Die europäische Idee ist mehr als ein Binnenmarkt

Leser-Kommentar | 12. August 2011, 09:11

Die Identifikation mit dem "Projekt" Europa ist entscheidend

Der europäische Integrationsprozess steht immer wieder zur Disposition. Die Währungsunion, die Brüsseler Auflagen, mit denen man sich regelmäßig konfrontiert sieht, der Stabilitätspakt, die Finanzkrise in Portugal und nicht zuletzt die Finanz- und Staatskrise in Griechenland - um lediglich einige Gegebenheiten aufzuzählen - erweisen sich als Katalysator zentrifugaler Kräfte, die den europäischen Staatenverbund immer wieder in Frage stellen. Kürzlich stellte Dänemark die Grundfeste Europas mit seinen Ambitionen, die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen, zur Disposition.

Die politischen Eliten Europas arbeiten auf Hochtouren, um eine kollektive europäische Identität zu fördern und die Vorstellung eines vereinten Europas der Regionen in den Köpfen seiner Bevölkerung zu verankern. Ein europäisches Parlament, EU-Informationszentren, europäische Fördertöpfe - immer häufiger weisen Schilder an Baustellenzäunen auf eine EU-Förderung hin - und eine Gemeinschaftswährung wurden geschaffen.

Die europäische Idee resultiert ursprünglich aus sicherheitspolitischen Aspekten. Mittlerweile überwiegen jedoch wirtschaftliche Interessen gegenüber politischen. Wirtschaftsinteressen und Marktmechanismen bestimmen in immer stärkerem Maße die politischen Entscheidungen.

Der Euro ist nicht nur eine Währung

Im Rahmen der Griechenlandkrise wird der Euro aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten immer wieder in Frage gestellt. Die Top-Ökonomen Europas beschwören die Wiedereinführung der Drachme und den Ausschluss Griechenlands aus der Währungsunion. Dabei werden einheits- und identitätsstiftende Wirkungen der europäischen Gemeinschaftswährung gänzlich ausgeblendet.

Der Euro ist das zentrale Symbol der Europäischen Union. Jeden Tag geht er durch die Hände von Millionen Menschen. Die Menschen identifizieren sich mit dem Euro als ihrer Währung. Seine Wirkungskraft im Hinblick auf die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls innerhalb eines Europas der Regionen ist um ein Vielfaches höher als eine gemeinsame Fahne, ein europäisches Parlament oder Schilder, auf denen eine EU-Förderung vermerkt ist.

Ein Europa ohne Euro ist wie ein Baum ohne Wurzeln

Ansgar Belke, Forschungsdirektor für Internationale Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, warnt vor einer Herabstufung Frankreichs durch die Rating Agenturen und einem möglichen Auseinanderbrechen der Euro-Zone.

Das Projekt Europa kann nur funktionieren, wenn seine Bürgerinnen und Bürger sich damit identifizieren sowie daran glauben. Der europäische Integrationsprozess darf nicht primär in Abhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen gestaltet, sondern muss durch demokratisch legitimierte Volksvertreter gesteuert werden. Die europäische Idee ist mehr als ein Binnenmarkt. Sie ist eine in Vielfalt vereinte Lebensgemeinschaft europäischer Bürgerinnen und Bürger. Für die Verwirklichung dieser Idee ist der Euro ein unverzichtbares Element. Sollte die Währungsunion auseinanderbrechen, ist der europäische Integrationsprozess am Ende. (Leser-Kommentar, Philipp Legrand, derStandard.at, 12.8.2011)

Autor

Philipp Legrand, Diplom Sozialwissenschaftler, studierte Politikwissenschaften, Soziologie, Sozialpsychologie und Betriebswirtschaftslehre in Hannover. Seit 2008 ist Legrand in der Erwachsenenbildung im Bereich der Seminar- und Projektarbeit tätig. Derzeit arbeitet er an dem Aufbau eines Minderheitenkompetenzzentrums. Er ist Begründer und Koordinator der EU-Projekts "Minderheiten im europäischen Integrationsprozess".
Web: www.philipplegrand.de

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 46
1 2
vgnuser
00
28.11.2011, 21:56
horrend dumme..

glorifizierung des euro-götzen. von solchen artiklern leben die angstmacher und euro-profiteure.

europa braucht eine funktionierende Wirtschaftsgemeinschaft ( hatten wir doch ! ) und selbständige, verantwortliche einzelstaaten inter pares. der übergstülpte euro über alles ist das grundproblem !

Plinius
00
15.8.2011, 12:10
guter Artikel!

jedes Wort zu unterstreichen!

folge dem Hamster und seinem Einkauf
00
15.8.2011, 06:58
Er ist Begründer und Koordinator der EU-Projekts "Minderheiten im europäischen Integrationsprozess".

Minderheiten bei einem Integrationsprozess. aha
In erster Linie sind wir alles Menschen. Dann Europäer. Ich weiß nicht was der mit der Minderheit andeuten mag?

folge dem Hamster und seinem Einkauf
00
15.8.2011, 06:28

die Überschriften sind wunderbar ausformuliert.

"Keine Macht den Tomatenaugen!"
"Die europäische Idee ist mehr als nur ein Bauernmarkt!"
"kauft nicht fair"
"macht was ihr wollt, aber ich reden auch mit!"
"sensationell dämliches Posting!"
"ach l...s mi do"!

Von Lenin lernen heißt siegen lernen
 
23
14.8.2011, 18:20
und vor allem braucht sie so nötig wie einen Kropf

eine Eurozone. Die europäische Idee braucht selbstständige Staaten, die ihr Haus aus eigenem in Ordnung halten. Staaten, die dazu gezwungen werden müssen, ihr Haus in Ordnung zu halten, wie es jetzt geschieht, werden mit der Saat der Uneinigkeit, des Unfriedens, der Empörung infiziert und irgendwann kommt der Hass dazu.

christoph hofbaur
00
15.8.2011, 17:37

wenn ich sie richtig verstehe, wollen sie im 21jhdt kleinlichen regionalen nationalismus und ihren nick folgend kommunismus foerdern?

Jepedaia Springfield
02
14.8.2011, 11:37
ob die Bürger Europas, dass so wollen ist fraglich!

es wurde noch keine Volksabstimmung zur EU Integration abgehalten. Ohne die Bürger wird es aber nicht gehen!

nvidia
 
01
15.8.2011, 14:04

Eine Volksabstimmung wird es auch nicht geben, denn dan wäre das Projekt Europa samt Euro Geschichte und das können und wollen die Politiker nicht zulassen.

uncle sam3
00
14.8.2011, 10:48
viele ambitionen

wenig ahnung.

wenn man nicht einmal den euro in den griff hat, sollte wir dann wirklich noch mehr "europa" schaffen, oder eher abwarten und schritt für schritt änderungen einführen?

Fritz Meyer
00
14.8.2011, 03:19
Dann wird es Zeit...

dass die EU endlich einmal ein richtiges demokratisches Fundament und einheitliche soziale Standards etabliert.

Jake Gittes
01
13.8.2011, 16:58

Wenn man in der Überschrift das "als" weglässt, stimmts eigentlich viel mehr.

Silvio Lackner
211
13.8.2011, 13:48
Ohne gleichzeitige soziale Revolution kann nix Neues entstehen.

Die EU in iherer derzeitigen Form IST eben nur Binnenmarkt, IST freier Marktzugang für die Großen zu Lasten regionaler Strukturen, IST Förderung des Transits anstatt regionaler Kreisläufe, IST die Vorstellung, dass Markt sozialen Kitt ersetzen kann, IST ein immer weiter Abrücken von lokaler Selbstbestimmung, IST ein scheußliches europaweit ausuferndes Englishradebrechen zu Lasten feiner Sprachnuancierung (=Sprachverlust statt Vielfalt: siehe Wissenschaft), die EU SCHERT Europa über einen Kamm bei gleichzeitiger Behauptung des Gegenteils, die EU IST wenig konkret wenn es um die Vorteile von Hinz und Kunz geht und hat statt dessen tonnenweise schönfärberische Programmatik parat.

supersepp
02
13.8.2011, 13:37
ach was

die eupäische idee ist ein binnenmarkt bei gleichzeitigem verweigern jeder ernsthaften demokratischer kontrolle darüber- besichert durch einen überwachungsstaat. damit lassen sich gute geschäfte machen ohne jeglichen widerstand fürchten zu müssen. staaten kann man gegeneinander auspielen etc. - alles gut

tycho
17
13.8.2011, 12:58
"Ein Europa ohne Euro ist wie ein Baum ohne Wurzeln"

Ich würde eher sagen "Ein Europa ohne DEMOKRATIE ist wie ein Baum ohne Wurzeln"

Wurden die Europäer gefragt ob sie eine gemeinsame Währung implementieren möchten? Wurden sie zum Vertag von Lissabon befragt?

Was haben sie überhaupt mitzureden in Europa? Ach ja genau, alle 5 Jahre EU-Parlament wählen, also in Österreich zukünftig 19 von 750 Parlamentariern für eine Institution die nicht mal ein Recht auf Gesetzesinitiative hat.
Einheitliches Wahlsystem in den einzelnen Staaten? Fehlanzeige.
Direkte Demokratie?
Fehlanzeige.

Damit soll ich mich als Bürger indentifizieren und daran soll ich glauben damit das Projekt funktioniert, das soll eine kollektive europäische Identität fördern?

Schnapphahn
27
13.8.2011, 12:17
So, jetzt mache ich mich einmal so richtig unbeliebt unter den hiesigen Kampfpostern.

Der nächste logische Schritt wäre eine frei von allen Bürgern gewählte Europäische Regierung mit einem Europäischen Finazministerium, einem Europäischen Außenministerium und einer einer Europäischen Armee. Die einzelnen Länder sollten alle dies Kompetenzen an die Regierung des vereinigten Europa verlieren.
Auch die Sozialsysteme der einzelnen Länder sollten angeglichen werden.
Die aktuelle Krise hat es gezeigt. Als eigenständige Länder haben die Europäer keine Überlenenchance mehr.

Gunigund hat Gold im Mund
11
14.8.2011, 21:58

so nach dem motto: jetzt erst recht. und ein europäische arme und ein europäisches finanzministerium natürlich ohne demokratischem willensentscheid und ohne eine einem parlamentarismus, der es auch wert ist, ihn als solchen zu bezeichen.

Schnapphahn
00
15.8.2011, 07:13
Wenn Sie mein Posting verstanden hätten,

dann hätten Sie auch realisiert, das ich "frei von allen Bürgern gewählte" geschrieben habe.

Das nur nebenbei!
11
14.8.2011, 20:47

Dem stimme ich 100%ig zu. Leider verwechseln viele die EU mit echter europäischer Einigung.

Die Gegner tun das, weil sie glauben, dass europäische Einigung nicht möglich ist; nach den Erfahrungen mit einer marktpolitisch orientierten, undemokratischen Elite.

Die Beführworter tun das, weil sie glauben, dass es möglich ist das Szepter eben diesen Menschen wieder abzujagen. Durch die demokratischen Prozesse.

Leider sieht die Wahrheit (IMHO) anders aus: Ohne radikale Änderungen wird ein Europa des vorigen Jahrhunderts nicht mehr lange "vorne mit dabei sein" (Wohlstand, etc.). Eine große, echte Union ist die einzige Lösung.

Eigenbrödlerei und -blödelei stehen aber besonders hierzulande hoch im Kurs. :/

blauwal
 
11
14.8.2011, 11:37
und wer zahlt??

und wer erarbeitet u. finanziert die gemeinsamen sozialsysteme?? der deutsche u. der österreicher ???
da gibt es dann nur 2 möglichkeiten. die belastungen der deutschen u. össis steigen nochmals enorm o. die bevölkerung dieser staaten verlieren den größten teil ihres sozialsystems weil unfinanzierbar.

Andreas Prucha
00
15.8.2011, 04:51

Gemeinsame Sozialsysteme bedeuten nicht unbedingt einheitliche Beträge, sondern können einfach gemeinsame Standards bedeuten. Gemeinsame Mindeststandards hätten einen grossen Vorteil: es gäbe kein Sozial- und Steuerdumping.

Alois Kremnitzer
25
13.8.2011, 10:59
EU = Friede, Freiheit, Wohlstand

Ein sehr begrüßenswerter Artikel! Mir fehlt nur der Aspekt der Freiheit. Die EU ist gegründet worden, um Friede, Freiheit und Wohlstand in diesen Kontinent zu bringen.
Es ist richtig, dass 50 Jahre nach der Gründung noch lange nicht alle Ziele realisiert sind. Das liegt vorwiegend daran, dass die politischen Vertreter der - derzeit - 27 Mitglieder ihre Integration auf demokratische Weise vollziehen sollen und immer im Spannungsfeld zwischen Europa und der (stimmen-bringenden) Meinung eigenen Gemeindebau leben.
Aber alle, auch die kleinsten Fortschritte sind Meter auf dem richtigen Weg.
Die Einführung des EURO war eine Großtat des Hauses Europa und sollte nun mit allen verfügbaren Mittel verteidigt werden.

Der Schronk
00
13.8.2011, 09:31

Die derzeitige Situation ist nicht optimal. Ein Sammelsurium von Kompromissen zwischen Nationalisten und Europäern. Irgendwann muss sich jeder einzelne Teil der EU fragen?
"Zurück zu Nationalstaaten mit evtl einem Zollfreien Europa" oder "eine Bundesrepublik Europa mit Kulturzonen". Letzteres ist mein Wunsch, sofern die Basis eine modernst demokratische Verfassung ist.

Leider traut sich niemand diese Frage zu stellen, solange sämtlichen nationalen Probleme von sämtlichen Regierungen auf die EU geschoben werden.

.MS.
14
13.8.2011, 01:36
Die europäische Idee WAR mehr als ein Binnenmarkt

Leider hat man aber auf alles andere vergessen und nur den Binnenmarkt umgesetzt. Das Projekt ist defacto bereits gescheitert - es gibt keine entschlossene gemeinsame Politik die dem selbst geschaffenen, großen Markt gegenüber steht.
Der Traum von Bürgern die sich mit Europa identifizieren ist in weite Ferne gerückt, weil Europa für die Bürger mehr Ängste, Sorgen aber auch tatsächliche Nachteile als Vorteile bringt.
Im Kampf gegen den Abstieg werden die Europäischen Verträge zu unverbindlichen Absichtserklärungen.

supersepp
00
13.8.2011, 13:38
das ist kein zufall

für die banken und die fanianzelite ist das viel besser so. sie können spielen und ie anderen müssen zuschaeun. daher werden wir nie ein demokratisches europa sehen.

Bitte rechts stehen!
 
22
13.8.2011, 00:42
Ein Europa ohne Euro ist wie ein Baum ohne Wurzeln

Mein Sprichwort dazu lautet: Eine Europa ohne Euro ist wie ein Wald ohne Räuber.
Ist das nicht viel zutreffender?

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