Ein 40-Jähriger erzählt

Der Drogensüchtige, der optimistisch auf die Haft wartet

Reportage | 8. August 2011, 17:53
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    foto: apa/artinger

    Der Weg zur Spritze führte für Miroslav Mlinar über eine prügelnde Mutter und eine gescheiterte Beziehung, sagt er.

Vom Erfolgs-DJ zum vorbestraften Heroinabhängigen: 40-Jähriger erzählt, warum er sich als Suchtkranker abgestempelt fühlt

Wien - "Wer ich bin? Ein missbrauchter Drogensüchtiger, der kriminell geworden ist und der dann selbstständig gehandelt und etwas dagegen gemacht hat." Miroslav Mlinar (Name geändert, Anm.) fasst seine Lebensgeschichte ohne große Emotion zusammen. Er sitzt in einer städtischen Betreuungseinrichtung nahe des künftigen Wiener Hauptbahnhofes und erzählt, wie sein Leben in die unkontrollierbare Lust auf den Rausch abglitt.

40 Jahre ist er alt, mit 21 hat er begonnen, Kokain und Heroin zu konsumieren. Zunächst schnupfte er es, dann ging er zur Spritze über. Alleine ist er damit nicht: Zwischen 12.500 und 18.500 Menschen mit problematischem intravenösen Drogenkonsum gibt es in Österreich, schätzt man im Gesundheitsministerium.

Wann die Probleme für Mlinar begonnen haben? Er glaubt, schon in der Kindheit. Die Eltern waren Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien, er wurde in Serbien geboren. "Meine Mutter hat mich misshandelt", sagt er. Bis in die zweite Klasse Hauptschule sei er aber immer noch einer der besten Schüler gewesen - in der dritten Klasse flog er von der Schule. "Ich bin extrem aggressiv geworden, hatte täglich eine Schlägerei."

An der neuen Schule sei er am ersten und am letzten Tag gewesen, sein komplettes Zeugnis bestand aus "Nicht beurteilt". Dennoch schaffte er es, eine Lehrstelle als Maler zu bekommen. "Nebenbei habe ich als DJ angefangen und entdeckt, dass ich dafür Talent habe. Mit der Musik konnte ich mich ausdrücken."

Er brach die Lehre ab, konnte vom Plattenauflegen leben. Dann kam die Liebe: Er lernte eine Kellnerin kennen, sie wurde schwanger. "Bis dahin habe ich eigentlich nur Bier und Cannabis konsumiert gehabt." Der Umstieg kam, als er eine Chance bekam. "Ich hatte ein Angebot, als DJ nach Spanien zu gehen. Aber das wollte meine Freundin nicht." Die Beziehung zerbrach nach seiner Darstellung daran, er wurde arbeitslos, lernte einen Dealer kennen.

Geld durch Straßendeals

"Da nahm ich dann die ersten harten Sachen, verkaufte in den 90er-Jahren selbst Heroin, Kokain und Tabletten auf der Gumpendorfer Straße." Wie er sich dabei gefühlt hat, dass er selbst die Drogen verkauft hat, die sein Leben zerstörten? "Wenn ich nüchtern war, habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber sonst war es mir egal", meint er lakonisch.

Auch wegen eines Einbruchs wurde er schließlich verurteilt, sagt der hagere Schwarzhaarige. Eigentlich zu Unrecht, beteuert er. Denn er sei zwar noch zum Tatort mitgegangen, habe sich dann aber zum Schlafen auf eine Bank gelegt. "Aufgeweckt haben mich dann die Polizisten."

14 Monate unbedingt fasste er aus. "Vier Jahre lang war ich dann immer drinnen und draußen." Seine zahllosen Tätowierungen verdeutlichen das. Irgendwann sei er schlussendlich zum "Grünen Kreis" gekommen, einem Verein, der Suchtkranke betreut. "Dort habe ich dann erstmals gemerkt, dass mit mir innerlich was nicht stimmt, ich habe eine Therapie gemacht und meine Geschichte aufgearbeitet."

Völlig abstinent wurde er nicht, große Pläne hat er dennoch. Seine 22-jährige Freundin und er wollen von den Drogen wegkommen. "Wir wollen jetzt ein anderes Leben." Eine Wohnung haben sie mittlerweile gefunden, und er eine neue Arbeitsstelle, schildert der 40-Jährige. In seinem Optimismus scheint er etwas auszublenden: Er muss bald eine neue Haftstrafe antreten. Die er als Beispiel empfindet, wie man als vorbestrafter Drogenabhängiger überall mit Vorurteilen konfrontiert wird.

"Ich war mit meiner Freundin in Vorarlberg, auch bei einer Betreuungseinrichtung, war selbst aber damals clean. Dort hat ihr ein Mann unter den Rock gegriffen, es hat sich ein Streit entwickelt, wir sind auf dem Boden gelegen." Mlinar zeigte seinen Kontrahenten an, der ihn allerdings auch. "Und plötzlich habe ich eine Anklageschrift bekommen. Wegen versuchten Raubes. Der hat behauptet, ich hätte ihm seine Geldtasche wegnehmen wollen."

Der Richter glaubte dieser Version, Mlinar wurde zu 18 Monaten unbedingt verurteilt. "Ich habe dagegen berufen. Und die nächste Instanz hat mir dann erst recht gezeigt, wie man behandelt wird, wenn man als Junkie abgestempelt ist." Denn dieses Gericht reduzierte die Strafe. Auf 17 Monate und 25 Tage. "Ja, ich werde diese Strafe antreten müssen, aber ich konzentriere mich jetzt schon auf das Danach."(Michael Möseneder, DER STANDARD; Printausgabe, 9.8.2011)

Kommentar posten
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Michail Lomonossov
11
14.11.2011, 16:58
Also mal ehrlich:

schauen wir uns mal die Bio an: Aggression, Schlaegereien, totale Schulabstinenz, abgebrochene Lehrstelle, Freundin ungewollt geschwaengert- das alles noch ohne Drogen. Dass da die Drogen da noch dazu kommen, ist nur konsequent......und dann halt wieder eine Schlaegerei...moechte nicht wissen, wieviele es davon gegeben hat...sich da als "Drogenopfer" zu praesentieren, ist nicht wirklich glaubwuerdig...eher ein "Opfer" generell, der Mann.

na dann..
00
29.9.2011, 07:39
gretchen - alles gute und viel kraft !!!

ich wünsche ihnen nur das beste und hoffe das sie es schaffen werden ihren sohn zu helfen. kopf hoch und viel glück !!!

Harald Ecke1
 
02
28.9.2011, 18:21
Schubladen gibt es tatsächlich

Die kleine "offene Szene" in wien ist ja nur die Spitze eines Eisberges. Die Substitutionspatienten, die unauffällig leben, gar werktätig sind, fallen nicht auf, sind aber viele (sry, die genauen Zahlen habe ich nicht parat). Kommt ein gut eingestellter Suchtkranker wg irgendwas zu einer Ambulanz, wissen die sofort um sein Handicap und er steckt in der Schublade "Giftler, unverlässslich, hält sich nicht an Anordnungen, dumm...". Ein Facharzt auf der Spezialambulanz f. Handgelenke im WH-Spital hat 1x/Wo in vier Stunden bis zu 100 Patienten. --Viele Suchtkranke werden in anderen Ambulanzen als Drogenambulanzen wie Patienten zweiter Klasse behandelt. Das ist Realität und trägt nicht zur Heilung der Sucht u zB eines Pilz, whatever, bei!

Josef Rohaczek
12
10.8.2011, 11:47
Suchtprävention in Wien

Die Ottakringer Brauerei ist ab sofort offizieller Bier-Sponsor des Wiener Eishockey-Vereins Vienna Capitals.
Na dann Prost.....

Der dicke Michl
92
"Ich habe dagegen berufen. Und die nächste Instanz hat mir dann erst recht gezeigt, wie man behandelt wird, wenn man als Junkie abgestempelt ist."

Er wird wie ein Junkie behandelt, weil er halt einfach einer *ist*. Da sollte er sich nicht drüber wundern. Denn, ich zitiere: "Völlig abstinent wurde er nicht,...".

Und über die Vorurteile, mit denen man als vorbestrafter Drogenabhängiger "überall" konfrontiert wird, sollte er sich auch nicht wundern. Denn auch sein Credo war doch, ich zitiere: "Wenn ich nüchtern war, habe ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Aber sonst war es mir egal".

Cui bono?
00
Ich möchte nicht anmaßend sein,

aber wieso bleibt man als Betroffener nicht bei Marihuana?

-günstig
-weitgehend ungefährlich
-Gesellschaftlich akzeptiert
-keine körp. Abhängigkeit
-geringe rechtlichen Konsequenzen

Bietet zugleicht Zuflucht vor der Realität, die Drogenkranke/süchtige suchen.

beliar
01

weil opiate oder kokain ein bissi anders wirken. sie werden doch nicht behaupten dass alkohol und haschisch die gleiche wirkung haben?

Nulldrei
25
Der Staat hat Einfluss auf das Drogenverhalten

Bestes Beispiel an der Supermarktkasse die schönen bunten Flascherln neben den Süssigkeiten. Da werden legal Drogen an Erwachsene verkauft. Was denken sich unsere Kinder wenn neben Naschsachen Drogen verkauft werden?

Gretchen Pastetchen
026

ich bin mutter eines drogenkranken 23 jährigen sohnes der seit mittlerweile 5 jahren an der nadel hängt. ich lese solche berichte immer mit tränen in den augen, denn ich weiss wie viel leid das nach sich zieht für alle beteiligten, und für den süchtigen selbst! ich würde diesen rahmen sprengen wenn ich meine geschichte hier erzählen würde, von hoffnung, entzügen, intoleranz, von heroin zu der, für mich NOCH schlimmeren, substitionsumstellung, bezoabhängikeit...ich dachte damals es wäre ein weg aus der sucht, es war das gegenteil der fall ! ich liebe meinen sohn, ich versuche zu unterstützen, die sucht ist jedoch stärker...das leid mit ansehen zu müssen wie ein junger mensch sich tagtäglich kränker macht ist für eine mutter der blanke wahns

In dubio pro reo
91
15.8.2011, 08:13
Liebes Gretchen,

ich war gestern bei den Altkatholiken in der Wipplingerstrasse, und da hab ich folgendes Evangelium gehört:

"In jener Zeit zog Jesus sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie von ihrer Sorge, denn sie schreit hinter uns her. Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast Recht, Herr! Abe

Mr. FunkyFresh
00
30.9.2011, 11:15

Geh mit deinen Kichenrevolver igendwo anderst leute nerfen!

Josef Rohaczek
01
10.8.2011, 11:51
Elternkreis

Ich lade Sie herzlich zu unserer Selbsthilfegruppe ein.
Näheres auf www.elternkreis.at
Liebe Grüße

madame kittycat
02

liebes gretchen,
deine worte habe mir jetzt die tränen in die augen getrieben.
ich wünsche dir von ganzem herzen, dass dein sohn wieder gesund wird und alle kraft der welt, sodass du ihm stütze sein kannst ohne dich selbst dabei zu vergessen.
lg

Gretchen Pastetchen
01
@madame_kiticat..

DAS, war aber nicht beabsichtig, sorry :-)
war ein thema wo ich das bedürfnis hatte mal zu schreiben, ansonst lese ich immer nur mit. und es stimmt, man muss wirklich aufpassen das man sich selbst dabei nicht ganz vergisst, bin dabei es zu erlernen.

danke, für deine aufrichtigen wünsche !

pierrejosephproudhon
04

Am besten wäre es wohl, wenn ihr Sohn bereit wäre, sich vom Substitol auf Subutex umstellen zu lassen - allerdings fehlt da vielen Süchtigen der "Kick" den sie so sehnlich suchen.
Allerdings können die Betroffenen mit dieser Substanz ein ganz "normales" Leben führen.
Ich wünsche Ihnen und ihrem Sohn jedenfalls alles Gute!
Viel Kraft!

Gretchen Pastetchen
00
@pierrejosephproudhon

danke, schon versucht..das ergebnis sind total kaputte zähne weil dieses medikament den zahnschmelz noch mehr angegriffen haben als die drogen, fazit, es war nur mehr wieder ein ZUsätzliche zeug auf das er eine lange zeit reingekippt ist. es ist ein teufelskreis und wie du richtig schriebst...der kik fehlt nach dem der süchtige giert...dennoch, ich gebe die hoffnung nicht aus, denn ich WEISS und vertraue drauf das meine liebe, die erziehung die ich ihm angedeihen liess und die schönheit am leben an sich irgendwann den entscheidenden schalter im kopf kippen lässt, diese hoffnung, auch wenn sie mal zerfallen sollte, ich bin auch realistin, macht mut zum weiterkämpfen!

meinemeinungist
05
Dazu fällt mir nur ein:

Apothekenparty: http://www.youtube.com/watch?v=B8dqYoSaVw8

Bin auch der Meinung das niemand weiß wie es in einem Drogensüchtigen aussieht. Oft sind das wirklich arme Hunde deren Leben einfach schief lief.

Viel Platz zwischen der FPÖ und den Grünen!
01
Verstehe ich gut.

Jeder hat auch Anspruch auf Hilfe durch die Gesellschaft.
Es geht aber nicht, dass einzelne ungefragt mitleiden, wie zB Verbrechensopfer der Beschaffungskriminalität.

ivoryhunters
292
keine sorge

der sozialstaat wird sich schon um ihn und seine 4 kinder kümmern.

Der dicke Michl
31

Dafür ist er ja da, oder? Dass all die Arbeitslosen durchgefüttert werden, die die Kosten, die durch ihre selbstverschuldeten Probleme entstehen, sozialisieren und dann auch noch glauben, das wäre nur "gerecht" so. Da kann man nur den Kopf schütteln.

1816/55
013

Unnötiges Posting :-(( Seien's lieber froh, dass sie mehr Glück im Leben haben.

ivoryhunters
62
10.8.2011, 12:10
was hat es mit glück zu tun

wenn man eine geregelte arbeit hat und keine drogen nimmt?
das ist eine bewusste entscheidung.

Aluc4rd
03
28.9.2011, 20:48

Tja....wenn i ma manche Kommentare anhör bleibt nur der Schluss: Ein Drogensüchtiger ist weniger wert als Mensch.
Sowas kann nur Unmenschen in den Sinn kommen @BladerMichl und Ivorypussy

angelvoices
30
sein Leid war das Leid seiner Mutter

machen wir uns nichts vor - durch Stress in der Schwangerschaft werden viele "psychotische" Kinder
geboren...

beliar
00

soll ich jetzt lachen oder weinen? stress in der schwangerschaft ist ausschlaggebend für "psychotische kinder". wie soll ich das auffassen?

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