Premiere von Leos Janáceks Oper "Die Sache Makropulos" bei den Salzburger Festspielen: Regisseur Christoph Marthaler begeistert mit skurril-präzisen Ideen, Angela Denoke mit hoher Präsenz
Salzburg
- Bevor es losgeht noch ein, zwei Zigarettchen - so viel Zeit muss sein
bei Regisseur Christoph Marthaler: In einem Raucheraquarium, wie man es
so ähnlich auf Flughäfen findet, plaudern eine junge und eine alte Dame
(köstlich: Silvia Fenz) qualmend über Lebenslängen. 300 Jahre müsste
man werden, fantasiert die Jugend, während das gebrechliche Alter
dankend ablehnt. Emilia Marty, die nach diesem Intro bald im
Gerichtssaal neben dem Raucherkäfig (Bühnenbild: Anna Viebrock)
erscheint, würde der Jugend zunächst recht geben.
Verständlich:
Sie selbst ist zwar imposante 337 Jahre alt, immer noch allerdings eine
gefeierte, junge Operndiva auf der Jagd nach weiteren 300 Jahren. Aus
diesem Grund interessiert sich Emilia in Janáceks Die Sache Makropulos für
einen auch schon hundertjährigen Erbschaftsprozess und ein Testament,
das als Anhängsel ein kostbares Dokument hat. Das Schriftstück enthält
schließlich jenes Rezept für ein Elixier, das Emilia einst verabreicht
wurde und sie juvenil hält. Nun aber drängt die Zeit - nur eine neue
Zauberdosis kann Emilia weitere Jahrhunderte verschaffen.
Sie tut
fast alles, um ans Rezept zu gelangen. Marthaler präsentiert sie als
kokette Diva, die wie eine im Trockenen übende Synchronschwimmerin
posiert, dann wieder als eiskalte Unnahbare, die ihre zahllosen Verehrer
so herablassend wie manipulativ behandelt. Auch jene Nacht, die sie mit
Prus (profund: Johan Reuter) verbringt, ist nur ein lästiges, kühl
angewandtes Mittel zum Erlangung des geheimnisvollen Zauberdokuments.
Nur mit
einem geht sie sanft und behutsam um. Es ist der alte Baron Hauk-Sendorf
(sympathisch: Ryland Davies), mit dem sie vor vielen Jahrzehnten (unter
dem Namen Eugenia Montez) eine Liebschaft verband.
Um diese
eisig strahlende Dame setzt Marthaler im Gerichtssaal auch skurrile
Figuren, die slapstickartig Handlungen wiederholen. Da werden jener zu
Beginn paffenden Dame mit dem Gehwagerl viermal Blumensträuße von dem
Mann überreicht, der sie zuvor viermal aus dem Gerichtssaal
herauskomplimentiert hat. Da füllt sich der Saal mit Schaulustigen und
Richtern und leert sich dann auch wieder - und all dies ganze drei Mal.
Mit
solchen pantomimischen Choreografien lässt Marthaler die Opernzeit quasi
anhalten und das Leben womöglich als jene trostlos-skurrile Abfolge von
immergleichen Ritualen erscheinen.
Hohe Konzentration
Dies
zwischenspielartige Ganze ist lustig-redundant; es wäre allerdings
nichts ohne Marthalers akribische Ausgestaltung der Opernfiguren. Bis
ins Kleinste ist hier alles konzentriert inszeniert - durch einen
Regiepsychologen, dessen mikroskopischem Blick auch die schrulligsten
Seelenbebungen nicht entgehen. All dies wäre allerdings auch nicht viel
ohne eine Zentralfigur, die Angela Denoke mit theatraler und vokaler
Souveränität ausstattet.
Ihre
Stimme verfügt über besondere lyrische Färbung wie Pracht; ohne
Substanz- und Charakterverlust vermag sie jedoch auch dramatische
Imposanz zu erlangen. Und bis zum Schluss reicht die Kraft, wenn sich
Emilia nach der Schilderung ihres überlangen Lebens entschließt, auf den
Zauber des Trankes zu verzichten, und abgeht, wie sie gekommen ist.
Zum
Glanz dieser Aufführung gehört auch ein vokal gleichwertig gut besetztes
Ensemble, das auch szenisch zur Geschlossenheit beiträgt: Ob nun
Raymond Very (als Albert), Peter Hoare (als Vitek), Jurgita Adamonyte
(als Krista) oder Jochen Schmeckenbecher (als Kolenaty), sie alle sind
Erfolgsbausteine der nun dritten tollen Neuproduktion dieses Salzburger
Festspielsommers.
Nicht zu
vergessen: Im Orchestergraben herrscht sängerfreundliche
Ausgewogenheit. Die Wiener Philharmoniker folgen dem analytisch
arbeitenden, erst zum Schluss hin die volle Klangpracht des Orchesters
delikat freisetzenden Dirigenten Esa-Pekka Salonen diszipliniert.
Manches klingt ein bisschen gedämpft und verschattet, aber in Summe auf
jeden Fall kompetent. Umso euphorischer die Reaktionen danach, die alle
meinten. Also auch Christoph Marthaler, der unlängst leider bekundet
hat, ab der kommenden Ära von Alexander Pereira Salzburg nicht mehr zu
beehren. Sehr schade. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2011)