Klassenkrieg

Die Reichen plündern insgeheim, die Armen offiziell

Gastkommentar | 12. August 2011, 10:40

In Großbritannien gehen junge, gelangweilte Leute auf die Straße und machen Randale, ohne zu wissen warum – diese Version der Geschichte birgt, wie jede dicke Lüge, die Wahrheit - Von Stefan Gärtner

Als ein nicht unerheblicher Teil Londons in Flammen aufgegangen ist, gab es im Grundsatz zwei Interpretationen: Tom Buhrow, der in den "Tagesthemen" so aussah, als komme er sich sehr gescheit vor, als er feststellte, er habe auf den Fernsehbildern keine Plakate mit politischen Forderungen wahrgenommen, und eine politische Demonstration sehe doch wohl, bitte schön, anders aus, stand für die erste. Auch die "Frankfurter Allgemeine" bemühte sich, die Ausschreitungen in erster Linie für Randale "without a cause" und "spaßgesellschaftlich grundierten Hooliganismus" zu halten, während ihre Münchner Konkurrentin der Wahrheit vermutlich näher kam: "Hier die Superreichen, unbefleckt von der Wirtschaftskrise - dort die Messerstecher, Schießwütigen, Plünderer, gestürzt vom Klippenrand einer bröckelnden Nation. In Großbritannien ist soziale Ungleichheit so festzementiert wie nirgendwo sonst in Europa. Wer sagt, die Krawalle kämen überraschend, lügt." Nach Auffassung des britischen Premiers Cameron wiederum geht es "den Randalierern um Diebstahl, nicht um Protest oder politische Aussagen".

Politischer Krawall

Was nun aber, wenn Diebstahl eine politische Aussage ist? Das Ausräumen einer Bank ist nichts gegen die Gründung einer Bank - Brechts Kalenderspruch mag den scheinbaren diagnostischen Widerspruch zwischen Hooliganismus hier und sozialer Rebellion da auflösen, denn niemand schlägt grundlos eine Scheibe ein, genauso wenig wie jemand grundlos einen Menschen in der U-Bahn tottritt, auch wenn Boulevardmedien das gerne behaupten. Mag sein, unter den Randalierern von London sind tatsächlich Hools, denen Gewalt Selbstzweck ist, die sich, schlicht gesagt, einfach gerne prügeln, und man weiß, dass unter denen, die an Wochenenden ins Stadion gehen, um den gegnerischen Fanblock aufzumischen, auch Bankangestellte sind. Aber es sind - Ausnahmen mögen auch hier die Regel bestätigen - immer die aus dem unteren Viertel der Gesellschaft, die treten, schlagen, plündern. Dass sie dabei in den seltensten Fällen ein politisches Programm haben, muss man ihnen nicht vorhalten, denn hätten sie je Gelegenheit gehabt, sich eins zu bilden, müssten sie das, was zu artikulieren ihnen nie jemand beigebracht hat, nicht ohne Worte ausdrücken. Was sich dem Vorwurf aussetzt, bloß das bequeme Schreibtischgerede von Gutmenschen und Sozialfuzzis zu sein, hat den Vorteil, dass es empirisch nicht zu widerlegen ist, denn auch wenn Kinder aus Gutverdienerhaushalten auf- oder sogar straffällig werden, ist fast immer von Verwahrlosung die Rede, die es durchaus auch als eine des Wohlstands gibt. Und doch seltsam jedenfalls, dass es keine Straßengangs gibt, die sich aus Privatschülern rekrutieren.

Es protestieren die Abgehängten

Die Beobachtung, dass physische, konkrete Gewalt gegen Sachen und Menschen ohne Umweltbedingungen, die diese Gewalt fördern, so gut wie nicht vorkommt, müsste für genügend Scham reichen, sich nicht als Regierungschef vor seinen Oxford- und Cambridge-Kumpanen aufzubauen und nach den Ursachen für Gewalt nicht einmal fragen zu wollen, wo man doch selbst für diese Ursachen bolzengerade einsteht. Dass in Tel Aviv die Menschen friedlich zelten, während Hackney und Tottenham brennen, hat hauptsächlich damit zu tun, dass in Israel die Mittelschicht demonstriert, in Großbritannien aber die Abgehängten auf die Straße gegangen sind, die wissen, dass ihnen in der exemplarisch starren Klassengesellschaft des Vereinigten Königreichs niemand zuhört, wenn sie nicht Zunder geben, und dass sie in Zeiten, wo es auch den Mittelschichten längst an den Kragen geht, sich die Studiengebühren in Großbritannien mehr als verdoppelt haben, jeder zweite junge Mensch in Spanien arbeitslos ist und jedes sechste deutsche Kind armutsgefährdet, nicht damit zu rechnen brauchen, es ändere sich irgendetwas zu ihren Gunsten. Schon eher ganz im Gegenteil. (Stefan Gärtner, derStandard.at, 12.8.2011)

Autor

Stefan Gärtner, The European, Jahrgang 1973, hat Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York studiert und schreibt u.a. Politessays für The European.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 192
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Alfred Fux
00
15.8.2011, 11:41
Das Volk produziert seine Hooligans immer selbst

Mir wird ganz schlecht, wenn ich mir vorstellen muss, ohne Einkommen zu sein, während schlipstragende Wichser aus Oberschicht und reichem Mittelstand Millionen an Bonuszahlungen PRO MONAT bekommen. Und das für NULL Leistung. Z.B. Ackermann: Der bekommt bezahlt soviel wie 750 Krankenschwestern. Dazu muss er ja wahrhaft Unglaubliches leisten, nicht wahr?

Kann Euch nur empfehlen "City Boys" zu lesen.
Geld ohne Bedarf, Bedarf ohne Geld. Dass das kippt ist sonnenklar, nur mag man es halt nicht hören. So wie die Bauern, die nicht wahrhaben wollen, dass das Gift, das sie am Acker versprühen, im eigenen Essen landet.

avision
01
13.8.2011, 08:41
Demokratie ist: Mitbestimmung bei wem ich in der SCHULD bin!

Marie von Ebner-Eschenbach:
"Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."

Freiheit ist und kann, nur die Freiheit des Andersdenkenden sein. – Rosa Luxemburg

Freiheit wird nicht mit dem Streben nach Freiheit, sondern mit dem Streben nach Wahrheit (Klarheit) erlangt. Freiheit ist kein Ziel, sondern eine Folge. Wenn du dich unfrei fühlst, so suche die Ursache in Dir. – Leo Tolstoi

Wie einst Demokrit sagte:
>>Ich ziehe das karge Leben in einer Demokratie dem Reichtum unter einer Tyrannis vor<<, und >>Die Armut in einer Demokratie ist besser als aller Reichtum unter einer Aristokratie oder einer Alleinherrschaft, denn die Freiheit ist besser als die Knechtschaft.<< Karl R.Popper

Gerhard Gilnreiner
 
00
13.8.2011, 08:35
Jedenfalls werden Probleme ausgesprochen....

student05
00
13.8.2011, 08:04

"es hört ihnen niemand zu wenn sie nicht Zunder geben"
Ihr Artikel ist menschenverachtend und naiv gleichzeitig. Diese "politischen" Aufständischen haben teilw. aus purer Lust am Töten ihre Mitmenschen umgebracht oder sind dabei gücklicherweise gecsheitert. Und sie haben die Lebensgrundlage ihrer (grossteils am Limit lebenden) Nachbarn zerstört. Politisch - dass ich nicht lache... Haben sie mal deren Aussagen gehört?! Aber aus der Distanz bei Latte Macchiato - sind das natürlich tolle Anti-Kapitalistische Revolutionäre. Man greift sich an den Kopf... glücklicherweise wurden Leute wie '89 endgültig von der Geschichte überholt...

Alfred Fux
00
15.8.2011, 11:50
Ihre Fehleinschätzung hat ihre Ursachen

bestimmt in einem Mangel an Lebenserfahrung. Anders kann ich mir ihr dumpfes Posting nicht erklären. Wenn Sie Ihre Bedürfnisse weiter befriedigt haben wollen, dann achten Sie besser drauf, dass das auch Anderer tun können. Egal was Sie über sozial Ausgegrenzte denken und welches Kastldenken Sie dazu bemühen, die Realität läßt sich nicht aufhalten. Eines Tages werden diese Menschen in Ihr Leben 'reintreten. Es wäre besser für Sie, an der Vermeidung von Ausgrenzung und sozialem Gefälle mitzuarbeiten, anstatt die Betrofffenen gedankenlos abzuqualifizieren. Ignoranz rächt sich.

knick
00
14.8.2011, 11:36
Na, sind scheints insider!

Barnaba Cecchini
00
14.8.2011, 11:10

"aus der Distanz bei Latte Macchiato - sind das natürlich tolle Anti-Kapitalistische Revolutionäre."

Schliessen Sie das aus der "Beobachtung, dass physische, konkrete Gewalt gegen Sachen und Menschen ohne Umweltbedingungen, die diese Gewalt fördern, so gut wie nicht vorkommt"?

Mir scheint, Sie haben den Artikel nicht wirklich verstanden...

J. Reichhart
01
13.8.2011, 07:58
die überschrift muss lauten:

die reichen plündern legal, die armen werden kriminalisiert.

Alfred Fux
00
15.8.2011, 11:31
Nun, legal plündern die Reichen auch nicht.

Der Unterschied liegt in der Beurteilung von Verbrechen es sie die Banker begehen und der Gewalt, die unmittelbar zu spüren ist. Die Reichen Plünderer sorgen für Millionen Tote, Armut und sozialen Unfrieden. Aber eben nicht direkt. Und dagegen ist kein Gesetz gemacht worden. Wäre auch schwer möglich, den die Justiz wird ja von derselben Kaste vertreten, die uns langsam aber sicher die Luft zum Atmen nimmt. Wer sowenig zu verlieren hat, dass er für seine Aktionen Knast in Kauf nimmt, dem hat man zuviel genommen. Zu dieser Einsicht finden die Goldener-Löffel-Im-Arsch-Leute wie Cameron nicht. Armut ist jenseits ihrer Vorstellungskraft und dort soll sie nach ihrer Meinung auch bleiben. Mal sehen, wann downing street 10 brennen wird.

sanjoaquin
 
00
13.8.2011, 07:44
Politisch motiviert?

Typen, die andere Menschen in der U-Bahn tot treten, sind also politisch motiviert, Freiheitskämpfer sozusagen? Im Rahmen der Meinungsfreiheit darf jeder das behaupten, aber unter demselben Aspekt erlaube ich mir zu sagen: "So ein Schmarren!"

lessismore
00
13.8.2011, 01:24

David Harvey, "Feral Capitalism Hits the Streets":

http://www.counterpunch.org/harvey08122011.html

Ruben Weil
01
13.8.2011, 01:11
Ist es schizophren

sich manchmal selbst dabei zu ertappen wenn man Verständnis für solche Ausschreitungen zu entwickeln beginnt? Zum Beispiel wenn bei der Lohnsteuer der letzte Cent berechnet wird und in den Nachrichten von dreistelligen EU Milliardenhilfen die Rede ist? Oder wenn man seine letzte Gehaltserhöhung am nächsten Tag gleich wieder in den Tank des Autos füllt. Oder wenn man Begriffe wie Geldschöpfung oder Giralgeld googelt?

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
01
13.8.2011, 01:38
Zum lachen o. weinen? Oder: den letzten beissen die hunde...

Aus wikipedia: "Die Zentralbank erhebt auf den von ihr an die Geschäftsbanken vergebenen Krediten die sogenannten Leitzinsen. Die bei der Kreditvergabe der Zentralbank an die Geschäftsbanken vergebenen Gelder werden der Zentralbank in Höhe der Leitzinsen verzinst. Dieser Zinsaufwand der Geschäftsbanken ist ein Grund, warum sie von den Kreditnehmern für das „ex nihilo“ (aus dem Nichts)(!) geschaffene Kreditgeld höhere Zinsen als die Leitzinsen fordern.

Die direkte Vergabe von Krediten an die öffentliche Hand durch die Zentralbank ist im Euroraum seit der zweiten Stufe der Europäischen Währungsunion von 1994 verboten(!), d. h. der Staat muss(!) sich Geld bei Geschäftsbanken bzw. am Rentenmarkt leihen."

Markus Wagner
00
13.8.2011, 17:14

Geld wird nicht "aus dem Nichts geschaffen" sondern aus dem Umlauf ...

Gerhard Gilnreiner
 
00
13.8.2011, 08:37
Schön und klar formuliert.....

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
01
13.8.2011, 01:10
Die "entscheidungsträger" plündern grenzlegal -

- "legitmiert" durch sie selbst.

Der mittelstand ist immer noch der handlanger der "machthaber" u. das bollwerk gegen die ärmeren!

Die abstossend verrohten Hooligans sind letztlich das produkt eines menschenverachtenden staatssystems!

thomas bernhard2
 
00
13.8.2011, 00:13
es kommt

der wutausbruch, der berechtigte wutausbruch in kürze zu uns, endlich, und die metternichschen sbg. festspiele incl. derer hochbezahlter künstler, raffen noch schnell zamm. armselig.

die ersten scherben v bankfenstern werden zu terroranschlägen erklärt , die macht wird wie in syrien zuschlagen, werden sie doch von den 2 % reichen in unsrem staat bezahlt.

es wird neue nürnberger prozesse geben, und die dreckskerle werden von aller brutalster korruption nie nimmer nix gewußt haben.

wartet nur - es wird ein heulen und zähnknirschen geben.

Armin Bierbauer
00
13.8.2011, 11:29

Düster, aber nachvollziehbar. Ob wünschenswert, darüber bin ich mir noch nicht im Klaren.

nukularteilchen
02
12.8.2011, 23:12

Sollten wir nicht in den Gegenden wo die Reichen wohnen demonstrieren und Ihnen zeigen das wir deren Raubzug an der Gesellschaft nicht wollen? Wenn man via Facebook schon hunderte zu Parties locken kann wird es wohl möglich sein dort zu demonstrieren wo die wahren Raubritter in Anzügen hausen. Randalieren bei denen die eh nix haben oder Supermärkte an zu zünden bring doch nichts.

thomas bernhard2
 
00
16.8.2011, 21:25
ja, geben sie ort und datum ein, sofort dabei, aber echt !

Erwin Wolfram
03
12.8.2011, 22:09
Uebersetzung

Nachdem wir Journalisten 10 Laender ins Chaos gestuerzt haben um uns Terrorgeschichten zu sichern ist uns eingefallen, dass die UK eine starke Armee haben und wir Nazijournaillie sogar ein Hirn haben um zu denken und sogar fragen koennen.

francesco11
00
13.8.2011, 01:10
???????????

soll wohl irgendwie ironisch/SARKASTISCH sein.
wen meints, wen triffts, wen kratzs?

thomas bernhard2
 
00
13.8.2011, 00:06
der, der war gut !

ichbinsofrei.net
00
13.8.2011, 00:01
Nazijournaillie

Da gehört aber der Gärtner definitiv nicht dazu.

freakalien
29
12.8.2011, 21:12

Absoult treffende analyse..... Das die massenmedien so einen kommentar nicht bringen is ja wohl auch logisch, da sich diese ja in den haenden des kapital befinden das " geschuetz werden muss. interessant aber dass der verursachte schaden der "hools" gerade mal 300 millionen ausmacht.... der schaden den aktienspekulationen taeglich an der gesellschaft und dem gemeinwohl anrichten duerfte im milliarden bereich liegen....ganz abgesehen die laerlichen fuenf todesopfer dies in GB bis jetzt gab, der entfessselte turbokapitalismus schafft fuenf tote pro minute....

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