Barbara Sukowa: "Ich hatte Glück, wählerisch sein zu dürfen"

Interview | 11. August 2011, 17:05
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    Barbara Sukowa wurde eine Rolle in einer Serie über die SS angeboten: "Das hätte mein großer Einstieg werden können. Doch ich habe kühn abgelehnt. Das war mir zu eklig."

    Sukowa (61), vielfach ausgezeichnete deutsche Künstlerin, arbeitete u. a. mit Bondy, Zadek, Stein und Fassbinder. Seit den 1990er-Jahren lebt sie mit dem US-Künstler Robert Longo in New York.

Mit Schönbergs "Pierrot Lunaire" absolvierte die Künstlerin einen ihrer raren Auftritte

Mit Andrea Schurian sprach sie über ihre Ansprüche an die Kunst und einschüchternde Opernstimmen.

Standard: Was ist das Besondere an Ihrer Sprechrolle in Schönbergs "Pierrot Lunaire", mit der Sie hier in Salzburg gastierten?

Sukowa: Es war nach den Gurre-Liedern eines der ersten Stücke, in denen Schönberg ein Mittelding zwischen Sprechen und Singen ausprobierte. Er hat die Sprechstimme wie eine Singstimme in verschiedenen Höhen sehr genau notiert. Das Wichtigste aber ist der Rhythmus. Es ist ein teuflisch schweres Stück, eigentlich ein unvorstellbares Unterfangen, ich arbeitete Monate, Jahre immer und immer wieder daran. Warum? Kann ich nicht sagen. Weil ich die Musik liebe. Jedenfalls wurde es bisher immer nur von Sängern vorgetragen - oder, wie Schönberg sie nannte: Diseusen, also Schauspielerinnen mit Gesangsausbildung.

Standard: Haben Sie keine Gesangsausbildung?

Sukowa: Nicht im klassischen Sinn. Aber ich habe immer wieder Unterricht genommen und versucht, meine Stimme zu erweitern.

Standard: Sie haben einmal gesagt, Opernstimmen würden die Zuhörer verschrecken, Wie meinen Sie das?

Sukowa: Sie sind so schön, so perfekt, dass man sich gar nicht mehr traut, an diese Stücke heranzugehen. Also, eine große Verdi-Arie, die können wir Normalsterblichen ja gar nicht singen. Aber ein Schubert- oder ein Schumann-Lied schon. Doch wenn das ein Sänger singt, kriegt man sofort Komplexe und denkt sich, so schön könne man‘s nicht. das ist schade. Sicher, man hat den Atem für bestimmte Dinge nicht, Sänger arbeiten daran jahrelang, das ist ja ihr Beruf. Aber deshalb soll kein anderer ein Lied singen? Fand ich falsch. Auch zu Schuberts Zeiten wurden seine Lieder ja nicht am Steinway-Flügel im großen Konzertsaal gesungen, sondern von seinen Freunden, auf ihren Schubertiaden.

Standard: Sie singen nicht nur klassische Lieder. Gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Künstler Robert Longo, haben Sie die Rockband X-Patsys gegründet. Was bedeutet Ihnen Singen: Selbstbestätigung? Herausforderung?

Sukowa: Es ist eine Art Selbstentdeckung: Ich bin begierig zu wissen, was möglich ist. Und mir geht es um die Verbindung zu anderen Menschen, anderen Berufen. Es ist ein völlig anderes Erlebnis, mit klassischen Musikern zu arbeiten oder mit den Rockmusikern.

Standard: Was sagen Ihre drei Söhne zu den rockenden Eltern?

Standard: Als wir das erste Mal auftraten, brachten die auch noch ihre 15-, 16-jährigen Freunde mit, vor denen hatte ich am meisten Angst. Ich wollte meine Kinder ja nicht blamieren und dachte: Oje, die Armen. Wenn die das nun grauenvoll finden! Aber das Irre war, diese Jugendlichen waren unser enthusiastischstes Publikum. Die kamen alle zu uns und ermunterten uns. Einmal sagte mein mittlerer Sohn, der seine ganz eigenen Sachen, sehr schöne Lieder schreibt: Ich bin froh, dass Ihr keine Altrocker seid!

Standard: Was kam‘s zum Band-Namen X-Patsys?

Sukowa: John Kessler, ein befreundeter Künstler und Gitarrist, und mein Mann spielten früher in der New Yorker Downtownszene. Eines Tags sagte Kessler, er habe geträumt, ich würde Countrysongs von Patsy Cline singen. Wir - John, Robert, ihre beiden Assistenten, ein Literaturprofessor und ich - haben für eine Benefziveranstaltung ein Medley ihrer Lieder gemacht und das Ganze eingedunkelt, damit es nicht ganz so countrymäßig klingt. Wir nannten uns Patsys, als wir professionelle Musiker dazunahmen, weil der Literaturprofessor wieder an die Uni zurückkehren musste, waren wir nicht mehr die Patsys, sondern eben die X-Patsys.

Standard: Sie spielen nur mehr selten Theater. Warum? Interessiert es Sie nicht mehr?

Sukowa: Leider kenne ich die meisten der jungen Regisseure in Deutschland nicht mehr. Aber ich liebe Theaterspielen, wenn man sich tragen lässt, sich gegenseitig auffängt, gemeinsam etwas sucht. Das Schönste, mit richtig guten Schauspielern auf der Bühne zu stehen, so wie einst als Kind, wenn man mit der Freundin so toll in der Puppenstube spielen konnte.

Standard: Spielen Sie auch in New York Theater?

Sukowa: Ich hab‘s zweimal versucht, aber es hat mir keinen Spaß gemacht.

Standard: Wegen der Sprache oder wegen der Art des Theaterspielens?

Sukowa: Wegen der Art des Theaterspielens. Es gibt in Amerika ganz klare Hierarchien und Regeln, das hat mit der Gewerkschaft zu tun. Ich kann da nicht einfach zu meinem Kollegen sagen: Könntest du bitte mal von da kommen, ich würde gern was ausprobieren. Sondern ich muss zum Regisseur gehen, der muss das dem Kollegen sagen. Das hat seine Gründe in dem Starkult - damit nicht ein Star alle anderen herumdirigieren kann.

Standard: Unter der Regie von Mararete von Trotta spielten und spielen Sie große Frauenrollen: Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen, nun werden Sie Hannah Arendt verkörpern. Verändern Rollen wie diese Ihre Sicht auf die Welt, auf Religion, den Glauben?

Sukowa: Natürlich. Es ist ja nicht damit getan, dass man das Drehbuch liest. Für die Vorbereitung auf die Rolle der Hildegard von Bingen habe ich beispielsweise die benediktinischen Regeln studiert und mir vorstellt, wie es ist, danach zu leben: Was bedeutet es, wenn man mehrmals pro Nacht aufsteht und betet. Oder jetzt mit Hannah Arendt: Wie ist es, wenn man sein Land verlassen muss? Was bedeutete es damals, Jüdin zu sein? Es stellen sich bei jeder Rolle andere Fragen. Aber immer geht es es geht um Menschen. Es gibt ja so unendlich viele Möglichkeiten, die wir als Menschen haben.

Standard: Sie gelten als jemand, die Rollen sehr bewusst auswählt. Haben Sie nie nur um des Spielens willen spielen wollen?

Sukowa: Nein, das gab‘s bei mir nie. Aber ich hatte Glück, dass ich so wählerisch sein konnte. Wäre das nicht möglich gewesen, hätte ich vermutlich den Beruf gewechselt. und versucht, etwas Anderes zu machen. Aber Tatsache ist auch: Ab einem bestimmten Alter, wenn man nichts Anderes gelernt hat als die Schauspielerei und man steht mitten im Leben, hat Familie, dann kann sich nicht jeder aussuchen, was er machen will. Da hatte ich wirklich großes Glück, das ist nicht Eigenverdienst oder eigene Integrität, das ist mir geschenkt worden.

Standard: Waren Sie nie versucht, in Serien mitzuspielen?

Sukowa: Naja, jetzt gibt es ja viele gute Serien, die würden mich durchaus reizen. Als ich Anfang der 1990-er Jahre nach Amerika kam, wurde mir eine Rolle in einer Serie über die SS angeboten; das häütte für mich sicherlich ein großer Einstieg werden können. Aber ich habe kühn abgelehnt. Das war mir zu ekelig.

Standard: Bei Ihren vielen Begabungen: In der bildenden Kunst wollten Sie sich nicht verwirklichen?

Sukowa: Nein! Ich glaube zwar, dass jeder Mensch malen, seine Phantasie mit Materialien umsetzen kann. So wie jeder Mensch schauspielen und singen kann. Es ist nur immer noch die Frage, das in Professionalität zu bringen. Das war letztlich auch mein Problem mit der Band. Ich dachte: Na, das mach‘ ich jetzt mal aus Spaß. Doch dann kommt das Professionelle in einem durch. Und dann macht man es eben nicht nur aus Spaß, sondern man muss hart dran arbeiten. Wenn man in einem dieser künstlerischen Bereiche professionell tätig ist, dann hat man bestimmte Ansprüche.

Standard: Sind Sie sehr kritisch mit sich selbst?

Sukowa: Ich bin schon milder geworden. Aber ich habe oft eine sehr genaue Vorstellung, wie etwas sein könnte. Und es ist schwer, dahin zu kommen. Meine Vorstellung ist besser als mein Können. Wenn man sich mit einem großartigen Stück etwa von Shakespeare, einem Musikstück wie etwa "Pierrot Lunnaire" wirklich beschäftigt, dann hat das eine so überwältigende, große Dimension, da kommt man als Interpret oft nicht einmal in die Nähe. Nur ganz große Künstler können das, so wie Mitsuko Uchida, wenn sie Schubert spielt. Gerade im Schauspiel bleiben wir oft weit darunter. Da werden schnelle Lösungen und Gags gesucht. Aber das bringt uns in der Kunst nicht weiter.

Standard: Ihre Filme, Theaterstücke, CDs sind vielfach ausgezeichnet worden. Sie arbeiten mit den besten Regisseuren, Dirigenten, Orchestern...

Sukowa: ... Aber das ist doch nicht geplant, sondern ich habe halt Glück, dass mich wer findet. Ich schreibe ja nicht an Claudio Abbado, sondern er hat mich gehört und mich zur Zusammenarbeit eingeladen. Und Reinbert de Leeuw vom Amsterdamer Schönberg-Ensemble hat mich in Fassbinders "Lola" gesehen, wo ich ein Chanson sang; und Fassbinder wiederum hat mich auf der Bühne gesehen. So ist immer eins ins andere gegangen.

Standard: Würden Sie sich immer noch als "melancholische Optimistin" bezeichnen?

Sukowa: Hab‘ ich das einmal gesagt? Ja, ich bin Optimistin. Denn wenn man keinen optimistischen Ausblick auf das Leben hätte: Wie kann man weiterleben? Aber das Leben ist auch irgendwie eine melancholische Angelegenheit. Wir wissen ja nicht so genau, woher wir kommen, wohin wir gehen. Ist das nicht ein bisschen melancholisch?

Standard: Kämen Sie noch einmal auf die Welt, wollten Sie wieder Schauspielerin werden?

Sukowa: Nein, gewiss nicht. Dann wäre ich das ja schon einmal gewesen. Hätte ich noch hundert Jahre zu leben, dann würde mich wohl die Naturforschung interessieren: Wie lebt die Fliege an der Wand? Wie meine anderen Mitbewohner auf diesem Planeten leben: darüber weiß ich eigentlich wenig. Schade, wenn ich dann bald mal ins Gras beiße und eigentlich gar nicht so genau Bescheid weiß über das Gras.  (DER STANDARD, Printausgabe, 12.8.2011; Langfassung)

Timagoras
 
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18.8.2011, 14:10

"Pierrot Lunaire" war - gelinde gesagt - ein schaß.

der abend hat sich aber alleine schon wegen Mitsuko Uchida (meine heroine) und ihrer interpretation von Schuberts es-dur-klaviertrio gelohnt.

auch Ian Bostridge war (gewohnt) gut.

aber der Schönberg mutete irgendwie altertümlich und überholt an (liegt vielleicht auch am text).

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