Der Ansturm von Studienwerbern an die Universitäten war vorherzusehen - die Fakten wurden nicht zur Kenntnis genommen - Von Wolfgang Schütz
Das Folgen waren vorauszusehen. Auch bei erstmals vorgezogener Anmeldefrist (31. August statt wie bisher 30. November) werden die Anmeldungen für ein Universitätsstudium im Herbst bisher nie da gewesene Rekorde erreichen. Gleichzeitig haben die künftigen Studierenden ausgiebig von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich gleichzeitig für mehrere Studien anzumelden, sodass Heinz Engl, der designierte Rektor der Universität Wien, nur mehr feststellen konnte, dass die vorgezogene Anmeldefrist nicht mehr bringt, als nun etwas früher als in den Vorjahren über das kommende Chaos Bescheid zu wissen.
Von der Bundesregierung ignoriert wurden die Tatsachen, dass
1. die Zahl deutscher Studienwerber wegen der erstmaligen Gleichzeitigkeit von zwei Abiturjahrgängen steigen wird,
2. diese Zahl wegen der ab heuer abgeschafften allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland noch einmal steigen wird,
3. die Zahl der inländischen und EU-ausländischen Studienwerber per se Jahr für Jahr ansteigt und
4. den Universitäten dadurch die Finanzmittel ausgehen.
Die Tatsachen 1 bis 3 wurden ignoriert, weil der freie Universitätszugang angeblich erhalten bleiben muss. Die wesentlichen Beweise für dessen Notwendigkeit fehlen aber: Einerseits hat sich der Anteil Studierender aus bildungsfernen Schichten in den letzten Jahrzehnten des freien Zugangs eher verringert (!), und andererseits bedeuten - wegen der durch den freien Zugang bedingten hohen Drop-out-Rate - mehr Studierende leider nicht automatisch mehr Absolventen, d. h. Akademiker.
In stark überlaufenen Studienrichtungen könnte bei geregeltem Zugang die Absolventenzahl sogar gesteigert werden, da die Universitäten dann nicht den Großteil ihrer Mittel in die Bewältigung der exorbitant hohen Anfängerzahl stecken müssten. Offensichtlich maßt sich die Bundesregierung hier an, mit legistischen Maßnahmen gerade jenes Naturgesetz aushebeln zu wollen, das sogar die ärgsten Physikmuffel in der Schule verstanden haben: "Wo ein Körper ist, kann nicht zugleich ein zweiter sein."
Die Tatsache Nr. 4, dass den Universitäten dabei das Geld ausgeht, wurde mit dem Argument ignoriert, dass diese noch nicht ausreichend bewiesen hätten, dass sie auch effizient arbeiten (so gesagt am Universitätengipfel zwischen Rektoren und Bundes-regierung Ende des Vorjahrs). Zu derartigen Bemerkungen sei den verantwortlichen Politikern ein Lesen der jährlichen Wissensbilanzen der Universitäten empfohlen, die diese seit ihrer Verselbstständigung im Jahr 2004 per Gesetz zu erstellen haben (§ 13 Universitätsgesetz 2002): Die Zahl der Absolventen, die ihr Studium in Mindestzeit schaffen, ist seither stetig im Steigen, die Drop-out-Rate hingegen im Sinken, die Zahl der Publikationen in angesehenen internationalen Zeitschriften, die eingeworbenen Drittmittel für die Forschung und Einnahmen aus Patenten sind permanent im Steigen begriffen, wobei das Imposante die Quantität aller dieser Veränderungen ist!
Nicht zuletzt konnte die Zahl von Berufungen von Frauen auf Professuren um ein Vielfaches erhöht werden - im Vergleich zu den Zeiten, als noch das Ministerium die Berufungen vornahm.
Dem Geldempfänger undefinierte Effizienzmängel vorzuwerfen, um ihm weniger geben zu müssen, ist für den Boulevard oft ein gern genutztes Scheinargument, das im Falle der Universitäten Gott sei Dank schon zunehmend durchschaut wird. Denn die Meinung, dass Österreichs Universitäten unterfinanziert seien, ist zwischenzeitlich eine flächendeckend akzeptierte.
Der letzte "Gag" sind derzeit Signale aus dem Finanzministerium, die Universitäten besser dotieren zu wollen, wenn die Mittel nach der Zahl der Studienplätze zugeteilt werden würden. Es ist aber auch dort bekannt, dass der Koalitionspartner SPÖ hier nicht mitziehen wird, da eine Definition der Studienplatzzahl naturgemäß eine Regelung des Zugangs zu den Universitäten bedingt. Damit wird der Kreis, aus dem keiner herauskommt, wieder geschlossen, und es wird weiter nichts passieren.
Auch die Realisierung eines aufgrund von Vorschlägen eines international besetzten Weisenrats zu erstellenden Hochschulplans droht letztlich genau daran zu scheitern. Die Politiker mögen die Universitäten daher nicht - ohne Belege dafür zu haben - kritisieren, sondern ihnen unendlich dankbar sein, dass sie trotz allem noch funktionieren. (Wolfgang Schütz, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.8.2011)
WOLFGANG SCHÜTZ ist Rektor der Medizinischen Universität Wien.