Hauptsache es ballert

Gastkommentar

Das Netz wimmelt von platten Parolen und kruden Weltbildern. Doch zum Glück sagen Lautstärke und Explosivität nichts über Akzeptanz und Sinnhaftigkeit solcher Argumente aus - und sollten den Rest nicht von der Sisyphosarbeit des Dagegen-Anschreibens abhalten. Von Martin Eiermann

Es gibt in den Tiefen der deutschen Sprichwörterkiste viele versteckte Bonmots. Eines davon: "Auf jeden Weisen kommen tausend Narren". Auf jedes lesenswerte Buch kommen Regale voll von Groschenromanen, auf jeden Flugpionier kommen dutzende Hobbybastler, die sich im Laufe der Geschichte armrudernd von dutzenden Klippen gestürzt haben.

Auch im Netz ist das natürlich nicht anders. 9.282.359 Leserbeiträge zählte das Forum von Spiegel Online am Sonntagabend. Eine ganze Bibliothek voll Beiträgen, die nicht nur sang- und klanglos in den Tiefen des Archivs verschwinden sondern auch durchaus Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Diskussion durch und mit den Lesern aufkommen lassen können. Es tummelt sich absurdes - "Wozu brauchen wir eigentlich eine Bundeswehr? Wenn wir von Aliens angegriffen werden, kämpfen sowie so die Amis für uns" - neben Hobbysatirikern: "Wohin es die amerikanische (Ess-)kultur gebracht hat sieht man an der grundehrlichen Kartoffel. Diese wurde geschnipselt und geraspelt in ungesunde und süchtigmachende Chips - man kann nicht mehr aufhören zu essen... und es entsteht Fett ohne Mehrwert. Genau wie in der Wirtschaft."

Wild Wild Web

Schrammel schrammel, der Leser schlägt zurück. Und das alles, nachdem die beleidigenden, kruden, grammatikalisch einfallsreichen und verschwörungstheoretischen Posts es erst gar nicht an den redaktionellen Türstehern vorbei geschafft haben. "Wie das Universum ist die menschliche Blödheit wohl unbegrenzt, so einer der SPON-Leserbriefschreiber. "Wie sagte der Pfälzer Dicke doch so treffend: Wichtig ist, was hinten bei rauskommt." Und hinten raus kommt eben oftmals ein Mix aus Plattitüden, Populismus und rhetorischem Rowdytum. Der Griff zur Tastatur erfolgt, bevor der Gedanke zu Ende gedacht ist. Man wird ja wohl noch alles sagen dürfen, selbst wenn es nicht viel mehr zu bieten hat als intellektuelle Grütze. Es gilt der bewährte Trinkspruch: Hauptsache es ballert.

So groß ist der Graben also vielleicht doch nicht zwischen der politischen Debatte im Netz und dem Meinungsbiotop unter jedem x-beliebigen Youtube-Video. Ist es also legitim zu bilanzieren: So frustrierend die mediale Berichterstattung ist, so viel frustrierender sind die Reaktionen darauf? Wenn ich den ganzen Schmarrn lese, der unter diversen Pseudonymen oder anonym in den Kommentarspalten verzapft wird, wünsche ich mir fast schon die analoge Zeit zurück, in der ein Leserbrief immerhin noch einer Briefmarke und des Gangs zum nächsten Postamt bedurfte.

Aber eben auch nur fast. Philip Faigle von der ZEIT hat kürzlich einen der eigenen Leserbriefschreiber besucht, um den Leserbriefen buchstäblich ein Gesicht zu geben. Er hat einen Menschen erlebt, der zum einen von einem Ohnmachtsgefühl angesichts der eigenen politischen Gestaltungsmöglichkeiten getrieben ist - und dessen knappe Leserbeiträge gleichzeitig nur Schlaglichter einer deutlich differenzierteren Auseinandersetzung mit grundlegenden Themen der Politik und der politischen Kultur sind und seien können.

Ramba Zamba gegen die Apathie

Bei allen Fehlern und Verfehlungen hat der mediale Diskurs im Netz zumindest das Potenzial, verkrustete Strukturen aufzuweichen. Allzu oft ist die parlamentarische Politik synonym mit der Zähmung politischer Energie und der Lähmung des Diskurses durch Parteiräson und parteipolitische Maulkörbe. Und allzu oft bewegen sich auch die Medien irgendwo zwischen Empörung und Mainstream - und überspringen dabei die Debatten, die vielleicht nicht unbedingt als plakative Aufmacher taugen aber letztlich genau Ausdruck jener politischer Kreativität sind, die schon in der antiken Polis ein Grundbestandteil des öffentlichen Diskurses bildete. Kreativität ist der Wille, Neues zu schaffen und die Akzeptanz von Fehlern, schreibt Aristoteles.

Das wilde Leben ist besser als das zahme. Und der politische Diskurs ist notwendigerweise eine halbwegs wilde Sache. Wo Meinungsverschiedenheiten herrschen, ist die Keimzelle des politischen Diskurses zu finden. Wo diese Meinungsverschiedenheiten artikuliert werden, wird der Apathie ein erster Widerstand geboten. Und wo diese Meinungsverschiedenheiten im Diskurs ernst genommen werden, erwacht die Debatte zum Leben. Während in Ägypten ein Volk darum kämpft, ein protodemokratisches System mit Demokraten zu füllen, diskutieren wir hierzulande gleichzeitig, ob denn nicht die Grenzen der Partizipation wohl bald einmal erreicht seien, ob denn nicht das Netz voll von Gefährdern und Demagogen sei. Beziehungsweise: Die Politik diskutiert, und manchmal machen wir von den Medien noch mit. Wir reden wieder einmal über Menschen, nicht mit Menschen. Es ist einfacher so und es ist auch eleganter. Wo der Gegenüber nicht zu Wort kommt, siegt die eigene Meinung außer Konkurrenz immer.

Danke für's Mitmachen

Ein Lob also auf alle, die die Versuchung der kognitiven Dissonanz durchbrechen und gerade auch im Internet die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden suchen, selbst wenn es eine Sisyphosaufgabe ist. Ein Lob auf alle, die der Flut des Unsinns und des plakativen Draufhauens einen Damm aus Argumenten entgegenstellen. Die positive Kehrseite der plakativen Vereinfachung ist die gleichnishafte Erklärung komplexer Systeme und Phänomene. Die Kehrseite des penetranten Kommentierens ist energisches Diskutieren. Die Verneinung der Diskussion dagegen ist und bleibt die Verneinung der Diskussion.

Die Narren gibt es immer, der Diskurs ist ohne den Populismus und Opportunismus wahrscheinlich nicht zu haben. Doch die Präsenz der letzteren sollte niemals der Hingabe zu Erstem abträglich sein. Wenn sich weiterhin Narren ohne Flügel von populistischen Klippen stürzen, den Pluralismus verdammen, über Integration zetern oder den Griechen Pest und Cholera auf den dekadenten Hals wünschen (und dabei im schlimmsten Fall noch einen ganzen Pulk anderer mitreißen), dann braucht es gleichzeitig die Stimmen, die Unsinn auch Unsinn nennen. Ich glaube daran, dass es mehr als nur Einer pro Tausend ist. Falls sich einer dieser Leserbriefschreiber doch offline unterhalten will, sei er hiermit herzlich eingeladen. (Martin Eiermann, derStandard.at, 9.8.2011)

Autor

Martin Eiermann, The European, ist Leitender Redakteur bei The European. Er studierte von 2006 bis 2010 Geschichte und politische Philosophie an der Harvard University und schrieb unter anderem für The European, Cicero Online und die Bundeszentrale für politische Bildung.

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