Warum Apokalyptiker nicht mit Frauen können

Gastkommentar

Wenn einem die Gesellschaft keine Identitäten mehr vorgibt, dann muss man sie sich selbst erschließen. Für Männer wie Mohammed Atta oder Anders Breivik ist gerade das ein Problem

Noch für die unmittelbare Zeit nach seinem Ableben, also jene Phase im Anschluss an unser kurzes Gastspiel auf dieser Erde, die den meisten löblicherweise wegen notorischer Unergründlichkeit herzlich schnuppe ist, war Mohammed Atta etwas ganz besonders wichtig. So wichtig, dass er bis ins kleinste Detail ging, denn Massenmörder sind ja oft etwas pingelig. Da war die Sache mit den Frauen: In seinem "Testament" kommen sie gleich an drei Stellen vor. Besser: die Angst vor Ihnen.

"Frauen sollen weder bei der Beerdigung zugegen sein noch irgendwann später sich an meinem Grab einfinden. (...) Weder schwangere Frauen noch unreine Personen sollen von mir Abschied nehmen - das lehne ich ab. (...) Frauen sollten nicht für meinen Tod Abbitte leisten."

Immer gegen's Gender Mainstreaming

Auch der Schlächter von Oslo hat es nicht so mit den Frauen - beziehungsweise: es ist gerade jene Mischung aus Angst und schlüpfriger Projektion, die sein "Manifest" für jeden Psychoanalytiker zum Fest macht.

Wie auch in konservativen Kreisen gern anzutreffen, ist das Wort "Gender Mainstreaming" sein rotes Tuch. Kerle können keine Kerle mehr sein, Schwule allerorten und was so ein richtiger Krieger ist, der hat in so einer "postheroischen Gesellschaft" (Herfried Münkler) in der unmittelbar, nachdem man Mutti entkommen ist, die zuhause das Sagen hatte, man vielleicht einen weiblichen Chef hat, nichts zu lachen. Es hat sich ausgekämpft.

Was für eine Befreiung, was für ein Glück. Würde man meinen. Nicht so für einige Exterritoriale. Der Witz an der Sache ist nämlich: eine freie Gesellschaft, in der man für sich seine Identitäten selber erfinden muss, weil von außen nichts mehr vorgegeben ist - die ist nichts für Männlichkeitswahnsinnige, die in Wahrheit mentale Würstchen sind, so wie der Oslo-Schlächter. Denn man muss sich auf das Spiel einlassen, jene "neue Unübersichtlichkeit" der Geschlechterrollen, Identitäten, Berufsbilder, gesellschaftlichen Ideen, von der Habermas schon Anfang der Achtziger Jahre sprach, ist noch mal unübersichtlicher und zum Ideen-Chaos geworden. Und das ist eben nichts für Versager wie den Oslo-Schlächter.

Die wenigsten Fanatiker sind Familienväter

Hängt eleminatorischer Hass, wie jener vom Oslo-Schlächter, irgendwie zusammen mit seinem Frauenhass und -losigkeit?

Aus dem Nahen Osten wissen wir jedenfalls, dass junge Männer, wenn sie erst mal die 30 überschritten haben, eine Frau und vielleicht Kinder haben, aus dem Gröbsten raus sind. Von 30- oder gar 40-jährigen Familienvätern, die sich für irgendeine Sache mit der üblichen Mischung aus Operettenhaftigkeit und Größenwahn in die Luft jagen, ist jedenfalls wenig bekannt.

Zivilisatorischer Fortschritt ist, dass quasi alles ein Spiel der Haltungen, der Ideen, dass alles Pop ist. Heute so, morgen so. Das ist keine Oberflächlichkeit oder "Werteverfall", das ist ein unglaublicher Fortschritt.

Während vermeintlich konservative Positionen (heute gerade auf dem Vormarsch) in westlichen Gesellschaften heute nur noch ein auf die Bedürfnisse der Mediengesellschaft zugeschnittenes Spielchen, eine popkulturelle Pose sind, in ihrem heiligen Ernst gerade total unernst, macht der Schlächter von Oslo tatsächlich ernst. Und immer, wenn jemand ernst macht, wird's gefährlich: Wir sind ja gewohnt, dass wir - je radikaler wir reden - immer weiter von der Tat wegkommen, denn eine zivilisatorische Firnis schützt uns.

5 vor 12 ist Schluss

Ein erheblicher Beitrag zu dieser zivilisatorischer Firniss, für die meisten der wichtigste, sind menschliche Beziehungen. Was bedeuten schon politische Ideen, wofür soll man kämpfen oder sich "opfern", wenn man zuhause einen lieben Menschen hat?

Die operettenhafte Mischung aus Vernichtung und Selbstvernichtung, die vorausgegangene Verabsolutierung der Idee - für sozial eingebundene, also die weitaus meisten Menschen ist weit vor dem berühmten "5 vor 12" Schluss.

Aber wie sagte schon Hitler: "Wir kämpfen bis fünf nach zwölf".

Zu dieser Zeit freuen sich normale Menschen aufs Mittagessen. (derStandard.at, 8.8.2011)

Autor

Jost Kaiser, The European, war Blogger bei Vanity Fair, ist zudem Autor für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Zeit und den Tagesspiegel

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