Kwin-Entwickler zeichnet Weg zur nächsten Generation des Grafik-Stacks warnt aber vor vorschnellen Schritten
Im Rahmen eines Vortrags auf dem derzeit in Berlin stattfindenden Desktop Summit widmete sich der für den Fenstermanager Kwin bei KDE zuständige Martin Grässlin der weiteren Zukunft des Linux-Desktop - im Konkreten jener des Grafik-Stacks. Mit Wayland soll auf Sicht der klassische X-Server abgelöst werden, so eine immer wieder kommunizierte Meinung. Dem stimmt Grässlin zwar prinzipiell zu, warnt aber auch vor vorschnellen Handlungen.
Historie
Die Meriten von X seien zunächst einmal unbestritten, es gebe wohl kein anderes bereits in den Achtziger-Jahren entstandenes Open-Source-Projekt, das bis heute ähnlich erfolgreich sei. Zudem sei X sehr gut erweiterbar, was auch viele der fortgeschrittenen Fähigkeiten moderner Desktops erst möglich gemacht habe.
Problematik
Dies ändere aber nichts an diversen fundamentalen Problemen, die sich in den letzten Jahren immer stärker gezeigt haben: Die Entwicklung sei langsam, kann kaum mit den Bedürfnissen der einzelnen Desktops mithalten, die Programmierschnittstellen wären gar gerade zu antik, so etwas wie "Input Redirection" gebe es bis heute gleich gar nicht.
Moderne Hürden
Vor allem aber sei X nie für die Bedürfnisse von Desktop-Effekten und Co. ausgelegt gewesen, das Compositing müsse entsprechend an anderer Stelle im Stack "aufgesetzt" werden. Ein Fenstermanager müsse dauernd um diese fundamentalen Defizite herum arbeiten. Schaue man sich den aktuellen Grafik-Stack an sei X eigentlich wenig mehr als ein Proxy zwischen anderen Komponenten - und noch dazu einer, der in vielerlei Weise im Weg steht.
Ersatz
Wayland räumt mit diesen klassischen Problemen auf, ist wesentlich schlanker und stellt den Compositor ins Zentrum. Technologisch gebe es also erhebliche Vorteile , dazu komme, dass sich mit MeeGo, Qt und Intel große Player im freien Softwarebereich hinter Wayland gestellt haben. Alles gut also? Nicht so ganz, wie Grässlin herausstreicht, denn Wayland sei aktuell noch weit davon entfernt, wirklich realistisch einsetzbar zu sein.
Ungeprüft
So werde es wohl noch ein ganze Weil dauern, bis die diversen Hardwarehersteller - wenn überhaupt - passende Treiber liefern. NVidia verwende ja bis heute noch nicht einmal das schon vor Jahre eingeführte Kernel Mode Setting, erinnert der Entwickler. Auch müsse sich Wayland erst im Realeinsatz bewähren, viele potentielle Probleme würden sich wohl erst dann erweisen.
Plasma Active
Der zentrale Fokus der Wayland-Bemühungen von KDE gelte dann auch zunächst dem Plasma-Active-Projekt, einem Unterfangen eine eigene User Experience für Gerätekategorien jenseits des klassischen Desktops - von Tablets bis zum Media Center - zu etablieren. Bis Wayland am Linux-Desktop wirklich einsetzbar sei, würden hingegen wohl noch einige Jahre vergehen.
Schrittweise
Aus KDE-Sicht schlägt er denn auch eine schrittweise Herangehenweise vor, so werde man in nächster Zeit versuchen die Abhängigkeiten KWins von X nach und nach zu entfernen. Dies mache ohnehin auch aus anderer Sicht Sinn, sollten damit doch Portierungen auf weitere Plattformen - wie Windows oder Android - leichter werden.
Beginn
Eine erste Testversion des KWin-Wayland-Zweigs soll es im kommenden Winter geben, für Plasma Active und "Early Adopter" soll das Ganze dann ab Sommer 2012 zu nutzen sein. Erst danach könne man überhaupt erst mit der dritten Phase beginnen, die die EndbenutzerInnen in den Fokus stellt - und für die man die Nutzung von X-Anwendungen unter Wayland ermöglichen müsse.
Appell
Zum Schluss appelliert Grässlin an andere Linux-Desktop-Projekte - allen voran GNOME mit der GNOME Shell und Ubuntu mit Unity - nicht zu früh auf Wayland zu setzen. Es sei essentiell den Wechsel nicht früh sondern "richtig" durchzuführen - hier solle man aus vergangenen Problemen mit Technologien wie dem Audio-Stack Pulseaudio lernen. (Andreas Proschofsky aus Berlin, derStandard.at, 06.08.11)