In nur einem Jahr vom Sonnyboy zum Buhmann

Analyse
7. August 2011, 18:22
  • Kritiker werfen Chiles Präsident Sebastián Piñera vor, abgehoben zu sein und zu wenig Volksnähe zu zeigen.
    foto: dapd / roberto candía

    Kritiker werfen Chiles Präsident Sebastián Piñera vor, abgehoben zu sein und zu wenig Volksnähe zu zeigen.

Präsident Sebastián Piñera hat in wenigen Monaten die Sympathien der Mehrheit verloren

Er ist heute mit den größten Protesten seit der Diktatur konfrontiert. Kritiker meinen, die Stimmung im Land stehe auf der Kippe.

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Santiago de Chile / Puebla - Vor einem Jahr erlebte Sebastián Piñera seine Sternstunde: Persönlich begrüßte Chiles Staatschef die 33 wochenlang verschütteten Bergleute bei ihrer Befreiung. Seine Popularität lag bei 63 Prozent. Doch seit Anfang des Jahres schlittert der rechte Multimillionär von einer Krise in die nächste. Piñeras Popularität liegt derzeit bei nur 26 Prozent.

Chile sei nur einen Schritt von der Unregierbarkeit entfernt, meint sein Gegenspieler, der christdemokratische Ex-Präsident Eduardo Frei. Die über Jahre verschleppten Reformen und aufgestauten Strukturprobleme scheinen nun plötzlich aufzubrechen - und das paradoxerweise bei einem Wirtschaftswachstum von sechs Prozent.

Der schleppende Wiederaufbau nach dem Erdbeben vor einem Jahr brachte zu Jahresanfang die ersten Negativschlagzeilen. Es folgten Proteste gegen AKW-Pläne und Wasserkraftwerke in Patagonien, dann sorgte ein Korruptionsskandal für Aufregung. Anschließend demonstrierten die Beschäftigten der Kupfermine Codelco gegen die Privatisierung. Und seit Juli demonstrieren zehntausende Schüler und Studenten für Chancengleichheit bei der Bildung.

Piñera reagierte mit einem 21-Punkte-Reformplan, der nach Auffassung der Demonstranten aber weiterhin den Schwerpunkt auf privates Gewinnstreben legt - etwas, was 80 Prozent der Chilenen Umfragen zufolge ablehnen. Die Studenten wollen mitreden bei der Neugestaltung des Bildungssektors; der Präsident des Lehrerverbandes schlug gar eine Volksabstimmung vor.

Die Regierung reagierte mit einem Demonstrationsverbot und Repressionen: Über 800 Demonstranten wurden Ende voriger Woche festgenommen, das chilenische Fernsehen übertrug, wie Kinder und Jugendliche vor Wasserwerfern und Tränengasbomben wegrannten und von bewaffneten Polizisten niedergerungen wurden. Bilder, die Erinnerungen an die Militärdiktatur weckten und eine Welle der Solidarität auslösten. Die Bevölkerung machte ihrem Unmut mit ohrenbetäubendem Kochtopfdeckelschlagen Luft - wie einst gegen Diktator Augusto Pinochet. Für Dienstag haben Lehrer, Dozenten, Rektoren, Schüler und Studenten zu einem Ausstand aufgerufen.

Die Jugendlichen fordern dasselbe, was sie vor Jahren schon von Piñeras Vorgängerin Michelle Bachelet verlangten: ein stärkeres Engagement des Staates in der Bildung und das Ende eines Modells, in dem Gewinnmaximierung im Vordergrund steht. In Chile ist die Bildung größtenteils privatisiert, finanziell äußerst kostspielig und damit ein Privileg der Geld-Elite.

Enttäuschte Chilenen

Der Streit um die Bildung weist auch auf ein tieferliegendes Unbehagen der Bevölkerung mit einem Wirtschaftsmodell hin, das das soziale Netz durchlöchert und den Graben zwischen Arm und Reich vertieft. Ein Unbehagen, das sich ähnlich wie in den arabischen Ländern spontan äußert und nicht von Parteien vereinnahmen lässt.

Die Chilenen sind enttäuscht von der Demokratie, die sich nicht um ihre Anliegen kümmere, sagte Frei der Zeitung La Nación. Harsch kritisierte er Piñera. Er laviere zwischen den Fronten, ändere ständig seine Meinung und sei nicht in der Lage, der Bevölkerung Empathie zu vermitteln.

Der Präsident sei in seinem Managerdenken verhaftet und überzeugt, dass es dem Land gutgehe, wenn die Wirtschaft floriere, so der Journalist Hector Soto. "Aber die Chilenen sind nicht zufrieden. Im Gegenteil. Zum ersten Mal steht der Konsens über das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell auf der Kippe." Und der konservative Politologe Patricio Navia rechnet daher mit einem populistischen Linksruck. (Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2011)

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nix Neues in L-am ...

die nicht linken sind immer böse, die linken sind immer ganz toll ...

Ultra-Neoliberalist, milliardär, Piñera "Piranha"

war einer von pinochets leuten.
ein Erbe der Pinochet-Diktatur.
ja, die linken sind eindeutig besser.

weil jeder weiß, was die rechten so drauf haben

http://www.taz.de/1/archiv/... 2/01/a0151

nach ein paar Monaten Erfahrungen aus einem chilenischen Kinderheim stelle ich mir echt die Frage, wie es mit Chile weitergehen soll. Die Aufstiegschancen für Kinder aus der Unterschicht sind höchst überschaubar. Wenn Drittklässler bei Schulwechsel zurück in die erste Klasse versetzt werden, sagt das einiges über die Qualität der Schulen für die Plebs. Es gab 10-Jährige, die nie in einer Schule waren.

Außerdem erinnert vieles an Pinochet-Zeiten. Nach einem Fußball-WM-Spiel patrouillierten die schwer bewaffneten Carabineros mit gepanzerten schneeplugartigen Klein-LKWs an der menschenleeren Alameda. Es freut mich, dass sich da jetzt zumindest wer demonstrieren traut.

Aber die wirtschaftlichen Kennzahlen sind prima. Viva Chile po weon.

er macht jene neoliberale politik, für die er im wahlkampf auch eingetreten ist. wie dumm sind die leute, daß sie es damals nicht gewußt haben, als sie ihn wählten?

War damals beim Wahlkampf dort.

Hat die Aremen und Dummen rekrutiert.Für Gulasch und Party haben die vom Edererpeso geträumt und Werbung in den Straßen gemacht.
Pinera, der Berlusconi Chiles, hat Arbeitsplätze über die Öffnung der Märkte versprochen.
Hat Spekulanten wie den Gusi angezogen, und das Volk blieb über.
Aber die können ihn abwählen, gehören keinem Staatenbund an, von dem sie nicht mehr loskommen und haben auch keinen Vertrag von Lissabon.

ich frag mich, was der vertrag von lissabon jetzt damit zu tun haben soll (ihr ganzes sonstiges posting hätte ja an sich nach recht vernünftiger analyse geklungen).

Hätt ma weglassen können, war nur der Hinweis drauf, dass wir bestenfalls eine Teilrepublik sind, fall "res publica" als solche noch durchgeht.

wie dumm

ist es erst zu glauben, dass das wahlverhalten mancher chilenen, selbst wenn "manche" die mehrheit sind, stellvertretend für die meinung aller chilenen sei?

das gilt ja nicht nur für chile, sondern für die wählerschaft vieler anderer (auch europäischer) länder auch. erst wählen die leute parteien, die klar sagen, daß sie für ein neoliberales programm eintreten. und kaum ziehen sie es durch, wundern sich auf einmal (teils die gleichen!) leute darüber.

keine ueberraschung, er hat von anfang an keinen anderen weg gekannt und genommen von der re-installation offizieller symbole der militaerdiktatur bis zu den minenarbeitern, die nur aufgrund des hartnaeckigen protests der ehefrauen nicht schon nach 24h fuer tot erklaert wurden. die gesamte wirtschaftspolitk ist - ueberraschung - eine farce und klientelpolitik. neoliberalismus kann nicht nur nicht ueber demokratiemangel hinwegtaeuschen, sondern geht mit demokratiefeinden hand in hand.

"re-installation offizieller symbole der militaerdiktatur " - echt? was war denn da? hast du einen link? (spanisch geht auch)

danke.

auf den münzen steht zb:

"por la razon o la fuerza"

"durch räson ODER gewalt" für unsere nicht spanisch sprechenden hier. da rennt mir schon der schauder über den rücken

"Por la Razon o la Fuerza"

...hat absolut gar nichts mit der Diktatur Pinochet's zu tun, sondern ist das bei Staatsgründung 1818 von Miguel Carrera erkorene Leitspruch.
Dabei ist dieser eine Abwandlung des Lateinischen:
"aut consiliis aut ense", welches seine Ursprünge und Basis in der RECHTSSTAATLICHKEIT hat (Wenn das Gesetz gebrochen wird > Durchsetzung der Kraft der Staatsmacht) und NICHT wie heute angenommen in kriegerischer Weise.

Wer spanisch kann, kann sich hier Informieren...

http://es.wikipedia.org/wiki/Por_... _la_fuerza

Wird die meisten aber wohl nicht jucken, wie ich das Forum aber überwiegend kenne, haben die meisten eher ein Interesse an der Desinformation und Sensationalismus...

der spruch hat nichts mit pinochet zu tun

aber doch drückt dieser leitsatz etwas aus das sie im autoritären nationalismus chiles immer wieder finden. der bezug zur rechtsstaatlichkleit ist recht blass wenn man bedenkt dass er im rahmen der unabhängikeitserklärung postuliert wurde, auch um die gewaltbereitschaft zu signalisieren.

wie auch immer, der spruch löst nicht nur bei mir sondern auch bei den meisten meiner chilenischen freunde unbehagen aus. egal was auf wikipedia steht.

Das ist aber ihr persönliches Problem und das ihrer chilenischen Freunde, die eine spezielle politische Einstellung dazu haben. Wenn Sie diesem Satz eine andere Bedeutung geben wollen, so wie sie dies offensichtlich intentionell machen, in dem Sie wissentlich seine Bedeutung pervertieren und aus dem Kontext reissen, dann ist wohl nichts zu machen.
Das ist etwa so, als würde man Helmut Schmidt anhand des folgenden kurzen Videos beurteilen:

youtube.com/watch?v=trjwzrm5lgc&feature=related

Diejenigen, die das Interview kennen, werden jedoch die richtige Bedeutung kennen.

Die Politik trägt zunehmen Züge

einer Pinochetisierung.
Kein Wunder, dass sich die Unsicherheit steigert und zu Unruhe wird.

ja meine güte,

da wählens einen rechten multimillionär zum präsidenten und dann wundern sie sich dass der politik nur für seine reichen freunderln macht...

Nicht in der Lage, Empathie zu vermitteln

Ja, das ist es wohl
Wirtschaftlich ging Chile nach Allende einen sehr erfolgreichen Weg. Aber den Leuten fehlt die Netswaerme.

"Erfolgreich" -> das hängt von der Definition dieses Wortes ab. Wirtschaftswachstum: ja. Die soziale Ungleichheit ist aber im gleichen Ausmaß mitgewachsen.
Wundert auch nicht, nachdem es Schüler von Milton Friedman (der schon die katastrophale Wirtschafts- und vor allem Sozialpolitik der Reagan- und Thatcher-Ära mitverschuldet hat) waren, die unter Pinochet die reine Lehre Friedmans durchsetzten bzw. durchsetzen wollten. Davon haben sie sich offensichtlich bis heute nicht befreit.

http://de.wikipedia.org/wiki/Chicago_Boys

das weiss der "flotte denker" (prust...)

doch eh, und genau das gefällt ihm ja. verschärfung von sozialen ungleichgewichten, auseinanderklaffen von sehr reich und ganz arm, konzentration des vermögens in einer immer kleiner werdenden elite - das ist genau sein ding. das findet der gut.

Find ich nicht so gut, dieses Auseinanderklaffen

Ich bin aber ueberzeugt, dass eine funktionierende Wirtschaft die Basis fuer Alles Andere ist. Ohne das gibts nur Gleichheit in Armut.

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