Land der Titel

Leserkommentar
9. August 2011, 08:03

Nicht einmal im Augenblick höchster Ekstase vergisst der Österreicher, den Titel zu nennen

Als ein Besucher den Rektor der Universität mit "Herr Rektor!" ansprach, knurrte dieser, weil er die Anrede "Eure Magnifizenz" erwartet hatte, und meinte: "Nächstens sagen S´ gleich Franz zu mir."

Anreden wie "Magnifizenz" für den Rektor einer Universität, "Spektabilität" für den Dekan oder gar "Honorabilis" für den Prorektor mögen, sieht man von akademischen Festveranstaltungen ab, aus der Mode gekommen sein. Viele andere Anreden und Titel sind hingegen höchst lebendig, vor allem im Land der Titelsucht, Österreich. Rund 900 Titel und Berufsbezeichnungen sind hier durch Rechtsvorschriften geregelt; einen guten Überblick darüber bietet das von MR (Ministerialrat) Dr. Heinz Kasparovsky verfasste, im August 2011 in der vierten, aktualisierten und erweiterten Auflage erschienene Buch "Titel in Österreich".

Gehören Titel zum österreichischen Selbstverständnis?

Der Titel Hofrat hat nur in Österreich überlebt, und zwar einerseits als Amtstitel (Hofrat, Wirklicher Hofrat, Vortragender Hofrat), anderseits als Berufstitel, der vom Bundespräsidenten an verdiente Verwaltungsbeamte verliehen wird. Kennen Sie übrigens den Unterschied zwischen "Hofrat" und "Wirklichem Hofrat"? Laut Lästermäulern arbeitet der Hofrat nichts, der Wirkliche Hofrat wirklich nichts. Wird der Hofrattitel am Ende der aktiven Laufbahn verliehen, bezeichnen ihn Spötter auch als "Grabsteinhofrat".

Charakteristisch für die Einstellung, welche die Österreicher Titeln gegenüber haben, ist eine Wortmeldung des damaligen ÖVP-Klubobmanns Dr. Khol bei der Debatte über die Einführung des Titels "Militärbischof". Seiner Meinung nach gehören Titel zum österreichischen Selbstverständnis. Darüber hinaus seien sie für die Republik eine "äußerst sparsame Sache" und würden die Motivation der Bediensteten und ihre Identifikation mit der Dienststelle erhöhen. - Ob nun mit der Freude an den Titeln das Bedauern über die Abschaffung der Adelstitel 1918 kompensiert wird oder ob zu ihrer Ausbildung ein masochistisches Untertanengefühl der Obrigkeit gegenüber beigetragen hat, wer mag es wissen?

Von Amtstiteln und Berufstiteln

Während anderswo nur die Universitätsprofessoren den Titel "Professor" führen, sind es in Österreich auch (pragmatisierte) Lehrer höherer Schulen - dann handelt es sich um einen Amtstitel - bzw. Personen, die im Bereich der Wissenschaft, auf dem Gebiet der Erwachsenenbildung, der Kunst, der Volkskultur und des Musealen Sammelns tätig sind - dann ist es ein vom Bundespräsidenten verliehener Berufstitel. Und davon wiederum ist die Verwendungsbezeichnung "Professor" für Vertragslehrer, also nicht pragmatisierte Lehrer, zu unterscheiden. Bestellt man im Kaffeehaus gleich zwei Qualitätszeitungen, wird man ohnehin als "Professor" angesprochen...

Nochmals die Lehrer als Beispiel: Der Bundespräsident kann Lehrer, die sich Verdienste um Österreich erworben haben, mit folgenden Berufstiteln auszeichnen: Hofrat, Regierungsrat, Oberstudienrat, Studienrat, Oberschulrat und Schulrat. Der Berufstitel wird nach dem Amtstitel, jedoch vor einem akademischen Grad geführt. Beispiel: Dir. HR Hon.-Prof. Dr. Dr.h.c. H.E.

Der Oberzahnradbahn-Bahnrat von Karl Farkas

Es gibt den Kammersänger, den Bergrat honoris causa, den Militärerzdekan, die Obersonderkindergärtnerin oder den Ersten Oberbereiter. Den vom Kabarettisten Karl Farkas (selbst ein Professor!) vorgeschlagenen Oberzahnradbahn-Bahnrat gibt es (noch) nicht.

Wie sehr dem Österreicher die Ehrfurcht vor Titeln im Blut liegt, zeigt ein Vorfall bei der Fußball-WM 1978 in Cordoba. Als Hans Krankl gegen Deutschland das Siegestor erzielte, rief der Reporter Edi Finger aus: "Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! Tor! I werd narrisch! Krankl schießt ein. 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplomingenieur Posch, wir busseln uns ab." Nicht einmal im Augenblick höchster Ekstase also vergaß er, den Titel zu nennen... (Leser-Kommentar, Herbert Danzer, derStandard.at, 9.8.2011)

Autor

Herbert Danzer, geboren 1960, ist AHS-Lehrer.

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Honoris Causa?

H.C. Strache

waere es nicht angebracht .....

die deutsche schreibweise zu benuetzen 'e.h.', ehrenhalber, kann bei passender gelegenheit auch als
eigenhaendig interpretiert werden.
dieser hinweis gilt nur fuer die ganz boesen buben; alle aufrechten untertanen werden sicher nicht soweit gelesen haben.

h.c. H.C

verliehen von der Freiheitl. Parteiakademie :)

hätt i mei studium gschafft, dann würd i mit stolz mein titl tragen. leider war i zbled. jetzt bleibt ma nur der neid.

darf ich mich mit ihnen verbrüdern? mir gehts genauso ... :-)

aber ist nicht genau dass das Problem?

studium ist doch das beste beispiel was hat man geleistet, dass man einen titel verdient? nüchts im gegenteil bisher hat man dem staat nur was gekostet...

ich denke wir müssen uns schön langsam entscheiden ob wir eine leistungsgesellschaft sien wollen oder nicht...und ich finde alle mit der gleichen leistung sollten die gleichen titel tragen unabhängig von der ausbildung...aber daran haperts ja...

bleiben wir bei den lehrern ein normaler akademiker wird aufeinmal professer...warum was unterscheidet ihn von anderen akademikern?

und wenn er 20 jahre dabei bleibt wird er oberstudienrat...aha gilt das für alle...warum werden nicht alle akademiker nach 20 jahren arbeiten oberstudienrat?

Der Akademische Grad belegt, dass man in einem Fachgeniet eine Messlatte an Qualifikation zumindest gerade überschreitet. Das ist schon eine Leistung für sich.

Die Volkswirtschaftliche Leistung ergibt sich daraus, dass sich die Investitionen ins Uni-System durch die im Durchschnitt höheren Einkommenssteuern der Akademiker mehr als Amortisiert und für die Allgemeinheit (volgo "den Staat") eine Cashcow darstellt.

Wenn's die gleiche Leistung erbringen brauchen's nicht die Buchstaben vor dem Namen - die Anerkennung dafür kommt in Form der Bezahlung.

Warum sind's auf die "Titel" so neidig. Wirklich angenehm tragen sich die nur, wenn man sie erarbeitet hat. Und dann verwendet man sie sowieso kaum, hat man nicht nötig.

Ein Freund von mir ist

Militäroberkurat. Ich persönlich kenne einen Waldschrat ....äh Forstrat.

Ich kann mir nicht mal einen Namen, geschweige denn einen Titel leisten.

Und dann gab's noch die Sekretärin

die sich scheinbar im sonst fast ausschließlich akademischen Umfeld benachteiligt fühlte und alles mit Marg. Nachname unterschrieb. Das r mehr oder weniger fällt eh nicht auf.... Tja liebe Margot, Margarethe, Margit, .... wenn es Ihnen nur ein einziger irgendwie hätte glauben können!

ich kannte eine margit .....

die sich eigenhaendig von der tippmamsell zur office-managerin hochstylte.
na ja, wenn man sonst nichts ist, braucht man einen zur not selbst erfundenen titel.

Dabei ist auch Drusius ein schoener Vorname, fuer die dies ganz noetig haben auch Dieter Drusius ..

Oh nein, gleich kommt wieder die Urban Legend von Dr. Richard :-)

Sommerloch...

...alle Jahre wieder wird die G'schicht vom "typisch österreichischen Titelwahn" ausgegraben. Es wird langsam fad.

Quizfrage: Wo gibt's nicht nur blühende Literatur, sondern sogar eine eigene Dienstleistungsbranche, um rasch an einen Doktorgrad zu kommen? Richtig, im völlig untitelsüchtigen Deutschland. Dort führt man halt nicht den Diplombetriebswirt vorm Namen, umso versessener ist man auf den Doktor (und Professor!).

Und andernorts blühen halt die Jobtitel, kreativ aufgepeppt wie "Junior Vice President" für mittleres Management. Oder CEO für den Ein-Mann-Betrieb.

In Italien wird der dottore für etwas verliehen, was in Ö einem Master/Magister entspricht...und die Italiener verwenden den auch fleißig.

In Holland sehe ich auch eine Menge "drs." vor dem Namen (drs. = doctorandus = auch sowas wie ein Magister, nicht zu verwechseln mit dr.)

ueber die niederlande.....

will ich mangels kenntnis nicht sprechen.
in italien ist es vielschichtiger:
wenn sie den dott. auf die visitenkarte setzen, muessen sie schon ein wirklicher dottore sein (wie in Oe und D), sonst machen sie sich strafbar.
allerdings, und hier beziehe ich mich vor allem auf meine heimatstadt rom, wird mit dem dottore herumgeschmissen, dass es eine helle freude ist. damit braucht man sich keine namen merken und vermeidet ev. fettnaepfchen.
ich hatte in den 80-90er jahren eine haushaltshilfe, die mich abwechselnd mit architetto, dottore und ingegniere titulierte.
als ich einmal mit dem portiere (hausmeister) darueber sprach, klaerte er mich auf, dass eine haushaltshilfe, die auf ihren dekor haelt, doch nicht einen titellosen niemand bedienen ka

kann das mit NL bestätigen. titel stehen auf namensschildern (auf der uni) und visitenkarten, man würde sich allerdings nicht so ansprechen (vielleicht in einem formellen brief, aber nicht in einer mündlichen unterhaltung).

letztens hat sich doch glatt ein kunde beschwert, dass ich ihn nicht mit herrn bachelor laubenhuber angeschrieben habe

das sind die fünf minuten im leben, die man gerne mal ehrlich wäre :-)

Das liegt halt daran dass die meisten Österreicher leider auf die Oberfläche viel mehr Wert legen als auf den Inhalt. Der Prolo der sich in der Nachtschicht niedersäuft und extrem viel Wert auf sein Äußeres legt (soweit es ihm innerhalb der engen Grenzen seines sehr limitierten Geschmackes möglich ist) aber keinen Wert auf sein Hirn (und infolgedessen gerne entsprechende Politiker wählt) ist in dieser Hinsicht dem Rektor der viel mehr Wert auf seine Titel als auf seine wissenschaftliche Arbeit und seine erfolgreiche Führung der Universität in Zeiten des massiven ÖVP-Bildungsabbaues legt erschreckend ähnlich.

so sprach einer meiner amerikanischen freunde "if it moves in vienna, its a doctor - therefore : dr. strassenbahn"

oder Dr. Ostbahn.

dr (hoch a) strassenbahn... DIE strassenbahn...

Wennst bei uns zur Frau Abend-FH-Magistra Frau MagistER sagst, kannst 3 Wochen das Deck schrubben.

it - the strassenbahn; war ja nur ein unzivilisierter ami, der in harvard unterrichtet ;-)))

man muss allerdings auch sagen,

dass man in Österreich nicht einmal auf seinen Magister verzichten kann. Darauf wurde ich von einem befreundeten Juristen aufmerksam gemacht, der auf meiner Visitkarte das Fehlen des Titels bemängelte...

als ich ihn dann verstohlen und kleiner unter meinen Namen setzte, meinte er, dass der akademische Grad vor dem Namen stehen *muss*. Well.

An alle Dr. Mag. noch zur Aufklärung: Richtig ist Mag. Dr.

Tatsächlich "müssen" Sie nicht. Sie dürfen.

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