Klassenkampf in London

Planet of the Apps

Gastkommentar | 13. August 2011, 08:36

London war ein friedliches Pflaster - bis der Markt rabiat Einzug hielt, die Jugendlichen an den Rand der Gesellschaft drängte und ihnen die Gewalt aufzwang - Von Harry Tisch

Leugnen und Ablenken helfen nicht: Die Ereignisse der letzten Tage in London und zahlreichen weiteren englischen Städten zeigen, wie brutal und rücksichtslos der Neoliberalismus ungeachtet allen sozialen Fortschritts in Europa seine Spur der Verwüstung zu ziehen versteht.

Bevor David Cameron im Vereinigten Königreich die Macht an sich riss, kannte man jene Jugendlichen, die jetzt gegen die unterdrückerischen Verhältnisse im Spätkapitalismus aufbegehren, als sensible, strebsame junge Menschen, die den häuslichen Büchertisch nur verließen, um zwei bis drei Mal pro Tag eine Bewerbungsmappe abzuschicken, mit Freunden eine Businessidee zu besprechen oder ihrer Großmutter Blumen zu holen.

Dankt dem Diktat des Marktes

Seit jedoch das Diktat des Marktes Einzug hielt und den Ausgebeuteten deutlich wurde, dass die Regierung sie mit ihren Problemen alleine lassen würde, begann die Stimmung zu kippen und die sozialen Missstände, die reaktionäre Politiker und Medien hinter den üblichen Hetzparolen von wegen "Sittenverfall" und "amoralische Unterschicht" zu verbergen trachten, traten in vollem Ausmaß zu Tage.

Denn was nützt dem gefühlten Mitglied der Arbeiterklasse - immerhin haben die meisten zumindest im Rahmen von Sozialstunden schon mal gearbeitet, die ihnen von der kapitalistischen Klassenjustiz aufgebrummt wurden - der Blackberry, wenn die Gesellschaft ihm die besten, kostenpflichtigen Apps dazu vorenthält? Hat denn nicht die Arbeiterklasse, deren Befreiung mangels eigener Initiative die revolutionäre Masse aus gelangweilten Millionärskindern, Gelegenheitskriminellen und Langzeitstudenten stellvertretend betreibt, all die Waren, die in den Elektronik-, Gemüse- oder Schnapsläden verrotteten, erst hergestellt und hat nicht ihre selbsterklärte Avantgarde deshalb auch das Recht, sie den Händlern und potenziellen Käufern wieder wegzunehmen?

Was nützen den sozial isolierten Jugendlichen ihre Designerklamotten, wenn der Staat nicht in der Lage ist, die dazu passenden Accessoires und einen 3er-BMW zu stellen, die es ihnen erst ermöglichen würden, in Mitten des kapitalistischen Konsumterrors ihre Identität zu finden?

Bezeichnend für das unangemessene und überharte Vorgehen der Polizeikräfte ist es zudem, dass auf Grund vager Verdächtigung, rassistischer Vorurteile und falscher Situationsanalyse friedliche Jugendliche bedrängt und dadurch weiter provoziert wurden. So wurde beispielsweise am frühen Mittwochmorgen ein 19-jähriger Kapuzenanzugträger aus Birmingham festgesetzt, weil er brennbare Flüssigkeiten bei sich trug. Dass er sich gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch als Chemikant befand und dazu Arbeitsproben mitnehmen wollte, glaubte ihm die britische Fassung der Noskepolizei natürlich nicht. Auch gutgemeinte Ratschläge besorgter Politiker aus aller Welt wurden ignoriert.

Der aufgeklärte Teil der Gesellschaft sollte klar Partei ergreifen für die revoltierenden Opfer der mangelnden Verteilungsgerechtigkeit und der sozialen Ungleichheit. Wir sollten dem rechten Medienmainstream entgegentreten, der von einem "überzogenen Anspruchsdenken" schwadroniert, das der Sozialstaat geschaffen habe, oder der wertvolles zeitgenössisches Kulturgut von MTV Skins bis hin zu britischen Varianten von Charlotte Roche oder den fortschrittlichen Wertewandel innerhalb der Gesellschaft für einen "moralischen Niedergang" oder eine "Brutalisierung" Jugendlicher mitverantwortlich machen möchte. Erst recht dürfen wir es nicht zulassen, dass jetzt Persönlichkeiten eine Mitverantwortung an den Todesopfern und Sachschäden durch die Revolte gegeben wird, die jahrelang die Ungleichheit im Kapitalismus und die ungerechte Verteilung der Güter angeprangert haben.

Auf dem Gipfel der Moral

Im Unterschied zum fundamentalistischen Kulturchristen Breivik hat keiner der revoltierenden Jugendlichen ein Manifest verfasst, in dem er Margot Käßmann, die Gewerkschaften, Inge Höger oder Attac zitiert hätte. Auf Grund ihres Bildungsstandes wären die meisten Protestierenden dazu auch gar nicht erst in der Lage gewesen.

Selbst einem visionären Geist wie dem Genossen Stéphane Héssel kann die robuste Vorgehensweise mancher Empörter nicht angelastet werden, da diese zwar klassische Topoi der Kapitalismuskritik wie Umsturz, Sozialneid oder Antisemitismus besetzen, aber gewaltintensive Ausformungen derselben - und das unterscheidet sie von antimodernen Abtreibungs-, Empfängnisverhütungs- und Geschlechtergerechtigkeitsgegnern wie Anders B. Breivik - immer nur dem Kapitalismus selbst, nie aber der Kritik an Selbigem anzulasten sind. Denn wer mit der Inbrunst des Revolutionärs dafür eintritt, eine Gesellschaft zu schaffen, in der das Downloaden einer App durch den einen die Bedingung für das Downloaden der gleichen durch alle anderen ist, hat jene Stufe der Moral erklommen, von der es nur noch schwerlich weiter aufwärts gehen kann.

So kommt es, dass man - wendet man Doublethink nur konsequent genug an - in analoger Anwendung des Bonmots "Frankreich liebt den Verrat, aber nicht den Verräter" zwar den Molliwurf preisen darf, nicht aber die dazugehörigen geistigen Lappentränker... (Harry Tisch, derStandard.at, 13.8.2011)

Autor

Harry Tisch, The European, ist Satiriker und schreibt regelmäßig für das Blog "Bluthilde".

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Nick Tameer
01
21.8.2011, 11:52

Der diskrete Humor der Bourgeoisie: diesen niederen Klassen eignet doch wirklich etwas abstoßend Niedriges, aber was hat das mit uns zu tun?

Molto Bene
00
20.8.2011, 11:35
Satire ist nicht das Problem, das haben wir schon kapiert.

Was mich an diesem Text stört ist dass er uns eben durch Satire zu sagen versucht dass die Plünderungen nichts mit der Alltagssituation der Schichten, aus denen die Jugendlichen kommen zu tun haben. Das hat aber alles damit zu tun. Klar ist das eine Schicht von britischen Bürgern die niemals studieren gegangen wäre - die Leute aus dieser Schicht haben früher in Fabriken gearbeitet. Jetzt sind die Fabriken aber alle weg - und da hat der Neoliberalismus sehr wohl was zu antworten. Arbeit hat früher solche Leute im Zaun gehalten. Dass sie heute Sozialhilfe empfangen statt arbeiten gehen hilft beim Kauf der Handys, aber nicht dass sie sich total von der Gesellschaft ausgegrenzt und unerwünscht fühlen - und das schürt ihre "Anti-Einstellungen".

Timagoras
 
10
15.8.2011, 21:34
wunderbar!

.
schon lange nicht mehr so etwas pointiertes im standard gelesen. :o)

aber dass etliche hier das "falsch" verstanden haben, finde ich etwas merkwürdig.

es ist eindeutig satire, und am ende wird darauf extra nochmal hingewiesen.

Mathias
 
00
16.8.2011, 08:36
aber dass etliche hier das "falsch" verstanden haben, finde ich etwas merkwürdig.

Es gibt 2 Erklärungen dafür:

1) Pisa
2) Krone/Ö3/MTV-Generation
3) Humor ist lachen auf Kommando (Applause Applause)

Stuff
00
15.8.2011, 18:21
Dringende Appelle in/an "Bluthilde"

das Libretto zu wechseln sind bis dato unbeantwortet und offensichtlich unbeachtet geblieben. Somit hier diesen Appell noch einmal: Bitte! "Zauberflöte" ist nun bald 250 Jahre her! Wie wär's mit "Cavaliere Rusticana" oder "Bajazzo"!

Chien de Pique
00
15.8.2011, 18:40

Cavalleria.

Stuff
00
15.8.2011, 21:51
Danke!

Ich schreibe nämlich via "It's All Text" im Word und da wiederum übersehe ich öfters die Verschlimmbesserungsvorschäge...

Aber immer noch besser, als das script hier :-(

Freund der Sanktionen
02
15.8.2011, 17:30
Wenn das Satire ist, dann geh ich

jetzt in den Keller, vielleicht kommt dort dann das Lachen von selbst...

PierNick
 
10
15.8.2011, 16:43
Standrad-Leser und -poster, die diesen Artikel nicht als Satire erkennen können? Peinlich für den Standard.

Und ja, es ist einer der schlechtesten Artikel, die hier je erschienen sind. Billige, systemkonformistische Holzhammer-Satire. So was wie "staatstragendes Kabarett". Ja, Herr Tisch, genau so etwas gab es in Diktaturen. Dort kamen Sie her, dort passen Sie auch hin: nur merken Sie es selbst gar nicht mehr.

Age of tremendous bullshit (is ending)
00
16.8.2011, 16:35

Ich weiß, es tut weh, solche Worte zu hören. Denn was der Autor da über die brit. Underdogs schreibt, gilt vermutlich nicht minder für die meisten anderen Fernsehbürger. Natürlich hört man nicht gern, dass
man mit einem teil von sich die gleiche Schublade gehört wie diese Youngsters, die nach BMWehs, Flachbildschirmen und sonstigem teuren Schmarrn geifern, um dadurch eine illusionäre Identität zusammenzuschustern.

Aber glauben Sie mir: Auch wenn es weh tut, es ist durchaus heilsam und kann zu einer verbesserung führen.

bleak_vision
00
15.8.2011, 14:30
Der schlechteste Artikel den ich im Standard je gelesen habe.

Hier wird das Einschlagen von Schädeln und Anzünden vin fremdem Eigentum klein- und schöngeredet. Die Täter werden zu Opfern (zu wenig Sozialleistungen um Luxus zu finzieren( und die Opfer ("neoliberale Gesellschaft") werden zu Tätern.

Ich wünsche dem Autor dieses obszönen Artikels vom Herzen einmal selbst zum Opfer zu werden. So viel ist klar, die kriminellen werden ihm sein Engagement sicher nicht danken und vor seinem Haus deswegen nicht halt machen.

Timagoras
 
10
15.8.2011, 21:32
"Hier wird das Einschlagen von Schädeln und Anzünden vin fremdem Eigentum klein- und schöngeredet"

.
Sie hätten auch den letzten absatz lesen sollen:

"Harry Tisch, The European, ist Satiriker und schreibt regelmäßig für das Blog "Bluthilde"."

das ist satire!!! ;o)

Andreas Prucha
00
15.8.2011, 18:02
Auch wenn ich den Artikel an sich ein wenig seltsam finde: Eins ist klar: gravierende soziale Unterschiede und Chancen hält keine Gesellschaft auf Dauer aus.

Die Mittelschicht klammert sich (noch) gerne an die spielregeln der finanziellen Oberschicht, weil sie hofft durch Mitspielen selbst zu profitieren. Deswegen sind Steuersenkungen und Sozialabbau in der Mittelschicht noch ziemlich beliebt. Was aber viele in der Mittelschicht noch nicht realisieren ist, dass sie selbst näher an der Unter- als an der Oberschicht sind - Sozialabbau vielen von ihnen auf den Kopf fallen wird. Jetzt sinds noch ein paar durchgeknallte Jugendliche, aber die Mittelschicht mal realsiert, dass sie von den Konservativen vera***** wurde - *dann* gehts wirklich rund. Vorher werden aber sicher noch ein paar Sündeböcke wie Ausländer, Griechen, Obama etc. vorgeschoben.

Gelsomina
01
15.8.2011, 18:31

Das stimmt leider nicht.

Im 19. Jhdt. waren die sozialen Unterschiede wesentlich gravierender, die Lage der Armen war schrecklich.

Dennoch waren die politischen Systeme wesentlich stabiler als im 20. Jhdt. mit seinen Utopien und sozialen Experimenten.

Das ist deprimierend, aber man kann nur dann echte Loesungen finden, wenn man auf Tatsachen aufbaut.

KL
00
15.8.2011, 19:35

ich freu mich nicht ueber die stabilitaet eines systems wenn dabei die lage der armen schrecklich ist.

Reich sein muss sich lohnen!
00
15.8.2011, 16:51

Der Autor will doch bloß die konservativen Hardliner und Rechten betrollen in dem er vorführt, wie dämlich deren Argumentation in Wahrheit ist.

Ironischerweise haben das ein Paar hier nicht verstanden und Applaudieren einem Aritkel, der sich über sie selbst lustig macht.

Poldi Fesch
00
15.8.2011, 17:42
so kann man

sich die Welt auch schoen luegen

Reaction Path
01
15.8.2011, 14:23
Der Komentar ist Satire oder

Mit David Cameron zog der Neoliberalismus ein und schwups die wupps wars aus die Maus während unter Tony Warfare Blair alles supi war?
Glaubt er jetzt selber nicht oder?

AllesWieImmer
00
15.8.2011, 13:53
Auftischen

... "industrial instant food" auf dem Designer-Teller: Das ist wie des Kaisers neue Kleider: Nichts, aber von Bedeutung! Und eigenbrötlersich dazu! Damit hab ich nichts dagegen gesagt, sich selbst was gutes zu kochen!

Dude please
42
15.8.2011, 13:46
Kommunistischer Schreibtischtäter

Bin erstaunt dass so einen Meinung ein Medium findet. Der Autor hat nichts verstanden. Diese Generation wurde unter 12 Jahren Labour gezüchtet. Einwanderung und ein Beihilfensystem haben eine Generation geschaffen, die Einkommen entweder durch Kriminalität oder Schwangerschaft erzielt. Schlägt der Autor vor ihnen auch noch Autos und Apps gratis zu geben, damit sie sich besser fühlen? Wer die Ereignisse verfolgt hat (ich - vor Ort) konnte sehen, dass die Polizei lange nicht eingegriffen hat und die Plünderer (bis auf wenige Ausnahmen) alle der selben sozialen Schicht entstammen. Der Zusammenhang zu Breivik ist nicht nur unzulässig sondern krank!! @ Standard: warum wird so einem unqualifizierten Autor ein Medium gegeben??

Gelsomina
02
15.8.2011, 18:41

Der Autor macht sich ueber das linke Schoenreden der Brandschatzungen lustig, indem er es auf die Spitze treibt.

Dieses reale Schoenreden hat aber schon so absurde Ausmasse angenommen, dass man es von Satire gar nicht mehr unterscheiden kann.

Deshalb die Verwirrung hier.

Poldi Fesch
24
15.8.2011, 13:52
der Autor

hat alles verstanden

Dude please
00
15.8.2011, 14:20
Kurzbio des Autors -

Ein Ossi erklärt uns was in London passiert - danke Standard!!!
"Durch die kapitalistische Restauration in der DDR an einer großen Karriere bei den Thälmannpionieren gehindert, nutzte der Genosse die Jahre nach der Wende, um sich die Grundlagen der Weltanschauung des Marxismus-Leninismus in Eigenregie anzueignen"

Der junge Jim Kirk
03
15.8.2011, 13:23

Ich bin zu blöd für den Artikel.

thomasthomasthomas
00
15.8.2011, 15:20
Sie dürften nicht der einzige hier im Forum sein.

Aber wenn Sie den Hinweis über den Autor am Ende des Artikels lesen, kommen Sie vielleicht doch noch dahinter.

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