Der Autor und Blogger Peter Glaser, Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs, beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit den digitalen Welten
STANDARD: Sie haben die Entwicklung der digitalen Welt seit Anfang der 1980er-Jahre verfolgt. Woher rührte Ihr Interesse für den Computer?
Peter Glaser: 1978 sagte eines Tages ein Freund, er habe zu Hause einen Computer. Das war so, wie wenn heute jemand sagt: „Ich habe einen Antischwerkraftgenerator." Das musste ich sehen. Am Tisch stand eine Plastikschreibmaschine und dahinter ein kleiner Fernsehapparat. Damals gab es ja bestimmte Begriffe noch nicht. Und dann ließ der Freud ein simples Basic-Programm ablaufen. Damals gab es keine Benutzeroberflächen, es wurde nichts vor den Nutzern versteckt. Das war ein Schlüsselmoment für mich, da ich jemand bin, der immer mit Sprache zu tun hat: Das war so eine Mischung aus Worten und Ziffern, die ich nicht verstanden hab. Mich befiel die Panik, ich muss das jetzt ganz schnell lernen, sonst ist mein Weg in die Zukunft abgeschnitten. Dieses Gefühl hat danach Millionen Menschen erfasst. Und dann fragte mich der Freund, ob ich etwas tippen will. Selbstverständlich wollte ich den Computer berühren. Das war ein großer Moment. Fernsehen konnte man nur konsumieren. Und nun tippte ich das Wort „Hallo" - und sofort war dieses „Hallo" im Fernsehen. Der Computer ermöglichte es also, in das geschlossene System zu gehen. Davor haben die großen Sendeanstalten ihr Programm über uns Niederlinge ausgegossen. Und plötzlich drehte sich das um. In diesem Moment wusste ich dunkel, dass sich da etwas Großes verändert.
STANDARD: War der Siegeszug des PC wirklich absehbar?
Glaser: Ja, ich war vom Erfolg des Computers überzeugt. Ich lebte damals in einer Wohngemeinschaft. Ich nervte die anderen, wenn ich nachts mit der Schreibmaschine schrieb. Eben dieses unregelmäßige Tipp Tipp Tipp. Mit dem Computer konnte man das Schreiben vom Geräusch abtrennen. Ich konnte lautlos schreiben. Und dann konnte ich ein unglaubliches Zahnarztbohrergeräusch machen: mit den damaligen Matrixdruckern. Aber ich konnte den Zeitpunkt bestimmen. Und es eröffneten sich neue Möglichkeiten: Man konnte Texte auf eine Art und Weise korrigieren, die vorher nur mit Tipp-ex und Herumschnipseln möglich war.
STANDARD: Setzten Sie den Computer nicht auch bei Lesungen ein?
Glaser: Ich war, glaube ich, der erste Schriftsteller, der sich mit ihm auf die Bühne gesetzt hat. Er machte ein bisschen Entertainment. Im zweiten Schritt schrieb ich ein Basic-Programm, das automatisch „Gedichte" erzeugt hat. Ich verwendete einen Satz aus dem Goethe-Gedicht „Still ruht der See" als Muster, das ich mit anderen Wörtern variieren ließ. Das war mein erster Gedichtgenerator. Ich gab ihm den Namen „Poetronic". Ich verschickte ein, zwei Disketten mit den Programmen und eine Bedienungsanleitung für den Operator. So eine Lesung gab es zum Beispiel in der Alten Schmiede in Wien mit mir ohne mich.
STANDARD: Das erinnert an Kraftwerk: Die Musiker ließen sich auf der Bühne von Robotern ersetzen.
Glaser: Ich lebte damals in Düsseldorf. Was mich viel mehr als die Puppen beeindruckt hat: Dass man auf der Bühne nicht nur Musikinstrumente verwenden, sondern ein komplettes Studio als Instrument betrachten kann. Denn Kraftwerk bauten ihr gesamtes Equipment auf der Bühne auf. Heute ist das runtergeschrumpft auf einen Laptop. Interessant ist aber noch ein Zweites: Mit Kraftwerk warf das Informationszeitalter schon seinen Schatten voraus. Denn sie hatten Maschinen, die Millionen Tonvariationen erzeugen konnten. Aber sie spielten Kompositionen, die so simpel sind wie Kinderlieder. Sie wählten also ganz genau aus. Ich begriff erst Jahre später, dass es bei den Informationsfluten darum geht, dass wir der Souverän bleiben.
STANDARD: War eine digitale Welt, in der alle miteinander vernetzt sind, in den frühen 80er-Jahren schon vorstellbar?
Glaser: Ja, im Sinne einer Utopie. Niemand hätte sich vorstellen können, dass die Berliner Mauer verschwindet. Das war ähnlich utopisch. Auch wenn es ein paar konkrete Hinweise gab, dass es sich in so eine Richtung hin entwickelt. Denn es gab große Firmen und Universitäten, die internationale Vernetzung betrieben. Wir kannten das Internet - ohne, dass wir den Namen kannten. Internet war Anfang der 80er-Jahre ein rein technischer Begriff, der Verbindungen zwischen nicht besonders kompatiblen Netzteilen beschrieben hat, so eine Art Zwischenstück. In den Diagrammen war es immer eine Wolke - die ja heutzutage wieder auftaucht: als Cloud - und in der stand: „Internet".
STANDARD: Damals war es ziemlich mühsam, ein E-Mail zu schreiben.
Glaser: Es gab eine sogenannte Bang-Pfad-Adressierung. „Bang" ist die englische Bezeichnung fürs Rufzeichen. Man musste die Namen aller Rechner, über die diese E-Mail lief, eintippen und dazwischen immer ein Rufzeichen machen. Wehe ein Buchstabe war falsch! Dann verschwand die E-Mail im Orkus. Es war eine Geheimwissenschaft. Aber man wusste, dass diese kostengünstige, schnelle Art, in alle Welt Briefe zu schicken, auch andere haben werden wollen.
STANDARD: Obwohl der Zugang für Bürger nicht vorgesehen war. Es gab ja keine Provider. So entstand der Chaos Computer Club...
Glaser: Ich stieß 1983 dazu. Es gab internationale Computernetze, die zu einem nicht unerheblichen Teil aus öffentlichen Mitteln finanziert wurden, von deren Existenz die Öffentlichkeit aber nichts wusste. Wir wollten in diese Netze - und das war die Geburtsstunde des Hackens. Das war weder legal noch illegal: Es war so neu, dass es nicht verboten war. Die gesetzlichen Grundlagen wurden in Deutschland erst 1989 geschaffen.
STANDARD: Der Chaos Computer Club sorgte mehrfach für große Aufregung.
Glaser: Zum Beispiel mit dem Nasa-Hack 1988. Das war ziemlich heikel, hinterher standen alle auf der Matte - das deutsche Bundeskriminalamt, Interpol, CIA, und so weiter. Wenn man damals versuchte, ein Rechenzentrum zu hacken, gab man normalerweise Zahlenkolonnen ein. Hier war es anders gewesen: Man gab die Namen Castor und Pollux ein, und plötzlich stand am Bildschirm auf: „Welcome to Nasa Headquarters." Das war natürlich sehr interessant. Was wir nicht wussten, weil wir wirklich naiv hineingestolpert waren: Die Nasa beschäftigte sich nicht nur mit der zivilen Raumfahrt, sie war auch zunehmend mit dem Militär verbunden. In das Nasa-Netzwerk waren diverse Rüstungsfirmen eingebunden, auch europäische. Über dieses Netz konnte man zum Beispiel in ein französisches Betonwerk finden, das die Kuppeln für Atomkraftwerke baute. Die brauchten für die aufwendigen statischen Berechnungen große Computer.
STANDARD: Informierte der Club nicht die gehackten Unternehmen über die Schwachstellen im System?
Glaser: Ja, damit sie behoben werden. Und wir berichteten darüber in der Zeitschrift „Datenschleuder", die ich viele Jahre als Chefredakteur betreut habe. Mitunter schauten wir Monate später noch einmal in die Rechner: Die Fehler waren immer nochvorhanden. Der Mensch ist die größte Schwachstelle des Computers.
STANDARD: Ist Hacken für Sie heute noch reizvoll?
Glaser: Ja, in dem Sinn, wie ich den Begriff kennengelernt habe. Er ist in den letzten 20 Jahren durch starke negative Aspekte überdeckt worden - durch Leute, die etwas kaputt machen, Dir Dein Geld wegnehmen oder Daten klauen wollen. Ich habe Hacken beim Chaos Computer Club als eine Lebens-, als eine Geisteshaltung empfunden: Es hat mit kulturellen wie politischen Freiräumen zu tun. Ich bin immer noch daran interessiert, zu experimentieren und Schwächen im System zu entdecken.
STANDARD: In den 80er-Jahren hatten Sie die Idee zu einem „Europäischen Tagebuch". Nahmen Sie damit Blogs vorweg?
Glaser: Vielleicht. Ich dachte mir, man könnte der Nachrichten-Realität eine Alternative entgegenstellen: Wenn die Menschen, über Computernetzwerke miteinander verbunden, den anderen erzählen könnten, was sie erlebt haben. Man könnte sich einen Eindruck davon verschaffen, was in Europa wirklich passiert - unabhängig von der Nachrichtenrealität des Fernsehens mit Schwenks über irgendwelche Konferenzen. Aber damals waren die technischen Schwierigkeiten noch zu groß, um das Projekt zu realisieren. Anfang der 90er-Jahre, während des Jugoslawien-Kriegs, stieß ich auf einen holländischen Peaceworker, der in Zagreb auf Englisch sein Tagebuch schrieb - und dieses über Computernetze verbreitete. Ich übersetzte die Texte ins Deutsche und verbreitete sie weiter. Das zog Kreise. Und führte dazu, dass mit Spenden Häuser wiederaufgebaut werden konnten.
STANDARD: Wie wird es weitergehen? Können wir den Angeboten Herr werden?
Glaser: Wir haben schon recht früh im Chaos Computer Club über Datenschutz diskutiert. Es gibt zwei Aspekte: Ich möchte nicht, dass jemand ungefragt auf meine persönliche Daten zugreifen kann und diese verkauft. Aber auch: Wie schütze ich mich vor Daten, die auf mich einstürzen? Der erste Gedanke war doch: „Wow, ich krieg jetzt 1000 Zeitungen umsonst!" Das muss man sich einmal in der analogen Welt vorstellen: Dass ein LKW jeden Tag zwei Kubikmeter Zeitungen vor der Tür ablädt. Für mich ist nicht der Müll im Internet ein Problem, sondern das Gegenteil: Es gibt so viele gute interessante Sachen. Ich weiß gar nicht, wann ich das alles lesen und anschauen soll. Es gibt daher eine neue Kulturform, die Partikelkultur: Wir schauen uns nur Ausschnitte an.
STANDARD: Wird die Angst vor dem gläsernen Menschen wachsen? Wird es Gegenstrategien geben?
Glaser: Mir fällt dazu eine Metapher ein: In den 1960er-Jahren gab es Telefonhäuserln - mit Dach und Tür, das war ein geschossener Raum. In den 70er-Jahren kamen die Schwingtüren, unten offen. Und heute gibt es nur mehr Schallschutzwannen. Das Handy hat jede Art von Architektur um das Telefon herum aufgelöst. Aber auch das Sozialverhalten hat sich geändert. Vor 20 Jahren ist man noch in den Nebenraum gegangen: „Entschuldigung, ich muss mal telefonieren." Heute toleriert man, dass überall telefoniert wird. Die Intimsphäre wird nicht mehr mitgedacht. Ein E-Mail ist auch nicht die Entsprechung eines Briefes: Bei G-Mail zum Beispiel liest ein Computer die Keywords ganz offiziell mit. Ein Großteil der Netznutzer sagt sich: „Ach was, ich hab nichts zu verbergen." Aber man schafft damit verhängnisvolle Grundlagen: Politiker, die nicht mehr so liberal denken, finden da einen fruchtbaren Boden für Zensur. Es kommt noch etwas hinzu: Meine Daten sind da, auch wenn sie mir weggenommen worden sind. Ich bemerke den Diebstahl nicht, es tut nicht weh. Aber erfolgreich ist eben alles, was die Bequemlichkeit fördert. Das Internet ist der donnernde Beweis dafür: Man kann zu Hause in seiner Nährlösung liegen - und alles konsumieren: Bücher, Zeitungen, Filme. Wenn ich früher wissen wollte, wie viel Grad es draußen hatte, ging ich zum Fenster, wo wir ein Thermometer picken haben. Heute schaue ich im Internet nach. Selbst die drei Meter zum Fenster sind mir schon zu mühsam. Faulheit siegt.
STANDARD: Zukunftsperspektive können Sie keine entwerfen?
Glaser: Ungern. Weil ich gesehen habe, wie rasch sich die Verhältnisse ändern. Ich kann nur einen Wunsch äußern: Die Hardware soll mehr oder weniger verschwinden, die Funktionen aber sollen bleiben. Meine Vorstellung ist: Ich setze mich auf eine Parkbank und im Laternenmast daneben ist eine Einrichtung, die erkennt, dass ich eine Verbindung ins Netz möchte. Sie wirft auf mein Hosenbein oder wohin auch immer eine Tastatur - und ich kann einfach lostippen. Mit der Cloud - Du brauchst keine Festplatte mehr - geht die Entwicklung schon in diese Richtung. (Thomas Trenkler, DER STANDARD Printausgabe/Online-Langfassung, 13. August 2011)