Christian Thielemann und die Wiener Philharmoniker
Salzburg - So dezent haben die Kuhglocken in der Alpensinfonie kaum je gebimmelt wie beim zweiten Festspielkonzert der Wiener Philharmoniker. Die Sopranistin Reneé Fleming hat zuvor Orchesterlieder und eine Szene aus Richard Strauss' Arabella gesungen und technisch souverän das Große Festspielhaus mit Leichtigkeit erfüllt: strahlend in den großen Linien, beweglich deklamierend etwa im Lied Winterliebe.
Nicht immer ganz wortdeutlich, aber durchdrungen von mitreißender Gestaltungs- und Ausdruckskraft war auch die Schlussszene aus dem ersten Arabella-Aufzug "Mein Elemer!" Nach wenigen Takten schon hat Fleming mit den Reflexionen der liebesunsicheren Arabella eine imaginäre Opernszene auf der Bühne und in den Köpfen entstehen lassen.
Auf Händen getragen freilich wurde die Sängerin von Christian Thielemann und den Wiener Philharmonikern, die in diesem Festspielsommer für ihren ebenso schlanken wie farbkräftigen Strauss-Sound bejubelt werden. Klangvoll timbriert das große Bratschensolo, das Arabellas Gedanken umrankt, hinreißend das Frühlingserwachen mit Vogelsang, das ihre aufkeimenden Gefühle für den Unbekannten ausdrückt.
Dann lag die Alpensymphonie auf den Pulten. Akribisch genau beschreibt Strauss eine Bergwanderung samt Wald, Wasserfall, Alm, Gletscher, Gipfelsieg sowie Heimkehr und verschweigt auch nicht die Gefahren des Bergsteigens durch Verirren, Nebel oder Unwetter. Im Gegenteil: Stille vor dem Sturm und Gewitter, Sturm, Abstieg gehören zu den aufregendsten Teilen.
Thielemann und die Philharmoniker werden seit Die Frau ohne Schatten in Salzburg für ihren kammermusikalischen transparenten Strauss-Zugang gefeiert. Mit genau diesem Ansatz hat Thielemann nun auch die Alpensinfonie neu erschlossen.
Effektvoll natürlich der Sturm mit Windmaschine und Donnerblech, erhebend das leitmotivische Bergthema der Blechbläser, fröhlich Glockengebimmel, Jodler oder Vogelgezwitscher. Es mangelt nicht an Lokalkolorit. Aber Christian Thielemann hat diese Versatzstücke nicht zum Selbstzweck werden lassen, sondern damit eine subtile Orchesterstudie koloriert und Glanzlichter gesetzt. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD - Printausgabe, 9. August 2011)