Die An- und die Eingespannten

25. Mai 2003, 20:08
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Kopfschütteln bei österreichischen Branchenvertretern nach Franz Moraks Diagonale-Entscheidung - Unmut von Publikum und Kritik bei Filmen von Gallo und Greenaway

Angespannte Stimmung herrschte in den letzten Tagen der Filmfestspiele in Cannes nicht nur bei den österreichischen Branchenvertretern nach Franz Moraks Diagonale-Entscheidung. Neue Filme von Vincent Gallo und Peter Greenaway ernteten Unmut von Kritik und Publikum.


Cannes/Wien - Eins war klar: Egal, wen die Wettbewerbsjury unter dem Vorsitz von Patrice Chéreau am Sonntag zum Sieger küren würde - die Entscheidung war und ist in jedem Fall ein Politikum. Selten zuvor stand in Cannes jede Besprechung von Filmen derart im Schatten der laufenden weltpolitischen Ereignisse. Es genügte schon, wie Lars von Trier es mit Dogville tat, Gewalt in einem imaginären Amerika zu thematisieren: Schnell waren Kritik und Publikum mit Assoziationen zum Irakkrieg bei der Hand.

Dies erhöhte nicht unbedingt das Niveau der filmischen Reflexionen. Unüber-hörbar hämischer wurden etwa gegen Ende zu die Festival-Analysen der US-Branchenblätter. Besonders harsche Kritik erntete etwa die Tatsache, dass Vincent Gallos zweiter Spielfilm The Brown Bunny im Wettbewerb gezeigt wurde.

Nun war dieser erneute Regieversuch des jungen US-Kultstars tatsächlich etwas exzentrisch: Gut zwei Stunden fährt er da als Motorradsportler in Erinnerung an eine verlorene Liebe (Chloe Sevigny) über diverse Highways, und nicht immer ist dabei klar, ob gewisse Längen und Holprigkeiten unbedingt gewollt sind. Nicht nachvollziehbar war aber die Wut, mit der das Magazin Screen irgendwann einmal behauptete, Gallo habe sich nun für diesen Film öffentlich entschuldigt. Was der Filmemacher seinerseits süffisant dementierte. Und darüber verloren bestenfalls alle Beteiligten die Contenance.

Wenn schon nicht unentschuldbar, so doch auf eitle Weise befremdlich war hingegen Peter Greenaways neues Epos The Tulse Luper Suitcases, dessen erster Teil The Moab Story eher die nervöse Unruhe einer mäßig interessanten Kunst- und Kultur-Datenbank entfaltete. Aber Kino? Greenaway gruppiert rund um den Lebenslauf eines ewigen Sammlers und Gefangenen seine üblichen Rätsel und Zahlenspielereien: 92 Koffer, 92 Objekte, die die Welt repräsentieren, dazu noch jede Menge Selbstzitate (etwa aus Der Bauch des Architekten) - und das Ansinnen, dass hier demnächst zwei weitere Filme, unzählige DVDs, Bücher und Kunstobjekte rund um Tulse Luper auf den Markt kommen sollen. Schon jetzt steht aber in den Sternen, welche Verleiher den Auftakt der Trilogie kaufen sollen.

Hund hasst Zug

Auf großes Interesse stieß hingegen ein französischer Animationsfilm, der außer Konkurrenz ähnlichen Charme wie Nick Parks Wallace and Gromit-Serie entfaltete: Les triplettes de Belleville erzählt als wunderbar melancholischer Comic-Strip die Tragikomödie eines fanatischen Radfahrers, seines Hundes (der nach einem unliebsamen Erlebnis mit einer Spielzeugeisenbahn Züge hasst) und seiner exzentrisch-liebevollen Großmutter.

Jacques Tati, der im Film auch zitiert wird, hätte seine helle Freude an diesem kleinen Meisterwerk gehabt: Der Held, durch seine Leidenschaft zu einer Art Maschinenwesen deformiert, wird von französischen Mafiosi auf einem steilen Bergpass bei der Tour de France entführt. Oma und Hund machen sich auf den Weg, ihn gemeinsam mit drei liebenswerten Entertainment-Hexen aus Haft und Zwangsarbeit zu befreien.

Ähnlich wie Tatis Filme kommt Les triplettes de Belleville praktisch ohne Dialoge aus. Die Menschen nuscheln und maulen vor sich hin. Der Hund bellt sich heiser. Und die moderne Technik entpuppt sich zunehmend als tückische Verführerin. Am Ende fahren drei Radfahrer wie der Esel hinter der Karotte durch eine idyllische Landschaft. Vor sich sehen sie lediglich die Filmprojektion einer Straße, die sie auf einem denkwürdigen Vehikel zwischen Sklavengaleere und Lastwagen selbst zum Abspulen bringen.
In der österreichischen "Community" in Cannes hatte man naturgemäß weiterhin sehr speziellen Gesprächsstoff. Zum einen war es erfreulich, dass die Produktionsfirma Amour fou gleich mit vier Arbeiten an der Croisette vertreten war: Nach Ruth Maders Struggle und Bady Mincks Am Anfang war der Blick wurden am Ende des Festivals noch die Koproduktion Pas de repos pour les braves, eine wunderbare Farce von Alain Guiraudie, und Virgil Widrichs Hommage an eine Filmgeschichte der Verfolgungsjagden, Fast Film, gezeigt - mehr darüber morgen im STANDARD.

Andererseits erhitzte aber vor allem Franz Moraks Berufung der neuen Diagonale-Intendanten die Gemüter: Von ratlosem Kopfschütteln bis heller Empörung reichte das Spektrum der Reaktionen von Filmemachern, Produzenten und anderen Vertretern der heimischen Branche. Wenig Verständnis erntete Morak auch für die Tatsache, dass er den neuen künstlerischen Intendanten Miroljub Vuckovic nicht gleich in Cannes präsentierte. Der Intendant des Belgrader Filminstituts und Filmfestivals war nämlich ebenfalls an der Croisette zugegen - und hätte doch eigentlich für eine Pressekonferenz zur Verfügung stehen müssen.

"Dialog-nale"?

Aber vermutlich wäre das ohnehin nicht so gut gewesen. In einem Gespräch mit dem STANDARD hielt sich Vuckovic über die zukünftige Festivallinie eher bedeckt und gab sich über die Konflikte zwischen Morak und der Filmszene uninformiert. Seinen zukünftigen Geschäftsführer Tillmann Fuchs kennt er bekanntlich noch nicht. Er beschränkte sich also darauf, die Diagonale in Hinkunft als "Dialog-nale" sehen zu wollen. Seine Jobs in Belgrad will Vuckovic für die Grazer Filmschau nicht aufgeben. "Ich arbeite sehr schnell und effizient."

Der Einwand, dass ihn selbst befreundete Produzenten wie etwa Alexander Dumreicher-Ivanceanu (Amour fou) für den Job als nicht geeignet halten, scheint ihn aber ebenso wenig zu tangieren wie die Frage, ob man als Leiter eines österreichischen Filmfestivals nicht Deutsch können sollte. "I don't have to read scripts" - "Drehbücher muss ich wohl nicht lesen", lautete die doch etwas rätselhafte Antwort des Intendanten, der seinen Job Anfang Juni antreten soll. Da hilft wohl nur ein Schnellkurs. (DER STANDARD, Printausgabe vom 26.5.2003)

Von
Claus Philipp
  • Es tritt der Radfahrer, es schwillt die Wade: Sylvain Chomets Animationsfilm „Les triplettes de Belleville“.
    foto: polyfilm

    Es tritt der Radfahrer, es schwillt die Wade: Sylvain Chomets Animationsfilm „Les triplettes de Belleville“.

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