Und beißt ins Gras: Der Beziehungskolumnist versucht's fleischfrei, fischreich und begeistert sich vielfach vegetarisch
"Fast wie diese frittierten Skorpione", freute sich die Vegetarierin, und zupfte sich noch ein Ährenfischchen aus der Schüssel, die lang nicht so klein war, wie sie aussah. Eine Doppelfolge von "Two and a Half Men" zum Beispiel ginge sich damit locker aus, schätze ich, wenn ich damit Erfahrung hätte. Wir sitzen aber im "Fischvierterl", weil die Vegetarierin ja nur eine halbe ist und Wassertiere anstandslos verputzt. Und Skorpione offenbar, aber dafür gibt's, glaub ich, kein Speziallokal in Wien. Nein, die Heuschrecken im Crossfield's sind kein adäquater Ersatz.
Habe die Ähre
Fischvierterl also, eine relativ neue Sektion im Marktachterl. Dessen Karte fand ich übrigens schon einmal spannender, auch nach Herrn Hohensinns Abgang. Zweite Überraschung: Das Fischvierterl kommt mir balkanesischer daher, als ich es nach den ersten Lokalkritiken erwartet hatte. Was natürlich alles andere als ein Fehler sein muss. Vielleicht, wenn man von der Meeresfischfangproblematik absieht und davon, dass ich inzwischen versuche, näher liegende Fische zu futtern. Aber: Die Ährenfische jedenfalls waren schon sehr, sehr, sehr fein.
Branzino-Endlager
Eine wahre Freude auch das Carpaccio vom Branzino mit Avocadocreme. Mit ein bisschen Wehmut versetzt halt: Seit mir Ivan Mascia (genau: Severin Cortis "Don Carpaccio di Branzino") das Messer wetzte, bin ich in Sachen potenzieller Geschmack, Menge und Showeffekt von rohem Mittelmeerfisch ein bisschen schwierig. Dass die Vegetarierin damals das elegante Fischgemetzel nur mit aufgestellter Karte ertragen mochte, wie sonst nur bei Schneckengerichten, nahm ich dafür in Kauf. Nun leide ich nun eben womöglich unter Spätfolgen dieses Abends mit der Fischverweigererin.
Zugegeben, zwei Süßwasserhauptgerichte hätte die Karte schon bereit gehalten, Filets vom Seesaibling und vom Zander. Aber wenn schon balkan(f)isch, dann gleich konsequent inkonsequent. Ja, wir sind wieder im Fischvierterl.
Nicht sonderlich originell, aber einfach gut: Branzino in Salzkruste für zwei. Der Fisch sah vor seinem portmortalen Lager im Salzstock übrigens kleiner aus, als er dann sättigte. Da schwächelte, bei aller Zufriedenheit, auch diese Vegetarierin. Soll mich nicht stören, wenn mir so ein feines Fischdreivierterl bleibt. Ich freue mich schon auf die nächste Erweiterung des Marktachterls und schlage Rinderhälfterl oder Sauimganzen vor. Das ginge dann aber wohl mit keiner der beiden Vegetarierinnen so richtig gut.
Ins Gras beißen
Wie ich jetzt auf Lady Gaga komme, muss ich noch analysieren. Vielleicht ja nur, weil ich noch ein wenig abzuarbeiten habe von der fischverweigernden Vegetarierin. In Schmeck's, dieser kleinen, aber feinen Beziehungskolumne, kommt da noch das eine oder andere auf Sie zu. Vielleicht bin ich aber nur grad gaga, weil ich soeben wieder mit Herrn Grabenweger vom Floh schwärmte.
Glücklich machte mich bei diesem sommerlichen Flohbesuch mit der Vegetarierin der Maibock, wie gewohnt, werden Sie jetzt sagen, und Sie haben vollkommen recht. Fleischfrei gefreut hat mich der "Schotter-Teich", Krebsenbisque und Flusskrebse, wobei sich die Flusskrebse, leider aus, durch ein feines Saiblingstatar vertreten ließen. Begeistert aber war ich von Lady Gaga. Ein Wiesenkräutersmoothie, so grasigfrisch, dass ich mich gar nicht mehr einkrieg vor grüner Freude. Wie in die Wiese beißen, strahlte die Vegetarierin, und ließ mich ein paar Tage später quasi ins Gras beißen. Lady baba, quasi.
Warum Smoothie und Rohkostsalat Lady Gaga heißen, hab ich zwar nicht durchschaut. Aber was mit Verstehen, Verständnis und Verständlichkeit zu tun hat, war ohnehin noch nie meine Stärke. Vielleicht muss ich mich deshalb nun um eine neue Vegetarierin umschauen. Wobei, ich will da nicht kleinlich sein: Es gibt so viele Essstörungen. Wie Sie ja von mir wissen.
Schmecks
ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde
schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten
im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer
selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer
gelingt.