Die Identifikation mit dem "Projekt" Europa ist entscheidend
Der europäische Integrationsprozess steht immer wieder zur Disposition. Die Währungsunion, die Brüsseler Auflagen, mit denen man sich regelmäßig konfrontiert sieht, der Stabilitätspakt, die Finanzkrise in Portugal und nicht zuletzt die Finanz- und Staatskrise in Griechenland - um lediglich einige Gegebenheiten aufzuzählen - erweisen sich als Katalysator zentrifugaler Kräfte, die den europäischen Staatenverbund immer wieder in Frage stellen. Kürzlich stellte Dänemark die Grundfeste Europas mit seinen Ambitionen, die Grenzkontrollen wieder aufzunehmen, zur Disposition.
Die politischen Eliten Europas arbeiten auf Hochtouren, um eine kollektive europäische Identität zu fördern und die Vorstellung eines vereinten Europas der Regionen in den Köpfen seiner Bevölkerung zu verankern. Ein europäisches Parlament, EU-Informationszentren, europäische Fördertöpfe - immer häufiger weisen Schilder an Baustellenzäunen auf eine EU-Förderung hin - und eine Gemeinschaftswährung wurden geschaffen.
Die europäische Idee resultiert ursprünglich aus sicherheitspolitischen Aspekten. Mittlerweile überwiegen jedoch wirtschaftliche Interessen gegenüber politischen. Wirtschaftsinteressen und Marktmechanismen bestimmen in immer stärkerem Maße die politischen Entscheidungen.
Der Euro ist nicht nur eine Währung
Im Rahmen der Griechenlandkrise wird der Euro aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten immer wieder in Frage gestellt. Die Top-Ökonomen Europas beschwören die Wiedereinführung der Drachme und den Ausschluss Griechenlands aus der Währungsunion. Dabei werden einheits- und identitätsstiftende Wirkungen der europäischen Gemeinschaftswährung gänzlich ausgeblendet.
Der Euro ist das zentrale Symbol der Europäischen Union. Jeden Tag geht er durch die Hände von Millionen Menschen. Die Menschen identifizieren sich mit dem Euro als ihrer Währung. Seine Wirkungskraft im Hinblick auf die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls innerhalb eines Europas der Regionen ist um ein Vielfaches höher als eine gemeinsame Fahne, ein europäisches Parlament oder Schilder, auf denen eine EU-Förderung vermerkt ist.
Ein Europa ohne Euro ist wie ein Baum ohne Wurzeln
Ansgar Belke, Forschungsdirektor für Internationale Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, warnt vor einer Herabstufung Frankreichs durch die Rating Agenturen und einem möglichen Auseinanderbrechen der Euro-Zone.
Das Projekt Europa kann nur funktionieren, wenn seine Bürgerinnen und Bürger sich damit identifizieren sowie daran glauben. Der europäische Integrationsprozess darf nicht primär in Abhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen gestaltet, sondern muss durch demokratisch legitimierte Volksvertreter gesteuert werden. Die europäische Idee ist mehr als ein Binnenmarkt. Sie ist eine in Vielfalt vereinte Lebensgemeinschaft europäischer Bürgerinnen und Bürger. Für die Verwirklichung dieser Idee ist der Euro ein unverzichtbares Element. Sollte die Währungsunion auseinanderbrechen, ist der europäische Integrationsprozess am Ende. (Leser-Kommentar, Philipp Legrand, derStandard.at, 12.8.2011)
Autor
Philipp Legrand, Diplom Sozialwissenschaftler, studierte Politikwissenschaften, Soziologie, Sozialpsychologie und Betriebswirtschaftslehre in Hannover. Seit 2008 ist Legrand in der Erwachsenenbildung im Bereich der Seminar- und Projektarbeit tätig. Derzeit arbeitet er an dem Aufbau eines Minderheitenkompetenzzentrums. Er ist Begründer und Koordinator der EU-Projekts "Minderheiten im europäischen Integrationsprozess".
Web: www.philipplegrand.de