Vergiss mein nicht - Netzreaktion auf London

Gastkommentar | 11. August 2011, 10:49

Wie viel kann man mithilfe der Reaktionen im Internet über die Stimmung in einem Land lernen? Ein Experiment anhand der Randale in England - Von Lars Mensel

Nie werde ich vergessen, wie ich 2005 von den Anschlägen in London hörte. Zu dem Zeitpunkt machte ich Urlaub in den USA und mein Gastgeber stand morgens im Türrahmen, um mich mit den Worten "Europe is being bombed" zu wecken. Die derzeitigen Ausschreitungen sind zwar anderer Natur, aber Spiegel Online kommentierte sie - gewohnt nüchtern - in ähnlicher Tonalität: "Tottenham brennt". Versucht man die Reaktion der Engländer von hier aus zu verstehen, so erkennt man zunächst ungeahnten Pragmatismus: Ein Blick in die Rubrik Sport & Freizeit des Versandhauses Amazon offenbarte, dass Schlagstöcke und Baseballschläger flugs an die Spitze der Verkaufscharts gestürmt waren.

Das Netz als Spiegel der Reaktionen

Diese Beobachtung mag nur ein kleines Beispiel sein, doch ist sie nicht das Einzige, an dem man in einem unerwarteten Winkel des Internets erkennt, wie sich die Stimmung im Land manifestiert. Unsere Zeitungen weisen zwar ordnungsgemäß darauf hin, die randalierende Jugend verständigte sich über Twitter und Facebook, doch der Mehrwert dieser Information ist klein. Nicht ohne Grund wurde schon früher drauf verzichtet, bei Protesten darauf hinzuweisen, dass die Jugend sich zwecks Organisation des Telefons bediente.
Wirkliche Einsicht gibt daher erst ein Blick, der über die Berichterstattung von solchen Selbstverständlichkeiten hinausgeht - wie die Aktion jener Engländer, die statt zu plündern lieber mithilfe einer "Broom Brigade" hinter dem Mob herkehren. Dann ist da der Ton, mit dem diesen Ausschreitungen begegnet wird: Wir lesen weniger über Angst, sondern primär über das Unverständnis ob der Taten und von Entrüstung darüber, wie viel Gewalt eingesetzt wird. Begleitet wird dies von reinem Hohn auf Twitter: "The Youth of the Middle East rise up for basic freedoms. The Youth of London rise up for a HD ready 42" Plasma TV londonriots." Von einer gesellschaftlichen Akzeptanz für die Ausschreitungen, welche sich angeblich gegen die sozialen Missstände und die Arbeitslosigkeit richten, kann man also nicht sprechen.

Den Spieß umdrehen

Daher sind die cleversten Reaktionen solche, die den Spieß umdrehen und ihrerseits Gerechtigkeit fordern. So entstand im Netz eine Initiative zum Identifizieren der Vandalen. In den Medien gab es genug Fotos der Randalierer, anhand derer manche Briten nun versuchen, die Identität der Hooligans zu klären: Sobald mehrere User die gleiche Person auf einem Bild erkannt und markiert haben, gibt die Initiative deren Namen an die Polizei weiter - ein interessantes Beispiel dafür, wie Bürger in Zeiten der Vernetzung Aufgaben übernehmen, die die Polizei schon allein personell nicht bewältigen könnte.

Wer bleibt schon noch anonym?

Andererseits gibt einem diese Reaktion auch zu denken. Salopp gefragt: Wenn man nicht einmal mehr mit Skimaske einen Laden plündern kann, ohne anschließend im Internet zu landen, was bedeutet das dann für den Normalbürger? In Deutschland gab es vor wenigen Wochen einen Aufschrei, als Facebook die Gesichtserkennung einführte, um damit das Vertaggen von Fotos zu erleichtern. Eric Schmidt, nicht gerade für zurückhaltende Äußerungen bekannt, gab unlängst zu bedenken, dass er diese Technologie selbst für zu gefährlich halte, um sie für die Öffentlichkeit freizugeben. Und als ein Foto vom Glastonbury-Festival mit Tausenden von Menschen zur Vertaggung freigegeben wurde, war der Grundtenor auch eher verschreckt.

Die aktuellen Ergebnisse in England zeigen: Eine Gesichtserkennung ist im Zweifelsfall gar nicht mehr nötig. Bei bereitwilliger Nutzung von sozialen Netzwerken durch Tausende von Usern ist sie sogar geradezu überflüssig. Wenn in England also eine entrüstete Öffentlichkeit die Randalierer im Netz öffentlich anprangert - ist das Zivilcourage oder auf lange Sicht ein gefährliches Zeichen? (Lars Mensel, derStandard.at, 11.8.2011)

Autor

Lars Mensel, The European, studierte an der Universiteit Leiden (Niederlande) und in Glasgow, Barcelona und Berlin. Er arbeitet bei The European als Redakteur und betreut u.a. die diversen Social Media Kanäle.

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und beginnen die richtigen Fragen zu stellen! Laut und in aller Öffentlichkeit! Nicht Plündern sondern Antworten einfordern! Und zwar Antworten von den Fädenziehern hoch oben in den Glastürmen! Wenn man sich gegenseitig die Nachbarschaft abfackelt wird dort oben sicher nur gegrinst! Mehr nicht!

es gibt zum glück auch eine andere reaktion, als die der bürgerlichen empörtheit:

Give Our Kids a Future! North London March Sat 13th
http://www.peoplesassemblies.org/2011/08/n... -sat-13th/

aussage ziemlich am ende:

"Let’s work together for a decent society, based not on greed, inequality and poor conditions, but on justice, freedom, sharing and co-operation."

soziale bewegungen haben in gb in den letzten monaten einen großen aufwind bekommen, ihre reaktion wird nicht ausbleiben.

eine ganz gute zusammenfassung der ereignisse:
Summer of Unrest: an indymedia overview of the 'riots'
http://www.indymedia.org.uk/en/2011/0... 83296.html
und, wenn auch nicht mehr ganz aktuell:
Soziale Unruhen in Großbritannien
https://at.indymedia.org/node/21089

Und die großen Kapitalisten die an der Krise schuld sind

besitzten kleine Lokale und Einzelhandelsgeschäfte. Deswegen schadet man dem interationalen Kapital am besten indem man diese abfackelt. Gibt es in London keine Bankzentralen zum anzünden?

"Wenn in England also eine entrüstete Öffentlichkeit die Randalierer im Netz öffentlich anprangert - ist das Zivilcourage oder auf lange Sicht ein gefährliches Zeichen?"

.
weder noch.

das ist weder zivilcourage (wieso auch?), noch ein gefährliches zeichen (wofür denn?).

es bedeutet nur, dass in England eine entrüstete öffentlichkeit die randalierer öffentlich anprangert.

so what?

eines sind die randale wenigstens:

logisch!

that's part of the game called capitalism.

Kapitalismus ist ein Pyramidenspiel. Bevor jedoch am Ende nur ein Einziger alles Geld hat versagen die wichtigsten gesellschaftlichen Funktionen. Sehr elementar ist dabei die Verteilung, wenn die nicht mehr funktioniert (siehe London: größter Unterschiede zwischen arm und reich), dann explodiert eben die soziale Lage. Das ist ein Naturgesetz! Genauso wie es eben kein exponentielles Wachstum gibt!

Videotipp:
http://youtu.be/699hnAsj3t8

Sehr gut!

Es gibt immer mehr Menschen die das System hinterfragen!

ich kann ihrer logik nicht folgen!

weil es leute gibt, die es geschafft haben, steht es den leuten, die es versemmelt haben zu randalierend und brandschatzend in der stadt umherzuziehen?

warum sind eigentlich immer "die anderen" schuld daran, wenn leute scheitern? es steht jedem frei statt herumzuhängen in die schule oder auf die uni zu gehen. mir konnten meine eltern auch kein studium oder eine wohnung finanzieren und trotzdem hatte ich eine wohnung und habe einen abschluss gemacht... die frage ist nur, wie motiviert oder faul ist man. sorry, aber genau daher ist mitleid unangebracht.

offensichtlich habe ich ein anderes rechtsverständnis...

kein exponentielles wachstum gibt,

das langfristig bestehen kann!

ist das Zivilcourage oder auf lange Sicht ein gefährliches Zeichen?

keine ahnung.
tatsache ist aber, daß technologien, die erfunden wurden, auch benützt werden und nicht mehr wegzuzaubern sind. also gewöhnen wir uns besser daran.

1. "...Ausschreitungen, welche sich angeblich gegen die sozialen Missstände und die Arbeitslosigkeit richten..." Nun, mich hätte schon interessiert, was der geneigte Autor EIGENTLICH für den Grund dieser Ausschreitungen hält...
2. Wie der Autor das anonyme Identifizieren (!) von Randalierern im Netz allen Ernstes mit "Zivilcourage" assoziieren und den reißende Absatz von Schlagstöcken mit dem Ausdruck des "ungeahnten Pragmatismus" als treffend formuliert ansehen kann, ist mir vorsichtig ausgedrückt schleierhaft...
3. "Wenn man nicht einmal mehr...einen Laden plündern kann, ohne...im Internet zu landen..." Soll das witzig sein oder lässig oder was soll das?
Ausser den Fakten, was soll dieser Kommentar? Was will er?

ein versuch antworten zu finden

sehr geehrter herr palme
ich versuche im folgenden die drei, von ihnen genannten punkte zu beantworten, da sie sich fuer mich so lesen als wuerden sie antworten suchen.
1. um das wort "angeblich" in diesem zusammenhang korrekt einzusetzen ist es nicht noetig eine alternativvorstellung fuer den grund zu haben. der autor drueckt damit aus dass er den angegebenen grund weder als wahr akzeptiert noch als falsch ansieht. er gibt vielmehr wieder dass der genannte grund als solcher angegeben wird.
2. das ist sehr schade. wenn sie vielleicht umschreiben koennten welche punkte ihnen besonders schleierhaft erscheinen und ob es vielleicht welche gibt die sie verstehen dann faellt es leichter ihnen hier weiter zu helfen.
3. zwar birg dieser satz eine gew

Ist das Zivilcourage oder auf lange Sicht ein gefährliches Zeichen?

Beides. Nicht die Mittel, die der Mensch hat, sind moralisch oder verwerflich, sondern sein Umgang damit. Mit Ausnahme weniger Erfindungen, die der Mensch gemacht hat, stellt die Verfügbarkeit moderner Technologie die Herausforderung des vernünftigen Umgangs mit ihr. Das größere Problem ist die Schnelligkeit und die Vehemenz mit der die Industrie neue elektron. Möglichkeiten auf die Bevölkerung los lässt. Wer jung ist und/oder versiert kann sich schnell damit vertraut machen. Vielen gelingt das nicht. Und die hochkomplexen Wechselwirkungen sind z.T. unabsehbar. Datenschutz und Bürgerrechte werden heute mehr von Unternehmen bedroht als von Reg. Ständige öffentl. Verfügbarkeit schafft Transparenz, aber auch neue Probleme.

ja. wird nicht lange dauern bis mal wer ernsthaft versucht die funktionen von beispielsweise diesen beiden apps mit gesichtserkennung und echtzeit GPS-daten (zB andrer handys) zu verbinden.

google goggles (bildabgleich)
http://www.youtube.com/watch?v=WA7wwKIC24s

wikitude (augmented reality)
http://www.youtube.com/watch?v=tpaJBu4BEuA

was mehr oder weniger das ziel von videoüberwachung sein wird. nicht nur daten zum auswerten, sondern eine echtzeitkontrolle aller passanten. möglicherweise auch bald fürs handy.. ich hoffe mal nicht <.<

wie (positiv) kreativ sich so manches einsetzen lässt zeigt zB auch
http://www.youtube.com/watch?v=wxDRburxwz8

Ein Teil des Szenarios

Sehr gut beschrieben und danke für die Links! Leider ist das auch nur ein Teil dessen, was möglich sein wird (wenn auch illegal). Aber die meisten stehen ja tatsächlich auf dem naiven Standpunkt "ich hab ja nix zu verbergen, warum sollte ich mich also fürchten?". Datenschutz interessiert (wenn überhaupt) die meisten erst dann, wenn ihr eigener PC zum Zombie wird und sie es merken.

Bemerkenswert ist...

...dass man sich hier um die Anonymität der Täter Sorgen macht, und nicht etwa um die Zukunft der kleinen Händler, deren Existenz von Plünderern zerstört wurde.

"um die Anonymität der Täter Sorgen macht"

uje uje, da haben sie was ziemlich falsch verstanden.

Es gibt kein Schwarz/weiß auf diesem Planeten

und genau so wenig mache ich mir um die Täter sorgen.

Einzig interessant ist WIE es zu diesen Ausschreitungen kommen konnte UND - wenn man selbst vermummte Täter via Blockwartmentalität und Internet ausforschen kann - wer garantiert dann noch MEINE Privatsphäre?

Interessant ist auch noch der typische Beißreflex, die WIRKLICH wichtigen Fragen zu negieren. Weil, ist ja einfacher ein paar von den Randalierern einzusperren. Nur, wie viel Platz hat man in den Gefängnissen? 100? 1000? 10.000!? 1 Million?!
Was hat für einen Sinn zwanghaft nach ein paar hundert Tätern zu suchen, ohne die URSACHEN zu bekämpfen?

in england

gibts keine kleinen händler mehr.

das ist schlicht unsinn,

und das wissen sie vermutlich auch.
was soll diese behauptung also?

Waren Sie schon einmal selber dort?

ja, war ich

das "warst du schonmal in dort" argument ist bei england wohl mehr als stumpf.

erinnert mich

an die vorgeschobenen 5ha bergbauern des bauernbunds.

um waffengrafen und die agrarindustrie zu schützen.

es gibt nicht nur entweder oder

sondern auch sowohl als auch.
nicht nur das jetzige bestraften der taeter und helfen der opfer ist wichtig, sondern auch das verhindern von problemen in der zukunft. sonst kann man die bretter gleich an den fenstern der shops lassen...

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