Die gedopte Gaming-Industrie Im zweitgrößten Land der Welt werden kreative Programmierer gesucht
16.000 Beschäftigte zählt die Videospiele-Branche in Kanada. Weltmarktführer USA hat bei fast zehn mal so vielen Einwohnern nur doppelt so viele. Nach Japan folgt Kanada bereits auf Platz drei. Entsprechend bedeutsam ist die Gaming-Industrie für die Wirtschaft des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Erde.
Subventionen
1,7 Milliarden kanadischer Dollar (aktuell 1,21 Milliarden Euro) trägt die Branche in nur einem Jahr bei. Dieser Wert soll in den nächsten beiden Jahren weiter um jeweils 17 Prozent auf schließlich 2,33 Milliarden Dollar wachsen. Der Höhenflug kommt nicht von ungefähr: Die kanadischen Provinzen geizen nicht mit Subventionen. Je nach Landesteil werden den Spieleherstellern 17,5 bis 40 (!) Prozent der Kosten für kreativ tätiges Personal erstattet. Und das nicht bloß in einer Startphase, sondern auf Dauer. Hinzu kommen Bundesförderungen für Forschung und Entwicklung .
Die Finanzminister hoffen auf Umwegrentabilität und sehen sich durch Studien bestätigt. Die personalintensive Branche sichert demnach neben den 16.000 eigenen noch weitere 11.000 Arbeitsplätze. Zudem werden sich die Entwickler nicht so bald durch Maschinen ersetzen lassen.
Vancouver
Während es Game-Studios in allen Provinzen gibt, bildete lange Zeit Vancouver den Schwerpunkt. Neben den Subventionen sprechen für die im Südwesten an der Pazifikküste gelegene Stadt auch ihr relativ mildes Klima und der hohe Lebensstandard. Vancouver liegt gemeinsam mit Wien immer wieder an der Spitze entsprechender internationaler Vergleiche.
Der von Electronic Arts (EA) errichtete Campus sticht besonders hervor.
Den 1.300 Mitarbeitern wird dort außer Betten fast alles geboten, echtes Fußballfeld inbegriffen. Dafür lassen sie lassen verschiedene Sportspiele entstehen. Weltweit unerreicht dürfte das unter dem "FIFA"-Label vermarktete Fußball-Spiel sein. Nimmt man alle jährlichen Ausgaben zusammen, wurden bereits mehr als 100 Millionen Stück verkauft.
Pro Woche spielen 2,5 Millionen Menschen mit. Auch NHL, NBA und Need for Speed Spiele erfreuen sich großer Beliebtheit.
Montreal
Doch inzwischen hat Montreal die Führung übernommen. In der nach Paris größten französischsprachigen Stadt der Welt sind die Subventionen mit
37,5 Prozent noch etwas höher und es hat sich ein Biotop aus Künstlern, Programmierern und Forschern entwickelt. Mit 2.100 Mitarbeitern ist die französische Ubisoft (Assassin's Creed) der größte Arbeitgeber. EAs BioWare (Mass Effect) hat über 700 Angestellte und 115 offene Stellen (Stand Juni 2011).
Toronto
Kürzlich ist die Nachbarprovinz Ontario auf den Zug aufgesprungen.
Investoren werden dort frappierende 40 Prozent der Kosten für kreativ tätiges Personal erstattet. Ubisoft will hier 800 Arbeitsplätze schaffen. Aber auch die Independent-Szene entwickelt sich. Von den rund
350 kanadischen Firmen, die Videospiele herstellen, finden sich über Hundert in Ontario, Tendenz stark steigend: Ihre Zahl hat 2010 um 50 Prozent zugelegt. Wirtschaftsmagnet Toronto gilt als weltweit internationalste Stadt der Welt, ist doch mehr als die Hälfte der Einwohner außerhalb Kanadas zur Welt gekommen. Zudem werden die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit der in Toronto besonders starken Filmindustrie betont.
Vernetzung mit der Filmwelt
Diese Zusammenarbeit wird im gesamten Land forciert. Zumal vernetzte Wirtschaften nachhaltiger sind, als rein auf Subventionen basierende Werkbänke. Morgen bietet vielleicht jemand anderer mehr Geld.
Entsprechend setzt die kanadische Strategie auf enge Kooperation der Gaming-Industrie mit "Hollywood Nord". Die kanadische Film- und TV-Branche kann aus einem Fonds zehren, der jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag ausschüttet. Im Finanzjahr 2011/12 stattliche 371 Millionen Dollar (264 Millionen Euro).
Allerdings fließt dieses Geld seit 2010 nur noch dann, wenn das Projekt von Beginn an eine digitale, interaktive Komponente aufweist. Die Spiele-Firmen freuen sich. Zudem ist ein kleinerer Teil des Fonds zu Gänze für interaktive Inhalte und Software reserviert.
Loblied in Moll
Angesichts dessen erstaunt es nicht, dass die Manager der kanadischen Gaming-Firmen ein kräftiges Loblied auf ihre Regierung anstimmen. Zum umfassenden Glück fehlt aber doch etwas: Die kreativen Programmierer, die die vielen offenen Stellen besetzen sollen. Die Absolventen kanadischer Universitäten können nur einen Teil des Bedarfs decken, zudem ist die Fluktuation in der Branche hoch.
Aus nordamerikanischer Sicht ist die Lösung einfach: Mehr Einwanderer.
Bereits nach drei Jahren kann man Kanadier werden
Das wird grundsätzlich auch von Parlament und Regierung unterstützt. Dabei werden weniger Gastarbeiter als vielmehr neue Staatsbürger gesucht, und zwar rund eine Viertelmillion pro Jahr. Bereits nach drei Jahren kann man Kanadier werden.
Aber bis man ins Land kommt, kann es schon ein Jahr dauern. Schließlich wird der Hintergrund jedes Bewerbers durchleuchtet, wobei auch ein Gesundheitscheck nicht fehlt. Und der zukünftige Arbeitgeber muss nachweisen, keinen Kanadier für den Job gefunden zu haben. Dieser Prozess dauere viel zu lange, so die oft gehörte Klage. Aus österreichischer Sicht ist das Jammern auf hohem Niveau. (Daniel AJ Sokolov)