Pro Sparpakete in Krisenzeit

Notwendige Diät

Kommentar | Johanna Ruzicka, 11. August 2011, 18:03

Alte Strukturen sind oft nützlich, häufig aber überholt und unnötig

Viele Staaten haben sich in den letzten Jahrzehnten bis über beide Ohren verschuldet. Typisch dabei war, dass überbordende Staatsapparate entstanden sind, die ihre vielfältigen Aufgaben bis heute verwalten, administrieren und bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausweiten. Die ausgefeilten Strukturen, die da in den letzten 50, 60 Jahren entstanden sind, sind sehr oft nützlich - häufig aber auch überholt und unnötig.

Deshalb ist das Aufheulen vieler Politiker und gar nicht weniger Ökonomen kritisch zu sehen. Da wird reflexartig so getan, als ob mit staatlichen Sparmaßnahmen sofort jegliches Wachstum abgewürgt würde. Sparen, wird behauptet, ist in der derzeitigen Finanzkrise Gift für die Wirtschaft.

Damit aber werden staatliche Reformen erst wieder auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben. Die lieb gewordenen Pfründe, die man sich in den Boomjahren noch leisten konnte, werden nicht angegriffen. Die Kosten für diese ineffizienten Strukturen bestehen weiter, sie beschleunigen die Abwärtsspirale, in der sich verschuldete Staaten aufgrund von Zins und Zinseszins befinden. Die Erfahrung mit den Sanierungsprogrammen in lateinamerikanischen Staaten in der Vergangenheit hat gezeigt: Ohne strikte und schmerzliche Sparkurse samt Reformpaket sind Staaten nicht nachhaltig zu entschulden.

Natürlich ist das Sparen in Boomzeiten leichter. Aber darauf zu warten geht nicht. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.8.2011)

Kommentar posten
24 Postings
Dagmar Rehak Wien
 
00
12.8.2011, 14:49

Frau Ruzicka, Sie schrieben von Zinsen und Zinseszinsen, haben aber anscheinend gar nicht verstanden, um was es da geht.
Abgesehen davon, dass man umso weniger "zurück" zahlen kann, je weniger Geld im Umlauf ist, ist es mit Zinsen und Zinseszinsen überhaupt nicht möglich, jemals die Schulden zurückzuzahlen. Und dabei ist es auch völlig egal, ob die Strukturen effizient sind oder nicht und ob der Behördenapparat aufgebläht ist oder nicht.

Werner Faygmann
00
12.8.2011, 14:18
Ich habe beides kennengelernt...

...Großunternehmen (nicht verstaatlicht, wohlgemerkt) und Staat... der Grad der Bürokratisierung und Verkrustung untschied sich nur minimal... scheint eher mit der Größe zu tun zu haben...

Nuss
01
12.8.2011, 13:49
Nur leider wird in Zeiten der Wirtschaftskriese nicht an Bürokratie gespart sondern and Sozialleistungen und Bildung....

Ratlos
00
12.8.2011, 10:38
In Ö gibt es zu hohe Ausgaben für falsche Dinge ("Föderalismus", Tunnelbau um 35 Mrd. € etc.), zu geringe Einnahmen aus Vermögenserträgen, eine zu hohe Abgabenquote und damit insgesamt ein RIESIGES Effizienzproblem.

ahsooo
04
12.8.2011, 09:59
sparen ist schon o.k.

aber nicht bei Familien und Bildung - sondern bei den unnötigen Doppel- und Dreifachverwaltungsstrukturen: Föderalismus neu überdenken - sprich Landesverwaltungsebene abschaffen, Bezirks- und Gemeindeverwaltung stärken. Dafür könnt' mich schon erwärmen.

Käpt`n Blaubär
01
12.8.2011, 09:24
Die Staaten haben eher ein Einnahmenproblem.

Siehe hier: http://www.spiegel.de/wirtschaf... 26,00.html

und die Bemerkungen:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=10430#h03

ocelote
01
12.8.2011, 09:09
lateinamerikanische Erfahrung

... ist absurd hier anzuführen, da dort die Währungspolitik mindestens ebenso wichtig ist und die gesellschaften andere sind.
Aber selbst wenn man das außer acht lässt fehlt ein zwischenschritt: erst durch die wirtschaftlichen Folgen der Sparpakete kam es zum endgültigen zusammenbruch, der dann eine Entschuldung möglich machte, die zur nachhaltigen entschuldung führten - und das bei massiven "Kollateralschäden" wie verdreifachung der Arbeitslosigkeit, Unruhen mit mehreren Toten, politische Instabilität, Hunger, Armut und ein Wirtschaftsminus von bis zu 30 %.

Das als Vorbild vorzuschlagen ist "etwas" eigenartig.

sawi48
02
12.8.2011, 07:49

Ich würde ja die diversen Spargedanken auch gerne unterstützen, würden die Prioritäten anders gesetzt: aber immer nur die soziale Solidarität zu unterminieren und den Bürger auszusackeln, während "die da oben" (sowohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftliche Kreis) ungeschoren bleiben - nein, das ruft meinen Widerstand hervor !

Bitte zuerst Verwaltungsreform, Eintreibung von Steuerschulden der Konzerne, Banken und Börsenzocker an die Kandarre nehmen,Aufarbeitung der Probleme Flöttl, Grasser und Konsorten, jetzt noch Telekom - UND BITTE SCHADENERSATZLEISTUNGEN von allen Beteiligten !

Dann könnten von mir aus auch meine Abgaben höher werden - ABER ERST DANN !

amused8
05
12.8.2011, 04:31
Plädoyer für eine Geldreform

Leider ist es so, dass der sparende Staat versucht, überall einzusparen mit Ausnahme der Zinszahlungen an die Halter von Staatsanleihen. Denn das ist systemrelevant. Bildung ist es nicht, sozialer Friede nicht, die Infrastruktur, siehe USA, darf verfallen. Die Zukunft des Staates, nicht systemrelevant. Hauptsache die meist schon sehr reichen Halter von Staatsanleihen werden zufriedengestellt. Hier zeigt sich dann die gesamte Stupidität des Systems. Aber eben auch daran, dass der Staat sein Geldschöpfungsmonopol nicht wahrnimmt, sich deshalb bei Privaten verschulden muß. Das ist natürlich kein Plädoyer für unbeschränkte Geldschöpfung, falls der Staat diese wieder wahrnimmt. Geeignete Regeln im Verfassungsrang könnten das sehr gut verhindern

franz der freie
 
00
12.8.2011, 08:46
die halter von staatsanleihen sind in der überwiegenden anzahl pensionsfonds.

wenn sie die kupons der anleihen absenken, werden diese verkauft und der staat kann sich nicht mehr finanzieren, weil auch keine neuen anleihen nachgekauft werden. sie nehmen den nicht sehr reichen ihr drittes pensionsstandbein weg.

Ratlos
00
12.8.2011, 10:42
Dieses 3. "Pensionsstandbein" war von vorneherein ein kapitaler Fehler.

Auch Wertpapiere sind niemals risikolos sondern unterliegen in ihrer Wertentwicklung globalen und lokalen Risiken.

Aber man hat den Menschen erfolgreich eingeredet dass es möglich ist, sich aller Risken zu entziehen wenn man nur ja in den Finanzmarkt investiert.

Bis dato ist die 3. "Pensionssäule" jedenfalls eine Geschichte des Mißerfolgs, siehe die "Performance" von Pensionsfonds. Am Lustigsten ist jene des Wirtschaftskammerpensionsfonds.

her wig
00
12.8.2011, 07:28
Plädoyer für eine Staatsreform

Die Aufgaben des Staates sind durch Steuereinnahmen zu finanzieren, nicht durch Schulden. Ausnahme: Investitionsprojekte mit einer errechenbaren Rendite, welche zur Rückzahlung der Schulden zweckgewidmet werden kann und muss.

amused8
01
12.8.2011, 07:46
Das Kreditgeldsystem wird aufgespannt durch Staatsanleihen, die von Staaten über Privatbanken als Sicherheiten an die Nationalbanken (in der EMU die ECB) gegeben werden.

Dafür erhält die Privatbank Nationalbankgeld, das diese als Mindestreserve benötigt, um selbst Geld (Giralgeld) schöpfen zu können. Kurz gesagt, ohne Staatsschulden gäbe es gar kein Geld. Oder mit anderen Worten, damit der Staat Steuern in seinem Geld einheben kann, muß er zuerst Geld in Umlauf bringen. Siehe auch:

http://en.wikipedia.org/wiki/Chartalism

Giralgeld kann nicht gehortet (gespart) werden. Die Privatbanken verhindern das, um Kreditausfälle zu vermeiden. Wenn sie Giralgeld abheben erhalten sie Geldscheine und Münzen, also Nationalbankgeld, wenn sie es aufs Sparkonto transferieren, wandelt es die Bank in Nationalbankgeld um. Das heißt, ohne Staatschulden könnte auch niemand ein Sparkonto führen.

her wig
00
12.8.2011, 08:08
Sie schreiben einen großen Blödsinn!

Um Kreditgeld schöpfen zu können braucht es Kreditwürdigkeit und eine reale Absicherung. Sie tun so als ob die Steuereinhebungskraft eines Staates die einzig mögliche reale Absicherung wäre. Ist sie aber nicht.

amused8
00
12.8.2011, 08:57

Ich schreibe, warum es Staatsschulden geben MUSS, nicht darüber wieviel. Banken brauchen für die Kreditvergabe 2% Mindestreserve in Nationalbankgeld. Dieses Geld wird nur durch Staatsschulden erzeugt. Für die Sparkonten gilt die volkswirtschaftliche Sektorenbilanz:

Summe der Spareinlagen =
Staatschulden + Außenhandelsbilanz

Aktuell fallen sehr viele Gewinne in Giralgeld an, die zu ihrer Realisierung in Nationalbankgeld umgewandelt werden müssen. Deshalb ist die Nachfrage nach Nationalbankgeld groß. Denn auf dem nur in Computerkonten befindlichen Giralgeld steht ein Vertragspassus: Wenn es notwendig ist, wandeln wir es in Nationalbankgeld um. Ein Versprechen, dass die Privatbanken im großen Stil nie einlösen könnten.

her wig
00
12.8.2011, 09:31

Wie ich schon sage, Sie tun so als ob NUR Staatsanleihen notenbankfähig wären. Dem ist aber nicht so.

Fleisch
02
12.8.2011, 01:55

Es ist wohl etwas blauäugig zu denken, dass durch eine radikale Sparkur á la Lateinamerika effizientere Strukturen entstehen würden. Das war ja dort auch nicht der Fall. Im Lichte der Entwicklung der letzten Jahre (zB Meischberger etc.) ist zu erwarten, dass sinnvolle Leistungen eingespart, das "wo woa mei Leistung"-Spiel dagegen ausgeweitet wird, um sich Unterstützung der Maßgebenden zu erkaufen.

BioLex .
00
11.8.2011, 23:05

Staatliche Reformen werden fast immer auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben egal ob Krise ist oder nicht. Ohne Krise nur fehlt auch noch das kleine bisschen Motivation...

sotho talker
 
22
11.8.2011, 20:44
was wir bei den "überbordenen staatsapperaten" einsparen wird uns fehlen

beim pflegegeld, bei der arbeitslosenversicherung (und wenn man abwürgt gibt es mehr arbeitslose), bei den kindergärten, bei den schulen, bei den universitäten, beim militär, bei der polizei, alles öffentliche

aber der hintergedanke ist ja leicht erkennbar: das können wir schon einsparen, das machen wir alles privat!

selbstbehalte bei der gesundheit wird eine klasse geschichte.
öffentliche universitäten wozu? die kinder gutverdienender derstandard journalisten können sich das sicher auch eine privatuniversität leisten.

weil draufzahlen bei sowas tun immer diejenigen die eh schon ums überleben strampeln, die keine lobby haben um die sich so schon keiner kümmert.

ihr weg führt schnurstracks zu den brennenden straßen von england.

Heefcleeve
10
11.8.2011, 20:34

Es ist schon merkwürdig, dass "Sparen" bei Privaten einerseits und dem Staat andererseits im alltäglichen Sprachgebrauch eigentlich zwei völlig verschiedene Dinge meint. Und doch läuft es letztlich nur auf eines hinaus: das Blockieren von Schuldtilgungsmitteln.

Die Frage ist jetzt nur, wer schneller "spart", der Hase oder der Igel. Erstaunlicherweise war es bisher immer der Igel. Nun schon 73 Rennen hintereinander...

Reich sein muss sich lohnen!
02
11.8.2011, 20:18
Ihr denkt doch hoffentlich nicht, dass ein Staat ohne Defizit dauerhaft funktionieren kann?

Nicht mit diesen Systemen.

A) Unser Wirtschaftssystem:
Alles was keinen Gewinn abwirft wird eingestellt.

Wenn jetzt aber bei allem was wir tun, immer etwas für oben übrig bleiben muss (Gewinn), wie lange würde es wohl dauern, bis alles Geld oben angekommen wäre?
Damit Gewinne möglich sind, muss man unten immer wieder Geld nachschießen, sonst ist irgendwann alles Geld Kapital.

B)Unser Geldsystem:
Der Euro ist Kreditgeld. Er ensteht durch den Kredit, er verschwindet mit dem Kredit.
Er basiert auf Schulden, ohne Schulden gäbe es auch kein Geld.

Wir haben die Staatsverschuldung nicht weil wir "über unseren Verhältnissen leben", das System basiert auf einer ständig wachsenden Verschuldung der Staaten.

Protagoras v. Abdera
11
11.8.2011, 18:15
Die erfahrung mit Sanierungsprogrammen in Lateinamerika hat auch gezeigt: Sie führen in den sozialen Protest derer, die zu den Verlierern der Sparpakte gehören.

Das sind praktisch immer jene Gruppen der Bevölkerung, die sich ihren Anteil an den Produktivitätszuwächsen durch sozialstaatliche Kompromisse erkämpft haben: Venezuela, Bolivien, Ecuador, Argentinien, Uruguay winken als Vorbilder bereits nach Europa herüber: Nur weiter so, ihr Ideologen der Sanierung auf Kosten der Armen, eure Saat wird aufgehen.

flotter denker
20
11.8.2011, 18:26
Wird Zeit Paramilitaerische Verbaende zu gruenden, ja?

Ist es das, was Sie vorschlagen, um den Mob dann im Zaum zu halten?

Protagoras v. Abdera
01
11.8.2011, 23:12
Ich habe jetzt noch einmal ganz genau nachgelesen und immer nur den Begriff "soziale Proteste" in meinem Posting gefunden

Die wurden von gewaltlosen sozialen Bewegungen organisiert, Studentenorganisationen, Gewerkschaften und indigenen Basisbewegungen, die nicht der Träger von Gewalt, sondern im Gegenteil, in der Regel ihr Opfer waren. Der Bruch der neoliberalen Verhältnisse erfolgte dort durch simple Tatsache, dass sich die Menschen ihre Demokratie zurückgeholt haben. Das bürgerliche Schreckgespenst eine Revolution mit gezückten langen Messer sollten sie einmal dringend revidieren. Auch eine Auffrischung der Kenntnisse bezüglich der politischen Situation Lateinamerikas kann nicht schaden

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.