Die EU in der Komplexitätsfalle

Kommentar der anderen |

Gibt es ein Entkommen aus der Eurokrise? Zukunftserwartungen bestimmen wesentlich die Entwicklung mit - Von John L. Casti

Zukunftserwartungen bestimmen wesentlich die Entwicklung mit - und je komplexer ein System wird, umso eher gerät es in Gefahr zu scheitern.

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Politische Kommentatoren, Kolumnisten, Finanzexperten und andere Visionäre und Träumer zeigen kollektiv mit dem Finger auf eine Vielfalt von Gründen für das finanzielle Schlamassel, aus dem sich die Europäische Union im Moment herauszuziehen versucht. Die mutmaßlich Schuldigen sind demnach die Bequemlichkeit der Griechen, die Habgier der Banken, die Unersättlichkeit der Immobilienhaie, die Gedankenlosigkeit der Bürokraten in Brüssel sowie die Inkompetenz der Politiker aller Lager. Doch mit solchen "Erklärungen" verhält es sich wie mit Ärzten, die Symptome anstelle der Ursache einer Krankheit bekämpften.

Denn die Ursache für die Krise der EU liegt viel tiefer. Die Causa Causorum liegt nämlich in zwei tief im Sozialverhalten der Menschen verankerten Faktoren, in der kollektiven psychologischen Erwartung, die eine Gruppe von ihrer Zukunft hat, und der Tatsache, dass die immer größer werdende Kluft in der Komplexität zwischen interaktiven menschlichen Systemen fast zwanghaft durch eine "Schocktherapie" - meist in Form eines "extremen" Ereignisses - wieder ins Gleichgewicht gebracht werden kann.

Umfassendes empirisches Beweismaterial unterstützt die Behauptung, dass die Erwartungshaltung einer Gruppe, die ihrer Zukunft optimistisch entgegenblickt (positive "soziale Stimmung"), einen starken Einfluss auf die Art der kollektiven Ereignisse hat, die sich aus dieser Gruppe entwickeln. Wenn die Stimmung positiv ist, können wir Ereignisse erwarten, die in der Alltagssprache als "verbindend", "erfreulich", "global" etc. bezeichnet werden. Wenn die soziale Stimmung ins Negative umschlägt, erleben wir meist das Gegenteil, Ereignisse, die als "trennend", "unerfreulich" und/oder "lokal" charakterisiert werden.

Die Entstehung der EU kann sicherlich als "verbindendes, globalisierendes" Ereignis gesehen werden. Trotz einiger Rückschläge bei der Zustimmung zur Verfassung der EU in den Jahren 2005-2008 (übrigens eine Zeit kurzfristiger negativer sozialer Stimmung) zeigt der geschichtliche Verlauf der EU seither eher eine Tendenz nach oben - bis jetzt!

Indem die langfristige soziale Stimmung im Westen vom Positiven ins Negative umschlägt, wie anfangs in den USA und nun auch in Europa, verstärkt sich der Trend in Richtung "Trennung", "Ablehnung". Dieser Umbruch manifestiert sich in Ereignissen, die von der Weigerung wohlhabenderer EU-Staaten, die Finanzen der schwächeren Staaten zu stützen, bis hin zur Wiedereinführung von Grenzkontrollen, um dem Ansturm unerwünschter Wirtschaftsflüchtlinge Einhalt zu gebieten, reichen.

Der Weg zum Kollaps

Die Frage ist, wie lange es dauern wird, bis diese absteigende Tendenz ihren Tiefpunkt erreicht. Da der Aufschwung drei Jahrzehnte gedauert hat, ist nicht zu erwarten, dass sich die negative Stimmung in unmittelbarer Zukunft wieder verflüchtigen wird. Fraglich ist nur, ob die Stimmung noch umschlägt, bevor die EU unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbricht. Diese Überlegungen führen uns zur zweiten Ursache der EU-Misere, nämlich zur Diskrepanz in der Komplexität der Systeme.

Wenn sich Organisationen - und besonders Staaten - mit Problemen konfrontiert sehen, werden diese gewöhnlich durch Steigerung der Komplexität der jeweiligen Organisation gelöst. Wenn sich die Probleme häufen, dann steigert sich die Bürokratie bis zu dem Punkt, an dem alle Ressourcen einer Organisation aufgebraucht werden, nur um ihre gegenwärtige Struktur aufrechtzuerhalten. Wenn das nächste Problem auftritt, läuft das Fass über, und die Organisation bricht in sich zusammen.

Um dieses Prinzip im Zusammenhang mit der EU zu veranschaulichen, denke man an die Mitgliedsstaaten der Eurozone als ein mit der übrigen Weltwirtschaft in Wechselwirkung stehendes System. Wären die Länder nicht in der Eurozone, hätten sie viele Optionen zur Verfügung, um eine Zeit wirtschaftlicher Veränderungen zu bewältigen. Sie könnten zum Beispiel ihre eigenen Währungsprobleme regeln, ihre Zinsen anheben oder senken, Zölle einheben usw. Kurz gesagt hätten sie, gemessen am Grad ihrer wirtschaftlichen Handlungsfreiheit, eine hohe Komplexität. Dieser Grad an Komplexität wäre dann mehr oder weniger auf demselben Niveau wie der der Wirtschaftsmächte außerhalb der Eurozone.

Jedoch ist der Grad der Komplexität in den Ländern der Eurozone stark eingeschränkt, da kein Land einseitig agieren kann, sondern sich jedes Land dem Diktat der Europäischen Zentralbank fügen muss. Also entsteht eine Diskrepanz zwischen der hohen Komplexität des einen Systems (der Welt) und der niedrigen Komplexität des anderen (der Mitgliedsstaaten der Eurozone). Anleihen von den wohlhabenderen Ländern der Eurozone und Bemühungen der EZB, diese Diskrepanz in der Komplexität zu überbrücken, werden ziemlich sicher dazu führen, dass "dem schlechten Geld gutes hinterhergeworfen wird", eine Lösung des Problems, die gemäß der menschlichen Natur ihrem natürlichen Verlauf überlassen wird, dem Verlauf zum Extremfall, zum Zusammenbruch des Euro.

Hätte die Kluft ohne Zusammenbruch des Euro überbrückt werden können? Vielleicht. Aber nur, wenn die EU einen politisch unpopulären, aber notwendigen "Treffer" gelandet hätte, als die Schuldenkrise entstand, statt zu versuchen, sich den Weg aus einem Problem herauszukaufen, das mit Geld nicht zu regeln ist. Nun ist es dafür viel zu spät. Die einzige offene Frage ist noch, ob sich die EU - analog zum Euro - schließlich selbst als Experiment erweisen wird, das zwar gut gemeint, aber im Endeffekt ein Fehlschlag war. (John L. Casti, Übersetzung: Ingrid Teply-Baubinder, DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2011)

JOHN L. CASTI ist Wissenschafter am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg bei Wien und Gründer des Kenos Circle, einer Gesellschaft für Zukunftsforschung mit Sitz in Wien.

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