"Kinder sollten auch Mathematik der Unsicherheit lernen"
Hamburg - Deutsche Schüler sind nach Ansicht des Bildungsforschers Gerd Gigerenzer schlecht auf den Umgang mit Geldanlagen und auf die Risiken der Finanzmärkte vorbereitet. "Wir möchten Sicherheiten, obwohl es keine absoluten Sicherheiten gibt. Dem muss man ins Auge sehen und lernen, entspannt damit zu leben", sagte der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in einem am Mittwoch im Voraus veröffentlichten Interview der Wochenzeitung "Die Zeit".
"Wir müssen schon in den Schulen etwas verändern. Die Kinder sollten nicht nur die Mathematik der Sicherheit, sondern auch die der Unsicherheit lernen", sagte Gigerenzer. "Wenn man Algebra und Geometrie kann, hilft einem das bei seinen Finanzen herzlich wenig. Dafür braucht man statistisches Denken."
"Wissen erstaunlich wenig"
Gigerenzer kritisiert, dass viele Schüler einfache mathematische Probleme aus dem Finanzalltag nicht lösen könnten. "Tatsächlich wissen sie nämlich erstaunlich wenig, das haben wir in Umfragen festgestellt. Zum Beispiel: Wann ist ein Kredit von 3.000 Euro bei zwölf Prozent Jahreszinsen getilgt, wenn man jeden Monat 30 Euro zurückzahlt? Auf die richtige Antwort - nie - kam nur ein Viertel der Befragten. Dabei ist das nicht viel schwieriger, als mit einer Bundesliga-Tabelle umzugehen."
Als Kernproblem sieht der Bildungsforscher, "dass wir in unserer Gesellschaft auf Krisen reagieren, indem wir nach besseren Gesetzen und besseren Technologien rufen, aber nicht nach besseren, also kompetenteren Bürgern. Das ist das Letzte, was uns einfällt - ganz erstaunlich. (APA)