Analyse

Aufstand in Syrien bringt die libanesische Hisbollah ins Trudeln

Analyse | Gudrun Harrer, 11. August 2011, 17:01
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    foto: reuters/omar ibrahim

    Anti-Assad-Protest in Tripolis

Der Konflikt in Syrien bringt einen gewaltigen Kollateralschaden für die libanesische Hisbollah mit sich. Die schiitische Organisation, die von Teheran und Damaskus unterstützt wird, ist militärisch stärker denn je und politisch so einflussreich wie nie zuvor: Erstmals ist ja im Libanon mit Najib Mikati ein von der Hisbollah gemachter Ministerpräsident im Amt. Und dennoch ist die Hisbollah an einem Tiefpunkt, was ihr Ansehen anlangt, im Libanon und in Syrien, aber auch im Rest der arabischen Welt, die ihr sonst Respekt für ihre Widerständigkeit zollte, insbesondere dafür, aus dem Krieg mit Israel 2006 ungebrochen hervorgegangen zu sein.

Ihr „double standard" - sonst immer ein ständiger Vorwurf an die USA - angesichts der arabischen Protestbewegungen ist eklatant. In Ägypten, Tunesien, Jemen und Bahrain war die Hisbollah - wie ja der Iran auch - auf der Seite der Demonstranten gegen die dem Westen genehmen Regime. Zum Aufstand in Syrien äußerte sich Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah hingegen sofort zugunsten des „Widerstands-Regimes" in Damaskus: Bashar al-Assad sei ein Reformer, die Protestierenden agierten zugunsten Israels und der USA.

Wobei dieser Aspekt gar nicht geleugnet werden kann: Mit dem Sturz Assads die über Damaskus laufende iranische Lebensader der Hisbollah abzuschneiden und den Iran aus der Region zu drängen, ist eine der Attraktionen des „regime change"-Szenarios - auch für Beobachter, die stark daran zweifeln, ob es nach Assads Abgang nicht zu einem Bürgerkrieg und einem islamistischen Machtanspruch in Syrien kommen könnte, mit allen unangenehmen Folgen für den direkten Nachbarn Israel.

Der Ärger über die Haltung der Hisbollah ist in Syrien-kritischen Kreisen im Libanon jedenfalls so groß, dass bei Demonstrationen zur Unterstützung der syrischen Protestbewegung sogar Hisbollah-Fahnen verbrannt werden. Auch der sunnitische Ministerpräsident Mikati, Premier von Hisbollahs Gnaden, ist dabei im Dilemma: Seine Herkunftsstadt Tripolis ist Schauplatz von starken sunnitischen Anti-Assad-Protesten, denen sich Mikatis Partei, die in Tripolis starke Zukunftsbewegung, aber nicht anschließt und so das Feld den radikalen sunnitischen Islamisten überlässt.

Auch die protestierenden Syrer bekommen mit, dass die Hisbollah, die sich als Volkspartei gibt, mit dem Volk prompt nichts mehr im Sinn hat, wenn es um ihre eigenen Interessen geht. Die Syrer und Syrerinnen, so ist die Meinung in Syrien, hätten als Verbündete der Hisbollah jahrelang große politische Opfer gebracht - angesichts der mangelnden Solidarität werde es damit vorbei sein, sobald Assad weg ist. Auch auf den Straßen anderer arabischer Ländern wird jetzt die Hisbollah - der man ihr Schiitisch-Sein wegen ihres „Widerstands" gegen Israel nachsah -, jetzt wieder als „fremd", vom Iran implantiert, empfunden.

An der Hisbollah-Reputation rütteln auch die Anklagen des von der Uno eingerichteten „Special Tribunal for Lebanon" (STL) gegen vier Hisbollah-Mitglieder: Sie sollen für den Mord am sunnitischen libanesischen Expremier Rafik al-Hariri im Jahr 2005 verantwortlich sein. Eine vor einem Monat ergangene Aufforderung des Tribunals an den Libanon, die vier Männer sollten sich dem STL zur Verfügung stellen, wurde dieser Tage aus Beirut dahingehend beantwortet, dass sie unauffindbar seien. Immer mehr Libanesen empfinden, dass die Hisbollah das Land in Geiselhaft hält und keine normalen internationalen Beziehungen möglich sein werden, so lange die Organisation nicht in ihre Schranken verwiesen - und entwaffnet! - wird.

All das hat dazu geführt, dass sich die Hisbollah jetzt mit Äußerungen zu Syrien zurückhält. Behauptungen, dass Hisbollah-Kämpfer - wie ja auch angeblich Iraner - an der Seite von Assads Sicherheitskräften gegen syrische Demonstranten vorgehen würden, hat die Organisation energisch dementiert. Eine gewisse Gefahr besteht darin, dass die ins Eck getriebene Hisbollah darauf setzt, auf einem antiisraelischen Ticket am ehesten wieder herauszukommen, und den Konflikt mit Israel wieder eskaliert: Dazu bietet sich der Streit zwischen dem Libanon und Israel über die vor der Küste liegenden Gasvorkommen an, eine Frage, bei der auf einen Schlag alle Libanesen wieder in einer Front vereint wären.

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20 Postings
tom krishan1
 
20
12.8.2011, 14:00

[1]
"(...) Ärger über die Haltung der Hisbollah ist in Syrien-kritischen Kreisen ... so groß, dass bei Demonstrationen zur Unterstützung der syrischen Protestbewegung sogar Hisbollah-Fahnen ...
[2]
verbrannt werden.
[3]
(...) sunnitische Ministerpräsident Mikati, Premier von Hisbollahs Gnaden ..."

die kommentatorin vergisst,

zu 1:
die breite bewegung quer durch den libanon, welche zum abzug der syrer überhaupt erst geführt hatte.

im libanon gibt es weniger wendeköpfe, als es (von vielen im westen) gewünscht wäre.

zu 2:
ein bildnachweis (aber bitte ein bild ohne sichtliche manipulationsspuren) wäre mangels aussagekraft im zusammenhang zu 1. ohnehin ohne relevanz.

zu 3:
es ist immer ein sunnitischer premier laut lib. verfassung. warum

franz 003
00
17.8.2011, 06:04

zu 3:
es ist auch immer ein christlicher präsident laut lib. verfassung. ebenfalls warum

Malkaye
10
12.8.2011, 12:54
"keine normalen internationalen Beziehungen möglich sein werden"

so normal wie sie saudi-arabien möglich sind? nein danke, zu saudi-arabien UND seinen internationalen beziehungen.

Avicenna
 
02
12.8.2011, 12:08
Hoffentlich kein Sarajevo-Syndrom

Wie immer im Nahen Osten ist es verzwickt. Die religiöse Toleranz in Syrien steht in krassem Widerspruch zur Machtpolitik des Assad Clans und seiner Getreuen. Assad hat sich mit seinen Repressionen ins Eck manövriert. Die enge Anbindung an den Iran war zweckdienlich, wird aber immer kontraproduktiver. Der Einfluss auf den Libanon wird damit abnehmen und das ist gut so. Rennt das Regime aber weiter in die falsche Richtung wird sich der Protest fanatisieren und womöglich ethnische und religiöse Zugehörigkeiten focussieren. Wieder wäre ein multi-religiöses/ethnisches Zusammenleben durch Fanatismus bedroht. Die Tradition der Toleranz, die es auch gab und große kulturelle Leistungen hervorgebracht hat, müsste einmal mehr der Dummheit weichen.

dr mike
02
14.8.2011, 10:55

religiöse Toleranz in syrien ?? Wovon reden sie ? syrien hat seine 2 - 3000 Jahre alten jüdischen Gemeinden vernichtet ausgeraubt vertrieben oder gemordet. Das nennen sieReligionsfreiheit?

Euphrosine Laetitia
 
00
18.8.2011, 02:43

Bei den vernichteten jüdischen Gemeinden in Syrien könnte es sich vielleicht um eine Reaktion auf die Hunderte von vernichteten arabischen Dörfern in Israel und die Vertreibung ihrer Bewohner, weiters um die Besetzung und Besiedlung der syrischen Golanhöhen handeln? So viel ich weiß, gibt es nur einen Waffenstillstand, aber keinen Frieden zwischen Syrien und Israel. Nach syrischer Auffassung ist das ein politischer, aber kein religiöser Konflikt. Die christliche Minderheit hat Religionsfreiheit und ist nicht sozial diskriminiert. Aber wenn die Unruhen zu einem Bürgerkrieg eskalieren, werden islamistische Tendenzen und Intoleranz höchstwahrscheinlich mehr Macht bekommen.

dr mike
00
18.8.2011, 11:35
vielleicht eine Reaktion gewesen

Die Vernichtung der Jüd Gemeinden war schon lange vor der Eroberung der Golanhöhen abgeschlossen.
Wenn es wie sie schreiben nach syrischer Auffassung ein politischer und kein relig Konflikt ist warum vernichten sie dann Religionsgemeinschaften syrische Staatsbürger ?
Die hunderte arabischen Dörfer die angeblich von Israel vernichtet worden sein sollen haben sich zum größten Teil deshalb geleert weil der Mufti von Jerusalem die Leute aufgefordert hat die Dörfer zu evakuieren damit die Armee leichter die Juden ermorden kann.

Euphrosine Laetitia
 
11
19.8.2011, 00:27
Ein bisserl Geschichte

Im osmanischen Reich lebten Muslime, Christen und Juden friedlich zusammen, Konflikte gab es "nur" mit den Nachbarländern an den Grenzen dieses Reiches. Die Probleme begannen mit der Errichtung des britischen Mandats Palästina. Nach osmanischem Recht gab es keinen privaten Grundbesitz, das Land gehörte dem Staat und jeder hatte das Recht, ungenutztes Land für sich nutzbar zu machen. Deshalb gab es keine Grundbücher und die Briten hatten keine Ahnung,wie dicht bevölkert das Land war,als sie es den Juden versprachen.Die Briten spielten ein Doppelspiel mit unvereinbaren Versprechen an Juden und Araber.Ich respektiere Herzls Vision von einem Judenstaat,der durch friedliche Beziehungen geprägt sein sollte.Die Realität sieht leider anders aus.

paulchen77
00
14.1.2012, 22:12
Osmanen

Das mit dem friedlichen Zusammenleben von Moslems, Juden und Christen unter der osmanischen Kalifendiktatur glaubst aber nicht wirklich, oder? oder meinst genauso friedlich wie die schwarzen amerikanischen Sklaven mit ihren weißen Herren, nur als Vergleich.

Avicenna
 
00
12.9.2011, 23:52

Interessante Antwort, habe ich leider erst jetzt gelesen...

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11
12.8.2011, 09:05
Premier von Hisbollahs Gnaden, ist dabei im Dilemma: Seine Herkunftsstadt Tripolis ist Schauplatz von starken sunnitischen Anti-Assad-Protesten, denen sich Mikatis Partei, die in Tripolis starke Zukunftsbewegung

Also Frau Harrer!

Als Expertin für dieses Gebiet sollten Sie schon wissen, daß Tripolis in Libyen liegt!
Die Stadt im Libanon heißt Tripoli!!!

DerAusrufer
01
12.8.2011, 13:13

Zu ihrer Verteidigung ;-): Im Arabischen wird beides gleich ausgesprochen (tarablus), das eine als das westliche, das andere als das östliche bezeichnet.

Chien de Pique
01
15.8.2011, 21:26

Es läuft auch beides auf das Gleiche hinaus, kommt doch beides aus dem Griechischen, jeweils nach "drei Städten", die dort lagen; außer den zwei bekannten gibt es noch weit mehr Tripolis(se)...
Im Englischen, Italienischen, Spanischen, und Französischen, Niederländischen usw. gibt es für beide Städte heute auch nur ein Wort (Tripoli, Trípoli)
Auch im Deutschen hat man das nicht immer so heiß gegessen. Insofern würde ich das nicht einmal wirklich als lässlichen Fehler einstufen.

mstislav raskachlovitsch
10
12.8.2011, 08:38
die libanesische Hisbollah ist genau so toll....

organisiert und schlagkräftig wie die Reserve-Kampfmannschaft von Kleinzicken i.B. ;-))

my comment
12
12.8.2011, 07:48

Im Augenblick der Unabhängigkeitserklärung der Palästinenser werden sie alle wieder vereint geschlossen gegen Israel auftreten, so meine Meinung.
Amerika und Israel sollten sich bezüglich der syrischen Spaltung keiner Illusion hingeben.

dr mike
01
14.8.2011, 10:58

es ist so schön einfach einen gemeinsamen Feind zu haben. Dazu war Israel denarabischen Totalitaristen stets willkommen. Ob obwohl im Zeitalter des Internets dieser Schmäh noch immer zieht ist zu befürchten.

HakBarth
 
02
12.8.2011, 00:14

nasrallah sieht durch den dunst: friedliche demonstranten in syrien sind infiltriert worden durch unruhestifter, die auf polizisten und soldaten schiessen, von arabischen öl-monarchien bezahlt und kommandiert auf geheiß der partner und bosse

1.Kp / EW 74
 
19
11.8.2011, 23:34
Hisbollah-Fahnen werden verbrannt?

Und noch dazu im Libanon ??

Dass ich das noch erleb ...

:-)

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01
12.8.2011, 09:00

Das ist jetzt aber nichts neues.

Der Waehlerwille
 
04
11.8.2011, 21:09
Für die Hisbollah fällt einfach einer der beiden hauptfinanziers weg.

Thats it.

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