Ein Märchen lässt es gruseln

Stefan Ender , 8. August 2011, 17:33
  • Artikelbild
    vergrößern 735x700
    foto: apa/dietmar stiplovsek

    Trauma der Kindheit: Adrian Clarke, Harry Nicoll und Lien Haegeman (v. li.) in "Der blonde Eckbert" im Theater am Kornmarkt, Bregenz.

Nach der Uraufführung von "Achterbahn" wurde nun auch eine Kurzoper der britischen Komponistin Judith Weir gezeigt: "Der blonde Eckbert" bleibt musikalisch platt und auch szenisch ohne Atmosphäre

Bregenz - Die Wege des Herrn sind so unergründlich wie die Wege, die ein in die Welt gesetztes Kunstwerk mitunter einschlägt. Andere Künstler kommen und bearbeiten es. Wieder andere Künstler kommen und interpretieren das bearbeitete Werk. Das Kunstwerk erlebt im Optimalfall einen Höhenflug, im Normalfall eine Achterbahnfahrt und im Worst-Case-Szenario einen Höllensturz.

Ludwig Tieck hat Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein Märchen verfasst: Der blonde Eckbert. Darin erzählt der deutsche Dichter von besagtem Ritter, dessen Frau Berthe und deren Traumata in Kindheit und Jugend, deren Verdrängung sich letztlich rächt. Näher an Edgar Allen Poe als an den Brüdern Grimm, punktet das Schauerstück weniger mit seelenkundiger Klugheit als mit gruseliger Atmosphäre.

Knapp zweihundert Jahre nach Ludwig Tieck, Anfang der 1990er-Jahre, beauftragte David Pountney als Chef der English National Opera Judith Weir mit einer Opernfassung dieses Blond Eckbert. In der "Taschenversion" tremolieren Streicher Erregung herbei, versucht das Holz, mit hasenartigen Zickzackläufen Hysterie darzustellen, mühen sich inflationär eingesetzte Akzente und Sforzati, Panik zu schüren, wieder und wieder. Auf das alles folgt am Ende eine ärmliche, sehr platte Wahnsinnsszene.

Nun kam Regisseur Wouter Van Looy und interpretierte Weirs Komposition. Das Resultat davon sind vor allem Videoprojektionen (die Eckbert-Berthe-Welt) mit Berthe als kleinem Kind (sie verweigert das Erwachsenwerden) und eine mit allerlei symbolischem Krimskrams vollgekrempelte Bühne, die hinten dunkel und vorn hell ausgeleuchtet ist. Das erzeugte keine Atmosphäre.

Routinierte Sänger

Die Mitglieder des Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Robin Engelen ließen sich von alldem nicht beirren und musizierten präzise und engagiert, leider fast ausschließlich im Bereich Forte-Fortissimo. Die routinierten Sänger (die Produktion wurde schon in Antwerpen und Rotterdam gezeigt): trompetenhell und fest Harry Nicoll als Walther / Hugo / alte Frau, posaunenklar und fest Adrian Clarke in der Titelpartie. Romana Beutel präsentierte die melismenlastige Partie des Vogels (wie schon an der Wiener Kammeroper) gefällig, Lien Haegeman gab die Berthe etwas spröde. Sie alle heimsten zum Ende den kürzestmöglichen aller begeisterten Applause ein.

Es war einmal ein oft bereicherndes, hochklassiges Raritätenprogramm in Bregenz (letztes Jahr etwa Mieczyslaw Weinbergs satirische Oper Das Porträt) sowie, in der Programmschiene "Kunst aus der Zeit" geparkt, hochklassiges zeitgenössisches Musiktheater (wie etwa Georg Friedrich Haas' die schöne wunde). Jetzt ist vermeintlich bekömmliches, de facto unbekömmliches "Neues" angesagt, das älter ist als das meiste Alte. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 9. August 2011)

Wieder heute, Dienstag, 19.30

Pflaster ohne Trost
00
20.8.2011, 14:35
Echt schade, dass man so viel Entbehrliches über Kunst schreiben muss.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.