind jedoch die SICHERHEITEN (Eigentum). Denn nur wenn in diese vollstreckt werden kann sind Geldschöpfung wie Geldverleih sinnvoll.

her wig
00
16.8.2011, 13:06
Richtig!

Frage: wenn man alles mit Sicherheiten belegt, wozu soll man dann noch Strafzinsen zahlen, dafür dass man Geld für die Wirtschaft bereit stellt?

Und auf der anderen Seite: wenn die Währung durch Wetten "abgesichert" wird - was genau sollen dann Zinsen helfen? Wenn zufällig einmal überdurchschnittlich viele Wetten verloren gehen, dann bricht sowieso alles zusammen, mit oder ohne Zinsen.

wuzzelbaer
01
16.8.2011, 16:43
Die Zinsen bezahle ich dafür

dass ich, wenn ich beispielsweise mein Haus als Kreditsicherung einsetze, weiterhin dieses Haus als mein Eigentum behalten darf. das heißt dafür das während der Laufzeit des Kredits nicht der Kreditgeber mich rausschmeißt und selbst im Haus wohnt.
Nicht umsonst ist "Zins" auch ein Synonym für "Miete".

her wig
00
16.8.2011, 17:49

Und alle die, die das per diesem Kredit geschöpfte Geld benutzen erhalten eine erhöhte Handlungsfreiheit, weil sie nicht alle Güter 1:1 tauschen müssen sondern sich das via Geld frei wählen können. Ich würde ja für die Geldbenutzung ebenfalls einen Zins verlangen - stellen Sie sich vor wie mühsam der Tauschhandel ohne Geld wäre, dann wissen Sie wieviel das Geld wert ist.

Heefcleeve
00
16.8.2011, 18:47

Die erhöhte Handlungsfreiheit wird aber nun zum Problem, wenn das über Kredite geschöpfte Geld beim Zahlungsempfänger des Kreditnehmers gehortet wird (Sparen) und damit nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückfliesst. Wenn das alle "Sparer" so machen, dann führt das dazu, dass dem Kreditnehmer nun plötzlich die Mittel zur Kredittilgung fehlen...

her wig
00
16.8.2011, 19:56

Ein weiterer Grund, einen Zins auf die Geldverwendung einzuheben. Das könnte man auch über die Inflation realisieren, bzw. bleibt ohnehin garnichts anderes übrib denn je mehr Kredite nicht zurückgezahlt werden können desto höher wird diese.

Andreas Prucha
00
16.8.2011, 04:26

Naja, das Problem ist, dass die Realwirtschaft ohne laufende Impulse sowieso dazu tendiert zu stagnieren. Und wenns mal zu einer massiven Deflation kommt ist Feuer am Dach. Wachstum ist sicher gut und die nächste Zeit auch noch möglich, aber wir sollten uns keinem Geldsystem ausliefern, das einen Wachstumszwang beinhaltet.

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