Was geschieht mit den Dingen, die man nicht googeln kann? Von Olga Flor
Wo die Dinge sind, die im Inter-netorkus verschwunden oder nie daraus aufgetaucht sind, Dinge, deren Bezeichnungen es nie über die Wahrnehmungsschwelle der gängigen Suchmaschinen geschafft haben. Bilden die ein Paralleluniversum, oder gar, warum nicht gleich, mehrere? Das würde zumindest die brennende Frage nach der Existenz von parallelen Welten klären und einen Hinweis darauf geben, wozu sie eigentlich gut sein könnten. Zum Beispiel als Pool ungeborener Webexistenzen, die dort ihr fröhliches netzsündenfreies Dasein führen.
Das heißt, googeln kann man selbstverständlich alles, man muss nur den fraglichen Begriff in das freundlicherweise bereitgestellte Eingabefeld eingeben. Dazu ist es ja da. Angenommen aber, es kommt nichts zurück, kein einziger Treffer, 0 bis 0 von 0 Ergebnissen, nicht einmal ein Zufallstreffer eines Wortes, das den Suchbegriff unfreiwillig und ohne böse Absicht in sich einschließt, wie etwa das Wort "Ergebnisse" die Nisse in sich trägt; dafür gibt es Verzeichnisse, und die sind auch verlaust. Was dann?
Dann befindet man sich entweder in einem Land wie China oder dem Iran und hat soeben ein dem Regime nicht statthaft erscheinendes Wort abgefragt, und schon das Anzapfen des Netzuntergrundes stellt einen subversiven Akt dar, den das entsprechende Regime fürchtet, doch das ist eine andere Geschichte.
Doch vorausgesetzt, die Möglichkeit staatlicher Zensur ist auszuschließen: Was bedeutet das Schweigen der Suchmaschinen?
Aus Recherchegründen starte ich eine Versuchsreihe, die keinen Anspruch auf Abgeschlossenheit oder Vollständigkeit erhebt, und stelle als Erstes fest, dass die Bedingung "0 bis 0 von 0 Ergebnissen" schwerer zu erfüllen ist, als man denken könnte. Ich suche mir also ein abseitiges Wort, eines, von dem ich annehme, dass es für ein zeitgenössisches Begriffsarchiv von untergeordneter Bedeutung ist, ich nehme das wohlklingende Hendiadioyn, fülle es ins Suchfenster ein, so werde ich umgehend über die richtige Schreibweise aufgeklärt (meinten Sie Hendiadyoin? sowieso) und bekomme gratis und frei Haus die Antwort, dass es sich um eine rhetorische Figur handelt, die sogar steigerbar ist. Dass die raffinierter klingt, als sie ist, und daher vor allem aufgrund ihres schönen Namens von mir bewundert wird, diese Information findet sich natürlich nicht. Das heißt, jetzt möglicherweise schon, nachdem dieser Text online verfügbar ist: ich habe also etwas geschrieben, was die Sammlung aller verfügbaren Texte verändert hat, eine online gestellte Aussage über die Menge aller online gestellten Texte greift also bereits in die Menge selbst ein, was eine für mich als Schriftstellerin unerwartete Wirkmächtigkeit des geschriebenen Wortes darstellt. Das könnte mir und meinesgleichen Mut machen.
Nebenbei bemerkt bekomme ich natürlich gleich Werbeeinschaltungen mitgeliefert, deren Inhalt auf das fragliche Fragewort und mein Surfverhalten abgestimmt ist. Schön und gut. Allerdings bringt mich diese Erkenntnis in keiner Weise der Klärung der Eingangsfrage näher, nämlich der, was mit den Dingen geschieht, deren Namen man nicht googeln kann. Werden die verschluckt von Singularitäten der Netzraumzeit? Verschwinden die in schwarzen Weblöchern? Respektive, korrekterweise, umgekehrt: Werden solche Begriffe von Cyberraumsingularitäten (Löchern im Netz) niemals ausgespuckt und in die Welt gesetzt?
Was uns zurück zum Pool der ungeborenen Wortseelen führt. Was wartet dort? Anders gefragt: Von welchen Begriffen ist anzunehmen, dass sie im Netz noch nicht auffindbar sind? Abgesehen natürlich von Ausdrücken aus noch unverschriftlichten Sprachen, die man zum mündlichen Chiffrieren hochgeheimer Dokumente verwenden könnte. Arbeitet doch an allen Ecken und Enden des Netzes - oder vielmehr an allen Knotenpunkten und Sackgassenendstellen - jemand daran, die Fülle an verfügbaren Wörtern zu erweitern um, zum Beispiel, die lexikalische Erfassung der Bezeichnungen von heute in Vergessenheit geratenen Haushaltsgeräten aus der Zeit Friedrichs des Großen.
Wortneuschöpfungen? Kommt auf den Versuch an. Nebelschlange: 1060 Ergebnisse. Für Netzverhältnisse praktisch unsichtbar, aber nicht ganz. Kein Wortgeist, ein scheintotes Wort. Im Verhältnis zu Hendiadyoin (20. 200) schon mehr auf der jenseitigen Seite. Die Steigerung des Hendiadyoins, die Hendiatris bringt es auch noch heimlich, still und leise auf 13.400. Erst bei der weiteren Wortanhäufung Hendiatetrakis schrumpft die Ergebnisliste auf erfreuliche 98. Das lässt Hoffnung keimen, den Geisterseelen der Wörter unterhalb des Ergebnishorizonts doch auf die Schliche zu kommen.
Nebelschlange ("meinten Sie: Nebelschlauch?" Moment: Nebelschlauch? Ebenfalls ein Wort, das ich für einen Geisterkandidaten gehalten hätte) bezeichnet übrigens eine japanische Fantasy-Figur, nichts mit Neuschöpfung. Auch eine Parallelwelt, japanische Fantasy, allerdings eine webspezifische.
Problematisches Geisterwort
Überhaupt ist der Versuch problematisch, ein solches Geisterwort zu finden, denn was hätte ich gewonnen, wenn ich ein Wort erfände, das im Netz nicht existiert, außer mir diese Erfindung gerade selbst bewiesen zu haben, sofern ich den Beweis per Suchmaschine zulassen will. Und das bedeutet letztlich den Versuch, die Existenz einer Welt jenseits der Suchmaschine unter Verwendung eben dieser Maschine zu beweisen, was naturgemäß nicht möglich ist.
Da haben wir's: Existenzbeweis per Suchmaschine. Ein zeitgemäßes Äquivalent zum Gottesbeweis, und auch der ist bis jetzt noch immer gescheitert. Die Zahl der Einträge für "Gott" allerdings (ungefähr 155 Millionen, sagte Google, das sich bei solchen metaphysischen Fragen auch nicht so genau festlegen will) macht Gott definitiv zu einer Internetexistenz, an der nicht zu rütteln ist.
Das hieße also, dass alles, was googlebar ist, existiert. Zumindest im Netz. Ob es darüber hinaus noch vorhanden ist, darüber lassen sich anhand der Einträge keine Aussagen treffen. Über die Beziehungen zwischen den Begriffen sagen die Suchmaschinen auch nichts, schon gar nichts über die Geisterbeziehungen von Geisterwörtern, doch die, und das ist das eigentlich Interessante, lassen sich noch völlig frei und unerfasst gestalten.
Angenommen, die Welt ist alles, was googlebar ist. Dann steht man vor dem Problem der Auswahlkriterien, da Internetsuchmaschinen, selbst ohne politische Zensur, keine gemeinnützige Unterfangen zur Erfassung aller verschriftlichten Denkmöglichkeiten darstellen, keine vollständigen Verzeichnisse der online-Bibliothek menschlicher Verbalerzeugnisse: Sie werden von Unternehmen mit Geschäftsinteressen ins Netz gesetzt, und die Versuchung, die Filterung entsprechend dieser Interessen einzusetzen, ist eine, der schwer zu widerstehen ist und sein wird.
Mit anderen Worten: Die Ergebnisliste des Netzexistenzbeweises per Suchmaschine ist vorgefiltert, und die Kriterien sind nur zum Teil bekannt. Google ist kein Open-Source-Programm, dessen Auswahlroutinen anhand des Codes erkennbar wären.
Damit ich hier auch einen Querverweis unterbringe: Open Source, also ein Programm mit einem Quellcode, in den jeder eingreifen, auf geradezu demokratische Weise zur Entwicklung des Produktes beitragen kann, ermöglicht es, ein bisschen Evolution zu spielen: Was weiterverwendet wird, wird evolutionär geadelt, der Rest verschwindet. Das ist bei genauer Betrachtung nicht so einfach: Spurlos tilgen lässt sich keine Internetexistenz, Netzexistenzen hinterlassen Schattenrisse, Verweishohlformen, die in blinden Verknüpfungen und Stichwortdatenbanken, Kopien und Zitierungen aller Art weiterbestehen. Was einmal im Web drin ist, geht nicht mehr heraus.
Wenn die Welt alles ist, was googlebar ist, stellt sich außerdem die Frage, was mit der Welt passiert, wenn sämtliche heutige Speichermedien das Zeitliche gesegnet haben werden. Und das wird früher oder später passieren, und dass rechtzeitig alle Netzdaten auf die jeweils aktuellen Speicherformen umgeschrieben werden, ist nicht anzunehmen: auch eine Form der evolutionären Selektion. Die Welt wird einen Haufen Schrott losgeworden sein.
Doch nicht nur: Auch sehr viel an Wissen, vor allem über die Verknüpfung zwischen verschiedenen Wissensanhäufungen. Die Verweisstruktur wird das auffälligste Manko sein, all die wunderschönen Abschweif- und Verzettelungsmöglichkeiten, die Internetwissen bietet und denen man immer wieder gerne folgt: Da kommt man von rhetorischen Figuren über eine Fußnote zu Griechenland zur Finanzkrise, schön und gut, recht und billig, von der zum Weltwährungsfond und so weiter.
Nein, die ganze Fragerei bringt nichts, keinen Erkenntnisgewinn jedenfalls, nur einen Text-, Verweis- und Suchmaschinenfutterzuwachs, und ob diese Welt oder eine der möglichen Parallelwelten darauf gewartet hat, ist fraglich. Schon wieder eine Frage. Wenn man nun aber eine Frageparallelwelt annähme? (Olga Flor, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 13./14./15. August 2011)
Olga Flor, geb. 1968 in Wien, aufgewachsen in Wien, Köln und Graz, ist
Schriftstellerin. Sie studierte Physik und arbeitete im Multimedia-
Bereich. Ihr erster Roman "Erlkönig" erschien im Frühjahr 2002. Zuletzt
erschien ihr Roman "Kollateralschaden" (2008) im Zsolnay-Verlag und
wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2011 war sie für den
Alfred-Döblin-Preis nominiert.