"Politik spricht Sprache der Tyrannei"

Interview |
  • Soziologin Saskia Sassen: "System hat ernsthafte Fehler."
    foto: columbia university

    Soziologin Saskia Sassen: "System hat ernsthafte Fehler."

Soziologin Saskia Sassen erklärt, warum auch das Plündern von Laptops etwas mit politischem Ausdruck zu tun hat

STANDARD: Wie würden Sie das nennen, was in London gerade passiert? Sind das Plünderungen oder Demonstrationen?

Sassen: Das sind Aufstände der unterprivilegiertesten Menschen, deren einzige politische Ausdrucksmöglichkeit die Gewalt ist. Am Rand dieser Phänomene finden Sie Kriminalität, aber im Zentrum arme Menschen, die keine Möglichkeit haben, sich auszudrücken. Die Mittelklasse, die am Tahir-Platz demonstriert hat, hatte die schon, genauso wie die Protestierenden in Tel Aviv. Es ist spannend zu sehen, wie verschiedene Klassen verschiedene Instrumente haben, sich zu melden.

STANDARD: Man kann also Laptops stehlen und gleichzeitig eine politische Agenda haben?

Sassen: Nein, das meine ich nicht. Manches, was in London passiert, ist pure Kriminalität, aber: Diese Leute leben in einer der reichsten Städte der Welt mit unglaublicher Ungleichheit. Sie haben das Gefühl: Plündern ist ein Weg zu bekommen, was ihnen ohnehin zusteht und was sie sich nicht leisten können. Steine schmeißen, Autos anzünden, städtische Gewalt, das ist eine Art der Sprache. Menschen zerbrechen, was sie erwischen können. Wenn in Südamerika die Preise der Bustickets erhöht werden, attackieren die Leute den Busfahrer, nicht denVerkehrsminister. Sie können ihm nicht sagen: "Das trifft mich wirklich hart!" Es ist ein sehr tragischer Teil unserer Demokratie, dass die, die es am meisten brauchen, keine Ausdrucksmöglichkeit haben.

STANDARD: Was meinen Sie mit Ausdrucksmöglichkeit?

Sassen: Wie haben Politiker auf die Aufstände geantwortet? Was war die Sprache Camerons? "Ihr seid alt genug, zu wissen, dass das falsch ist und ihr bestraft werden müsst." Das ist die Sprache dessen, was die Griechen Tyrannei nennen. Die Führer sprechen zu ihren Untertanen, als wären sie kleine Kinder. Sie werden behandelt, als würden ihre Worte nicht zählen, als würde ihre Sprache nicht existieren.

STANDARD: Warum greifen diese Leute hauptsächlich kleine Shops in ihrer Nachbarschaft an?

Sassen: Das ist einerseits ein Zeichen extremer Entfremdung unter den Menschen, die in diesen Vierteln leben. Andererseits haben diese Leute keinen Zugang zu Londons Mittelschichtbezirken.

STANDARD: Wie sehr ist das ein britisches Problem?

Sassen: Es gibt eine Art systemische Korruption in unserem System. Die erfolgreiche Mittelklasse setzt die politische Agenda und lässt wenig Raum für die Probleme anderer. Wenn Angela Merkel und Nicolas Sarkozy entscheiden können, 700 Milliarden Euro vom Steuerzahler den Banken zu geben, ohne die Steuerzahler fragen zu müssen - dann hat das System ernsthafte Fehler. Der durchschnittliche EU-Bürger hat zu wenig politische Ausdrucksmöglichkeit.

STANDARD: Was haben diese Ausschreitungen mit anderen aktuellen Protestformen gemeinsam?

Sassen: Drei Punkte, erstens: Die Aufstände in der arabischen Welt, die täglichen Revolten in chinesischen Städte, die Proteste in Europa - sie alle finden auf der Straße statt. Das Zweite: Überall, in Tel Aviv, London, Syrien gibt es die Forderung nach Arbeit. Das ist nicht wie in anderen Jahrhunderten, bei Revolten gegen die Monarchie. Hier geht es nicht nur um Politik, sondern um Soziales. Das Dritte sind die sozialen Medien wie Twitter oder Facebook. Sie verleiht benachteiligten, armen Leuten, die Fähigkeit, andere zusammenzurufen. (Tobias Müller, DER STANDARD Printausgabe, 11.8.2011)

SASKIA SASSEN (62) ist Soziologin und Professorin an der Columbia University in New York und der London School of Economics. Sie ist verheiratet mit dem Soziologen Richard Sennett.

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