Sparverein in Äthiopien

Frauen, die auf Ziegen sparen

11. August 2011, 18:14
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    foto: müller

    Frauen in einem Dorf im Bezirk Oromia in Ostäthiopien beim wöchentlichen Treffen ihres Sparvereins. Mit dem Gesparten werden Tiere und Lebensmittel gekauft und Kredite finanziert.

Fast acht Millionen Menschen in Äthiopien sind auf Hilfe angewiesen, um nicht zu hungern - Ändern könnte das eine alte Idee: Die Vorratswirtschaft

Addis Abeba - Sechs Monate versuchte Mohamed, seine Frau Halima fernzuhalten von den Treffen. Geh nicht schon wieder zum Sparverein, sagte er, arbeite lieber auf dem Feld, kümmere dich um die Sorghumhirse und den Khat, die Kaudroge, die sich so gut verkaufen lässt. Hinter ihrem Rücken versuchte er sie abzumelden von der Gruppe - erfolglos. Dann kam der erste Zahltag.

458 Birr, knapp 19 Euro, hat Halima nach Hause gebracht - genug, um am Viehmarkt in der nächsten Stadt eine Ziege kaufen zu können. So viel Geld hat die Familie noch nie besessen. Seither hat Mohamed seine Meinung geändert.

Halima, 25 und vierfache Mutter, ist Mitglied eines Sparvereins für Frauen, den Care Österreich in ihrem Dorf in Ost-Äthiopien gegründet hat. Jeden Dienstag treffen sich die Mitglieder unter der großen Schirmakazie zwischen den Lehmhütten und zahlen einige Birr in eine Holzkiste ein. Einmal im Jahr wird das Gesparte ausgezahlt, dazwischen werden Kredite an Dorfbewohner vergeben. Das kleine Projekt soll helfen, Äthiopiens großes Leiden zu lindern: den Hunger.

Kleine Felder

85 Prozent der Äthiopier leben von der Landwirtschaft. Ihre Felder sind durch Erbrecht und Enteignung zu klein geworden, gerade einen Hektar bestellt eine durchschnittliche Familie. Der Boden ist durch Abholzung und Erosion ausgelaugt. Das Land ist kaum bewässert, die Bauern pflügen mit Ochsen und ernten mit der Hand. Die Wirtschaft wächst langsamer als die Bevölkerung.

In guten Jahren brauchen derzeit 7,5 Millionen Menschen in Äthiopien Nahrungsmittelhilfe, um nicht zu verhungern - das sind knapp zehn Prozent der Bevölkerung. In schlechten, wie 2011, sind es noch vier Millionen mehr.

Als Antwort auf steigende Nahrungspreise 2008 startete die äthiopische Regierung gemeinsam mit ausländischen Spendern das Food Safety Net Program. 2,1 Milliarden Euro will sie dafür ausgeben, die EU zahlt 240 Millionen.

Mit dem Geld wird Essen gekauft und an die Ärmsten verteilt, ein Fünftel der Betroffenen ist zudem Nutznießer von Projekten wie jenen von Care, die helfen sollen, dass die Hilfe nicht mehr gebraucht wird. Das Ziel: Bis 2014 sollen von den 7,5 Millionen nur mehr 1,2 Millionen Hilfe brauchen. Als "sehr ambitioniert" bezeichnen das Optimisten, "nicht realisierbar", sagen die meisten.

"Die Hilfe in Äthiopien ist politisiert, es gibt Tendenzen, nur jene Ethnien zu unterstützen, die den Machthabern nahestehen", sagt Tobias Hagmann, Politikwissenschafter mit Schwerpunkt Entwicklungshilfe an der Universität Berkeley. "Das ist kaum zu ändern, solange die Regierung so autoritär ist."

Mehr als 100 NGOs arbeiten derzeit in dem Land - allerdings nur dort, wo die Regierung es erlaubt. Seit 2009 dürfen sie keine politischen Projekte mehr umsetzten. Kritik kommt von den Organisationen nicht - aus Angst, aus dem Land geworfen zu werden.

Es werde noch Jahrzehnte dauern, bis die Menschen in der Region vielleicht nicht mehr hungern, meint Hagmann. "Derzeit findet Entwicklungshilfe statt, weil der Westen helfen möchte - nicht, weil sie funktioniert. Viele Projekte haben kaum nachhaltige Auswirkungen", sagt er. Es brauche neue Ansätze - etwa, Geld in Sozialsysteme zu investieren oder Versicherungen aufzubauen.

Seit einigen Jahren arbeitet Care an solchen Projekten: Neben Sparvereinen wie dem von Halima baut die Organisation Getreidebanken auf: In neuerrichteten Lagerhäusern legen ganze Dorfgemeinschaften Teile ihrer Ernte für harte Zeiten beiseite. Die Menschen sollen lernen, nicht alles Getreide nach der Ernte zu verkaufen, wenn der Preis dafür niedrig ist; dass sie nicht ihr gesamtes Geld ausgeben, sondern sparen, um Essen zu kaufen, wenn die Ernte wieder ausfällt.

Die grüne Dürre im Hochland

Halimas Dorf liegt auf 2000 Metern zwischen saftigen Feldern. Es hat geregnet in den vergangenen Wochen - doch das Wasser kam zu spät. Die Sorghumstauden sind zwar grün, reichen den Bauern aber gerade einmal bis zu den Knien. Im Juli sollten sie so hoch sein wie ein Mensch, die Ernte wird heuer ausfallen. "Die grüne Dürre" nennen die Bauern das Phänomen. Dank des Sparvereins trifft sie das weniger hart.

2012 werden die Care-Mitarbeiter ihr Dorf verlassen, das EU-Projekt geht zu Ende. Andrea Wagner-Hager, Chefin von Care Österreich, verhandelt über eine Verlängerung. 2014 läuft das gesamte Projekt Food Safety Net aus. Was dann mit jenen passiert, die Hilfe brauchen, ist ungewiss. (Tobias Müller, DER STANDARD/Printausgabe 12. August 2011)

Kommentar posten
19 Postings
Zenith1
00
15.8.2011, 07:57
Also...

überall, wo man nachsieht wird die Haltung von Ziegen in Afrika als die Hauptursache der Bodenerosion betrachtet.

sam_jose
02
12.8.2011, 15:33
Erzählt keine Märchen..

Bitte hört auf die Hilfsbedürftigkeit Afrikas übertrieben darzustellen. Es stimmt auch nicht, dass gute Lösungsansätze die Probleme Afrikas zu lösen immer von den Hilfsorganisationen kommen. So eine Sparform gibt es dort seit Jahrhundert in allen Teile des Landes. Es wird „Equb“ genannt.
Da es dort Banken im modernen Sinn vor allem in ländlichen Gebiete nicht gibt, ist und war es die Einzige Form für die Dorfgemeinsaften auf große Anschaffungen zu sparen. Dafür haben die Menschen keine Hilfe vom Care gebraucht.

Montgomery McFerryn
02
12.8.2011, 17:50

Care braucht aber mal auch einen Erfolg in den Medien sonst werden die Leute nichts mehr spenden und aus ist es mit dem schönen Geschäft um das Elend anderer. Es könnte ja noch jemand auf die Idee kommen das es besser wäre nichts mehr zu spenden und Afrika erholt sich dann von selbst.

Cyberspider
00
12.8.2011, 12:08

Super Headline, super Projekt!

franz der freie
 
21
12.8.2011, 10:59
frauen die auf ziegen sparen,

kommen nie mit den männern zusammen, die auf ziegen starren. in manchen ländern ist eben die ziege wichtiger, als die frau.

Fernando António Nogueira Pessoa
00
12.8.2011, 12:25

franz der sinnfreie?

Justin Credible
00
12.8.2011, 10:58

Da gibts auch einen interessanten Film zu einem ähnlichen Thema.
Allerdings nichts fremdinitiiertes.
http://www.filmeeinewelt.ch/deutsch/p... 035.htm&KA

Geht in einem Fall sogar so weit, dass sich eine Gruppe gefunden hat, die dann so groß war, dass sie sich staatliche Förderung holen konnten und eine eigene "Firma" aufmachten :)

bugsbunny1
01
12.8.2011, 10:29
...geniales projekt

...genialer titel ;-)... erinnert mich an den titel eines artikels in der süddeutschen: "gottes vergessener inder"

Berana Wogodicz
03
12.8.2011, 01:39
Danke, normalerweise,

dass gebe ich zu - lese ich selten Artikel über Entwicklungshilfe, aber bei DER headline hat es mich hineingezogen…

Adolf Ogi
01
12.8.2011, 00:48
wo ist mein Posting?

das mit den 25 Millionen Einwohnern 1960 (inkl. Eritrea) und den 70 Millionen heute (ohne Eritrea)?

Montgomery McFerryn
05
11.8.2011, 22:15

Eine gute Sache, aber wenn das Bevölkerungswachstum nicht rechtzeitig gestoppt wird haben wir die näcshte Katastophe dort.

ralikka
11
12.8.2011, 14:29

Bevölkerungswachstum stoppt man, indem man die Leute vor Ort unterstützt, ein gewisses Bildungsniveau, die Möglichkeiten zur Verhütung und Geburtenkontrolle, und eine Stärkung der Selbstbestimmung der Frauen.
Und nicht, indem man die Kinder verhungern lässt, weil es sind ja eh zu viele!

Montgomery McFerryn
00
12.8.2011, 17:47

theoretisch gebe ich ihnen recht, nur werden sie das nicht umsetzen können.

Johannes Benn
01
12.8.2011, 13:12
.

und irgendwann darf europa die suppe ausloeffeln durch massenzuwanderung

pipi pipifax
10
13.8.2011, 12:01

johannes benn fürchtet si h wieder arg.

Tom_Bombadil
11
11.8.2011, 21:59
Geistlose Kommentare sollte man sich bei diesem ernsten Artikel sparen.

Ich finde es großartig, daß hier endlich etwas Sinnvolles bewirkt wird. Sinnvoll für diese armen Menschen, für deren Zukunft und vor allem endlich einmal langfristig gedacht!
Ich wünsche dem Projekt und dem darauf Folgendem von ganzem Herzen Erfolg!

mairo
04
11.8.2011, 18:51

Ich muss zugeben, bei der Überschrift musste ich lachen :-)

Justin Credible
00
12.8.2011, 10:29

Die Überschrift ist echt genial :)

Dummheit frisst, Intelligenz säuft.
00
11.8.2011, 19:58

I a. :-)

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