Bettina Pfluger

US-Rating: Ende des Polit-Schauspiels

Kommentar | Bettina Pfluger, 7. August 2011, 18:07

US-Regierung muss beweisen, dass sie die Probleme in den Griff bekommt

Europa kennt das Spiel jetzt schon; hat es in den vergangenen Monaten oft erlebt. Die hoch verschuldeten Länder Portugal, Italien, Irland und Griechenland stellen ihre Sparpläne und Reformvorhaben vor und wollen damit die internationalen Finanzmärkte beruhigen. Und dann kommt es: das Urteil der Ratingagenturen. Eine Herabstufung. Das bedeutet höhere Refinanzierungskosten für die ohnehin schon gebeutelten Länder. Die Krise wird damit verschärft.

Das trifft jetzt auch die weltgrößte Volkswirtschaft. Die USA haben ihre Top-Bonität, das Triple-A-Rating, verloren. Wenige Tage nach dem zähen Ringen um das Anheben der Schuldenobergrenze und die Einigung auf ein Sparpaket hat die US-Ratingagentur Standard & Poor's mit dem Entzug der Bestnote ihr Urteil gefällt. Der langfristige Ausblick wurde zudem auf "negativ" gestellt. Das bedeutet, dass weitere Herabstufungen folgen können.

Das sitzt. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist das eine Absage an politische Schauspiele, wie sie rund um das Anheben der US-Schuldengrenze gezeigt wurden. Zum anderen wird der erzielte Kompromiss als zu gering eingestuft. Zudem hat auch die Ratingagentur Moody's bereits angekündigt, ihre Bewertung zu überdenken. Es scheint wohl nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis auch sie am Triple-A schraubt.

Für die Märkte kann dieser Schritt nicht aus heiterem Himmel kommen. Dass die gefürchteten Ratingagenturen den erzielten US-Schuldenkompromiss kritisch beäugen werden, haben sie angekündigt. Damit werden jetzt wohl auch Kritiker beruhigt, die sich bisher daran gestoßen haben, dass die drei großen Ratingagenturen dieser Welt (Standard & Poor's, Fitch und Moody's - sie stehen allesamt im US-Eigentum bzw. Mehrheitseigentum) Europa kritisch unter die Lupe nehmen, die USA aber mit Samthandschuhen anfassen.

Spannend wird nun, wie sich die Welt gegenüber den geschwächten USA positioniert und auf die erhöhten Refinanzierungskosten reagiert. Dabei spielt China - als größter ausländischer Gläubiger der USA - die Hauptrolle. Laut US-Finanzministerium hält China über seine Zentralbank und Staatsfonds 1159 Milliarden Dollar an US-Staatspapieren. Inklusive Gelder aus Hongkong und Großbritannien, die China zugerechnet werden, hält das Reich der Mitte mehr als 1500 Milliarden Dollar an amerikanischen Staatspapieren. Das sind mehr als zehn Prozent der US-Staatsschuld.

Der erste Kommentar aus China kam daher mit aller Härte "Amerika muss für seine Schuldensucht und das kurzsichtige politische Gezerre bezahlen", ließ Peking ausrichten. Auch das sitzt. China hat Amerika in den vergangenen Jahren mit dem Kauf von Staatsanleihen massiv unter die Arme gegriffen, als die USA ihre Banken retten mussten. Jetzt will Peking nicht um sein Geld umfallen. Das ist verständlich.

Damit werden jetzt auch die USA ihre Lektion lernen müssen: Das Anheben der Schuldengrenze ist zu wenig. Dieses Spiel ist ausgereizt. Jetzt muss die Politik beweisen, dass sie die Probleme in den Griff bekommt. Der Arbeitsmarkt braucht Impulse, der Immobilienmarkt eine Wiederauferstehung, die Finanzwelt klare Regeln. Ein politisches Schauspiel, wie es zuletzt beim Schuldenstreit gezeigt wurde, ist zu wenig. Märkte und Investoren wollen Taten sehen - und zwar wirkungsvolle und nachhaltige. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2011)

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22 Postings
round_world
01
So einen klaren Beweis, dass der "freie Markt" die Probleme nicht lösen kann, habe ich nicht gebraucht.

Steinbock1959
00

To be or not to be?

hinweis4
01
Hat nicht ein gewisser Karl Marx gesagt, dass es im Kapitalismus zu zyklischen Krisen kommt? Und hängt das nicht damit zusammen, dass zuviel freies Kapital vorhanden ist, das vernichtet werden muß?

Oder hab ich da was missverstanden?

57er Chevy
10
überall ...

... kommt es zu zyklischen krisen. dazu braucht es keinen marx.

stellen sie sich auf die nächste eiszeit ein - sie müssen nur alt genug werden, dann werden sie sie garantiert erleben.

la shishi
01

Inhaltlich nix Neues, aber Paul Krugman fasst hier finde ich ganz gut zusammen, wieso die Herabstufung der USA nicht überbewertet werden sollte, und warum das Land trotzdem ein großes Problem zu bewältigen hat.

http://www.nytimes.com/2011/08/0... -debt.html

GreenTwig
00

Chinas Provinzen haben selbst 1400 Mrd. USD Schulden. Und das bei wesentlich geringerer Produktivität als die USA.

Eisteefetischist #1
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Zu der chinesischen Reaktion kann man nur sagen: Ohne die US- und EU-Schulden würden die noch im Mittelalter leben. Ohne Export ist China nichts.

mikromalist
 
01
Es ist nicht so einfach

zu steuern, wenn die einzigen Rädchen: Sparen, unangenehme Steuererhöhung, höhere Inflation oder Zahlungsausfall sind.
Und - Sanierung des Haushalts zu einem schlechten Zeitpunkt in der Krise kann extrem teuer werden?

Wachstum wäre schön, aber wie?

IMO, hat USA kurzfristig die Chance Steuern zu erhöhen und das Steuersystem umzuformen, sowie Subventionen abzubauen. Und mittelfristig die Ausgaben nach Rationalisierungspotentialen zu durchforsten (nicht einfach mit dem Rasenmäher, nicht einfach die wenigen Sozialausgaben noch kürzen, ...)

Geilomobilo
10
Weiteres Wachstum der Kreativität ist auch gefragt.

Einfach die Inflationsberechnung in den States nochmal ändern und den Gegebenheiten des technischen Fortschritts anpassen.
Und bei der Berechnung des BIP einfach alle potentiell am Markt nutzbaren Güter einrechnen. (Potentielle Mieten von Eigentumswohnungen reichen noch nicht.)
Zahlen lügen nicht.

SchneeFee
00

Wie wärs mit weniger Rüstung + Weniger Kriege?

mikromalist
 
11
Das wäre fantastisch.

Es könnte allerdings sein, dass es immer noch genug Irre gibt, die Kriege herein tragen?
Das ist ja die Schwierigkeit. Eigene Strategien sind nicht unbeeinflusst von anderen und deren nicht von unseren.
Die Koevolution von Kooperation und die Koevolution von Wirtschaft sind nicht so einfach....

Fritz Wunderlich
01

"Jetzt muss die Politik beweisen, dass sie die Probleme in den Griff bekommt. Der Arbeitsmarkt braucht Impulse, der Immobilienmarkt eine Wiederauferstehung, die Finanzwelt klare Regeln. Ein politisches Schauspiel, wie es zuletzt beim Schuldenstreit gezeigt wurde, ist zu wenig. Märkte und Investoren wollen Taten sehen - und zwar wirkungsvolle und nachhaltige."

chinas status als entwicklungsland aufheben, zb, die meistbegünstigungsklausel für china streichen, zb
hoppla, geht nicht, die us-konzerne lassen ja in china produzieren, wegen der niedrigen löhne, der steuern, der arbeitsbestimmungen, der umweltauflagen etc.
erst muss das lohnniveau in den usa noch weiter gerdückt werden, oder der yüan weiter steigen, um wieder industriearbeitsp

myschkin
01

Warum jetzt, wem nützt das, was steckt dahinter? Es glaubt doch niemand an die Unabhängigkeit der Rating Agenturen.
Mit dem letzten Satz erübrigt sich der Artikel. Märkte und Investoren wollen Taten sehen. Bleibt im System. Was soll sich da ändern?
Wer braucht Investoren, noch dazu solche, die nichts investieren. Dazu gibt es genug Beispiele.
Wenn das Schauspiel zu Ende geht, könnte es ganz ernst werden. Die Herren der Welt sitzen in Amerika.

Steinbock1959
00

Guter Kommentar!

Odo
10
"US-Regierung muss beweisen, dass sie die Probleme in den Griff bekommt."

Präsident Obama hat die Probleme doch schon nicht in den Griff bekommen als er noch riesige Mehrheiten der eigenen Partei im US-Kongress hatte. Das 821 Mrd. US $-Konjunkturpaket und die übrigen Ausgabenprogramme, die die Trendwende herbeiführen sollten, sind gefloppt.

Jetzt weiß Obama nicht mehr weiter und ihm fehlen auch die Mehrheiten im US-Kongress um noch irgendwelche eigenen Vorschläge durchsetzen zu können.

Augen auf !1
 
00
18% Zinsen für Alle

Gehts noch schöner, am Ende wenn alle Staaten
herabgestuft sind bekommen wir Alle tolle Verzinsungen auf unsere Staatsanleihen.
Und das bei schrumpferner Wirtschaft.
Wacht endlich jemand auf?

Thyristor
13

Wohl kaum. Dass bei Wachstumsraten der Realwirtschaft von nur wenigen Prozent keine Renditen von 25% und mehr drin sein können, außer durch Umverteilung aus der Substanz, ist eigentlich klar.

Aber was heißt schon "eigentlich", wenn es um kurzfristige Interessen einer zwar kleinen, dafür aber um so einflussreicheren Kaste geht. Nicht eben viel, fürchte ich.

Geilomobilo
00

Der Großteil der 25% ist für die deutlich höhere Ausfallswahrscheinlichkeit.

Milchleber
00

dass die Zinsen theoretisch auch die Ausfallswahrscheinlichkeit widerspiegeln, ist dem Lehrbuch nach verständlich. Obs realistisch und in irgendeiner Form machbar ist, steht in einem anderen Buch.

Von einem bankrotten System 25% Rendite zu verlangen. Das fällt nicht nur dem ÖGB bei der eigenen Hausbank ein ...

Es ist der Zwang zur Profitmaximierung weniger, die die Masse in die Armut, Verzweiflung und den Krieg treibt.

Sklaven! wehrt euch!

Bertel Mann
11
"Dass bei Wachstumsraten der Realwirtschaft von nur wenigen Prozent keine Renditen von 25% und mehr drin sein können, außer durch Umverteilung aus der Substanz, ist eigentlich klar. "

Nicht für Wirtschafts"wissenschaftler" und die sie unterstützende Journaille.

olalala
01
der kommentar gefällt mir gut..

leider befürchte ich, dass dies nicht bis ende 2012 greifen wird!!

Heribert Pilch
 
01

die herabstufung hätte schon vor jahren passieren sollen.
von 2008 auf 2009 stiegen die schulden von 71 auf 84% bip. schon damals war abzusehen, dass sich die schuldenspirale mit der geschwindigkeit weiterdreht.

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