Intensive Dialoge zu viert

Heidemarie Klabacher , 9. August 2011, 17:04
  • Artikelbild
    foto: apa/franz neumayr

    Anna Netrebko überzeugte im Großen Festspielhaus zu Salzburg, das Publikum applaudierte minutenlang.

Gioachino Rossinis "Stabat mater" - mit Anna Netrebko im Großen Festspielhaus Salzburg

Salzburg - Das Große Festspielhaus war besetzt bis auf den letzten der zusätzlich im Orchestergraben aufgestellten Stühle. Netrebko schauen war angesagt. Das handverlesene, in Stimmklang und Stimmqualität perfekt harmonierende Solistenquartett Anna Netrebko, Marianna Pizzolato, Matthew Polenzani und Ildebrando D'Arcangelo zeigte sich von seiner besten Seite, indem sich die Künstler nicht als Stars gebärdeten, sondern in intensiven Dialogen Glanzleistungen hinlegten.

Ausgewogener in der Balance und feiner ausgelotet im Klang kann man sich die Solo-Quartette in Gioachino Rossinis Stabat mater kaum wünschen. Etwa die Nummer Sancta mater istud agas, in der sich die sanften Melodien von Tenor und Sopran mit den dramatischen Einwürfen von Alt und Bass zu einem Ensemble rarer Strahlkraft vereinten.

Das Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung von Antonio Pappano trug dazu - neben den markanten Akzenten - ein ebenso zartes, im Nichts verklingendes Pianissimo bei. Aus dem Musterbuch der Solo-Gesangskunst schien auch der A-cappella-Satz Quando corpus morietur zu kommen. Filmreif erschien danach der Übergang zum Finale, dem Antonio Pappano Drive verlieh. Es sang der von Ciro Visco perfekt einstudierte Coro dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia ein leichtes und doch klangvolles Pianissimo. Indem Antonio Pappano sich dem Werk nicht mit simpler Italianità, sondern mit analytischer Präzision näherte, schien sich die Diskussion um den inneren Widerspruch in Rossinis Stabat mater (Klagegesang Marias im Operngewand) diesmal zu erübrigen.

Freilich könnte die Tenor-Arie Cujus animam gementem auch aus Wilhelm Tell stammen. Matthew Polenzani hat aber selbst den einzigen wirklichen Opern-Kracher mit eleganter Zurückhaltung gestaltet.

Ildebrando D'Arcangelo trat im Satz Eja Mater mit dem Chor in eine Wechselrede, die ihre Spannung aus dem Kontrast zwischen der Bass-Partie und dem Chor-Sopran gewann. Ebenso aufregend war in der Kavatine Fac ut portem die Spannung zwischen der von Marianna Pizzolato bruchlos über die Register geführten großen Kantilene und den Rhythmen in der Orchesterbegleitung.

Anna Netrebko beschwor mit der Arie Inflammatus et accensus zunächst den Tag des Jüngsten Gerichts herauf, um dann auf einen einzigen Atem mit einem atemberaubend sicherem Piano in höchster Lage vom ewigen Frieden zu erzählen. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD - Printausgabe, 10. August 2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
1 2
Giuseppe Verdi1
01
10.8.2011, 15:49
cujus animan

eine der schwierigsten tenorarien

Antagonist1
00
10.8.2011, 17:18
Für einen

BJÖRLING vielleicht nicht, für die meisten anderen schon

p-hammer
11
10.8.2011, 19:15
Für einen Björling sicher auch

...was nicht bedeutet, dass er sie "leichter" singen konnte als die allermeisten Kollegen.

Im Übrigen bringt es wenig, jedem Sänger oder jeder Sängerin ständig das Dutzend Ausnahmestimmen der letzten 100 Jahre um die Ohren zu hauen - wobei es auch bei diesen teils durchaus heftige Ablehnung der individuellen Stilistik gibt.

Um so mehr, als Sie ihn vermutlich nie live gehört haben.

Antagonist1
00
10.8.2011, 21:17
LIVE?

Wozu, meinen Sie, gibt es Ton-Dokumente, die trotz ihres Alters (und mögliche technischer Schwächen) immer noch als Referenz-Aufnahmen gelten? Diese sind immer wieder heranzuziehen, schon um zu zeigen, was heute stimmlich so vor sich hin schwächelt....

p-hammer
00
11.8.2011, 09:47
Tontechnik?

Auch in den 40/50ern hat man Aufnahmen schonim Studio ein wenig frisieren können - und alte Live-Mitschnitte werden sicher nicht unbearbeitet auf CD gepresst.
Einspielungen darf man als Vergleich zu Aufführungen sowieso nicht heranziehen, weil die natürlich massiv bearbeitet werden (und wurden) und zudem jede Arie x-mal aufgenommen wird, um ein möglichst optimales Ergebnis zu erzielen. Und dann gibt es einige, die zu Recht hoch gepriesen werden, obwohl die Sänger das Werk aus guten Gründen nie "live" dargeboten haben.

Natürlich sind diese Tondokumente gute Orientierungspunkte - aber wie der Sänger unter den konkreten akkustischen Bedingungen geklungen hätte, sagen sie einem auch nicht.

Susanne Rettenbacher
10
11.8.2011, 17:35
Karajan Sinfonien bearbeitet

Vor etwa zwei Jahren erschien im Magazin der Berliner Philharmoniker ein ausführlicher Bericht, mit welchen technischen Mitteln und auch einigen Tonmeistertricks die Sinfonien Karajans bearbeitet werden, bevor sie, von der alten Aufnahme zur CD werden (leider kann ich den Artikel nicht in elektronischer Fassung finden). Aber mit ihrem Kommentar haben sie auf jeden Fall ins Schwarze getroffen.

Susanne Rettenbacher
10
11.8.2011, 20:30
Danke für's rote Stricherl bei einem sachlichen Beitrag

aber wäre es nicht da, wäre ich richtig traurig geworden.

arcmichl
00
10.8.2011, 15:24
btw: sehr zeitbezeichnend, wie enigmatisch hier hinter der Form der Inhalt beinahe verschwindet ... "Coro dell'Accademia Nazionale di SANTA CECILIA" ...

.
"Etwa die Nummer SANCTA MATER ISTUD AGAS ..."

"Ildebrando D'ARCANGELO trat im Satz EJA MATER mit dem Chor in eine Wechselrede ..."

"aufregend war in der Kavatine FAC UT PORTEM die Spannung ..."

Ausnahmen sind hier der Schlusssatz sowie die Bemerkung "innerer Widerspruch in Rossinis STABAT MATER (KLAGEGESANG MARIAS im Operngewand)".

+++++

Eigentlich gehts also freilich darum:

Christi Mutter stand mit Schmerzen
bei dem Kreuz und weint von Herzen,
als ihr lieber Sohn da hing.
[...]
Ist ein Mensch auf aller Erden,
der nicht muss erweichet werden,
wenn er Christi Mutter denkt,
wie sie, ganz von Weh zerschlagen,
bleich da steht, ohn alles Klagen,
nur ins Leid des Sohns versenkt?

Volltexte da:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stabat_mater

p-hammer
11
10.8.2011, 16:18
Ein wenig wird man ja voraussetzen dürfen, oder?

Ich schätze mal, dass jeder, der eine "Stabat Mater" - Vertonung auf Tonträger besitzt (idR Pergolesi oder Rossini) halbwegs weiß, worum es inhaltlich geht.
Und sonst wird das kaum wer lesen.

Ich find es gut, die Abschnittstitel zu nennen, weil man das dann konkret zu Hause nachhören kann - und dieses Konzert gibt es ja in fast gleicher Besetzung (mit anderem Mezzo und Tenor) schon auf CD.

Bei einer Opernrezension wird ja normalerweise auch nicht der Inhalt der Arie erklärt.

arcmichl
00
11.8.2011, 15:39
eh.

.
aber ich schrieb ja: "sehr ZEITBEZEICHNEND, wie enigmatisch hier hinter der Form der Inhalt beinahe verschwindet".

das posting ist also keine kritik an der journalistischen qualität des artikels - sondern eine anregung zur zeitkritischen kontemplation in betrachtung des artikels.

so mancher besitzt eine "stabat mater"-vertonung auf tonträger, rennt zur netrebko, liest die rezension - und betet doch nicht zu maria und mit ihr zum Herrn, bekennt sich nicht zum kreuz, lässt sich nicht erlösen ...

es geht im leben nicht um tonträger, opernsängerinnen, rezensionen etc. - mit all dem wahren, guten und schönen sollten wir zielgerichtet umgehen ...

Antagonist1
00
10.8.2011, 17:20
"Bei einer Opernrezension"

wird hier, im Standard, kaum von Arien berichtet - und von deren Inhalt auch nicht, schon mangels Kenntnis desselben....

p-hammer
11
10.8.2011, 19:20
Ich will Ihnen nicht völlig widersprechen

...aber wenn Sie ehrlich sind:

Sie zerreißen ja nachweislich auch lieber den Regisseur in der Luft, als auf die konkreten gesanglichen Leistungen einzugehen.

Was unter Umständen darin liegen kann, dass sie nicht in der Aufführung waren, aber sich über eine Regie schon aufgrund von Bildern ein grundsätzliches Urteil erlauben. Was wiederum legitim ist, wenn man sich zur "Szenenbeschreibungen im Libretto sind ohne jede Veränderung umzusetzen"-Fraktion zählt.

Antagonist1
00
10.8.2011, 21:11
"Konkrete gesangliche Leistungen"

WO wußte etwa ein Herr LT jemals dazu etwas zu schreiben, er kennt sich dabei doch nicht aus und ist fixiert auf Regie-Mätzchen - also bekommt er dazu meine Ablehnung. Wäre er ein Rezensent der Klasse, der er gerne angehörte, wozu ihm aber ALLES fehlt (Erfahrung, Vergleich, Urteil, Stil), könnte man sich zu seinem Geschreibsel Gedanken machen, so aber....

Antagonist1
00
10.8.2011, 23:21
...könnte

er als Kritiker bezeichnet werden, so aber ist er nur Zeilenschinder....

Ravenspower
40
10.8.2011, 12:18
Von der Netrebko...

... ihre "mitzi" möcht ich net sehn.
die quillt bestimmt schon ziemlich auf.

Emil Sacklinger
 
00
10.8.2011, 15:26

ist die mitzi das töchterl?

(ist wohl auch schon einige monate alt)

Steak vom Milchlamm
12

Das muss richtig schön gewesen sein, hätt ich gern gesehen und gehört!

Giuseppe Verdi1
01
10.8.2011, 15:47
mehr zum hören als zum sehen

ich hätte auch einen säulensitz genommen

Steak vom Milchlamm
11
10.8.2011, 17:46
Na sehen wäre schon schön

bei der Caballe würden Sie trotz Säulensitz noch was sehen, was aber niemand will :-)

Antagonist1
00
10.8.2011, 21:13
WAS

sollte bei einem CUJUS ANIMAM zu sehen sein - das Erlebnis wird übers Ohr direkt an Herz geleitet; das Auge ist da kaum involviert....

Steak vom Milchlamm
00
11.8.2011, 07:38

Na gut, singt halt der Tenor. Noch interessanter wie er es macht die hohen Töne strahlend hervorzubringen.

Auf Ihre Frage: Wo kommen Sie den her bezüglich "kennt nicht einmal Cujus animam gementem". Jetzt kenne ich diese Arie, und muss sagen diese hat nicht mein Herz berührt, es sei denn Sie haben ein Kämpferherz. Da gibt es für mich sicher andere Arien, wo ich die Augen schließe, und diese in mich wirken lassen kann.

Schätze ungefähr 1 von 100 wird diese Arie schon kennen. Tut mir leid, dass ich das nicht war. Hab es zwar gelesen, doch die paar Stunden die zwichen lesen und Ihrem Mail waren sind dann der Zeit ohne musikalischem Eindruck doch zuviel gewesen.

Hätte das Konzert, trotz meiner Unbildung, gerne gesehen und gehört.

Steak vom Milchlamm
00
10.8.2011, 21:25

1. Netrebko
2. Wie Sie singt
3. Was Sie macht und
4. Ihre Mimik

alla riscossa
72
sicher besser,

als die peinliche rezension da!

Antagonist1
00
10.8.2011, 15:34
DAZU PASSENDE FRAGE:

Warum, glauben Sie, gibt es hier - im Gegensatz zu den Feuilleton-Seiten anderer Zeitungen - keine Fotos der "rezensierenden" Journalisten? Aus denen würde sich manche "Kritik" prompt erklären....

torre de babel
33
10.8.2011, 10:11

die ganzen netrebko-hate-poster nerven ungemein! könnt ihr nicht einfach einsehen, dass es sich um eine tolle künstlerin mit einer wirklich wunderbaren stimme handelt?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 28
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.