Premierenkritik

Opernplädoyer für die Sterblichkeit

11. August 2011, 18:34
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    foto: apa

    Bariton Johan Reuter (als Jaroslav Prus) zieht den Hut vor Sopranistin Angela Denoke (als Emilia Marty).

Premiere von Leos Janáceks Oper "Die Sache Makropulos" bei den Salzburger Festspielen: Regisseur Christoph Marthaler begeistert mit skurril-präzisen Ideen, Angela Denoke mit hoher Präsenz

Salzburg - Bevor es losgeht noch ein, zwei Zigarettchen - so viel Zeit muss sein bei Regisseur Christoph Marthaler: In einem Raucheraquarium, wie man es so ähnlich auf Flughäfen findet, plaudern eine junge und eine alte Dame (köstlich: Silvia Fenz) qualmend über Lebenslängen. 300 Jahre müsste man werden, fantasiert die Jugend, während das gebrechliche Alter dankend ablehnt. Emilia Marty, die nach diesem Intro bald im Gerichtssaal neben dem Raucherkäfig (Bühnenbild: Anna Viebrock) erscheint, würde der Jugend zunächst recht geben.

Verständlich: Sie selbst ist zwar imposante 337 Jahre alt, immer noch allerdings eine gefeierte, junge Operndiva auf der Jagd nach weiteren 300 Jahren. Aus diesem Grund interessiert sich Emilia in Janáceks Die Sache Makropulos für einen auch schon hundertjährigen Erbschaftsprozess und ein Testament, das als Anhängsel ein kostbares Dokument hat. Das Schriftstück enthält schließlich jenes Rezept für ein Elixier, das Emilia einst verabreicht wurde und sie juvenil hält. Nun aber drängt die Zeit - nur eine neue Zauberdosis kann Emilia weitere Jahrhunderte verschaffen.

Sie tut fast alles, um ans Rezept zu gelangen. Marthaler präsentiert sie als kokette Diva, die wie eine im Trockenen übende Synchronschwimmerin posiert, dann wieder als eiskalte Unnahbare, die ihre zahllosen Verehrer so herablassend wie manipulativ behandelt. Auch jene Nacht, die sie mit Prus (profund: Johan Reuter) verbringt, ist nur ein lästiges, kühl angewandtes Mittel zum Erlangung des geheimnisvollen Zauberdokuments.

Nur mit einem geht sie sanft und behutsam um. Es ist der alte Baron Hauk-Sendorf (sympathisch: Ryland Davies), mit dem sie vor vielen Jahrzehnten (unter dem Namen Eugenia Montez) eine Liebschaft verband.

Um diese eisig strahlende Dame setzt Marthaler im Gerichtssaal auch skurrile Figuren, die slapstickartig Handlungen wiederholen. Da werden jener zu Beginn paffenden Dame mit dem Gehwagerl viermal Blumensträuße von dem Mann überreicht, der sie zuvor viermal aus dem Gerichtssaal herauskomplimentiert hat. Da füllt sich der Saal mit Schaulustigen und Richtern und leert sich dann auch wieder - und all dies ganze drei Mal.

Mit solchen pantomimischen Choreografien lässt Marthaler die Opernzeit quasi anhalten und das Leben womöglich als jene trostlos-skurrile Abfolge von immergleichen Ritualen erscheinen.

Hohe Konzentration

Dies zwischenspielartige Ganze ist lustig-redundant; es wäre allerdings nichts ohne Marthalers akribische Ausgestaltung der Opernfiguren. Bis ins Kleinste ist hier alles konzentriert inszeniert - durch einen Regiepsychologen, dessen mikroskopischem Blick auch die schrulligsten Seelenbebungen nicht entgehen. All dies wäre allerdings auch nicht viel ohne eine Zentralfigur, die Angela Denoke mit theatraler und vokaler Souveränität ausstattet.

Ihre Stimme verfügt über besondere lyrische Färbung wie Pracht; ohne Substanz- und Charakterverlust vermag sie jedoch auch dramatische Imposanz zu erlangen. Und bis zum Schluss reicht die Kraft, wenn sich Emilia nach der Schilderung ihres überlangen Lebens entschließt, auf den Zauber des Trankes zu verzichten, und abgeht, wie sie gekommen ist.

Zum Glanz dieser Aufführung gehört auch ein vokal gleichwertig gut besetztes Ensemble, das auch szenisch zur Geschlossenheit beiträgt: Ob nun Raymond Very (als Albert), Peter Hoare (als Vitek), Jurgita Adamonyte (als Krista) oder Jochen Schmeckenbecher (als Kolenaty), sie alle sind Erfolgsbausteine der nun dritten tollen Neuproduktion dieses Salzburger Festspielsommers.

Nicht zu vergessen: Im Orchestergraben herrscht sängerfreundliche Ausgewogenheit. Die Wiener Philharmoniker folgen dem analytisch arbeitenden, erst zum Schluss hin die volle Klangpracht des Orchesters delikat freisetzenden Dirigenten Esa-Pekka Salonen diszipliniert. Manches klingt ein bisschen gedämpft und verschattet, aber in Summe auf jeden Fall kompetent. Umso euphorischer die Reaktionen danach, die alle meinten. Also auch Christoph Marthaler, der unlängst leider bekundet hat, ab der kommenden Ära von Alexander Pereira Salzburg nicht mehr zu beehren. Sehr schade.   (Ljubisa Tosic  / DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2011)

13., 18., 25. und 30. 8.

Susanne Rettenbacher
20
15.8.2011, 07:11
Der ergreifendste Opernabend

an diesen Festspielen - auch wenn er viel, viel mehr Auseinandersetzung mit der Musik, den Stimmen, dem Inhalt, der Regie, ..... gefordert hat.

krikri
22
12.8.2011, 03:34

ein bitte an herrn marthaler und herrn hinterhäuser:
einmal noch eine serie "schutz vor der zukunft" in steinhof aufführen!!!

IchbinIch5
22
12.8.2011, 08:05

Kann ich nur unterstützen. Hinterhäuser wird als Festwochen-Intendant hoffentlich dafür sorgen, dass Marthaler weiterhin gerngesehener Gast in Wien bleibt, wenn die Chemie mit der zukünftigen Salzburg-Leitung schon nicht stimmt ...

IchbinIch5
21
12.8.2011, 08:05

Kann ich nur unterstützen. Hinterhäuser wird als Festwochen-Intendant hoffentlich dafür sorgen, dass Marthaler weiterhin gerngesehener Gast in Wien bleibt, wenn die Chemie mit der zukünftigen Salzburg-Leitung schon nicht stimmt ...

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