Gioachino Rossinis "Stabat mater" - mit Anna Netrebko im Großen Festspielhaus Salzburg
Salzburg - Das Große Festspielhaus war besetzt bis auf den letzten der zusätzlich im Orchestergraben aufgestellten Stühle. Netrebko schauen war angesagt. Das handverlesene, in Stimmklang und Stimmqualität perfekt harmonierende Solistenquartett Anna Netrebko, Marianna Pizzolato, Matthew Polenzani und Ildebrando D'Arcangelo zeigte sich von seiner besten Seite, indem sich die Künstler nicht als Stars gebärdeten, sondern in intensiven Dialogen Glanzleistungen hinlegten.
Ausgewogener in der Balance und feiner ausgelotet im Klang kann man sich die Solo-Quartette in Gioachino Rossinis Stabat mater kaum wünschen. Etwa die Nummer Sancta mater istud agas, in der sich die sanften Melodien von Tenor und Sopran mit den dramatischen Einwürfen von Alt und Bass zu einem Ensemble rarer Strahlkraft vereinten.
Das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung von Antonio Pappano trug dazu - neben den markanten Akzenten - ein ebenso zartes, im Nichts verklingendes Pianissimo bei. Aus dem Musterbuch der Solo-Gesangskunst schien auch der A-cappella-Satz Quando corpus morietur zu kommen. Filmreif erschien danach der Übergang zum Finale, dem Antonio Pappano Drive verlieh. Es sang der von Ciro Visco perfekt einstudierte Coro dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia ein leichtes und doch klangvolles Pianissimo. Indem Antonio Pappano sich dem Werk nicht mit simpler Italianità, sondern mit analytischer Präzision näherte, schien sich die Diskussion um den inneren Widerspruch in Rossinis Stabat mater (Klagegesang Marias im Operngewand) diesmal zu erübrigen.
Freilich könnte die Tenor-Arie Cujus animam gementem auch aus Wilhelm Tell stammen. Matthew Polenzani hat aber selbst den einzigen wirklichen Opern-Kracher mit eleganter Zurückhaltung gestaltet.
Ildebrando D'Arcangelo trat im Satz Eja Mater mit dem Chor in eine Wechselrede, die ihre Spannung aus dem Kontrast zwischen der Bass-Partie und dem Chor-Sopran gewann. Ebenso aufregend war in der Kavatine Fac ut portem die Spannung zwischen der von Marianna Pizzolato bruchlos über die Register geführten großen Kantilene und den Rhythmen in der Orchesterbegleitung.
Anna Netrebko beschwor mit der Arie Inflammatus et accensus zunächst den Tag des Jüngsten Gerichts herauf, um dann auf einen einzigen Atem mit einem atemberaubend sicherem Piano in höchster Lage vom ewigen Frieden zu erzählen. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD - Printausgabe, 10. August 2011)