Staatsbürgerschaftskauf

Das Recht des Geldes

Kommentar der anderen | 9. August 2011, 18:51

Österreich zählt zu den ganz wenigen Ländern, in denen man sich die Staatsbürgerschaft offiziell kaufen kann - Es hat mit einer Verwechslung von Staat und Zivilgesellschaft zu tun - Es ist undemokratisch - Und es stinkt - Von Rainer Bauböck

Bei der Verurteilung von Uwe Scheuch ging es um Korruption, um das Versprechen einer Amtshandlung als Gegenleistung für finanzielle Zuwendungen, aber nicht explizit um das Angebot der Staatsbürgerschaft. Die Verleihung der Staatsbürgerschaft als Gegenleistung für finanzielle Investitionen ist nämlich keineswegs grundsätzlich illegal, solange dabei der österreichische Staat selber profitiert und nicht ein Staatsdiener wie der Kärntner Vizelandeshauptmann.

Die internationale Beratungsfirma Henley & Partners berichtet auf ihrer Internetseite "Staatsbürgerschaft durch Investition" von weltweit drei Staaten, in denen Investoren mit der Einbürgerung rechnen können. Das sind die Karibikstaaten Dominica und St. Kitts and Nevis sowie Österreich. Zu Österreich heißt es: "Es ist auch möglich, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten, wenn Sie substanziell in das Land investieren."

Möglich macht diese attraktive Option der Paragraph 10 Absatz 6 des österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetzes, der übrigens im Verfassungsrang steht und daher nur mit Zweidrittelmehrheit geändert werden kann: "Wenn die Bundesregierung bestätigt, daß die Verleihung der Staatsbürgerschaft wegen der vom Fremden bereits erbrachten und von ihm noch zu erwartenden außerordentlichen Leistungen im besonderen Interesse der Republik liegt" , dann muss der Betreffende im Gegensatz zu gewöhnlichen Zuwanderern keine Aufenthaltsdauer im Inland, keinen gesicherter Lebensunterhalt, keine Rücklegung der bisherigen Staatsbürgerschaft, keine Deutschkenntnisse und auch nicht solche der demokratischen Ordnung, der Geschichte Österreichs und des jeweiligen Bundeslandes nachweisen. Dafür bekommt er einen österreichischer Reisepass, der nicht nur volle Bewegungsfreiheit und wirtschaftliche Rechte in der gesamten Europäischen Union garantiert, sondern auch visafreie Einreise in viele Drittstaaten. Außerdem erhält der Investor das Recht, in Österreich an Wahlen teilzunehmen, auch dann, wenn er sich entschließt, doch lieber seinen dauerhaften Wohnsitz in Russland oder anderswo zu behalten. Schließlich kann er die Staatsbürgerschaft samt Wahlrecht auch noch an seine im Ausland geborenen Kinder und Enkel unbegrenzt weitervererben.

Hinter der voraussetzungslosen Einbürgerung von Künstlern, Sportlern und Investoren steckt zunächst einmal eine mangelnde Unterscheidung zwischen Staat und Zivilgesellschaft. Diese Vermischung ist hierzulande nicht nur in den Köpfen, sondern in den Begriffen selbst verwurzelt. Wer für die Staatsoper singt, die Nationalmannschaft kickt oder in die Volkswirtschaft investiert, der erbringt nicht nur außerordentliche Leistungen für die Musik, den Fußball oder die eigene Brieftasche, sondern für Staat, Nation und Volk.

Zweitens steckt dahinter ein zutiefst undemokratisches Verständnis der Staatsbürgerschaft. Die Gleichberechtigung der Bürger ist nicht vereinbar mit Willkür und Diskriminierung beim Zugang zur Staatsbürgerschaft. Und wenn das Stimmrecht nicht käuflich ist, dann darf es auch die Staatsbürgerschaft nicht sein, mit der man jenes erwirbt.

Das Recht des Geldes

In Österreich gibt es für Kinder von Ausländern, die hier geboren werden, lediglich eine erleichterte Einbürgerung, kein Geburtsrecht auf die Staatsbürgerschaft. Der zehnjährige ununterbrochene Aufenthalt als Bedingung für reguläre Einbürgerungen schöpft die vom Europäischen Abkommen vorgesehene Obergrenze aus. Im Gegensatz zur Mehrheit der EU-Staaten wird Doppelstaatsbürgerschaft bei den meisten Einbürgerungen nicht akzeptiert. Und die österreichischen Bestimmungen für den Nachweis eines sicheren Lebensunterhalts zählen zu den schärfsten und die Gebühren für reguläre Einbürgerungen zu den höchsten in Europa.

Als ich Innenminister Ernst Strasser im Jahr 2000 bei einer Podiumsdiskussion auf diesen Missstand ansprach, antwortete er mit einer Lebensweisheit, die er von seiner Großmutter gelernt habe: Wann's nix kost, is nix wert. Diese Maxime dürfte Strasser in seiner späteren Lobbyingtätigkeit als Europaabgeordneter ausgiebig beherzigt haben. Sie scheint aber durchaus auch der Grundphilosophie des österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetzes zu entsprechen. Dieses ist nicht nur von einem dominanten Abstammungsprinzip (jus sanguinis) und einem sehr schwachen Territorialprinzip (jus soli) geprägt, sondern auch von einem dritten Kriterium, welches der Wiener Jurist Joachim Stern "jus pecuniae" nennt, das Recht des Geldes. Pecunia non olet - Geld stinkt nicht -, soll der römische Kaiser Vespasian gesagt haben, als er eine Latrinensteuer einführte. Wenn aber eine Republik ihre Staatsbürgerschaft verkauft, dann stinkt es doch ganz gewaltig. (Rainer Bauböck, DER STANDARD; Printausgabe, 10.8.2011)

RAINER BAUBÖCK ist Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und leitet ein europäisches Observatorium zu Staatsbürgerschaftsfragen auf http://eudo-citizenship.eu.

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Gilgamesch
00
10.8.2011, 17:24

solch ein passus verstößt eigentlich gegen die guten sitten und ist daher sofort zu streichen. so seh ich das ...

topfenknoedel
00
10.8.2011, 16:36

Wenn wir die gesetzliche Möglichkeit haben, dann nutzen wir sie bitte auch ordentlich.

ordy
00
10.8.2011, 14:13

[...]Die Gleichberechtigung der Bürger ist nicht vereinbar mit Willkür und Diskriminierung beim Zugang zur Staatsbürgerschaft.[...]
Die Gewährung der Staatsbürgerschaft ist kein Recht, sondern ein großzügige Geste.
Investoren/Künstler/Sportler sind kein Massenproblem.
Wenn aber diese Fälle als Türöffner betrachtet werden, dann muss man die Regeln ändern.

zkk
 
01
10.8.2011, 10:16
was hat eigentlich herr al jaber alles für österreich geleistet,

um sich die ö staatsbürgerschaft zu "verdienen"?

und was frau netrebko (ok, wie ich zuletzt lesen konnte, sang sie zwei saisonen an der wr. staatsoper "billiger" als üblich. naja, auch schon was ...)?

diese zwei ö staatsbürgerschaften sind für mich die prominentesten seltsamkeiten diesbezüglich.

und war die sponsortätigkeit al jabers für die austria vom wr. obervioletten als "nona, part of the game" eingefädelt?

und wird ihm die staatsbürgerschaft aberkannt, nachdem er eher im zusammenhang mit konkursanträgen es auf die wirtschaftsseiten der tageszeitungen schafft?

fragen über fragen?

(nur zur sicherheit: mit herrn scheuch hat es ohne frage den richtigen erwischt und er soll einsitzen, aber selbiges gilt für andere auch)

ordy
00
10.8.2011, 14:13

Darum: Staatsbürgerschaft auf Probe

Der Stehgeiger
03
10.8.2011, 10:05
Zu ergänzen ist noch:

Die Bestimmungen über den "Nachweis eines sicheren Lebensunterhalts" sind nicht nur streng, sondern durch die Verschärfungen unter Schwarz/Blau und danach (!) völlig pervertiert und schließen dauerhaft aufenthaltsberechtigte, integrierte Ausländer lebenslang von der Staatsbürgerschaft aus. Während früher ganz einfach gefordert war, den Lebensunterhalt ohne Sozialhilfebezug bestreiten zu können (Stichwort: "unverschuldete Notlage"), haben die nunmehrigen Einkommensgrenzen (ca. € 800,-- plus Wohnkosten für eine Einzelperson, € 1.200,-- plus Wohnkosten für ein Ehepaar) mit der Sicherung des Lebensunterhaltes überhaupt nichts mehr zu tun (Millionen Österreicher leben von weniger), sondern sagen ganz einfach: Arme Leute wollen wir nicht!

Attila der Hunnenkönig
 
11
10.8.2011, 10:48
Stimmt

Arme Leute wollen wir nicht - da haben wir selbst genung davon!

Trollblume
12
10.8.2011, 11:08

Also weisen wir die armen Inländer aus?

Attila der Hunnenkönig
 
00
10.8.2011, 15:45
Nein

Es wird auch keine Aberkennung der Staatsbürgerschaft eingeleitet. Die armen Inländer soll auch Unterstützung und Hilfe bekommen.

ordy
22
10.8.2011, 14:16

Es ist nicht rational, weitere aus dem Ausland nachkommen zu lassen, wenn man keine Londoner Verhältnisse will.
Mit der Staatsbürgerschaft kommt ja der Familiennachzug in Gang.

Aaron Herzfeld
01
10.8.2011, 16:20
"londoner verhälntisse"

sie haben keine ahnung, wovon sie schreiben: die von ihnen sog. "londoner verhältnisse" sind in erster linie durch die in bestimmten stadtvierteln konzentriert auftretenden sozialen misstände entstanden, nicht durch familiennachzug.

ordy
00
11.8.2011, 07:37

Durch Einwanderung entstanden

stefan1981
11
10.8.2011, 09:57

was ist da so schlecht daran? kann ja nur gut sein wenn wir reiche staatsbürger bekommen.

keywords
00
10.8.2011, 16:49

warum das schlecht ist, kann man im artikel lesen.

die frage ist nicht nur ob einer geld hat. die frage ist vor allem, woher er das hat und was er damit macht.

Andreas W
01
10.8.2011, 09:48
Quod erat demonstrandum

Nur in einer Diktatur des Kapitals ist alles käuflich!

Nur noch der Reiche - unabhängig davon, wie er zu seinem Reichtum gelangt ist (kein einziger Oligarch in Russland oder der Ukraine mit ehrlicher Arbeit sondern ausschließlich mit mehr oder weniger brutalen Verbrechen) - ist etwas wert, alle anderen, in der Regel die ehrlich arbeitenden Menschen sind völlig wertlos, entsprechend werden ihre Sklavendienste auch immer grindiger entlohnt.
Alles den Reichen und nichts den Armen, jetzt raten sie mal, wer von den beiden der soziale Verbrecher ist!

Alfredo di Stefano
21
10.8.2011, 08:34

warum sollte jemand, der hier investiert oder als mäzen tätig ist, nicht einen aufenthaltstitel oder die staatsbürgerschaft bekommen?

Just N. Opinion
 
00
10.8.2011, 12:44
Steht im (übrigens ausgezdeichneten) Text:

Just N. Opinion
 
01
10.8.2011, 12:46
Steht im (übrigens ausgezeichneten) Text:

"Und wenn das Stimmrecht nicht käuflich ist, dann darf es auch die Staatsbürgerschaft nicht sein, mit der man jenes erwirbt."

Abgesehen davon: Wer entscheidet und nach welchen zweifelhaften Kriterien, ob die Investitionen oder "außergewöhnlichen Leistungen" eine Einbürgerung rechtfertigen? Ich halte die Leistungen von Frau Netrebko z.B. nicht für so außergewöhnlich, dass sie sie in Österreich nur als Österreicherin erbringen könnte...

ordy
20
10.8.2011, 14:17

Der Papst hat gesprochen?
Eine Meinung ist keine Begründung.

. Kramar
 
02
10.8.2011, 10:44

Ganz einfach nicht, weil es dem Gleichheitsrecht widerspricht.

ordy
00
10.8.2011, 14:18

Gleichheit gibt es bei Rechten und Pflichten.
Nicht bei Großzügigkeiten und Geschenken. Die Staatsbürgerschaft fällt unter letzteres.

keywords
01
10.8.2011, 16:50

die staatsbürgerschaft verleiht aber rechte und hat pflichten.

Andreas W
01
10.8.2011, 09:43
Mal überlegen

Warum sollte sich ein reicher Russe eine österreichische Staatsbürgerschaft kaufen?
Wenn er hier investiert, dann sicher nicht, um den Österreichern einen Gefallen zu tun, ebenso wenig beim Mäzenatentum. Es geht einzig um seine eigene ganz persönliche Geltungssucht.
Und eine ö Stbschaft braucht so jemand nur, um im Falle des Falles nicht an Russland ausgeliefert werden zu können. Es ist aber ganz sicher nicht Aufgabe Österreichs, ausländischen Straftätern der Justiz ihres eigenen Herkunftslandes zu entziehen.
Oder glauben Sie, die würden auch nur einen Cent dafür zahlen, weil der Pass so hübsch ist?

Carlos Clementin
00
29.8.2011, 07:44
Weil diese Russen zu 99% Mafiosi sind...

Und warum soll so einer überhaupt eine Staatsbürgerschaft bekommen? Er kann auch ohne Statsbürgerschaft investieren.

Bugio
20
10.8.2011, 02:26

Das ist vermutlich so ein Paragraph für Habsburger, deren Verwandte und ähnliche potentiell außerordentlich wichtige Fremde für die Republik, jedoch vermutlich nicht für einfache Investoren, ansonsten hätte das Gericht vermutlich anders geurteilt ?

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