Viele von Analysten gelieferte Erklärungen liefern höchstens Halbwahrheiten
Die dramatischen Abstürze an den Börsen wecken böse Erinnerungen. Der
Name Lehman Brothers geistert wieder durch die Medien. Am Dienstag
meinte sogar Ewald Nowotny, Gouverneur der Oesterreichischen Notenbank,
gewisse "Parallelen" zur Zeit nach der Lehman-Pleite erkennen zu können.
Doch diese Schwarzmalerei ist übertrieben und potenziell verheerend.
Zunächst sind die Ursachen für die Krise 2008 und 2011 völlig
unterschiedlich. Ursprung des großen Crashs vor drei Jahren war eine
gigantische Immobilienblase, entstanden durch billige Kredite,
fahrlässige Banken und leichtsinnige Kunden. Nach dem Platzen der Blase
mussten Banken und Unternehmen Billionenbeträge abschreiben, die
Börsenkurse sackten ab, die Weltwirtschaft folgte.
Diesmal ist es anders: Ein singulärer Auslöser für die Probleme
fehlt.
Viele von Analysten gelieferte Erklärungen liefern höchstens
Halbwahrheiten. Beispiel Schuldenkrise: Es stimmt schon, die
Staatsschulden sind seit 2008 massiv gestiegen. Kollabiert ist unter
dieser Last bisher nur ein Staat wie Griechenland, dessen ökonomisches
Gewicht vernachlässigbar ist. Die USA haben das Problem noch im Griff -
ihre Staatsanleihen sind stark gefragt. Ein Mix aus Faktoren, zu denen
auch die trüberen Konjunkturaussichten zählen, treibt die Märkte
hinunter. Irrationale Panik
verschlimmert den Trend. Wer beruhigen will,
sollte das Wort "Lehman" eine Zeitlang nicht in den Mund nehmen. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 10.8.2011)