Geschäftiges Treiben vor der freitägigen Uraufführung von Peter Handkes "Immer noch Sturm" auf der Perner-Insel: Regisseur Dimiter Gotscheff und sein Team ringen um die Poesie eines politischen Stücks
Salzburg - Schreien. Gepolter. Schüsse. Regisseur Dimiter Gotscheff
lässt ausrichten, die Proben zu Peter Handkes Immer noch Sturm würden
länger als geplant dauern, das Journalistengespräch müsse sich daher
verschieben. "Vermutlich hat er gehofft, dass alle Journalisten wieder
verschwinden", mutmaßt Thomas Oberender, Schauspielchef der Salzburger
Festspiele.
Für ihn ist Handke vielleicht der größte lebende Dichter, ein Goethe der
Jetztzeit. Und als krönenden Abschluss seiner Salzburg-Zeit hat er heuer
beide programmiert, Goethes Faust und Handkes Immer noch Sturm und viel
Rahmenprogramm drumherum, Handke etwa wird begleitet von einem
Balkanfilm-Festival, auf der Edmundsburg gibt es eine Osmica mit
slowenischen Kulinarien, es gibt Handke-Lesungen und Diskussionen. Auch
der Dichter selbst wird an der Salzach erwartet. Ob zur Premiere, ist
allerdings noch nicht sicher.
Handke werde oft vorgeworfen, ein Ich-Literat zu sein: "Aber dieses
Stück über den Widerstand der Kärntner Slowenen während der Nazizeit ist
wesentlich davon geprägt, dass die Geschichte durch das Ich
hindurchgeht. Es ist Handkes persönlichstes Stück, seine
Familiengeschichte und gleichzeitig immer auch fiktional. Ich, Politik
und Gesellschaft schließen einander nicht aus." Darin bestehe auch die
größte Schwierigkeit, dem Stück nahezukommen: "Handke ist nicht nur die
Ich-Figur, er ist in jeder Figur."
In der Zwischenzeit ist Gotscheff von der Probe gekommen. An seiner
Seite die Bühnenraumkünstlerin Katrin Brack, die das Stück auf dem
Acker, im Wald spielen lässt: "Ich habe versucht, etwas von der Natur zu
fassen, auch von den Jahreszeiten."
Dieses Theater sei jedenfalls, sagt Gotscheff kettenrauchend, wie ein
Zehnkampf. Katrin Brack, die schon für Handkes Kaspar das Bühnenbild
gemacht hat, habe ihn für Handke geöffnet, auch die tiefe Verbundenheit
seines Hauptdarstellers Jens Harzer zum Dichter sei bei der Arbeit
hilfreich gewesen: "Ich rette mich über die Schauspieler. Heiner Müller
sagte einmal, der Regisseur ist ja wie ein Penner, der von den Almosen
der Schauspieler lebt. Sage ich: Da musst du aber schon gut betteln
können."
Dass er selbst aus Bulgarien stammt, habe ihm bei der Beschäftigung mit
dem Stück geholfen, wenngleich es ihm, aus der Brecht-Müller-Tradition
kommend, durchaus schwergefallen sei: "Der Balkan ist mir sehr nah. Und
ich entdecke in dem Text Räume, in denen auch ich verwurzelt bin. Es ist
kein lokaler Text, auch wenn er natürlich an geschichtliche Fakten
angelehnt ist Aber durch die Dichtung bekommt er eine andere,
allgemeingültige Dimension." (Andrea Schurian/ DER STANDARD, Printausgabe, 11.8.2011)