Mit dem Vollausbau der Westbahn rückt St. Pölten näher an Wien, Pendler sollen auf Öffis umsteigen
St. Pölten - Es gab Zeiten, da hätten die St. Pöltner ob der Fadesse in ihrer Heimatstadt schon den Kopf hängengelassen, sagt Matthias Adl. Auch wenn dieses Imageproblem noch nachwirke, sei in den letzten Jahren "einiges passiert", was man auch am gesteigerten Selbstbewusstsein der Bewohner von Österreichs jüngster Landeshauptstadt ablesen könne. Adl ist neuer schwarzer Vizebürgermeister der seit eh und je rotenStadt, und als solcher verweist er natürlich darauf, dass "die Stadt das alleine nicht geschafft hätte"; die Landeshauptstadtwerdung hätte dazu schon einiges beigetragen.
Dass gerade die Verbindung zum satellitenstadtartigen Landhausviertel verbesserungswürdig ist, ist Adl freilich nicht entgangen: "Das hat man an die Traisen gestellt, ohne die Anbindung an die Stadt mitzudenken." Derzeit muss man als Fußgänger zwei Durchzugsstraßen überqueren, um von der Innenstadt aus hinzukommen; sobald die Beamten ausgeflogen sind, ist der Stadtteil verwaist. Der Vizebürgermeister hofft auf ein Verkehrsprojekt, das die Anbindung verbessern soll - und auf Beamte, die nicht mehr zu jener Generation gehören, die aus den Büros in der besten Wiener Innenstadtlage an die Traisen übersiedeln mussten.
Mit einem "Masterplan" für die Innenstadt soll dieses Problem gelöst werden, sagt Bürgermeister Matthias Stadler (SP), der ansonsten vom einem schlechten Image St. Pöltens nichts wissen will. Für eine 50.000-Einwohner-Stadt sei das kulturelle Angebot enorm, mit Festivals wie Nuke, Lovely Days oder Frequency habe man sich in den letzten Jahren bemüht, vor allem junge Leute anzuziehen - "das bringt auch Studenten nach St. Pölten".
Ungenützte Flächen
Nach Zahlen hat St. Pölten jede Menge Entwicklungspotenzial, kaum eine Stadt hat so viele bebaubare Flächen zur Verfügung. So wohnen etwa in Salzburg mit seinen 64 Quadratkilometern drei Mal so vieleMenschen wie in der niederösterreichischen Landeshauptstadt, die 109 Quadratkilometer misst. Von der Forderung der VP, das Militärkommando aus der Hesser Kaserne abzusiedeln und dort eine Art Museumsquartier zu schaffen, hält Stadler daher wenig. St. Pölten liege außerdem bei Mieten, Wohnungs- und Grundstückspreisen im Städtevergleich im unteren Segment.
Als Pendlerstadt wird St. Pölten in nächster Zeit jedenfalls an Attraktivität gewinnen: Nach der Fertigstellung der Westbahntrasse wird sich die Zug-Fahrtzeit nach Wien auf 23 Minuten fast halbieren, die ÖBBund die private Westbahn werden voraussichtlich ab Ende 2012 im Viertelstundentakt zwischen den beiden Städten verkehren. Um einen Verkehrsinfarkt abzuwenden, will Stadler ein dichteres Öffi-Netz, S-Bahnen und Busse sollen verstärkt nach Krems, Tulln oder ins Traisental fahren. (Andrea Heigl, DER STANDARD; Printausgabe, 10.8.2011)