Humanitäre Hilfe in Österreich ist fragmentiert und unterfinanziert, klagen NGOs
Wien - Als ein Erdbeben Haiti zerstörte und als eine Flut Pakistan überrollte, trafen sich im Innenministerium wöchentlich Mitarbeiter verschiedener Ministerien, des Bundesheeres und von NGOs und besprachen ihre Arbeit. Beim aktuellen Hilfseinsatz am Horn von Afrika passiert das nicht.
"Es gibt viele Initiativen, teils auch privat organisiert oder von Firmen, die helfen wollen, aber niemanden, der das koordiniert", sagt Gottfried Mernyi vom Kinderhilfswerk. "Es wäre gut zu wissen, wer wo ist, welche logistischen Kapazitäten es gibt, oder eine zentrale Stelle zu haben, bei der alle Maßnahmen und geflossenen Gelder gemeldet werden. Bei anderen Katastrophen hat das mehr oder weniger funktioniert - bei der aktuellen Hungersnot nicht."
"Pakistan und Haiti waren plötzliche Katastrophen, bei denen eine andere Art von Hilfe gefragt war", sagt Außenministeriumssprecher Nikolaus Lutterotti. "Da geht es um EU-weite Koordination, wo etwa der Bedarf an Bergehelfern oder Wasseraufbereitungsanlagen geklärt werden muss."
"Unterfinanziert und fragmentiert"
Die Hilfsbemühungen vieler NGOs für die Hungernden in Afrika stünden zudem noch am Beginn: "Wenn sie wissen, wie sie helfen wollen, werden wir darum ersuchen, dass sie uns das mitteilen." Generell gelte: Bei Katastrophenhilfe ist das Innenministerium zuständig, bei humanitärer Hilfe das Außenministerium, das sich mit der Uno abspricht. Das kann zu Problemen führen.
"Die humanitäre Hilfe in Österreich ist unterfinanziert und fragmentiert", sagt Max Santner vom österreichischen Roten Kreuz. Es sei nicht klar geregelt, wann welches Ministerium die Führung übernimmt. Innen- und Außenministerium wüssten manchmal nicht, was das jeweils andere tut. Im aktuellen Fall fehle aber eine staatliche Planungsstelle: "Für große Hilfsorganisationen ist es wichtiger, sich international intern zu koordinieren."
Dezentrale Spendenstruktur in Österreich
Die Gelder für humanitäre Hilfe sind in Österreich auf viele Stellen verteilt: Das Außenministerium verwaltet den Auslandskatastrophenfonds mit fünf Millionen Euro, das Umweltministerium verfügt über zwei Millionen, das Innenministerium über etwa eine Million. Die Länder haben auch eigene Budgets. "Das kann zum Chaos führen", sagt Santner.
Das Geld ist knapp bemessen: Unter den EU-15 ist Österreich Schlusslicht, unter den EU-25 im untersten Drittel. Für die aktuelle Hungersnot hat Österreich bisher 1,5 Millionen Euro zugesichert - die Schweiz 13,2 Millionen Euro. (Tobias Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 10.8.2011)