Entwicklungskonferenz startet mit Appell Gemeinsames in den Vordergrund zu stellen und Kritik an mangelnder Offenheit für Feedback
Mit einer gemeinsamen Eröffnungsveranstaltung ist am Samstag in der Berliner Humboldt-Universität der diesjährige "Desktop Summit" angelaufen, zu dem sich rund 1.000 EntwicklerInnen der KDE- und GNOME-Projekte in der deutschen Hauptstadt eingefunden haben. Eine Woche lang soll nun in einer Fülle von Vorträgen über die weitere Zukunft der Projekt beratschlagt werden - und auch das eine oder andere Mal in den Garten des freundlichen Mitbewerbs am Linux-Desktop geblickt werden.
Gemeinsam
Die Eröffnung teilten sich denn auch Karen Sandler, seit kurzem Executive Director der GNOME Foundation und Cornelius Schumacher, KDE-Entwickler der ersten Stunde. Dabei strich vor allem Schumacher heraus, wie wichtig es sei, dass man sich gemeinsam in Berlin versammelt habe - anstatt wie sonst die Entwicklungskonferenzen Akademy und GUADEC getrennt abzuhalten.
Ähnlichkeiten
Immerhin habe man viel mehr Gemeinsames als Trennendes: Man nutze in vielen Fällen die selben Tools, die Projekte haben eine gemeinsame Kultur und auch recht ähnliche Herausforderungen für die Zukunft: Sowohl die Entwicklung in Richtung Cloud als auch die in den mobilen Bereich würden den Linux Desktop dazu zwingen, sich selbst neu zu hinterfragen. In dieser Situation gelte insofern besonders: Wettbewerb ist gut, Zusammenarbeit aber noch besser.
Keynote
Die Aufgabe, die Eröffnungskeynote zu halten, war Dirk Hohndel zugedacht, seines Zeichens wohl einer der am längsten aktiven Linux-Entwickler auf der Veranstaltung. Als einer der ersten Kernel-Entwickler (damalige Version: 0.11) ist er schon gut 20 Jahre rund um das freie Betriebsystem aktiv, war in frühen Jahren Technickchef bei SUSE und ist seit 2001 bei Intel federführend für Open-Source-Fragen zuständig.
Desktop-Fragen
Und dieser widmete sich gleich zu Beginn einem reichlich delikaten Thema: Den derzeit recht erhitzt geführten Diskussionen rund um neue User-Interface-Konzepte und im speziellen GNOME3. Er habe sowohl GNOME 3.0 als auch KDE 4.7 im Vorfeld ausprobiert, und gestehe zu, dass es hier viel Positives gebe. So sei es erfreulich, dass man zunehmend von der alten Windows-95-Metapher wegkommt, auch beim Aussehen habe der Linux-Desktop massive Fortschritte macht.
Einschränkungen
Freilich gebe es nicht nur Erfreuliches zu berichten. So sei es schade, dass sich gerade GNOME3 immer mehr in eine Mac-Richtung entwickle. Denn auch wenn er selbst vieles an Mac OS X schätze, in dem Moment wo man etwas anderes mache, als Steve Jobs vorsehe, laufe man dort an die Wand. Das sei eine Attitüde, die man nicht übernehmen solle, die bei GNOME derzeit aber immer dominanter werde.
Ratschläge
Dabei müsse man nicht ungefiltert auf seine Ratschläge hören, immerhin sei er als alter Kernel-Hacker nicht unbedingt die Kern-Zielgruppe eines aktuellen Linux-Desktops. Und schon gar nicht auf Linus Torvalds, der ja vor wenigen Tagen mit recht deutlichen Worten die Diskussion ausgelöst hatte, und verärgert zum schlanken Xfce gewechselt it. Wer gesehen habe, wie Linus Interfaces designet, wisse dass das kein guter Rat sei, leistet sich Hohndel einen freundlichen Seitenhieb auf Torvalds.
Feedback
Wichtig sei aber Feedback immer ernst zu nehmen. Aus den aktuellen Diskussionen sei sein Eindruck eher, dass auf jede Kritk eine "Ich habe rech, du bist ein Idiot"-Antwort kommt - und das schade den Projekten als Ganzes. Denn selbst wenn KDE und GNOME zwischenzeitlich riesige Fortschritte gemacht haben, bis man wirklich massentauglich sei, werde es noch einige Zeit brauchen. Und dafür sei es eben essentiell immer für Anregungen und Anpassungen offen zu bleiben. (Andreas Proschofsky aus Berlin, derStandard.at, 06.08.11)