Geld und Partikularinteressen vernebeln die globalen Zusammenhänge - Von Paul Kellermann
Vor einem halben Jahrhundert, als der Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Einrichtungen in Europa begann, konnte man Kritiken hören, die auf zwei aufklärerischen Gedanken fußten: "terrible simplificateur" und "peacemeal engineering". Der erste Begriff bezeichnet die "schrecklichen Vereinfacher"; also Leute, die kompliziertere Zusammenhänge nicht sehen wollen oder können. Der zweite Ausdruck soll die Tätigkeiten charakterisieren, die nur Teile eines Ganzen - "Stückwerke" - betreffen, also wiederum größere Zusammenhänge außer Acht lassen.
Es ist bemerkenswert, dass gegenwärtig diese Kritiken am verkürzten Denken und Handeln kaum mehr zu vernehmen sind. Das ist umso erstaunlicher, als die Zusammenhänge der Lebensmöglichkeiten auf dem Planeten noch enger geworden sind: nach wie vor sich beschleunigendes Wachstum der Erdbevölkerung von etwas über eine Milliarde vor hundert Jahren auf heute fast sieben Milliarden mit weltweiten Konsequenzen; sich multinational verflechtende Märkte zwischen den Kontinenten; global bedrohliche Waffentechnologie; Klimakatastrophen von Dürren und gleichzeitigen Überflutungen ganzer Landstriche: Beispiele für zusammenhängende Entwicklungen, die höchstens jeweils für sich beachtet werden.
Die Vorgänge und Verhältnisse überfordern offensichtlich die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Intelligenz - zumindest derer, die Macht und Einfluss haben. Ist es eigentlich nicht selbstverständlich, dass Geld keinen Hunger, keinen Durst stillt und auch sonst nichts vermag? Und dennoch wird in Milliarden Geldeinheiten gerechnet, was beispielsweise die Abwendung des Todes von Millionen Menschen 2011 am Horn von Afrika kosten würde. So, als ob damit die Besorgung der wirklichen Mittel zur Rettung der Leben - Wasser, Nahrung, Unterkunft, Sicherheit, Heilung und vor allem ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte - überhaupt kein Problem darstellte.
Dabei sollte doch leicht einsehbar sein, dass der alles entscheidende, erste Faktor zur Sicherung und Verbesserung der Lebensverhältnisse - nämlich das menschliche Arbeitsvermögen - grundsätzlich vorhanden ist, ja, sogar mit dem Wachstum der Erdbevölkerung zunahm. Es kommt also vor allem auf deren Qualifikation und Organisation an, zu deren Entwicklung Geld in der heutigen Gesellschaft ein brauchbares Mittel - aber eben nur ein Mittel - ist. Doch die "terribles simplificateurs" sehen in der Art des "peacemeal engineering" nur ihr arbeitsteilig isoliertes Umfeld und darin ihrer eigenen Interessen, die zunehmend an Geldbesitz orientiert sind.
Ist es so schwer, die Zusammenhänge von zunehmender Geldorientierung mit der Vernachlässigung der realen Wirtschaft zu sehen; von repressiver Stoffvermittlung an (Hoch-)Schulen mit der Unterentwicklung des Denkens; von unbefriedigender Arbeit mit diversen Süchten; oder von jugendlichen Aufständen in sich mehrenden Ländern mit den als ungerecht und existenzbedrohend empfundenen Konzentrationen an Macht und Reichtum?
Fatal für alle, letal für viele ist die entstandene Differenz zwischen vertieftem technischem Verstand in Details und partikulären Interessen einerseits sowie sozial-humaner Vernunft in den Lebenszusammenhängen und universellen Einsichten andererseits. (Paul Kellermann, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.8.2011)
Autor
Paul Kellermann ist Soziologieprofessor an der Uni Klagenfurt, Schwerpunkte: Soziologie des Geldes, Arbeit und Bildung, Hochschulforschung.