Arbeiterkammer entwickelt neues Computerprogramm
Wien - Quer durch Europa wird die zunehmende Überalterung der Gesellschaft als Problem für die Pensionssysteme gesehen. Dass die Rolle des Arbeitsmarktes mindestens genauso wichtig sei, werde dabei meistens vernachlässigt, findet die Arbeiterkammer (AK). Sie hat nun ein Computerprogramm entwickelt, mit dem die ökonomischen Folgen der Demografie besser sichtbar gemacht werden sollen.
Im Fachchinesisch nennt sich das Ganze "Abhängigkeitsquoten-Rechner". Der EU-Kommission wurde es bereits vorgeführt. Vereinfacht gesagt, werden dabei die Bezieher von Transferzahlungen (berücksichtigt wurden aber nur Pensionen und das Arbeitslosengeld) in Relation zur Zahl der Erwerbstätigen gestellt.
Für das Beispiel Österreich heißt das: Auf 1000 Erwerbstätige kamen in Jahr 2008 rund 610 Pensionisten und Arbeitslose. Zieht man nur die demografischen Zahlen heran, zeigt sich ein anderes Bild: Aktuell kommen auf 1000 Menschen im Erwerbsalter (15 bis 64) rund 260 im Pensionsalter.
Wie verändert sich nun dieses Bild im Langzeitvergleich? Wenn sich die Beschäftigungsquote in den nächsten Jahrzehnten nur geringfügig verbessert (von derzeit 66 auf 69 Prozent), werden im Jahr 2050 rund 900 Pensionisten und Arbeitslose auf 1000 Erwerbstätige kommen. Entwickelt sich der Arbeitsmarkt aber deutlich besser und die Beschäftigungsquote steigt auf 76 Prozent (was in Dänemark schon der Fall ist), werden den 1000 Erwerbstätigen nur 780 Pensionisten und Arbeitslose gegenüberstehen.
Der Anstieg im Vergleich zu 2008 könnte also auf ein schwaches Drittel beschränkt werden, erklärte Josef Wöss von der Arbeiterkammer Wien am Mittwoch vor Journalisten. Betrachtet man nur die Altersstruktur, kommt es bis 2050 fast zu einer Verdopplung der Über-65-Jährigen.
Seine Conclusio: Der Arbeitsmarkt sei eine "zentrale Stellschraube", um die Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigen zu können. Man könne diese Frage nicht nur auf das Pensionssystem reduzieren, was aber bei den meisten Experten in Österreich und auch auf EU-Ebene der Fall sei.
Kostendämpfend
Durch bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, altersgerechte Arbeitsplätze, gezielte Gesundheitsförderung sowie Aus- und Weiterbildung könnten die steigenden Kosten für die Sozialsysteme erheblich gedämpft werden. Ganz ohne Mehrkosten für ältere Menschen werde es aber sicher nicht gehen.
Dem Einwand, dass auch ein Anstieg auf 780 Transferempfänger pro 1000 Erwerbstätige dramatisch sei, hält Wöss entgegen: Derartige Steigerungsraten habe es auch in den vergangenen Jahrzehnten gegeben. Außerdem werde durch bereits durchgeführte Pensionsreformen die durchschnittliche Pensionshöhe im Verhältnis zum durchschnittlichen Einkommen sinken. Die Ausgaben für 780 Transferbezieher müssten also gar nicht höher sein als derzeit für 610. (Günther Oswald, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2011)