Forscher klären Wirkmechanismus auf, von dem viele Menschen mit neuropathischem Schmerz betroffen sind
Wien - Ein in jüngerer Vergangenheit in Europa zugelassenes Pflaster mit dem analgetisch an sich schwach wirksamen Lokalanästhetikum Lidocain dämpft sehr gut im Rückenmark verstärkte Nervenschmerzen. Das ist das Ergebnis einer experimentellen Studie an gesunden Probanden, das der Wiener Schmerzforscher Burkhard Gustorff und seine Co-Autoren vor kurzem publiziert haben.
"Wir versuchen immer mehr, Schmerzmittel ganz gezielt einzusetzen. Dafür brauchen wir Studienergebnisse, wo die einzelnen Analgetika (Schmerzmittel, Anm.) spezifisch am besten wirken", sagte Gustorff, ehemals an der Universitätsklinik für Anästhesie der MedUni Wien am AKH und nunmehr Chef der Abteilung für Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie am Wiener Wilhelminenspital.
In diesem Zusammenhang kommt neuropathischen Schmerzen, also über periphere Nerven entstehende Schmerzen, besondere Bedeutung zu. Die sind nämlich oft noch immer nur mangelhaft behandelbar.
Studie mit gesunden Probanden
Eine Möglichkeit bietet offenbar das Lidocain-Pflaster. Um das aber im Detail zu untersuchen, verwendeten Gustorff und seine Co-Autoren von der MedUni Wien am AKH zwei Modelle mit 16 gesunden Probanden: Sie wurden dreimal jeweils zwölf Stunden mit dem Lidocain-Pflaster oder einem Placebo-Pflaster behandelt. Zwischen der zweiten und der dritten Anwendung wurden die Hautstellen mit UVB-Licht bestrahlt. Nach der letzten Anwendung wurde den Probanden in die betroffenen Hautareale schließlich eine Lösung mit 0,1 Prozent des Reizstoffes Capsaicin (z.B. Inhaltsstoff von Pfefferoni) verabreicht.
Schließlich wurde sowohl nach der Anwendung des UV-Lichts als auch nach jener des Capsaicins die Schmerzempfindung gemessen. Gustorff: "Es zeigte sich dabei, dass das Lidocain-Pflaster die vermehrte Schmerzempfindung nach Nadelstichen in dem Capsaicin-Modell um 53 Prozent und in dem UVB-Modell um 84 Prozent dämpfte."
Das galt auch für durch mechanische Reize verursachte Schmerzen und für die Kälteempfindung. Gustorff: "Diese Schmerzreize werden im Rückenmark stark verstärkt. Und hier kann offenbar das Lidocain den Schmerzreiz, der an das Rückenmark geht, so reduzieren, dass die Schmerzempfindung insgesamt deutlich herab gesetzt wird." Das erfolgt selbst in einer niedrigen Konzentration der Substanz, die an sich gar keine lokal wirksame Analgetisierung bewirken sollte. Der Wissenschafter: Wir klären damit einen Wirkmechanismus auf, von dem viele Menschen mit neuropathischem Schmerz betroffen sind." Das Lidocain-Pflaster wird derzeit nicht von den österreichischen Krankenkassen bezahlt. (APA)