Der Dollar fällt und fällt und fällt ...

25. Mai 2003, 18:58
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... oder: Die Geister, die ich rief, ward ich nicht mehr los - Kurzum: Wer ist hier die Flasche? - Gastkommentar von Michael Margules

Die amerikanische Regierung unter Präsident Bush hat nach eigenen Worten eine überragende innenpolitische Priorität: Sie will endlich wirtschaftliches Wachstum produzieren. Immerhin wird sich Präsident Bush bereits in zwölf Monaten mitten im Wahlkampf um das zweite Mandat als Präsident befinden.

Er muss Erfolge vorweisen können, und dafür pokern Bush & Konsorten hoch. Und nun wird auch offensichtlich die Währungspolitik Washingtons dem Wachstumsziel untergeordnet, wie die wenig diplomatischen Aussagen des amerikanischen Finanzministers Snow bewiesen. Snow meinte, die Schwäche der amerikanischen Währung käme nicht ungelegen, und verwies darauf, dass seine Regierung die Stärke des Dollars künftig nicht mehr am Wechselkurs messe, sondern am Vertrauen, das er in der Öffentlichkeit geniesse, sowie an seiner Fälschungssicherheit ...!

Drei "Vorteile" versus ...

Unabhängig von derartigen, fundamental nicht allzu ausgewogenen Aussagen, bringt ein schwächerer Dollarkurs grundsätzlich drei nicht widerlegbare Vorteile mit sich:

  • Er macht amerikanische Exportprodukte im Ausland günstiger.
  • Er verbilligt amerikanische Dienstleistungen für Ausländer im Inland, zum Beispiel wenn dank des tieferen Wechselkurses mehr Schweizer ihren nächsten Urlaub in den USA verbringen. Diese so genannten Dienstleistungsexporte wirken sich ebenfalls günstig auf das nationale Bruttoinlandprodukt aus.
  • Und drittens senkt ein tieferer Dollarkurs den Preis amerikanischer Aktien für Investoren aus dem Ausland.

Alle drei Faktoren, ihre tatsächliche Umsetzung vorausgesetzt, wirken darauf hin, die ohnehin schon enorme, und noch dazu rasant ansteigenden, allseits als stabilitätsgefährdend kritisierten Budgetfdefizite der USA abzubauen.

... Zwillingsdefiziten versus ...

Amerika importiert weit mehr, als es exportiert (Handelsbilanzdefizit), und konnte dabei bisher auf einen umfassenden Kapitalzufluss aus dem Ausland zählen, um das Loch in der Aussenbilanz zu füllen. Das Leistungsbilanzdefizit der USA beträgt zur Zeit mehr als 5 Prozent.

Das Leistungsbilanzdefizit zeigt, dass die nötigen Mittel zur Finanzierung der Volkswirtschaft, inklusive des staatlichen Budgetdefizits, nicht vollumfänglich im Inland beschafft werden können, sondern aus dem Ausland kommen müssen. Das staatliche Budgetdefizit wird wegen der Aufbaukosten im Irak, welche die USA vermutlich größtenteils selber tragen müssen, für 2003 je nach Quelle auf 3 bis 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts geschätzt. Ein hohes Budgetdefizit wiederum bedeutet, dass die Regierung mehr ausgibt, als sie einnimmt.

Drei "Nachteile"

Selbst wenn zumindest eine Spekulation der Bush-Regierung aufgeht, und tatsächlich ausländisches Kapital in Richtung USA fließt, fehlt dieses Geld jedoch anderen Ländern und macht letztlich die Weltkonjunktur einseitig abhängig vom US-Wirtschaftszyklus und die USA vom Investitionswillen des Auslands. Die Bush-Regierung akzeptiert daher seit über einem Jahr die schleichende Abwertung der Heimwährung mehr oder minder stillschweigend.

Damit riskiert man in Washington jedoch bewusst oder unbewusst, dass ausländische Anleger das Vertrauen in den Hoffnungsträger US-Wirtschaft verlieren. Geschieht dies, müssen die Zinsen markant heraufgesetzt werden, um noch Kapital anzulocken. Während Schwellenländer durch solche Effekte schon in die Zahlungsunfähigkeit getrieben worden sind, dürften besonders die amerikanischen Staatsanleihen, die in Zeiten eines schwachen Wirtschaftswachstums gern gekauft werden, allerdings auf jeden Fall Absatz finden – aber: zu vielleicht viel schlechteren Konditionen als heute.

Hinsichtlich der stattlich bewerteten US-Börse scheint sich ein Aktienkauf sicherlich dann lohnenswert, wenn der Dollar günstig erscheint – aber er wird weiter aufgeschoben, wenn Investoren davon ausgehen, dass der Greenback noch deutlich günstiger wird – genau dies ist zur Zeit der Fall.

Wer ist hier die Flasche?

Deswegen gilt: für Anleger ist nicht das Kursniveau des Dollars entscheidend, sondern die Stabilität. Ihr haben die jüngsten Aussagen von US-Finanzminister Snow einen Bärendienst erwiesen. Verlieren die Anleger das Vertrauen in US-Staatsanleihen und Aktien, wird es den USA schwer fallen, das Handelsbilanzdefizit zu finanzieren. Den Geist, den John Snow geweckt hat, um die US-Wirtschaft anzukurbeln, bringt er vielleicht nicht mehr so rasch in die Flasche zurück, dementsprechend wird der Dollar weiter nach unten tendieren.

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Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.

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    montage: derstandard.at
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