Geld und die Welt

Von Vereinfachern und Stückwerkern

Kommentar der anderen | 11. August 2011, 17:34

Geld und Partikularinteressen vernebeln die globalen Zusammenhänge - Von Paul Kellermann

Vor einem halben Jahrhundert, als der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Einrichtungen in Europa begann, konnte man Kritiken hören, die auf zwei aufklärerischen Gedanken fußten: "terrible simplificateur" und "peacemeal engineering". Der erste Begriff bezeichnet die "schrecklichen Vereinfacher"; also Leute, die kompliziertere Zusammenhänge nicht sehen wollen oder können. Der zweite Ausdruck soll die Tätigkeiten charakterisieren, die nur Teile eines Ganzen - "Stückwerke" - betreffen, also wiederum größere Zusammenhänge außer Acht lassen.

Es ist bemerkenswert, dass gegenwärtig diese Kritiken am verkürzten Denken und Handeln kaum mehr zu vernehmen sind. Das ist umso erstaunlicher, als die Zusammenhänge der Lebensmöglichkeiten auf dem Planeten noch enger geworden sind: nach wie vor sich beschleunigendes Wachstum der Erdbevölkerung von etwas über eine Milliarde vor hundert Jahren auf heute fast sieben Milliarden mit weltweiten Konsequenzen; sich multinational verflechtende Märkte zwischen den Kontinenten; global bedrohliche Waffentechnologie; Klimakatastrophen von Dürren und gleichzeitigen Überflutungen ganzer Landstriche: Beispiele für zusammenhängende Entwicklungen, die höchstens jeweils für sich beachtet werden.

Die Vorgänge und Verhältnisse überfordern offensichtlich die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Intelligenz - zumindest derer, die Macht und Einfluss haben. Ist es eigentlich nicht selbstverständlich, dass Geld keinen Hunger, keinen Durst stillt und auch sonst nichts vermag? Und dennoch wird in Milliarden Geldeinheiten gerechnet, was beispielsweise die Abwendung des Todes von Millionen Menschen 2011 am Horn von Afrika kosten würde. So, als ob damit die Besorgung der wirklichen Mittel zur Rettung der Leben - Wasser, Nahrung, Unterkunft, Sicherheit, Heilung und vor allem ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte - überhaupt kein Problem darstellte.

Dabei sollte doch leicht einsehbar sein, dass der alles entscheidende, erste Faktor zur Sicherung und Verbesserung der Lebensverhältnisse - nämlich das menschliche Arbeitsvermögen - grundsätzlich vorhanden ist, ja, sogar mit dem Wachstum der Erdbevölkerung zunahm. Es kommt also vor allem auf deren Qualifikation und Organisation an, zu deren Entwicklung Geld in der heutigen Gesellschaft ein brauchbares Mittel - aber eben nur ein Mittel - ist. Doch die "terribles simplificateurs" sehen in der Art des "peacemeal engineering" nur ihr arbeitsteilig isoliertes Umfeld und darin ihrer eigenen Interessen, die zunehmend an Geldbesitz orientiert sind.

Ist es so schwer, die Zusammenhänge von zunehmender Geldorientierung mit der Vernachlässigung der realen Wirtschaft zu sehen; von repressiver Stoffvermittlung an (Hoch-)Schulen mit der Unterentwicklung des Denkens; von unbefriedigender Arbeit mit diversen Süchten; oder von jugendlichen Aufständen in sich mehrenden Ländern mit den als ungerecht und existenzbedrohend empfundenen Konzentrationen an Macht und Reichtum?

Fatal für alle, letal für viele ist die entstandene Differenz zwischen vertieftem technischem Verstand in Details und partikulären Interessen einerseits sowie sozial-humaner Vernunft in den Lebenszusammenhängen und universellen Einsichten andererseits. (Paul Kellermann, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.8.2011)

Autor

Paul Kellermann ist Soziologieprofessor an der Uni Klagenfurt, Schwerpunkte: Soziologie des Geldes, Arbeit und Bildung, Hochschulforschung.

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22 Postings
Laín Coubert
00
15.8.2011, 01:58
fast...

...wird der springende Punkt angesprochen, aber leider nur fast.

Besser hier: http://www.mmnews.de/index.php... t-die-welt

...nachdem Prof. Hörmann im standard schon den Vorstoß geschafft hat, könnte sich Kellermann ruhig trauen .....oder er sieht selbst die wichtigsten Zusammenhänge nicht...

O5
00
12.8.2011, 17:37

Wie kann jemand Professor für die Soziologie des Geldes sein der nicht begriffen hat was Geld ist?! Reichlich absurd dieser Kommentar.

www.banken-volksbegehren.at
00
12.8.2011, 18:07
Wenn Sie sowas sagen, dann sollten Sie auch erklären, ...

... woran Sie erkennen, daß der Autor nicht begriffen hat, was Geld ist.

papounet
00
12.8.2011, 14:39

Da geben Leute Wirtschaftsdaten (gefiltert von wem?) in ihren Computer ein, unten kommen "ratings" raus, und die ganze (westliche) Weilt sitzt davor wie das Kaninchen vor der Schlange.

€=$
00
12.8.2011, 13:34
guter artikel?

wenn man nicht einmal den unterschied zwischen peace und piece kennt...

www.banken-volksbegehren.at
04
12.8.2011, 12:48
Guter Artikel! Es werden die richtigen Fragen gestelt.

Auf die Frage: "Ist es so schwer, die Zusammenhänge [...] zu sehen?"
Nach meiner bisherigen Erfahrung: ja, es ist so schwer. Liegt jedoch hauptsächlich daran, daß das Denken in größeren Zusammenhängen vom System definitiv nicht gewünscht ist. Daraus kann man ja keinen Profit schlagen...

Stuff
00
12.8.2011, 11:53
"ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte"

Tja, die Menschheit, nur als Pool "ausreichend qualifizierter Arbeitskräfte" betrachtend…

noexist
 
00
12.8.2011, 11:41
Die Fragen des Lebens

zunehmend in Zahlen abstrahiert abzuhandeln ist anscheinend bezeichnend für die Postmoderne!?

Gibt es praktikable Alternativen?

Ich selbst bin im Sozialbereich tätig und sehe auch, dass es teilweise auf sehr ineffizient ist, alles über Kennzahlen zu organisieren.

lesen büldet
00
12.8.2011, 11:37
ein stückchen frieden

sanjoaquin
 
22
12.8.2011, 08:30
Schrecklich

diese soziologische Simplifizierung, die nur darin besteht jegliches menschliche Elend aufzuzählen und schwuppdiwupp die Geldwirtschaft als Schuldigen zu identifizieren. Was Herr Kellermann geflissentlich vergisst ist die Tatsache, dass vor nicht einmal 100 Jahren ein Spülklosett vulgo sauberes Trinkwasser in Mitteleuropa eine Rarität war.

www.banken-volksbegehren.at
12
12.8.2011, 12:44
Soso...

Und Spülklosetts und sauberes Trinkwasser verdanken wir also der Geldwirtschaft? Interessante Anschauung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Vulgo

sanjoaquin
 
01
12.8.2011, 13:18
Wenn

Sie's bislang nicht kapiert haben, dann erklär ich's Ihnen halt etwas simpler: Vor 100 Jahren herrschte bei uns dieselbe Armut wie heute in den Entwicklungsländern, aber bei uns kamen keine Soziologen daher und schufen unseren Wohlstand durch Umverteilung sondern es gab eine Entwicklung und etwas, was die Weltverbesserer hassen wie die Pest, nämlich Fortschritt. Ergo wird auch in Somalia der Lebensstandard in 100 Jahren wesentlich höher sein als heute. Googeln Sie doch gelegentlich einmal Indien und die Entwicklung der Kindersterblichkeit und der Lebenserwartung, vielleicht geht Ihnen dann eine Energiesparlampe auf.

www.banken-volksbegehren.at
01
12.8.2011, 13:46
Herzlichen Dank für Ihre Tipps!

Ich kenne Indien, ich habe dort gelebt - und zwar als Mensch und nicht als Tourist.
Bitte lassen Sie mich Ihnen auch Tipps geben:
- Leben Sie mal eine Zeit in Indien, beobachten Sie und denken über Ihre Beobachtungen nach.
- Überlegen Sie sich, warum Soziologen und "Weltverbesserer" bei Ihnen feindselige Reaktionen auslösen.
- Wohlstand hat mit Geld nichts zu tun.
- Fortschritt hat nichts mit Geld zu tun.

gigngogn
 
01
12.8.2011, 14:59
Pfaah, gesammelte 68er 'Weisheiten'

>- Wohlstand hat mit Geld nichts zu tun.
Aber nur nach der neuen WischiWascha Soziologen Definition. Fragen sie mal die Leute in den Entwicklungsländer ob sie auch der Meinung sind Wohlstand hätte nichts mit Geld zu tun.
Nicht umsonst wurde und wird Wohlstand auch am BIP/Kopf gemessen, jedenfalls von nicht Soziologen.

>- Fortschritt hat nichts mit Geld zu tun.
Genau, da ist kein Geld im Spiel, das passiert einfach so nebenbei.
Man geht auf die Toilette und kommt mit der Idee eines neuen Medikaments zurück, fix und fertig zur Produktion.
Fortschritt kostet eine Menge Geld, sowohl wissenschaftlicher als auch gesellschaftlicher Fortschritt ist nicht gratis zu haben.

www.banken-volksbegehren.at
00
12.8.2011, 18:06
Folgendes:

1) Wohlstand hat mich Geld nichts zu tun.
Ich geb' Ihnen soviel Geld wie Sie wollen. Aber null Ressourcen. Versuchen Sie dann mal Wohlstand zu erzeugen.
2) Fortschritt hat mit Geld nichts zu tun.
Ich geb' ihnen soviel Geld wie so wollen. Aber null Kreativität und null Schaffenskraft und null Energie. Versuchen Sie dann mal gesellschaftlichen Fortschritt zu schaffen.

Viel Glück!

sanjoaquin
 
01
12.8.2011, 14:06
Nichts zu danken,

es ist ja wunderschön, dass Sie Indien kennen - ich kenne leider nur Rimini und Klopein -, aber eigentlich wollte ich das gar nicht wissen. Es ging darum mittels Google festzustellen, dass sich in den letzten 30 Jahren in Indien, aber auch in Bangla Desh, Indonesien, Bolivien und Obervolta die Lebenserwartung nach oben und die Kindersterblichkeit nach unten entwickelt haben.

Günther Gettinger
04
12.8.2011, 08:00
Corruptio optimi pessima

Wir leben in einer Zeit, in der man die 'Mittel' (Technologien, Apps, etc.) anbetet, fetischisiert. Auch Geld ist von seiner sozialen Funktion her ein 'Mittel', ein sozialer 'Vermittler' --- unsere Zeit hat daraus einen Götzen gemacht.
Ausbildung statt Bildung, Berechtigungsscheine und Statusgarantien vergeben statt Lebenszusammenhänge verstehen - es läuft immer wieder auf dieselbe furchtbare Vereinfachung hinaus: kurzfristige Verwertungsinteressen haben die reinen Erkenntnisinteressen an den Rand gedrängt.

Ja, ich stimme zu: wir hätten all die technischen Mittel, um - als Menschheit - all unsere 'Probleme' zu lösen. Aber ---- der 'Sinn des Lebens' (?) ist eben kein (finanz-)technisches 'Problem'. Er ist die 'Gesamtschau'......

J. Reichhart
04
12.8.2011, 07:44
man kann es auch einfach so sagen:

wir haben (noch) keine produktions- oder versorgungskrise sondern eine verteilungskrise.

alle menschen könnten mit dem lebensnotwendigen versorgt werden. die verteilung der produkte klappt nicht. der geld-überbau verschärft diese verteilungsproblematik, weil er direkt über die produktionsmittel verfügt.

witherabbitt
 
01
12.8.2011, 02:55

Das angesprochene Problem verschärft sich noch dadurch, daß manche Theorien über komplexe Zusammenhänge ohne weitreichende Vereinfachungen gar nicht möglich sind, aber nach der »Bewährung« an von Theorie ausgesuchten Kriterien vergessen wird, daß diese Vereinfachungen im Verein von Kriterien, die anderes ausblenden, erst diese Bewährung erzeugen. Was in einfachen Statistik jedem klar ist, nämlich daß mit Statistik nichts über konkrete Einzelfälle gesagt werden kann, wird in ökonomischen Großtheorien häufig einfach verdrängt.

Friedel Marksteiner
 
01
11.8.2011, 19:38
Unser egoistisch-kapitalistisches Paradigma

gibt nun mal nichts anderes her. Das hat z.B. Jean Gebser vor 70 Jahren in seinem Buch Ursprung und Gegenwart sehr überzeugend dargestellt.
Eigentlich ist es die Aufgabe der (Hochschul-)Lehrer, darauf hinzuweisen und auf eine Änderung des Wertesystems hinzuweisen und hinzuarbeiten.
Er war da ziemlich optimistisch und hat die Änderung zu einer neuen Einstellung (er nennt sie 'integral', also nicht ichbezogen, Geist und Materie integrierend) als unmittelbar bevorstehend gesehen.
Nur, diese Einstellung muss in den vielen Einzelnen entstehen, da hat er auch recht.
Also, Herr Kellermann, an die Arbeit.

Friedel Marksteiner
 
00
11.8.2011, 19:31
Unser egoistisch-kapitalistisches Paradigma,

PaulPalme
02
11.8.2011, 19:24

Toller Beitrag, danke!

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