Adieu, Schweizer Steuersünder-CDs

Johanna Ruzicka, András Szigetvari, 10. August 2011, 21:01
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    foto/montage: beigelbeck

    Nach dem umstrittenen Kauf der Steuer-CDs im Februar 2010 durch deutsche Behörden stiegen die Selbstanzeigen wegen Steuerhinterziehung rapid an.

Deutschland und die Schweiz haben sich im jahrelangen Streit über Schwarzgeldkonten geeinigt, auch Österreich nützt das Abkommen

Berlin wird keine Steuer-CDs mehr kaufen, dafür aber mehr Infos aus Bern erhalten.

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Wien - Die Zeiten, in denen Deutschland auf gestohlene Daten aus der Schweiz angewiesen war, um das Steueraufkommen aufzubessern, sind vorbei. Unterhändler der beiden Länder haben am Mittwoch Verhandlungen über die Legalisierung von Schwarzgeldkonten in der Schweiz abgeschlossen. Kernpunkt des Abkommens ist eine Nachbesteuerung von in der Schweiz gebunkertem Kapital.

Demnach werden die Schweizer Banken von unversteuertem Vermögen deutscher Staatsbürger einen Pauschalbetrag zwischen 19 und 34 Prozent (je nach Vermögen) abziehen und nach Berlin überweisen. Das dient quasi zur Beseitigung steuerlicher Altlasten. Die Steuerhinterzieher bleiben anonym - ihre Schulden gegenüber dem deutschen Finanzministerium gelten damit als getilgt. Für Vermögenserträge, die künftig anfallen, wurde ebenfalls eine Abgeltungssteuer (26,3 Prozent) vereinbart. Auch hier bleibt der Kunde anonym. Die Schweizer Banken leisten zudem eine Garantieanzahlung in Höhe von zwei MilliardenFranken (1,9 Mrd. Euro). Die Kreditinstitute strecken das Geld Berlin vor und sollen es dann mit ihren eigenen Kunden verrechnen. "Diese Vereinbarung macht den Ankauf von Steuer-CDs künftig obsolet" , heißt es auf Standard-Anfrage aus dem deutschen Finanzministerium. Der Kauf von gestohlenen Bankdaten aus der Schweiz hatte immer wieder für Wirbel gesorgt, Kritiker sprachen von staatlicher Hehlerei. Für Deutschland waren die CDs aber gute Geschäfte: Nach dem Ankauf mehrerer Datensätze im Februar 2010 schossen die Steuereinnahmen in der Bundesrepublik um rund zwei Milliarden Euro nach oben.

Vor dem Hintergrund dieser immensen Einnahmen gibt es heftige Kritik am neuen Steuerdeal zwischen Berlin und Bern. Tenor: Deutschland verkauft sich zu billig. "Das Ganze ist ein Schlag ins Gesicht der Steuerzahler" , meint etwa Markus Meinzer vom Tax Justice Network. Seiner Ansicht nach ist die Pauschalsteuer für in der Vergangenheit hinterzogene Vermögen zu niedrig. "Der Spitzensteuersatz in Deutschland liegt derzeit bei 42 Prozent. Da werden also einige Leute billig davonkommen." Ähnlich äußerten sich zuvor bereits die Grünen in Berlin.

Das Abkommen zwischen Deutschland und der Schweiz hat aber auch Folgewirkungen für Österreichs Bankgeheimnis.

In der EU gilt seit 2005 die sogenannte Zinsrichtlinie. Sie schreibt vor, dass EU-Länder untereinander Informationen über die Zinseinkünfte ausländischer Bürger automatisch austauschen. Weitergegeben werden dabei auch personalisierte Daten über den Kontoinhaber. Die Richtlinie gilt nur für Bankkonten. Für Österreich und Luxemburg gilt eine Ausnahme: Beide Staaten ziehen eine Quellensteuer (35 Prozent) von den Zinseinkünften der EU-Ausländer ab und reichen das Geld an den ausländischen Fiskus weiter. Der Bankkunde darf in Österreich und Luxemburg anonym bleiben. In der EU drängt insbesondere Deutschland darauf, dass diese Anonymität aufgehoben wird. Berlin erwartet sich dadurch einen besseren Einblick in die Steuerpflicht seiner Bürger.

Dass sich nun Deutschland im Falle der Schweiz mit einer anonymen Abgeltungssteuer zufrieden gibt, wertet Österreich als Stärkung der eigenen Verhandlungsposition. "Die Vereinbarung zeigt, dass der automatische Info-Austausch nicht der Weisheit letzter Schluss ist" , meint Harald Waiglein, Sprecher des Finanzministeriums in Wien.

Auf EU-Ebene wurde festgelegt, dass die Ausnahmeregelung für Österreich und Luxemburg endet, wenn die EU-Kommission ein weitreichendes Steueraustauschabkommen mit der Schweiz, Liechtenstein, Andorra, Monaco und San Marino abschließt. Österreich und Luxemburg blockieren diese Verhandlungen derzeit.

Dass Deutschland künftig keine Steuer-CDs kaufen wird, kümmert im Finanzministerium übrigens wohl niemanden. Seit dem Ankauf der CDs 2010 haben deutsche Behörden keine Informationen über heimische Steuerflüchtlingen nach Wien weitergeleitet. Man könne also davon ausgehen, dass in diesen Fällen keine österreichischen Steuerflüchtlinge involviert waren, so Waiglein. (Johanna Ruzicka András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2
videoopa
00
18.10.2011, 17:05
ja so einfach geht das heutzutage

http://vimeo.com/29086312

Vera Rschung
 
01
12.8.2011, 17:17
Das Adieu ist noch lange nicht ausgemachte Sache!

Gewerkschaften rufen dazu auf, das Abkommen im deutschen Bundesrat zu blockieren. Zudem wollen sie - wie auch die SPD - weiterhin Steuer-CDs kaufen.
http://www.nachrichten.ch/detail/503961.htm

In Deutschland würde ich SPD wählen!
Aber was sagt die SPÖ dazu: Wir kaufen auch weiterhin keine Steuer-CDs!

Wie verkauft die SPÖ diese Begünstigung des Steuerbetrugs durch Reiche ihrer linken Basis?

Marquis de Sade
 
05
11.8.2011, 10:48

passt. Also statt hier über 40% abzuliefern, kann ich dort mit 19 - 34% legalisieren? Na das Angebot kann man annehmen.

archimedes
00
24.8.2011, 07:14
kleiner Denkfehler

statt 40% auf die Zinsen zahlt der Steuerbetrüger mit 19 - 34% auf das Kapital. Das kann, falls das Geld erst ein paar Jahre auf dem Konto war, deutlich teurer kommen.

Außerdem zahle ich auf meine Sparbücher in D. 25% Quellensteuer und nicht 40%. D.h. diese Steuer auf das Kapital ist recht kräftig.

Felix Kuttinger
 
02
12.8.2011, 22:55
Vor allem überlässt man den Banken die Ermittlung der steuerlichen Bemessungsgrundlage!

Die werden das sicherlich wahnsinnig "scharf" praktizieren. Der Kunde ist König!

Im Grunde genommen ist das so, wie wenn man die Mafia nach der Höhe ihres Einkommens fragt und ihr dessen Bemessung delegiert. Eine Überprüfung ist nicht vorgesehen. Wir glauben ALLES!

Diese auf einer Spendenstockmentalität basierende zwischenstaatliche Regelung legalisiert dann auch noch Schwarzgeld! Das ist die ultimative Verhöhung eines jeden anständigen und ehrlichen Steuerzahlers durch die bürgerliche Regierung Merkel.

Bleibt nur noch die Hoffnung, dass Rot/Grün dieses schändliche Vorhaben im Bundesrat blockiert.

Marquis de Sade
 
00
14.8.2011, 09:05

naja, dann gehen wir aber bereits zu einer sehr komplizierten Version der Bilanzfälschung über. Das glaub ich dann ja doch nicht. Da müßte man ja entweder ständig basteln oder komplett gefälschte Zahlen präsentieren und das fällt beides ziemlich sicher auf.

cannery row
00
11.8.2011, 12:20
und wenn man nebenher..

jetzt noch ein bissl auf den fallenden franken wettet, machts gleich nochmal soviel spass ;-)

Balkanjero
00
11.8.2011, 10:44

Aber wenn einer beim H&M einen Pulli fladert wird ein großes TamTam g'macht! Warum nicht die Schwarzgeldkonten mit 90% Strafsteuern versteuern? 34% is ja wirlich lächerlich...............

nukularteilchen
00
11.8.2011, 10:38

Nicht Steuern auf Vermögen sollte es geben, sondern Anreize das Geld wieder in die Wirtschaft zu stecken.
Wenn Vermögen dem „Markt” entzoge wird wie zB in England verarmen die Bürger und die Reichen müssen in Ihren Gated Communities sich vor dem Mob fürchten.
Ist es wirklich Wunsch der Milliardäre steinreich zu sein, dafür aber Gestellschaften, Sozialsysteme, Bildungseinrichtungen zu ruinieren, die westliche Welt ins Abseits zu schieben (zugunsten der Chinesen die uns langsam aber sicher den Kopf ab reissen und wir noch nicht begriffen haben was da passiert)?

Robert Fien
00
11.8.2011, 10:35
Frage an die Experten

Wie ist das wenn man als Österreicher bei einer deutschen Bank ein Konto hat und auf die Zinserträge weder deutsche noch österreichische KEST bezahlt? Dann müsste man doch eigentlich diese "Quellensteuer" bezahlen, oder?

1. Geschieht das normalerweise automatisch oder muss man das selbst angeben?
2. Wie hoch ist diese Steuer?

Felix Kuttinger
 
00
12.8.2011, 22:59

Wenn Sie in Österreich Ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt haben, dann steht hinsichtlich der Zinserträge von dem deutschen Sparbuch Österreich das Besteuerungsrecht zu.
Das heißt, Sie müssen bei Ihrem österreichischen Finanzamt für jedes Jahr eine Einkommensteuererklärung einreichen, worin Sie die ausländischen Kapitaleinkünfte erklären.

parapente
20
11.8.2011, 10:00
Wenn man Gestohlenes

verkauft oder kauft - ist man das nicht Hehlerei??

Felix Kuttinger
 
01
12.8.2011, 23:04

Konkret wird nichts gestohlen, sondern nur kopiert.

Wenn das Mitglied einer kriminellen Bande deren Unterlagen kopiert und an die Polizei verkauft, so hat diese natürlich jedes Recht, sogar die Pflicht, die erhaltenen Unterlagen zu verwerten. Und es ist in der Verbrechensbekämpfung seit jeher nicht unüblich, für zweckdienliche Informationen zu zahlen. Überhaupt dann, wenn der Nutzen die Kosten überwiegt.

cpx3
20
11.8.2011, 12:49
Natürlich ist es das.

Aber wenn es der Beamte macht...

Nicht Sicher
10
11.8.2011, 11:03

geanu das ist es und de hat mit seiner haltung eingentlich "anstiftung zu einer straftat" begangen. es ist eine absolute frechheit. aber was soll ich sagen, ich weiss zumindest, dass ich sicher nicht auf einer solchen cd bin ...

1116er
01
11.8.2011, 09:49
einfach diebstahl,

einfach schweiz!

silverfinger
00
11.8.2011, 09:24

eine legalisierte geldwäsche - Super!

Sol´kanar -The Swamp King
04
11.8.2011, 08:12
die eigentliche kohle ist wieder ganz woanders geflossen,

da haben sich ein paar reiche sicher ein paar monate ganz schön ins hoserl gemacht, bevors wen gefunden haben, den sie schmieren können um die sache unter den teppich zu kehren.

die betrügen um milliarden, müssen nichtmal den spitzensteuersatz zahlen, von einer strafe ganz zu schweigen und bleiben anonym.

bitte, bitte liebe wikileaks und anonymus, schauts dass ihr zu dieser CD kommt und veröffentlichts diese. da finden sich sicher viele prominente (und vor allem viele politiker), die den "deal" selbst mitverhandelt haben.

Mirabeau
00
11.8.2011, 06:47
Witzig wenn sich zwei Medien diametral widersprechen.

Der ORF berichtet heute:

"D: Neue Steuer-CD gekauft

Deutsche Ermittler sind laut der „Frankfurter Rundschau“ im Besitz einer neuen CD mit Daten Tausender mutmaßlicher Steuerhinterzieher.

Es handelt sich dem Blatt zufolge um deutsche Kunden einer großen Schweizer Bank. Der Kauf sei vor der Öffentlichkeit bislang erfolgreich geheim gehalten worden, die Auswertung der Daten bereits weit fortgeschritten.

Angekaufte Steuer-CDs haben dem deutschen Fiskus schon in der Vergangenheit zu Millioneneinnahmen verholfen."

http://news.orf.at/stories/2073378/

Hundefuerst
 
16
10.8.2011, 22:09
Ein Triumph des organisierten Steuerbetrugs!

KESt für Zinserträge musste man bislang in der Schweiz sowieso schon entrichten. Und zwar gar nicht so wenig. Dass dieses Steuergeld jetzt zum Teil nach Deutschland fließt und nicht mehr in Schweizer Staatskassen, kann den deutschen Schwarzgeldsparer nur freuen. So viel Patriot ist er doch.
Spekulationsgewinne, und die machen das Kraut gewaltig fett, bleiben unversteuert, weil unentdeckt.
Und werden hinkünftig auch nicht mehr entdeckt, weil neu ist, dass der deutsche Staat keine Steuer-CDs mehr ankaufen wird. Das war es ja, was dem Steuerschwindler schlaflose Nächte bereitet hat. Das Bangen und die allgegenwärtige Angst, das Finanzamt könnte von seinen lukrativen Spekulationsgeschäften erfahren.

Kräuterpfarrer Escobar
01
11.8.2011, 08:52

So wie ich das verstehe, gehts da überhaupt nicht um die Zinserträge, sondern auf das ganze dort gelagerte Geld. D.h. 1000€ auf dem Konto ==> 750 verbleiben, 250 gehen nach Deutschland.

Die superreichen Steuerflüchtlinge werden das Geld aber wohl nicht auf ein Konto mit voller Anschrift in Deutschland deponiert haben, sondern wohl eine Stiftung, Briefkastenfirma gegründet haben oder einfach ein anonymes Nummernkonto verwendet haben, bei dem kein Ursprung in Deutschland ersichtlich ist. Es trifft wohl wieder nur den "mittelständischen Steuerflüchtling", haha.

Volksbefreiungsfront Alt-Ottakring
 
00
12.8.2011, 20:36

Naja, die Schweizer Banken leisten eine Garantiezahlung von 1,9 Mrd. Euro. Dafür bleibt das Geschäft mit den Steuerhinterziehern unangetastet.
Das ständige Auftauchen von Steuer-CDs ist ja schlecht für den Ruf des Bankenplatzes im Wettbewerb mit fernöstlichen Geheimnisstaaten (und mit Österreich).

Beim Barte des Proleten!
00
11.8.2011, 07:13
Naja bis jetzt sind 90% durchgekommen ohne 1€ zu zahlen jetzt zahlen alle zumindest einen Teil

Einen Fortschritt kann man schon erkennen.

pago1
01
10.8.2011, 21:47
und was ist eigentlich aus der steuer cd geworden

unter unserem superwilli

Bertel Mann
05
10.8.2011, 23:34
Laut Profil gab es eine interessante Häufung von strafbefreienden Selbstanzeigen,...

...die alle über eine Steuerberatungskanzlei liefen, der gute Kontakte ins Finanzministerium nachgesagt wurden.

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