Open-Source-Kontroverse

Mark Shuttleworth hofft auf "Großzügigkeit" der EntwicklerInnen

Andreas Proschofsky, 7. August 2011, 10:38
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    foto: andreas proschofsky

    Das Panel zum Thema Copyright Assignment beim Desktop Summit in Berlin. Von links nach rechts: Karen Sandler, Mark Shuttleworth, Michael Meeks und Bradley Kuhn.

Panel zum Copyright Assignment zeichnet deutliche Bruchlinien in der freien Software Community - Scharfe Kritik an Canonical

Eine Veranstaltung wie der derzeit in Berlin abgehaltene Desktop Summit ist üblicherweise von technischen Fragen und der Zukunftsplanung in diesem Bereich dominiert. Dabei wird oftmals übersehen, dass es bei freier Software natürlich um mehr als "nur" Code geht, immerhin stehen hinter diesem Konzept auch grundlegende philosophische und somit inhärent auch politische Überlegungen. Eine gute Möglichkeit sich daran zu Erinnern bot das am Freitag Abend abgehaltene Panel zum Thema Copyright Assignment - einem gerade derzeit wieder äußerst kontrovers diskutierten Thema in der Community

Panel

Geleitet von GNOME-Foundation-Chefin Karen Sandler hatten sich Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth, LibreOffice-Entwickler Michael Meeks und Bradley Kuhn von der Free Software Foundation und der Software Freedom Conservancy zum öffentlichen Meinungsaustausch versammelt. Divergierende Meinungen waren also angesichts dessen, dass Ubuntu-Hersteller Canonical mit dem "Project Harmony" offen für die Rechteübertragung externer EntwicklerInnen an das eigene Unternehmen wirbt - und umgehend viel Kritik aus der Community bekommen hat - zu erwarten.

Proprietäre Hintergedanken

So eröffnete denn gleich Meeks den Reigen der Wortmeldungen mit einer eindrücklichen Warnung vor solchen Lösung: Als jemand der früher durchaus eine Pro-Position eingenommen habe, sei er aus eigenen Erfahrungen mittlerweile zum entschiedenen Gegner von Copyright Assignment geworden. Dieses werde typischerweise dafür genutzt, dass Firmen neben einer freien auch noch eine proprietäre Lizenz anbieten - und somit zu den einzigen werden, die mit dem gesamten Code Geld machen können. Da andere Unternehmen so ein Ungleichgewicht natürlich wenig berauschend finden, führe dies üblicherweise dazu, dass rund um solche Projekte nur eine einzige kommerzielle Firma aktiv ist, was der Weiterentwicklung schade. Nicht zuletzt zeige sich dies am eigenen Projekt: Die Beteiligung rund um LibreOffice / OpenOffice sei geradezu explodiert, nachdem man sich von Oracle und dessen Zwang zur Rechteübergabe getrennt habe.

Blickwinkel

Der eigens für das Panel angereiste Shuttleworth betont statt dessen einen ganz anderen Blickpunkt: Es gehe darum aus erfolgreichen Projekten und deren Modellen für das eigene Ökosystem zu lernen. Er wünsche sich hunderte von Startups im Open-Source-Umfeld, und hierfür sei Copyright-Assignment ein nützliches Tool, da es einen Wettbewerbsvorteil verschaffe. Dies würden auch diverse erfolgreiche Projekte wie Qt, MySQL oder auch Mozilla zeigen. Fundamental gegen die Rechteübertragung zu sein, sei insofern äußerst kurzsichtig, auf diese Weise würde man nur Firmen davon jagen, anstatt ihnen das Öffnen ihres Codes schmackhaft zu machen.

Nutzungsprobleme

Gleich zu Beginn der eigenen Wortmeldung legte Bradley Kuhn fest, dass er hier eine zur offiziellen Position der FSF etwas divergierende Meinung habe. Dieser trete offensiv für Copyright-Assignment ein - allerdings an unabhängige Organisationen und nicht an einzelne Firmen - er hingegen finde, es gebe sowohl gute Argument für als auch gegen ein solche Lösung. Das reale Problem sieht er aber darin, wie Firmen Copyright-Assignment nutzen. Wenn er beispielsweise die Frage aufwirft, ob diese bereit wären ein Versprechen abzugeben, den Code auf Dauer frei zu halten (immerhin erlaubt der vollständige Rechtebesitz den beliebigen Wechsel der Lizenz, Anm.) würden diese immer ganz rasch das Thema wechseln.

Monopol-Vorwurf

Zu einem kleinen Schlagabtausch führe die Bemerkung Meeks, dass solche Lösungen ein "Monopol" rund um den betreffenden Code zur Folge hätten, verwehrt sich Shuttleworth doch gegen diese Darstellung. Allerdings musste der Canonical-Finanzier auf Nachfrage eingestehen, dass es tatsächlich keine Beispiele für Projekte gebe, die mit Copyright-Assignment mehr als ein großes beitragendes Unternehmen haben. Das Wort "Monopol" sei aber trotzdem nicht richtig, immerhin könnten ja andere Firmen den Code trotzdem verwenden und weiterverbreiten, so lange er unter einer freien Lizenz erhältlich ist.

Patente

Meeks verwies in Folge noch auf ein weiteres grundlegendes Problemfeld, jenes der Patentrechte: Würden die Beitragenden mit einem Copyright-Assignment doch eben diese an ein Unternehmen abtreten - ohne irgendwelche Sicherheiten für die gesamte Software in dieser Hinsicht zurückzubekommen.

"Dead Developers"

Moderatorin Karen Sandler - die zuvor selbst für das Software Freedom Law Center tätig war - warf an dieser Stelle den von Verfechtern des Copyright-Assignments immer wieder vorgebrachten Fall des "Dead Developers" ein. Sollte ein Entwickler versterben, würden seine ErbInnen auch die Recht an dem Code übernehmen - und dies seien oft Leute, die von freien Lizenzen keine Ahnung haben. Will ein Projekt nun aus durchwegs noblen Gründen eine Lizenzänderung durchführen, könne dies eine ernsthafte Hürde darstellen, brauche man doch für so einen Schritt die Zustimmung aller, die substantielle Teile zum Code beigetragen haben - oder eben deren ErbInnen.

Vergleiche

Doch auch wenn Meeks durchaus zupflichtet, dass dies ein reales Problem sein kann, für ihn ist die wesentlich größere Gefahr ganz woanders zu suchen: Nämlich bei "toten Unternehmen". Dem pflichtet Kuhn bei und verweist auf aktuelle Beispiele wie Oracle / Sun oder Nokia / Qt, die der Open-Source-Community massiven Schaden zugefügt hätten. Und für die Rechtefrage nach dem Ableben verweist er auf ein altbewährtes Rezept: Ein Testament. Er habe diese jedenfalls selbst so geregelt. Shuttleworth stimmt den aufgeworfenen Kritikpunkten zwar durchaus in Teilen zu, gibt aber auch seiner Einschätzung Ausdruck, dass der Verkauf von Code an unerfreulich vorgehende Unternehmen noch immer besser sei, als er sterbe ganz.

Großzügigkeit

Zum Abschluss beklagt Shuttleworth noch einmal, dass es eine gewisse Angst in der freien Softwarewelt vor Wettbewerbsvorteilen gebe, die hinderlich für die Weiterentwicklung des gesamten Ökosystems seien. Und fügt den Appell an, einen neuen Begriff als positiv in die Diskussion einzuführen: Jenen der "Großzügigkeit", unabhängige EntwicklerInnen sollen ihre Motivation also nicht zuletzt daraus ziehen, dass sie etwas hergeben. Ob er damit Erfolg haben wird, muss sich wohl erst zeigen, auf der Konferenz führte dies jedenfalls eher zu zahlreichen zynischen Bemerkungen über Canonical als zur freudigen Aufnahme dieses Konzepts. (Andreas Proschofsky aus Berlin, derStandard.at, 07.08.11)

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14 Postings
mlu82
00
hier ist die thematik nochmals sehr gut beschrieben

http://www.pro-linux.de/news/1/17... ungen.html

Retro
00

Kann mich wer aufklären:

wenn ich GPL code habe und den einer org, die den code unter GPL lizensiert, per assignment "schenke" kann diese org die lizenz in zukunft zwar ändern, für schon freigegebene SW die auf dem code basiert, muss der code aber auch zur verfügung gestellt werden, und kann in nachhinein nicht mehr zurückgezogen werden - oder seh ich da was falsch? Wenn die org das wirklich macht kann man ja einfach forken und auf eigene faust weitermachen?

Anders ist es natürlich, wenn das keine GPL sondern zb apache lizenz ist, die sieht ja gar keinen zwang zur freigabe vor.. soweit ich das verstehe :)

Sonst hab ich keine starke meinung dazu weil es gute beispiele dafür und dagegen gibt..

NONE
00

Wenn du nicht der Urheber des GPL Code bist kann den keiner verändern. Auch du nicht.

Die Lizenz gilt.

mlu82
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echt? ich hab das anders verstanden...

im wiki steht bei GPL folgendes:
"Alle abgeleiteten Programme eines unter der GPL stehenden Werkes dürfen von Lizenznehmern nur dann verbreitet werden, wenn sie von diesen ebenfalls zu den Bedingungen der GPL lizenziert werden. Dies betrifft nur Lizenznehmer, nicht die Inhaber der Rechte.....Dieses Schutzverfahren benannte Richard Stallman „Copyleft“ – als Anspielung auf das Wort Copyright. Ziel ist, die Freiheit eines Programmes auch in der Weiterentwicklung von anderen sicherzustellen.[6]

Dieses Prinzip findet sich auch in den anderen Lizenzen – unter anderem in den GNU-Lizenzen (LGPL, AGPL und GFDL) – sowie als „Share Alike“ bezeichnet in einigen der Creative-Commons-Lizenzen.
"

go-east
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Einstein....

hätte er z.B. seine Relativitätstheorie patentiert oder mit Lizenz geschützt, was hätte das gebracht?

AlBundyFan
 
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das ist ein sehr deppates beispiel

weil es nur eine abhandlung über eine physikalische theorie ist.
es hat, für sich allein, keinen verwendungszweck.

und ich bin mir sicher, auch einstein hätte sich nicht gefreut, wenn ihm 1905 jemand die unterlagen kurz vor der publikation gestohlen hätte und wir heute von hintereggers relativitätstheorie reden würden statt einsteins relativitätstheorie.

[[Object alloc] init];
 
20
Weniger rauchende Köpfe

und gelangweilte Gesichter im Physik Unterricht :)

solandre
 
02
klares brainwash-arguzment von shuttleworth

es ist freier software inherent, dass sie keinen wettbewerbsvorteil schaffen kann. das ist ja das schöne daran.
shuttleworth hat mit ubuntu viel erfolg gehabt. entweder ihn gelüstet es jetzt das projekt weiter zu monetarisieren, oder er sieht seinen marktanteil schwinden (andere distros holen am desktopsegment auf) und will sich durch schutz einen vorteil bewahren.

und hier sieht man gleich, dass nicht freie software den freien wettbewerb behindert.

NONE
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Die anderen Distributionen können ihn kalt lassen.

Ubuntu dominiert.

nichtkaefer
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Company driven vs. Community driven

'Company driven' Open Source Projekte wie z.B. Ubuntu müssen früher oder später Gewinn abwerfen, sonst würde ein Investor wie Shuttleworth kein Geld investieren. Das führt zu 'Sachzwängen' wie z.B. dem Zwang zur Übertragung des Copyrights für Leute, die zum Projekt beitragen wollen. Effektiv sind diese 'Projekte' Closed Open Source Produkte.
Der Spirit von Open Source lebt vor allem in den 'Community driven' Projekten, die keinen Investor- und Marktzwängen unterliegen. Diese entwickeln sich oft langsamer (keine von Investoren bezahlten Entwickler) und leben ausschließlich von Enthusiasmus ihrer Mitglieder.

. PALS
01

"dass solche Lösungen zu einem "Monopol" rund um den betreffenden Code sperren würden" ... soll wohl "...rund um den betreffenden Code führen würden" heißen.

Und: das Wort zupflichten gibt es mWn nicht, soll wohl beipflichten heißen.

. PALS
00

ah, ok:

"In aller Regel pflichtet man bei. Bildhaft steht man dabei man “nur” daneben. Pflichtet man hingegen zu, tritt man ins Geschehen! Jemanden zupflichten zeugt davon, dass man aktiv auf den anderen zugeht."

http://www.fhm3s.com/2009/09/z... pflichten/

abgefahren :-D

werwolfi
02

das halte ich für eine durch nichts gestützte privatmeinung - ich kenne kein “zupflichten“, und der duden, wiktionary und google pflichten mir da bei ;o)

. PALS
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dann war der erste impuls doch der richtige ;-)

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