"Nur Worthülsen"

Exminister Ferdinand Lacina kritisiert Regierung

Interview | 7. August 2011, 17:49
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    foto: der standard/fischer

    Lacina will kein Kronzeuge der ÖVP gegen Vermögenssteuern sein - und trauert dem Politikerleben nicht nach: "Die Leut' sind scheißfreundlich, sie behandeln dich nicht wie einen normalen Menschen." 

Lacina, Ex-Finanzminister, über den Charme neuer Reichensteuern und den boulevardhörigen Populismus der SPÖ

Standard: Die ÖVP zitiert Sie gern als Kronzeugen gegen die Vermögenssteuer. Zu Recht?

Lacina: Da verrät die ÖVP nur die halbe Wahrheit. Ja, ich habe die Vermögenssteuer Anfang der Neunziger abgeschafft, weil diese de facto nur Betriebsvermögen getroffen hat, unabhängig von der Ertragslage. Gezahlt haben kapitalintensive Unternehmen wie die Voest, die seinerzeit Verluste eingefahren hat, während private Finanzanlagen nicht erfasst wurden. Aber im Gegenzug hatte die Regierung eine Reform der Erbschaftssteuer vereinbart. Die ÖVP hat diese verhindert - und nach einem Urteil des Verfassungsgerichtshofes durch Nichtstun ein Auslaufen der Steuer erzwungen.

Standard: Die SPÖ hat sich nicht sehr dagegen gewehrt.

Lacina: Die SPÖ hat damals einen schweren Fehler gemacht und ist aus mir unverständlichen Gründen immer noch gegen eine Wiedereinführung der Erbschaftssteuer. Obwohl, ein Motiv fällt mir schon ein: Da gab es einen mittlerweile verstorbenen Onkel, der etwas zu vererben hatte ...

Standard: ... keinen echten Onkel, sondern jenen mit Zeitungsbesitz ...

Lacina: ... genau den. Wenn sich nun die breite Masse bedroht fühlt, fürchten sich die falschen Leute. Solange es die Steuer noch gab, entfiel nahezu die Hälfte des gesamten Aufkommens auf eine Handvoll der größten Fälle. Die kleinen Erbschaften können da gerne ausgenommen werden.

Standard: Warum soll man fürs Erben überhaupt Steuern zahlen?

Lacina: Grundlage des Erwerbs sollte Leistung sein - und Erben ist noch nicht wirklich eine Leistung. Das ist keinem bösen Marxisten eingefallen, sondern entspricht einer liberalen Grundauffassung. Und wir haben zum ersten Mal eine Generation der Erben, deren Vermögen nicht durch Krieg oder Inflation entwertet wurden.

Standard: Was sollte eine Steuerreform noch bringen?

Lacina: Eine Abflachung der schon bei Durchschnittsverdienern sehr hohen Progression und eine Verschmelzung von Steuer- und Sozialversicherungstarif, die dazu führen soll, dass die Belastung nicht mehr wie bisher ab einer gewissen Einkommenshöhe sinkt. Außerdem muss Arbeit niedriger und Vermögen höher besteuert werden. Ich bin deshalb auch für eine Reform der Grundsteuer, die derzeit mit unrealistischen, weil vielfach zu niedrigen Einheitswerten bemessen wird. Das ist absolut skandalös. Da Österreich nie eine Bodenreform erlebt hat, verteilen wir damit Steuergeschenke an betuchte Damen und Herren des Hochadels und der Kirche.

Standard: Die SPÖ fordert lieber eine allgemeine Millionärssteuer.

Lacina: Dann muss die Regierung aber das Bankgeheimnis beseitigen, um Finanzvermögen zu erfassen, und erst recht die Einheitswerte anheben. Sonst wird die SPÖ in Österreich zu wenige Millionäre finden.

Standard: Die Regierung hält dem den armen Häuslbauer entgegen.

Lacina: Den kann man mit entsprechenden Freigrenzen schonen. Aber Häuslbauer verursachen durch die Zersiedlung der Landschaft auch hohe Infrastrukturkosten. Wenn schon die Zufahrtsstraßen gebaut und die Kanalgebühren subventioniert werden, ist ein höherer Beitrag nur fair. Außerdem hat eine solche Steuer den ungeheuren Charme, dass Grund und Boden nicht nach Liechtenstein flüchten können.

Standard: Warum steht die SPÖ dann trotzdem auf der Bremse?

Lacina: Das ist der reinste Populismus. Inzwischen bestimmt ja nicht mehr die Politik die Schlagzeilen, sondern die Boulevardpresse die Meinung der Politiker. Da gibt es eine Kungelei.

Standard: Seit Ihrem offenen Brief, in dem Sie vor ein paar Jahren die SPÖ kritisiert haben, hat sich also nichts geändert?

Lacina: Nein, diese Kritik hat sich zu meinem Bedauern bestätigt. Aber ich habe nichts anderes erwartet, der Brief war eher zur Rettung der eigenen Seele gedacht. Die Sozialdemokratie leidet an Ununterscheidbarkeit zu anderen Parteien, der ÖVP geht es nicht viel anders. Es wird Leere produziert und mit Worthülsen gefüllt.

Standard: War das zu Ihren Zeiten denn wirklich so viel besser?

Lacina: Wenn wir damals den Onkeln und Tanten alles recht gemacht hätten, gäbe es etwa die Kapitalertragssteuer bis heute nicht. Heute gilt in einem viel stärkeren Ausmaß als früher: Machterhalt ist das Wichtigste. Das ist kein rein österreichisches Phänomen. Die Politik wird immer kurzatmiger, siehe den Populismus in der Euro-Krise: Die Rettung Griechenland hätte einen Bruchteil gekostet, hätte die EU rechtzeitig reagiert. Doch statt Solidarität zu demonstrieren, um die Märkte zu beruhigen, hat die deutsche Regierung lieber auf die Wahlen in Nordrhein-Westfalen geschielt.

Standard: Läuft die Krisenbewältigung aus Ihrer Sicht fair ab?

Lacina: Nein, da ist eine Umverteilung nach oben im Gange. Riskante Anlagen haben gute Gewinne abgeworfen, für die Rettung des Kapitals kommt nun der Steuerzahler auf. Die Kosten der Krise werden auf die Staaten abgewälzt, die Sozialleistungen kürzen sollen und einen Sockel von Arbeitslosen mitschleppen. Meine Sorge: Wenn in Ländern 40, 50 Prozent der Jugendliche ohne Job sind, geht das Vertrauen in die Politik verloren. Dann sind die Empörten am Zug, die außer Empörung aber nichts anzubieten haben.

Standard: Was könnte man tun?

Lacina: All das spricht ebenfalls für höhere Reichensteuern, zumal die wachsende Ungleichheit der Verteilung mit ein Grund für die Krise war: Es gibt sehr große Vermögen, die, wie es beim alten Karl Marx heißt, anlageheischend sind und sich riskante Märkte gesucht haben - wie man nun weiß, mit teilweise fatalen Folgen.

Standard: Das spricht aber auch für eine Bankenabgabe. Haben Sie dem Bank-Austria-Vorstand denn empfohlen, zuzustimmen?

Lacina: Der Vorstand hat diese Abgabe von vornherein akzeptiert. Die Frage nach der Intelligenz kann man aber schon stellen. In unserem Bereich spielt das Investmentgeschäft ja keine entscheidende Rolle, das ist in Wirklichkeit noch die alte Kundenbank. Vernünftiger wäre eine Finanztransaktionssteuer, dann könnten wir uns die Bankenabgabe sparen.

Standard: Wer im Finanzministerium nach dem beliebtesten Minister aller Zeiten fragt, dem sagen Beamte: eine Mischung aus Lacina und Karl-Heinz Grasser.

Lacina: Uh, da sehe ich wenige Gemeinsamkeiten. Grasser war ein ausgezeichneter Verkäufer, da kann ich mit ihm nicht konkurrieren. Dafür haben wir im Gegensatz zu Grasser wie die Schießhunde aufgepasst, eine strikte Trennlinie zwischen persönlichem und staatlichem Einkommen, zwischen Mein und Dein, zu ziehen.

Standard: Fehlt Ihnen die Prominenz des Politikerlebens?

Lacina: Nein, ich habe das Bad in der Öffentlichkeit nie gebraucht. Der Verlust der Anonymität ist ein hoher Kaufpreis für die Politik. Anfangs freut man sich, wenn man auf der Straße erkannt wird, doch mit der Zeit wird's unangenehm. Oft sind die Leut' scheißfreundlich. Sie behandeln dich nicht wie einen normalen Menschen.(Gerald John, DER STANDARD; Printausgabe, 8.8.2011)

FERDINAND LACINA (68), Sozialdemokrat aus Wien, war von 1986 bis 1995 Finanzminister und berät heute den Vorstand der Bank Austria.

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alpentiger
00
16.8.2011, 11:12
Die Zeit heilt offenbar alle Wunden ...

selbst jene, die man selber geschlagen hat.

Ich habe den Ferdinand Lacina als übewiegend untadeligen Minister in Erinnerung. Dass er jemals einen unehrlichen Cent für sich in Anspruch nehmen würde, glaube ich ihm noch heute.

Was aber die SPÖ und ihre Verstaatlichtenpoltiik usw. anlangt, gab es wenig Trennlinie zwischen Volkseigentum und Partei/Gewerkschaftsinteresse. Auch Lacine konnte sich nicht dagegenstemmen.

Die "Obergünstlinge der Partei wie Streicher, Vranitzky" hatten stets die Oberhand und damit die Vergügungsgewalt über die Moral des Lacina. Die Frage bleibt, wie viel von der Perlenkette (AKH, Rinter, Noricum, Verstaatlichte ....) sich auch um Lacina geschlugenen hat. Rein beruflich.

Ich warne vor Generalabsolutionen.

pro archiv
00
15.8.2011, 23:08
danke für dieses interview.

pro erbschaftssteuer!

niedrige steuern könnten defizite verursachen: http://www.spiegel.de/wirtschaf... 26,00.html

und: stop cuddling the super-rich.

http://www.nytimes.com/2011/08/1... ef=general

Adenauer
32
10.8.2011, 10:53
Na Hauptsache sie waren ein Macher Lacina

Zu ihrer Zeit als Minister gabs nur kleine Ungereimtheiten (Noricum-, Intertrading-Affäre)
aber egal

Und vor allem als Minister zuständig für die damals verstaatliche Industrie (Voest usw) haben sie vorgemacht, wie man wirklich Milliarden in den Sand setzt.

Zu ihrer Zeit hat die SPÖ die Schlagzeilen bestimmt das stimmt nur leider halt durch Skandale

Josef Speckbacher
00
14.8.2011, 09:12
... und das Lacina - Stiftungsgesetz?

Wer hat den das für seine reichen Freunde erfunden???
Von wegen Reichensteuer?! Der Parade-Sozi!

das ist fix
01

Bei Gelegenheit sollte Herr Lacina seinen Genossen mitteilen warum er die Stiftungen eingeführt und die Substanzbesteuerung abgeschafft hat.

schöne grüne welt
11
die steiermärkischen kommunisten

zeigen vor, was sich ändern müßte, damit den politikerInnen wieder vertraut wird.
http://de.wikipedia.org/wiki/Komm... sterreichs

a_ch
12
Erfreulich,

dass sich Herr Lacina in einer Deutlichkeit zu Wort meldet, die Herr Fischer nach wie vor vermissen lässt, obwohl er sie angekündigt hat.

Nur leider glaube ich nicht, dass seine Botschaft auf fruchtbaren Boden fallen wird.

Besser wäre daher: Austreten aus dieser SPÖ und eine neue Partei gründen.

T.O. Clause
00
Als

selbständig öffentlich bediensteter Pensionist der es mit dem Parteibuch in den Mittelstand des kleinen Mannes geschafft hat, brauche ich keine Angst vor neuen/höheren oder gar gerechteren Steuern haben.

SPÖVP macht es möglich!
Danke

Rocky Acca
20
UHBP

könnt ein neuer bundespräsident werden. er oder die ederer gitti...

kater bruno
13

Lacina hat Recht - die SPÖ ist eine KronenZeitungPartei geworden und Faymann ist nur mehr eine Marionette der Kronen Zeiung und Österreich

Dilbert
37

Guter Mann.

Wo ist mein Geld
01
Wie fragte schon jemand vor kurzem?

Wos war mei Leistung?

laughing-man
00

hm..ich habe kein bankgeheimnis .. !!!

Frik Frikazoid
14

erst wenn politiker nicht mehr im netz der partei gefangen sind, sprudelt ihre wahre meinung aus ihnen heraus. leider hört man solche kritischen töne von politikern (busek, jetzt lacina usw.) erst wenn sie nichts mehr zu reden haben.

mfg

Geilomobilo
41

Der Mann hatte immer gute Argumente, Fachwissen, Loyalität und konnte das auch verkaufen. Anders wäre er - auch damals - sicher nicht so hoch hinaufgekommen. Aber verständlich, dass er das jetzt nicht mehr will.

Was seine unangenehme Rolle am Rande des Madoff-Skandals betrifft: wenn die besten Mitglieder der internen Aufsichts"behörde" einer Bank das nicht mitbekommen, dann ist vielleicht die derzeitige gesetzliche Konstruktion dieses Gremiums Aufsicht zu hinterfragen.

Was allerdings das rückwärtsgewandte Loyalitätsgetue der Linken (u. auch d. Rechten) betrifft, kann man sowieso nur den Kopf schütteln. Wer sich beruflich irgendetwas anderem als dem eigenen Gewissen u. der wissenschaftlichen Vernunft verpflichtet fühlt, ist nicht tragbar.

Kyberkrat
47
Endlich keine Worthülsen

Vielen Dank für die kluge Analyse und die klaren Worte!

MAXIMA
01
Häuslbauer verursachen hohe Infrastrukturkosten ...

Toni Gruber
00
richtig

richtig, Wasserleitungen, Kanalnetz , Zufahrtsstraßen und und und

MAXIMA
00
... Vermögen nicht durch Krieg oder Inflation entwertet ...

...

immofuchs
137
alles super,

ich bin jetzt in der Mitte meines Erwerbslebens, habe nichts geerbt (das wird auch so bleiben) ein bisschen mehr Karriere gemacht als Andere und leiste hohe Steuern und Abgaben. Weil ich vom Rest nicht alles konsumiert habe hat sich (ein aus SP Sicht enormes) Vermögen zur a) eigenen Altersvorsorge und b) Ausbildung der Kinder angesammelt. Dieses Vermögen soll nun auch besteuert werden, sofern es den Charme hat nicht nach Lichtenstein fliehen zu können.
- Dankeschön Herr Ex Minister.
Auch wenn Ihre persönliche Integrität ausser Zweifel steht, soll es den Unterschied zwischen Mein und Dein auch aus Sicht des Staates geben.

johannes schenk1
110
Wenn ich Lacina richtig verstanden habe, dann

sollten die Einkommen dafür niedriger besteuert werden - zumindest die unteren und die der Mittelschicht - wenn Sie also tatsächlich nur "ein bisschen mehr Karriere gamacht" haben als Andere, sinkt Ihre Einkommenssteuer aus dem Gehalt, dafür steigt die aus dem Vermögen - so wie Lacina das meines Erachtens meint, würden Sie nichts verlieren.
Verlieren würden jene, die "viel mehr Karriere" gemacht haben und jene, die einfach besitzen. Und zwar mehr als ein kleines Haus, oder eine Wohnung.
Außer man rechnet die Verhüttelung mit rein, dann wirds komplizierter.
Lacina ist ein guter Kopf - er hätte das schon relativ gut machen können.

immofuchs
01

sie haben (in statischer Betrachtung) recht, nur wird die Änderung erst in einigen Jahren kommen. Das ist dann der Zeitpunkt wo ganz viele jetzt Erwerbstätige von den Erträgen ihrer pensionstragenden Vermögen leben, die dann abermals versteuert werden.
Da Herr Lacina ein Fachmann ist, hat er den Hinweis zur richtigen Veranlagung (Lichtenstein =Ausland, anstatt österreichische Immobilien) bereits gegeben.

jacques05
00
sie wissen aber schon, dass was ich bei lacina...

nicht lese, sie aber offen aussprechen, kriminell ist?

uhu21
10
genauer lesen

die erträge ihres vermögens werden schon jetzt besteuert (kest) und substanzbesteuerung lehnt herr lacina ab (und das war in früheren zeiten eine unternehmens- und keine privatbesteuerung

immofuchs
10
stimmt, das habe ich ganz schlecht formuliert

aber es geht eben nicht nur um die bereits bestehende ertragsbesteuerung, sondern um die "Substanzbesteuerung" ab einem Betrag (in rede steht EUR 1 Mio)

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