"Du musst den VIPs zeigen, dass sie etwas Besonderes sind"

Interview
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Zurückhaltung ist eine Zier, Hannes Kartnig kennt sie nicht. Zwei Monate vor der Endphase seines Gerichtsverfahrens ist Selbsterkenntnis für ihn kein Grund, sich keine Hetz zu machen - ein Interview

Unseren Rolls-Royce würden wir woanders parken. Die trostlosen Fassaden des Gebäudes am Grazer Eggenbergergürtel vermitteln den herben Charme eines Plattenbaus, die Garage ähnelt einer Autowerkstatt. Niemand würde hier die Firmenräumlichkeiten von Hannes Kartnig vermuten. Vielleicht war das schwierige Umfeld immer eine Antriebsfeder seines Geltungsdrangs, schießt es uns ein, als wir vor einem überlebensgroßen Plakat mit seinem Abbild auf ihn warten. Wie er auf der Power Plate für ein Fitnessstudio posiert (»Ich steh drauf«): Vielleicht war auch die Selbstironie eine wichtige Komponente seiner beständig öffentlichen Erscheinung. 

Pfeifend kommt er den Gang entlang und sperrt uns die Tür zu seinem Büro auf. So entspannt haben wir ihn nicht erwartet, der Mann steht schließlich vor Gericht. Im Inneren seines Reichs waren es weniger Feng-Shui-Prinzipien als seine Stationen als Vereinspräsident und Marketingexperte, die ihn innenarchitektonisch beeinflusst haben. Wir befinden uns im Requisitenkabinett eines selbst ernannten Volksschauspielers, denn Hannes Kartnig ist eine lebende Anekdotenmaschine. Bereits nach zehn Minuten schießen ihm zum ersten Mal die Tränen in die Augen - vor Lachen. So sehr wir auch mit der Fassung ringen, wir haben keine Wahl, wir müssen mitlachen. Zwischen Rolls-Royce-Teppichfußmatten, goldenen Uhren und seinen Fotos mit Maradona, Kempes und Ronaldo an der Wand brechen die Geschichten aus Hannes Kartnig heraus.

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ballesterer: Wie sind Sie eigentlich zum Fußball gekommen?
HANNES KARTNIG: Schon als Kind bin ich auf den Sturm-Platz, die Gruabn, gegangen. Da warst du hautnah an den Spielern, das war Stimmung pur. Sturm hat damals »Wer steht, der liegt« gespielt. Vom Fußball hatten die nicht viel Ahnung, das war eine Holzhackertruppe. Den feinen Fußball spielte man noch in Wien.

Sind Sie regelmäßig ins Stadion gegangen?
Ja, mein Vater hat mich mitgenommen. Ich bin immer genau hinter dem Südtor auf Seite der Grazer Messe gestanden, in der zweiten Reihe, bei den ganz Wilden. Wenn du ein Bursch bist, gefällt es dir, wenn dem Zahnlosen beim Schreien die Prothese herausfällt und der Nächste sie auffängt. Wenn das Bier Richtung Spielfeld geschüttet wird. Nass bist du geworden und gestunken hast du beim Heimgehen, in irgendeiner Ecke ist gerauft worden. Bist du wahnsinnig, das war herrlich. Heute renne ich davon, wenn ich so was sehe.

Was hat sich denn seit dieser Zeit geändert?
Es hat keine organisierten Fangruppen gegeben. Das sind doch heute keine richtigen Fans mehr. Die wollen sich nur selbst darstellen und wichtig sein. Leider Gottes wurde diese Fankultur von den Medien mitaufgebaut. Als Präsident hatte ich selbst genug Probleme mit denen. Dabei sind sie nur eine Randgruppe, dreißig, vierzig, die machen Stimmung und nehmen die anderen Dreihundert mit. Das Eigenartige ist, da waren auch Studenten und Akademiker beteiligt, gebildete Burschen. Aber denen taugt es, wenn sie springen und hüpfen dürfen.
Und diese Brutalität wie heutzutage hat es nicht gegeben. Ab und zu sind der Gegner und der Schiedsrichter verhöhnt oder mit Bier beschüttet worden. Dass da aber untereinander oder mit den Fangruppen des Gegners organisierte Raufereien veranstaltet werden, das war undenkbar. Damals wurden auch keine Mannschaftsbusse nach schlechten Spielen von den Fans an der Abfahrt gehindert. Spieler der eigenen Mannschaft haben keine Angst vor tätlichen Angriffen oder Belästigungen der eigenen Fans haben müssen.

Sie sind sozusagen in der Kurve gestanden?
Einen organisierten Fanblock hat es nicht gegeben. Ich bin gerne hinterm Südtor gestanden, weil ich da gut gesehen habe, wie die Tore fallen. Da habe ich mich bei jedem Spiel eingeparkt. Wenn man einmal wo steht, und es gefällt einem, geht man ewig dorthin. Wenn viele Leute gekommen sind, hat man sich als Kind in die zweite Reihe nach vorne drängen müssen, zwischen den Beinen der Erwachsenen durch, sonst hätte man nichts gesehen. Ich war ja nicht so stark wie heute, sondern ein schlanker Bursch.

Wann sind Sie in einen anderen Tribünenbereich gewechselt?
Als ich mein erstes Geld als Lehrling verdient habe, konnte ich mir eine Sitzplatzkarte kaufen. Die Holzbänke waren dort alle so alt, wenn du zweimal hin- und hergerutscht bist, hast du einen Span im Hintern gehabt.

Hat es damals einen VIP-Klub in der Gruabn gegeben?
Den habe ich eingeführt. Da hat es einen Sturm-Anhänger gegeben, der war Tapezierer. Er hat die Holzbänke mit schwarz-weißen Lederpölstern überzogen. Dahinter haben wir mit dem Charly Temmel (ehemaliger Sturm-Präsident und Kaffeehausbesitzer, Anm.) einen Stehplatzbereich zur Cafeteria umgebaut. Das war geil. Der hat alte Eismaschinen hineingestellt und Eis und Kaffee angeboten. Wir haben Schnitzelsemmeln hergegeben und Brötchen. Da gab es dieses Swischniewski ...

Trzesniewski?
Genau. Das haben die Grazer nicht gekannt. Ich hab die Brötchen aus Wien mitgebracht. Die Grazer haben gemault: »Wo hast du den Scheiß her?« Ich habe gesagt: »Hör zu, gib eine Ruh! Sei froh, dass du überhaupt etwas bekommst!« Das waren gute Brötchen. Die haben wir gratis bekommen und damit Geld verdient. Bis zu 300 Leute waren damals im VIP-Klub.

Ihre Idee von der VIP-Tribüne ist also gut angenommen worden?
Beim ersten Spiel, das vergesse ich nie, sind oberhalb des VIP-Klubs unterm Tribünendach der Werner Sabath und der Robert Seeger vom ORF gesessen. Als dann Tore gefallen sind, sind sie gesprungen, und der Staub ist von oben heruntergerieselt. Die ganzen Brötchen und die VIP-Gäste waren voller Staub. Das war der erste VIP-Klub, wo die Leute staubig geworden sind. Die haben sich beim Hinausgehen gegenseitig abgeklopft, das war gigantisch. Beim zweiten Match mussten wir Brettln montieren lassen, damit das nicht mehr passiert.
Die Toiletten waren draußen in einem kleinen Häusl, da hat es enorm gestunken. Bis ich diese Pissoirkugeln hineingegeben habe, dann hat es nach denen gestunken. Dahinter war der Tennisplatz. Wenn die Toiletten zu klein waren, haben die Leute den Tennisplatz benutzt. Ich schwöre, da sind fünfzig Leute beim Pischen gestanden. Die Tennisspieler haben gesagt: »Was seid's ihr für Schweine?«

Warum hat es so viele Abnehmer für diese Plätze gegeben?
Am Anfang war viel Eitelkeit dabei. Heute ist das schon wieder rückläufig. Die ganz Guten gehen gar nicht mehr hin. Die kaufen die Karten, aber schenken sie weiter. Zielgruppe waren Unternehmer mit Geld. Dann haben wir ein paar Persönlichkeiten, Politiker und Musiker, gebracht, damit die Leute später am Biertisch etwas zu erzählen hatten. So verkauft man diese Karten. Aber man darf die Leute nicht nur ausnehmen, sondern muss etwas bieten. Champions-League-Spiele waren zu meiner Zeit ohne Aufpreis inkludiert. Ich habe gehört, dass man diese Spiele jetzt bei Sturm extra dazukaufen muss.

Waren die VIP-Klubs im Ausland ähnlich wie jener im neuen Grazer Stadion?
Die bei Real oder in Mailand waren weniger elitär. In Spanien war das Essen nichts Besonderes. Da hatten wir in Österreich einen höheren Standard. Bei den Bayern schon. Dort habe ich immer geschaut, wie die das machen. Ich habe dem Beckenbauer gesagt: »Beim VIP-Klub werde ich euch schlagen. Da habt ihr keine Chance!« Im neuen Liebenauer Stadion hatten wir dann auch Live-Musik bis drei Uhr in der Früh. Ich habe goldene Sitzbezüge für die Sessel tapezieren lassen. Du musst den VIPs zeigen, dass sie etwas Besonderes sind, ein wichtiger Bestandteil des Vereins. Die haben extra Geschenke bekommen. Das macht auch der Gigi Ludwig vom ÖFB.
Heute sind wir schon so weit, dass die Wilden von der anderen Seite herüberschreien. Aber die VIPs erhalten mit ihrem Eintrittsgeld die billigen Plätze der anderen. Das hat der Hoeneß schon richtig gesagt.

Stehen die Einnahmen tatsächlich in diesem Verhältnis?
Man darf auch die zusätzlichen Einnahmen nicht vergessen. Von den VIPs bekommst du auch Inserate und Werbung. Das hängt natürlich davon ab, wie tüchtig man sich verkauft. Wenn du ein kommunikativer Mensch bist, machst du ein Geschäft. Ich habe immer eine Hetz gehabt mit den Leuten und viel Geschäft gemacht. Dafür war ich mir nicht zu schade. Wenn du nur eitel durchgehst, wie es der Hans Rinner (Präsident nach Kartnig, Anm.) bei Sturm gemacht hat, und dich keine Leute anreden traust, dann kannst du daraus nichts machen.

Ist der VIP-Klub ein Ort, um persönliche Netzwerke zu erweitern?
Das glauben die Leute, genauso beim Golfen. Meine Präsidentschaft hat mir zwar Geschäfte für meine Firma gebracht, aber nur, weil ich ein kommunikativer Mensch bin. Obwohl, früher war es viel leichter. Ich weiß nicht mehr, ob das noch so funktioniert. Beim EC Graz (Eishockeyklub, Vorgängerverein der Graz 99ers, Anm.) habe ich damals als Erster einen VIP-Klub errichtet. Da habe ich selbst die Aufgänge und Geländer gestrichen. Für 180 Leute, mehr hatten dort nicht Platz. Heute gibt es diese VIP-Klubs überall.

Interessieren sich die Leute auf der VIP-Tribüne überhaupt für Fußball?
Na ja, vor allem bei den Welt- und Europameisterschaften gehen die Leute wegen dem Event hin und nicht wegen dem Sport. Die sind eigentlich Vogelzüchter und haben keine Ahnung, welche Dress die österreichische Nationalmannschaft trägt oder wie die Regeln lauten. Sie stehen einfach auf und singen die Hymne mit. Ist aber egal. Vielleicht werden sie animiert, Fußballfans zu werden. Bezahlt werden die Tickets größtenteils von Firmen. Selbst kaufen sich diese Leute keine Karten. (Interview: Stefan Kraft & Martin Schreiner, Fotos: Arno Friebes)

Die vorliegende Fassung des Interviews ist gekürzt. Warum sich Hannes Kartnig seine Karten heute selber kauft, er nicht der steirische Richard Lugner werden wollte und er das Finanzstrafrecht lieber schon früher studiert hätte, lesen Sie im neuen ballesterer. Ab sofort im Zeitschriftenhandel!

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