Vom Erfolgs-DJ zum vorbestraften Heroinabhängigen: 40-Jähriger erzählt, warum er sich als Suchtkranker abgestempelt fühlt
Wien - "Wer ich bin? Ein missbrauchter Drogensüchtiger, der kriminell geworden ist und der dann selbstständig gehandelt und etwas dagegen gemacht hat." Miroslav Mlinar (Name geändert, Anm.) fasst seine Lebensgeschichte ohne große Emotion zusammen. Er sitzt in einer städtischen Betreuungseinrichtung nahe des künftigen Wiener Hauptbahnhofes und erzählt, wie sein Leben in die unkontrollierbare Lust auf den Rausch abglitt.
40 Jahre ist er alt, mit 21 hat er begonnen, Kokain und Heroin zu konsumieren. Zunächst schnupfte er es, dann ging er zur Spritze über. Alleine ist er damit nicht: Zwischen 12.500 und 18.500 Menschen mit problematischem intravenösen Drogenkonsum gibt es in Österreich, schätzt man im Gesundheitsministerium.
Wann die Probleme für Mlinar begonnen haben? Er glaubt, schon in der Kindheit. Die Eltern waren Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien, er wurde in Serbien geboren. "Meine Mutter hat mich misshandelt", sagt er. Bis in die zweite Klasse Hauptschule sei er aber immer noch einer der besten Schüler gewesen - in der dritten Klasse flog er von der Schule. "Ich bin extrem aggressiv geworden, hatte täglich eine Schlägerei."
An der neuen Schule sei er am ersten und am letzten Tag gewesen, sein komplettes Zeugnis bestand aus "Nicht beurteilt". Dennoch schaffte er es, eine Lehrstelle als Maler zu bekommen. "Nebenbei habe ich als DJ angefangen und entdeckt, dass ich dafür Talent habe. Mit der Musik konnte ich mich ausdrücken."
Er brach die Lehre ab, konnte vom Plattenauflegen leben. Dann kam die Liebe: Er lernte eine Kellnerin kennen, sie wurde schwanger. "Bis dahin habe ich eigentlich nur Bier und Cannabis konsumiert gehabt." Der Umstieg kam, als er eine Chance bekam. "Ich hatte ein Angebot, als DJ nach Spanien zu gehen. Aber das wollte meine Freundin nicht." Die Beziehung zerbrach nach seiner Darstellung daran, er wurde arbeitslos, lernte einen Dealer kennen.
Geld durch Straßendeals
"Da nahm ich dann die ersten harten Sachen, verkaufte in den 90er-Jahren selbst Heroin, Kokain und Tabletten auf der Gumpendorfer Straße." Wie er sich dabei gefühlt hat, dass er selbst die Drogen verkauft hat, die sein Leben zerstörten? "Wenn ich nüchtern war, habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber sonst war es mir egal", meint er lakonisch.
Auch wegen eines Einbruchs wurde er schließlich verurteilt, sagt der hagere Schwarzhaarige. Eigentlich zu Unrecht, beteuert er. Denn er sei zwar noch zum Tatort mitgegangen, habe sich dann aber zum Schlafen auf eine Bank gelegt. "Aufgeweckt haben mich dann die Polizisten."
14 Monate unbedingt fasste er aus. "Vier Jahre lang war ich dann immer drinnen und draußen." Seine zahllosen Tätowierungen verdeutlichen das. Irgendwann sei er schlussendlich zum "Grünen Kreis" gekommen, einem Verein, der Suchtkranke betreut. "Dort habe ich dann erstmals gemerkt, dass mit mir innerlich was nicht stimmt, ich habe eine Therapie gemacht und meine Geschichte aufgearbeitet."
Völlig abstinent wurde er nicht, große Pläne hat er dennoch. Seine 22-jährige Freundin und er wollen von den Drogen wegkommen. "Wir wollen jetzt ein anderes Leben." Eine Wohnung haben sie mittlerweile gefunden, und er eine neue Arbeitsstelle, schildert der 40-Jährige. In seinem Optimismus scheint er etwas auszublenden: Er muss bald eine neue Haftstrafe antreten. Die er als Beispiel empfindet, wie man als vorbestrafter Drogenabhängiger überall mit Vorurteilen konfrontiert wird.
"Ich war mit meiner Freundin in Vorarlberg, auch bei einer Betreuungseinrichtung, war selbst aber damals clean. Dort hat ihr ein Mann unter den Rock gegriffen, es hat sich ein Streit entwickelt, wir sind auf dem Boden gelegen." Mlinar zeigte seinen Kontrahenten an, der ihn allerdings auch. "Und plötzlich habe ich eine Anklageschrift bekommen. Wegen versuchten Raubes. Der hat behauptet, ich hätte ihm seine Geldtasche wegnehmen wollen."
Der Richter glaubte dieser Version, Mlinar wurde zu 18 Monaten unbedingt verurteilt. "Ich habe dagegen berufen. Und die nächste Instanz hat mir dann erst recht gezeigt, wie man behandelt wird, wenn man als Junkie abgestempelt ist." Denn dieses Gericht reduzierte die Strafe. Auf 17 Monate und 25 Tage. "Ja, ich werde diese Strafe antreten müssen, aber ich konzentriere mich jetzt schon auf das Danach."(Michael Möseneder, DER STANDARD; Printausgabe, 9.8.2011)