Überwachung und Informationsfreiheit

Experten im Schatten, Weisheit der Menge

Kommentar der anderen | 12. August 2011, 18:57

Statt mehr öffentlicher Sphäre entwickelt sich mehr Überwachung und Fragmentierung - Informationsfreiheit und eine demokratische, offene Kultur sind gefragt - Von Konrad Becker

Politik und Verwaltung verweisen heute gerne auf "Globalisierung", um zu erklären, dass Entscheidungen nicht mehr in ihren Händen liegen. Politische Entscheidungsträger sind dann gewissermaßen nur mehr fremdgesteuerte Elementarteilchen in verselbstständigten Netzwerkprozessen. Globalisierung gibt es mindestens seit dem 17. Jahrhundert, aber seit dem großen Sprung vom Schienen- und Straßennetz zum digitalen Transport mit Lichtgeschwindigkeit sind Netzwerke allgegenwärtig.

Diese weltweite Entmaterialisierung menschlicher Kommunikation ist mit neuartigen soziokulturellen und politischen Effekten verbunden. Obwohl die Technologien nicht zuletzt mit öffentlichen Mitteln entwickelt wurden, ist die Dividende für die Allgemeinheit, wie etwa ein direkterer Zugang zu Wissen und Bildung, weitgehend ausgeblieben.

Globale Vernetzung birgt nicht nur Chancen, sondern vor allem auch Risiken und erzeugt ein paradoxes Phänomen der Fragmentierung und Zentralisierung. Nicht nur Marktkonzentrationen und Kartelle, auch personalisierte Zugänge, neue Bezahlschranken sowie selbstreferenzielle Empfehlungssysteme werden hier wirksam. Dennoch sind die Entwicklungen den neuen Technologien nicht "natürlich" innewohnend, vielmehr eine gesellschaftliche Herausforderung für einen Regulierungsrahmen und Gesellschaftsvertrag, der den Ausgleich zwischen privaten und öffentlichen Interessen schafft.

Es fehlen Mechanismen zur Wahrung von Vielfalt in der demokratischen Meinungsbildung, zur Schaffung von Räumen des kulturellen Austauschs im Interesse der Aufrechterhaltung universeller Werte. Aus diesem Umstand wird ein politischer Handlungsbedarf ersichtlich. Aber anstatt die öffentliche Sphäre zu regulieren, wird immer mehr das Individuum überwacht und bevormundet, während der öffentliche Raum der Verwahrlosung oder privatem Profitstreben überantwortet wird.

Peinlichkeit im Netz

Währenddessen ist das Internet für immer mehr Menschen nur ein magisch leuchtender Bildschirm. Was sich dahinter verbirgt und die Lebensrealität beeinflusst, ist kaum jemandem bewusst. In sogenannten Social Networks wird Subjektivität als Businessmodell instrumentalisiert, und Teilnehmer geben schon bei der Anmeldung alle Rechte auf ein selbstbestimmtes Leben ihrer Daten auf.

Das führt schnell zu Infantilisierungseffekten. Nicht zuletzt deshalb hat Google-CEO Eric Schmidt sogar schon die Namensänderung im Pass vorgeschlagen, um der eigenen Peinlichkeit im Netz entfliehen zu können.

Die Dynamik von Netzwerken hat auch das Handwerk der politischen Einflussnahme geformt. Anstelle monolithischer Strukturen setzen sich flexiblere Netzwerkformen durch, die informellen und indirekten Einfluss ermöglichen. Im Gegensatz zu traditionellen Interessengruppen sind neue Einflussnetzwerke nicht formal konstituiert, sondern unsichtbare Allianzen, die, wie ein Schwarm von Satelliten, Netzwerksignale gegenüber Medien und Öffentlichkeit vervielfachen.

Ein Schattenparlament von Experten und Lobbyisten präsentiert sich einem Publikum, das über private Interessen in Verbindung mit diesen Meinungen und kalkulierten Darstellungen nicht informiert ist, als objektive Analysten. Diese Vorgänge schaffen zunehmend ein Informationsungleichgewicht zwischen dem öffentlichen Interesse und einzelnen Gruppen.

Suchmaschinen wie Google und gegliederte Netzwerke strukturieren den Zugang zur Information im Web. Es geht um die maschinelle Bewertung der Qualität und Relevanz eines Dokuments. Die immer weitergehende automatische Klassifizierung von Daten, deren Indexierung und Auswertung sind das Herz der neuen Kommunikationsumgebungen. Dahinter liegt nicht nur der Versuch, weltweit Informationen zu organisieren, sondern auch menschliche Beziehungen zu klassifizieren.

Soziometrische Programme quantifizieren alle Bereiche des Lebens, um Verhalten mathematisch zu modellieren und vorhersagen zu können. In der boomenden Welt des Big data mining werden algorithmische Methoden zur Bestimmung politischen Einflusses, zur Analyse sozialer Dispositionen oder ansteckender Trends verwendet. Digitale Transaktionen bieten riesige Mengen an privaten oder halb privaten Daten persönlicher Vorlieben, die geerntet werden, um Alltagserfahrungen anzupassen und zu verändern.

Im Gegensatz zu populär aufgebauschten Irrtümern erfordert "Wisdom of the crowds" zumindest weitreichende Meinungsvielfalt und eine Dezentralisierung lokaler und unabhängiger Wissensquellen, um die Vielfalt der Interpretation von Informationen zu gewährleisten. Nicht zuletzt bedarf es geeigneter Mittel, um individuelle Urteile in kollektive Entscheidungen zu verwandeln.

Es sind daher Maßnahmen erforderlich, um dem Einzelnen Selbstermächtigung in digitalen Netzen der Informationsgesellschaften zu ermöglichen. Dazu gilt es, auch den Austausch zwischen Gesetzgebung, Verwaltung und Bürgerinnen neu zu regeln, um eine demokratische Kultur zu gewährleisten. Nur Informationsfreiheit und Open-Data-Strategien können Regierungen zur notwendigen Transparenz und damit auch zur Glaubwürdigkeit verhelfen. Wenn neue Handlungsfelder für politische Partizipation eröffnet werden, können vor allem auch die politischen Entscheidungsträger davon lernen. (Konrad Becker, DER STANDARD, Printausgabe, 13./14./15.8.2011)

Konrad Becker (52) ist Medienforscher, Künstler und Aktivist.

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17 Postings
Cellabe
00
15.8.2011, 15:30
Das Brot des Römers, ist die Angst des fetten

Westens.

Was täten SIE denn ohne diese unfassbare Angst?

Sie könnten sche***en gehen!

ganzsichernicht
 
01
15.8.2011, 13:14
...ANGST, ANGST, ANGST!!

wer fürchtet sich noch zu wenig? wir brauchen mehr ANGST in der bevölkerung! ANGST ermöglicht der politik auf wunsch der eliten das durchzubringen, womit auch diktatoren ihr ziel erreichen..ANGST macht müde, denkfaul, und gefügig.

ANGST formt die gesellschaft in eine 08/15 masse. und dann kann man die masse formen wies beliebt..."brauchts keine ANGST haben, volk, wir haben schon die lösung" -meingott, solange der "
mündige" bürger auf das vertraut, ist er verloren und versklavt!!

Diagnose: Fernsehvergiftung 3. Grades!
00
15.8.2011, 11:31
Von den heutigen Bürgerüberwachungsmöglichkeiten hätten Honecker, Ceaucescu & Co nur geträumt.

Nur wenige ahnen, wer sich aller der neuen Überwachungsmöglichkeiten bedient.
Z.B. unterhält die Kirche (heute, im 21. Jahrhundert) in jedem Bundesland sogenannte "Weltanschauungsreferate", in welchen über die Weltanschuung und den Glauben des einzelnen Bürgers, auch wenner gar nicht mehr zur Kirche gehört, minutiös Buch geführt wird wie seinerzeit bei der Stasi.

17+4
00
15.8.2011, 11:25
wie war:

"Es fehlen Mechanismen zur Wahrung von Vielfalt in der demokratischen Meinungsbildung, zur Schaffung von Räumen des kulturellen Austauschs im Interesse der Aufrechterhaltung universeller Werte
Ein Schattenparlament von Experten und Lobbyisten präsentiert sich einem Publikum, das über private Interessen in Verbindung mit diesen Meinungen und kalkulierten Darstellungen nicht informiert ist, als objektive Analysten"
... aber die Mechanismen gab es schon immer und sie werden nicht mehr angewandt, weil die Politiker sich den Blick auf das Volk (manchmal Souverän genannt) von den Experten verstellen lassen.
Siehe da Bankdirektoren, Pokitikwissenschaftler, Jounalisten usw.
Die demokratischen Strukturen gäbe es und man müßte sie nur wiederbeleben

Johannes Benn
02
15.8.2011, 09:19
.

informationsfreiheit und demokratische offene kultur -
wie waere es damit im kleinen anzufangen und den foromaten zu entschaerfen?

gebt den stevia frei
00
15.8.2011, 13:04

macht keinen sinn, solange poster das forum spammen können. da müsste man erst einen filter einbauen, mit jeder poster die freiheit hat andere poster zu "sperren".

oder sie outsourcen die kommentarfunktion per javascript, wie es immer mehr webseiten machen.

ich kreide es dem standard positiv an, dass sie es noch selbst machen.

Pacco
02
15.8.2011, 08:53
Der Artikel ist gut ...

... sehr gut: Nur, es fehlen konkrete und gute Beispiele für Massnahmen (Regulierung nennt es der Author) der Wissens- und Informationswelt im www.

So werde ich auch weiterhin unsere zwei Teenager täglich auf die Gefahren von facebook und twitter aufmerksam machen; werde weiterhin am Beispiel "Unruhen in GB", oder "Revolution im arabischen Raum" die Vor- und Nachteile von sozialen Netzen aufzeigen. Auch bewerte ich die Schulreferate (z.B. Energiequellen der Zukunft) unserer Kinder sehr kritisch, denn die Söhne haben nur ein billiges und nicht verifiziertes "cut&paste" von wikipedia und sonstigen Quellen erstellt (auch wenn der Professor im Gym ihnen einen tollen 1-er als Note gegeben hat).
Das alles führt zu intensiven Dikussionen zu Hau

gebt den stevia frei
00
15.8.2011, 14:07
Der Author spricht von Regulierung des öffentlichen Raumes,

nicht des Internets. Den Menschen muss Platz für Debatten und kulturellem Austauch gegeben werden. Stattdessen verkauft er den letzten Quadratmeter Raum an Immobilienspekulanten.

Statt direktem Austausch in Jugendclubs hängen die Jugendlichen in Internetcafes rum, um über Facebook vor aller Welt zu labern.

Statt auf Video aufgenommene Kunststücke und Dummheiten auf regionalen Film- und Spass-Festivals zu zeigen, wird es auf youtube hochgeladen, wo es später der potentielle Arbeitgeber sehen kann.

Statt auf öffentlichen Plätzen politische Debatten führen zu dürfen, werden diese nun in Internetforen geführt, wo Trolle es leichter haben zu stören. Und die Debatten will man durch Webseitensperren und -abschaltung noch zusätzlich erschweren.

Fritz Meyer
02
14.8.2011, 03:17
Der Abschied von der Demokratie...

läuft schon seit dem Ende des Kalten Krieges Stück für Stück ab.

17+4
00
15.8.2011, 11:26

richtig analysiert

www.lightyear2000.tumblr.com
23
13.8.2011, 13:01

genialer artikel, großartig! nur gehört er weiter rauf, damit ihn mehr leute lesen!

der schwitzbär der schwitzt sehr
022
13.8.2011, 01:45
demokratische, offene Kultur - träumen's weiter

nichts fürchten die "Eliten" mehr als sachverständige Bürger, die sehen, daß die Könige nackt sind

und sie sind pudelnackt

Utrilitn
01
14.8.2011, 11:09
Der "sachverständige Bürger"

.
Den "sachverständige Bürger" als eine breite Bewegung ist eine Fiktion.

Das setzt voraus, daß man sich die ARBEIT macht, sich zu informieren. Was mühsam ist.

Es ist ja bekannt welche Zeitungen in Österreich gelesen werden. Warum sollte sich das online ändern.

Trotzdem, die OpenData-Idee ist sehr wichtig.

avision
00
13.8.2011, 09:13
Die Eliten und ihre Knechtschaft ...

Ähnlich wie es mit der Verwirklichung
von wirtschaftlichen Werten steht, so steht es auch mit der Verwirklichung gewisser moralischer Forderungen, insbesondere mit der fundamentalen Forderung nach Freiheit und Menschenwürde. So empfand ein Großteil der Bürger der Vereinigten Staaten den Fortbestand der Sklaverei in den Südstaaten als eine unerträgliche Schmach und als unvereinbar mit ihrem Gewissen; jedoch sie mußten die Aufhebung der Sklaverei mit einem furchtbaren Bürgerkrieg erkaufen.

Und Ähnlich steht es mit dem Fortschritt der Wissenschaft der gegenwärtig zur Verlängerung und zur Bereicherung unseres Lebens beiträgt; jedoch es ist fraglich, ob er zum Glück und zur Zufriedenheit der Menschen beigetragen hat.
- Karl R. Popper

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
13.8.2011, 14:07
Nein --- bitte lesens Wiki Am. Bürgerkrieg "Ursachen"

"Tatsächlich aber gab es in den Nordstaaten keine Mehrheit für die Abschaffung der Sklaverei. Die Abolitionisten blieben selbst während des Krieges in der Minderheit. Auch Abraham Lincoln, der Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei für das Wahljahr 1860, trat nicht für die Abschaffung der Sklaverei ein"

"Beide Seiten verneinten später, dass die Sklavereifrage der Grund für den Ausbruch des Bürgerkriegs gewesen sei"

Es war eine klass. Folge der ind. Revolution:

- Norden wollte Schutzzölle, um seine Industrie aufzubauen

- Süden produzierte 2/3 aller Exporte

Der Streit wogte seit der Wirtschaftskrise 1857 und drohte die Union zu spalten

Menschenrechte waren, wie bei der Abschaffung des Sklavenhandels, nur vorgeschoben

avision
00
14.8.2011, 09:39
Ursachen und ...

Spielregeln...

Erst wenn es keine Tiere, Bäume ... mehr gibt, wird der Mensch - das intelligenteste Säugetier der Erde - feststellen, dass Geld (Gold) es nicht schafft, uns ausreichend zu Ernähren.

Oder anders gesagt: die Welt ist auch nur eine Osterinsel!

Quatremère
02
12.8.2011, 21:33

zB: mein computer (windows) erdreistet sich, in der ordnerverwaltung meine musikdateien mit sternchen zu bewerten. woher will er wissen, welche musik gut ist? wer steuert das?

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