Mit der Anrufung des Schlichters ist ein Ausstand mit Folgen für den Flugverkehr in Europa in die Ferne gerückt
Frankfurt - Nach der kurzfristigen Absage des
Fluglotsenstreiks ist der Flugverkehr in Deutschland am Dienstag
weitgehend störungsfrei geblieben. Die zuvor auf die Folter
gespannten Passagiere konnten aufatmen und ihre Reisepläne umsetzen.
Flughäfen, die Deutsche Flugsicherung (DFS) wie auch die Lufthansa
berichteten nur von vereinzelten Verschiebungen, die teils auf
Sonderflugpläne zurückzuführen waren.
Nach Mitternacht und damit keine sechs Stunden vor dem
geplanten
Streikbeginn hatte die DFS den Schlichter angerufen und damit eine
sofortige Friedenspflicht der Lotsen ausgelöst. Zuvor hatten die
Arbeitsgerichte in Frankfurt in zwei Instanzen die von der DFS
angegriffenen Streikziele der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF)
für rechtmäßig erklärt. Viele Passagiere verfolgten die Ereignisse in
der Nacht und zeigten sich am Reisetag erleichtert. Sie kritisierten
beide Seiten für die lange Ungewissheit.
Schlichtung im Herbst erwartet
Als Schlichter agiert der Münchner Arbeitsrechtler Prof. Volker
Rieble, der nun eine Woche Zeit hat, einen ersten Termin mit den
Streithähnen zu vereinbaren. Die Schlichtung wird nach Einschätzung
beider Seiten mindestens vier Wochen dauern, so dass für die Ferien
mit keinen weiteren Aktionen mehr zu rechnen ist.
Wie ein Sprecher des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport
berichtete, war am Morgen alles "fast normal, abgesehen von einigen
Ausreißern". Bei den "Ausreißern" handele es sich um 30 bis 40 Flüge,
die am Montag von den Fluggesellschaften aus der angekündigten
Streikzeit zwischen 06.00 und 12.00 Uhr herausverlegt worden seien.
Auch in München hieß es: "Bei uns läuft alles weitgehend nach Plan."
Lediglich ein Dutzend Maschinen vor allem aus Übersee seien von der
Streikankündigung betroffen und würden nun mit Verspätungen landen,
sagte ein Flughafensprecher.
Der Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), Matthias
Maas, sagte: "Kein Lotse will streiken. Es wäre für uns ein Horror
gewesen, dazusitzen und die Passagiere wartenzulassen. Aber jeder
wäre dazu bereit gewesen." Er hoffe auf eine sachlich-faire
Schlichtung durch den vom Arbeitgeber benannten Rieble. Die
Gewerkschaft erneuerte ihre Kritik, dass die DFS die Schlichtung
unnötig spät angerufen habe: "Wir sind davon ausgegangen, dass die
DFS schon nach der ersten Instanz diese Karte hätte ziehen müssen, um
Schaden abzuwenden", sagte GdF-Tarifvorstand Markus Siebers.
Flugsicherung sieht Eingriff in ihre unternehmerische Freiheit
Die DFS hält trotz ihrer Niederlage vor den Arbeitsgerichten
weiterhin eine zentrale Forderung der Gewerkschaft für rechtswidrig,
wie Sprecher Axel Raab betonte. Es geht um mehrere hundert meist
leitende Posten in der Flugsicherung, für welche die GdF ausführliche
Qualifikationsmerkmale vorgeschlagen hat. Für die Jobs will sie etwa
lange Berufserfahrungsfristen festschreiben. Die Flugsicherung sieht
darin einen Eingriff in ihre unternehmerische Freiheit. Zudem würden
andere Bewerber unzulässig diskriminiert, sagte Personalchef Jens
Bergmann. Die "unannehmbaren Bedingungen" habe man aus dem
Schlichtungsverfahren heraushalten wollen und daher auf einem Urteil
bestanden.
Das Gericht habe das Thema aber nur kursorisch prüfen können,
sagte Raab. Es komme jetzt auf das Geschick des Schlichters an,
dieses Thema zu bewältigen. GdF-Tarifvorstand Siebers sagte dazu:
"Wir hoffen, dass wir in der Schlichtung durchkommen, da haben wir
zumindest einen neutralen Dritten dabei." Die GdF verwies auf bisher
sechs erfolgreiche Schlichtungen mit der DFS. Die kleine Gewerkschaft
verlangt neben dem Einfluss auf die Stellenbesetzungen noch 6,5
Prozent mehr Gehalt für die mehr als 5000 Tarifbeschäftigten bei der
Flugsicherung. Rund 1900 von ihnen sind Fluglotsen.
Die Lufthansa kündigte erneut an, Ansprüche auf Schadenersatz
zu
prüfen. Eine konkrete Schadenshöhe nannte sie auch für die erste
Streikdrohung aus der vergangenen Woche nicht. Vorstand Stefan Lauer
hatte erklärt, dass allein die Streikandrohung zu Verlusten führe,
wenn etwa Kunden ihre Flüge absagten. Der mögliche Schaden werde nun
untersucht, sagte ein Unternehmenssprecher am Dienstag in Frankfurt. (APA)