Analyse

Der Aufstand, der sie aus dem Dunkel holt

Hintergrund | Julia Herrnböck , 10. August 2011, 19:03

Eine ganze Generation fühlt sich geprellt - Ihr Frust führt sie auf die Straße - und in die Medien

Eine ganze Generation europäischer Jugendlicher fühlt sich durch die Sparmaßnahmen ihrer Regierungen um die beruflichen und persönlichen Perspektiven betrogen. Der Aufstand holt sie aus dem Dunkel.

***

Die im Dunklen sieht man nicht", wusste schon Bertolt Brecht das Dilemma der Unterprivilegierten zusammenzufassen.

Nun haben sie sich ins Licht gekämpft: Arbeitslos, unterbezahlt, ungehört. Unter diesen drei Attributen lässt sich die Grundstimmung von Europas Jugend zusammenfassen, die derzeit in diversen Ländern gegen das wachsende Ohnmachtsgefühl aufbegehrt. Das seit 2008 über dem Zukunftshimmel hängende Damoklesschwert der Finanz- und Wirtschaftskrise eint sie alle: die "Empörten" auf den Plätzen von Spaniens Städten, die politische Rationalität herstellen wollen, die Griechen, die nun bluten müssen für die jahrzehntelange Überschuldung ihres Landes, oder die gut ausgebildeten Portugiesen, die sich zunehmende ausgegrenzt fühlen von der Politik.

Die Medien stellen vordergründig Gemeinsamkeiten her, weil vor allem jungen Menschen an den Demonstrationen teilnehmen. Unterschiede gibt es jedoch in den Protestformen und den sozialen Strukturen der Demonstrantengruppen. Sind es in Spanien vor allem die Studenten, die, konfrontiert mit einer Arbeitslosigkeit von 40 Prozent, die Politik zu Lösungen drängen wollen, fliegen in Großbritannien die Pflastersteine der Arbeiterklasse.

Verwundbarer als vorher

"Die soziale Zusammensetzung in England ist noch nicht klar," erklärt Klaus Dörre vom soziologischen Institut in Jena. Klar ist jedenfalls, dass das Sparpaket der britischen Regierung die Unterklasse noch verwundbarer gemacht hat als ohnehin. Da geht es nicht nur um Studien- und Schulgebühren: Jugendtreffpunkte an urbanen Brennpunkten werden ebenso gestrichen wie Programme, die eine desolate und orientierungslose Generation davor bewahren soll, was dieser Tage sichtbar ist. Die Eskalation auf der Straße, angetrieben durch die Wut im Bauch. "In England ist die Jugend auf der Straße, die von einem kulturellen Existenzminimum bedroht ist", so Dörre. Auch hier gibt es regionale Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent. Der britische Staat habe vor Jahren resigniert und setzt nicht mehr auf soziale Integration dieser Gruppen, sondern auf Überwachung und Kontrolle, fasst Dörre zusammen.

"Der Staat drängt auf Regeln. Wenn er sie aber selbst missachtet - wie im Falle des Taxifahrers, der vergangene Woche von Polizisten erschossen wurde - ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt."

Auch in den französischen Randbezirken habe ein tödlicher Polizeieinsatz 2005 zu Ausschreitungen geführt. Jugendliche seien am ehesten in der Lage eine Strategie zu wählen, die die Regeln des Staates bricht. Zur Perspektivenlosigkeit kommt der juvenile Überschwung, und binnen Stunden kann alles aus dem Ruder laufen. Was sich in Jahren an Ohnmachtsgefühl aufgebaut hat, findet ein Ventil. "Auf einmal ist die Erkenntnis da: ich kann den Staat vor mir hertreiben." Dass im Gegensatz zu den monatelangen friedvollen Kundgebungen die Aufmerksamkeit der Medien mit der Zahl der Randalierer steigt, tut seinen Rest. Die Jungen wollen gesehen, gehört werden. "Unsicherheit zu erzeugen ist ihre politische Waffe", erklärt der Soziologe.

Der Feind ist diffus 

War es beispielsweise 1968 und danach einfach, den Feind als solchen zu identifizieren, ist das heute weitaus schwieriger: Neoliberalismus, Globalisierung, verkrustete Parteisysteme, Perspektivenlosigkeit - das bringt Menschen mit unterschiedlichstem Unmut auf die Straße. Protest ist nicht nur Ausdrucksmittel der Jugend, man sieht zum Beispiel bei "Stuttgart 21" auch Rentner und Bürgerliche gegen den geplanten Bahnhof demonstrieren.

"Ich habe das Gefühl, ich leiste meinen Beitrag und kann meinen Unmut kanalisieren", sagt Steffen Stierle. Das Bauchgefühl, dass die Mechanismen der Wirtschaft zunehmend ungerechter werden und die Welt "verrückt" spiele, hat ihn vor fünf Jahren zur deutschen Attac-Organisation gebracht. Es gebe hier zahlreiche Workshops für "Widerstandsfrischlinge", in denen man vom Flashmob bis zur Sitzblockade das ABC des Aufstands von unten lernen kann. Aber keine Gewalt. "Die lehnen wir als politische Maßnahme ab", betont Stierle.

Anders ein altgedienter Aktivist, der anonym bleiben will. Steine schmeißen sei manchmal eben ein Mittel der Selbstverteidigung. "Und gemeinsamer Widerstand im Kollektiv gegen die Polizei ist nun einmal Ausdruck meines zivilen Ungehorsams." (Julia Herrnböck, DER STANDARD Printausgabe, 11.8.2011)

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Posting 1 bis 25 von 55
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Soulman
00
11.8.2011, 18:26
"Die Medien stellen vordergründig Gemeinsamkeiten her, weil vor allem jungen Menschen an den Demonstrationen teilnehmen."

ja, vordergründig... so wie Sie, Frau Herrnböck, genauso oberflächlich wie Sie es tun!

xxx...yyy...
00
11.8.2011, 12:22
aufstand

ist eine ziemlich dreiste verdrehung der tatsachen.

herr_rechtsausleger
00
11.8.2011, 13:25

was isn das ihrer meinung nach sonst?
bitte kriegen sie eine ahnung von den beweggruenden dieser jugendlichen, bevor sie mir antworten!

Santino Corleone
00
12.8.2011, 16:18
Ein Plünderungsraubzug von Jugendlichen mit Mitgrationshintergrund?

Ivan Bukov
00
11.8.2011, 13:45

Was ist denn der Grund?

Englische Medien befragen seit Beginn der Krawalle Jugendliche. Sie sollten sich mal die Antworten anhoeren...

xxx...yyy...
00
11.8.2011, 13:44
raub, körperverletzung, zerstörung

thinkonyourfeet
00
11.8.2011, 11:56
Wieviele der Täter haben eigentlich einen "Migrationshintergrund"?

falls diese Frage erlaubt ist.

miles a head
00
11.8.2011, 09:43
10 jährige ohne Perspektive?

Da stimmt was nicht...nämlich auch oder Voralpen in den Familien.

herr_rechtsausleger
00
11.8.2011, 13:20

kommt drauf an. wenn du als 10-jaehriger 2 aeltere arbeitslose brueder hast, mit denen du auch noch ein 18qm-zimmer teilen musst und du siehst am beispiel deiner brueder, wie deine zukunft aussehen wird - nur weil deine grosseltern anno dazumal aus marokko einwanderten....

wuerden sie als dieser 10-jaehriger keine steine schmeissen? ganz sicher nicht?

SLG
02
11.8.2011, 09:40

Vor einiger Zeit hab ich mal einen Beitrag im deutschen Fernsehen gesehen, der die Zustände in solchen Problemvierteln dargestellt hat.

Wer wegziehen konnte, war schon weg.
Bandenbildung, Drogenhandel, Mord. Die Polizei hält sich auch aus Personalmangel zurück.

Die altvorderen Kriminellen, die bereit waren, Interviews zu geben, hatten sich sinngemäß geäußert, dass es "das früher nicht gegeben hätte".

Aber um solche Probleme zu lösen bräuchte es viel Geld und zwar um solche Viertel von Grund auf neu aufzubauen und Interesse, die Banden zu zerschlagen.

Silvio Lackner
14
11.8.2011, 08:31
Im angelsächsischen Raum verdient jeder das, was er sich rausholt.

Die oberen Zehntausend holen sich es auf ihre Art und Weise. Die unteren Millionen nun halt auch. Es gibt keinen sozialen Kleister mehr in dieser Gesellschaft.

Ulrich Nagel
23
11.8.2011, 08:25
kulturelles Existenzminimum

Jetzt haben Soziologen sogar schon ein kulturelles Existenzminimum gefunden, und es ist boese und bedroht die englische Jugend auf der Strasse!

Wie verniedliched kann eine Rechtfertigung der Pluenderungen und des Vandalismus ausfallen: "Gemeinsamer Widerstand im Kollektiv gegen die Polizei als ziviler Ungehorsam". Na Habediehre.

meischi@leistung.at
32
11.8.2011, 08:51
Hier geht es leider um mehr,

als Sie verstehen

sanjoaquin
 
11
11.8.2011, 07:05
Vergleich mit Stuttgart 21

Das einzige, was an diesem Vergleich stimmt, ist die Tatsache, dass eine Minderheit versucht eine Mehrheit zu terrorisieren, weil sie glauben dies sanktionslos tun zu können.

Eckhausbesitzer
11
11.8.2011, 06:47
Es wird immer deutlicher dass wir uns durch das Geiz-ist-Geil-Konsumverhalten den Boden unter den Füßen weggezogen haben.

Ernst Guevara
02
11.8.2011, 06:47
es war 1968 auch nicht einfacher, den "feind" zu erkennen

interessant ist doch, dass die theoretische reflexion 1968 viel weiter fortgeschritten war als heute. es gab leute wie marcuse und lefebvre, die geistreiche analysen über das system angestellt haben. und sie hatten mit ihrer theorie auch einfluss auf die praktische bewegung auf der strasse. sowas suchst du heute mit der lupe. überall nur das idiotische geplapper von den bösen neoliberalen, george w. bush und den unmoralischen börsenhaien und heuschrecken. personalisierung der sozialen verhältnisse und verkürzte kapitalismuskritik sind schwer in mode. nur eine radikale emanzipatorische gesellschaftskritik mit praxisnähe suchst du vergeblich. der charly marx dreht sich im grab um angesichts der dummheit derer, die ihn angeblich rezipieren.

Soulman
00
11.8.2011, 16:04

Wie wahr.

Meklon von Andromeda
 
02
11.8.2011, 08:59

Die Zeit des Philosophierens ist (bald) vorbei. Wut- und Zornbürger werden vermehrt blind um sich schlagen, weil sie einfach nicht mehr lokalisieren können, was für ihre Misere verantwortlich ist. Überwachung ist hoffentlich nicht das Mittel, mit dem man dagegen ankommen kann.

Soulman
00
11.8.2011, 18:27
Wut- und Zornbürger...

... aber v. a. randalierende Vollkoffer!

averrhoes
02
11.8.2011, 06:29

für mich hat das alles nur einen schönheitsfehler.
da plündern scheinbar hirnlose, aber gut vorbereitete, in den armenvierteln und fackeln dort die wohnungen von leuten ab, die auch nicht gar so viel haben und von denen etliche sicher auch um ihre existenzen kämpfen und sich das leben so auch nicht ausgesucht haben.
das kann's ja wohl nicht sein.

nebenerwerbsposter
11
11.8.2011, 07:51

die sind bestimmt vom "system" so lange manipuliert worden, bis sie das gemacht haben.

Quatremère
01
11.8.2011, 06:56

ich bin auch der Meinung, dass das falsch ist. Richtig wäre, Banken, große geförderte oder begünstigte Unternehmen und die Poltik ins Feuer zu nehmen. Die Börse auch!

Zitronenbaum
00
11.8.2011, 09:33
Fight Club-Szenario

Wenn alle bei Null anfangen, usw.

(OT: War natürlich im Buch besser...)

Christoph Karl Steininger
010
11.8.2011, 04:29
Hier ist sie nun! Die Konsequenz aus dem Diktat der knappen Kassen.

Der feuchte Traum der Neoliberalen ist da! Nunmehr wo alle Staaten pleite sind nachdem man die "systemrelevanten" Banken vor dem Bankrott gerettet hat!
Die öffentlichen Haushalte sind haushoch verschuldet, indem sie die Unternehmen gerettet haben die "too big to fail" waren.
Für die eigentlichen Aufgaben des Staates fehlt das Geld.
Die vielgerühmte Ruhe, der soziale Zusammenhalt, der gesellschaftliche Ausgleich, all das wird immer unhaltbarer. Aber hauptsache die fetten Katzen wurden gerettet. Wen kümmern da die Armen. Die Armen haben keine Lobby, keine Kammer kümmert sich um sie!

smeexseus ...
 
01
11.8.2011, 02:15

england hat sich leider mehr richtung amerika entwickelt als in richtung europa .

und wieder waren es lobbyisten die amerikanische firmeninteressen in englisches recht umgesetzt haben kapital und reichtum über alles

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